Jüdische Medizinethik in Gelsenkirchen

Rabbiner Soussan in Gelsenkirchen

Rabbiner Julian Chaim Soussan ist einer der besten Redner zu jüdischen Themen, den wir derzeit in Deutschland haben. Das kann man einfach mal so festhalten. Er ist eloquent, setzt Humor an den richtigen Stellen ein und reagiert smart auf Rückfragen. Der Zuhörer merkt schnell, dass hier jemand gerne über das erzählt, was ihm wichtig ist. Eloquenztechnisch und vielleicht auch ein wenig äußerlich bewegt sich Rabbiner Soussan Richtung (Sir) Jonathan Sacks. Das verraten wir ihm aber nicht, sonst beeinflusst ihn das…

Obwohl das Wort »Ethik« in Zusammenhang mit dem gelebten Judentum schwierig ist, weil sie ja untrennbarer Bestandteil des jüdischen Lebens ist, stand ein Vortrag in der Synagoge Gelsenkirchen mit Rabbiner Soussan unter der Überschrift »Jüdische Medizinethik«. In knapp zwei Stunden gab er einen knappen Überblick über die aktuell wichtigsten Themen:
Wann beginnt das Leben?
Was ist mit Präimplantationsdiagnostik?
Wie schaut es mit In-vitro-Fertilisation aus?
Wann endet das Leben?
Darf man lebensverlängernde oder lebenserhaltende Systeme abschalten oder deren Nutzung nicht in Anspruch nehmen?
Wie sieht es mit Schmerzen aus?
Was ist mit Organspenden – darf man oder darf man nicht? Sollte man vielleicht gar Organe spenden?

Natürlich konnten viele der Themen nur angeschnitten und nicht ausführlich ausdiskutiert werden. Während des Vortrags wurde deutlich, dass sich das, leider recht kleine, Publikum (vielleicht 15 Personen) zum größten Teil aus nichtjüdischen Zuhörern zusammensetzte. Diese haben eine andere Auffassung von Halachah als Juden und haben mehrfach danach gefragt, wie Rabbinatsgerichte Verstöße gegen die Halachah ahnden und so ging leider wertvolle Zeit verloren. Im Umgang mit solchen Zwischenfragen wurde deutlich, dass Rabbiner Soussan reichlich Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt hat und diese Zielgruppe gerne mitnimmt, vielleicht sogar etwas zu gerne. Aber es ist für Rabbiner häufig erfrischend, sagte man mir zumindest, ausnahmsweise vor einem Publikum aufzutreten, das ihm gebannt an den Lippen klebt.
Es ist schade, dass nicht mehr Juden aus dem Ruhrgebiet die Gelegenheit wahrgenommen haben, sich ein wenig Hintergrundwissen zu diesem wichtigen Themenkomplex zu beschaffen. Es besteht aber zweifellos Bedarf danach, sich auch mit den fundamentalen Fragen des Lebens zu befassen. Die medizinischen Möglichkeiten werden immer vielfältiger und die Gesellschaft immer im Zusammenhang mit Fragen zu Tod und Leben immer pragmatischer und kostenorientierter. Die totale (eigene) Freiheit, alles tun zu können und zu dürfen, gilt als grenzenlos und bildet nicht selten die oberste Maxime des Handelns. Dem kann man nachlaufen , oder klare Prinzipien formulieren – wie es das Judentum tut. Das wäre eigentlich bei vielen ethischen Fragen eine interessante Stimme in den allgemeinen Diskussionen – etwa zum Thema Sterbehilfe. Dementsprechend wichtig wäre es also, die Themen auch in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ein Wort zur Präsentation durch die einleitende Person der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit: Es wirkt souveräner, wenn man den Namen des einzigen Gastes nicht vom Zettel ablesen muss und auch den Rest der fünf Sätze weniger als Frage formuliert, als vielmehr als Vorstellung des Gastes. Man sollte biographische Angaben vielleicht beim Gast einfordern und nicht einen Wikipediaeintrag vorlesen.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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