Ordnung, Märchen und Afrin

Hänsel und Gretel

Für die Deutschen muss immer alles geordnet sein. Ist es nicht so, wird entweder eine Ordnung unterstellt, oder man ordnet sich die Welt unter. Die erste Wahl ist zwar auch nicht die smarteste, aber besser als die zweite. Der Weg hat sich als unpraktikabel erwiesen.
Ordnung muss es auch im politischen Weltbild geben.
Gut gegen Böse, Klein gegen Groß. Man kennt das.

Manifestiert hat sich die German Ordnung offenbar in Märchen. Im Märchen funktioniert das nämlich ganz gut.
Die Stiefmutter ist böse.
Dann gibt es den Underdog. Der Underdog ist oft zufällig auch schöner als der Bösewicht (»Spieglein Spieglein an der Wand«), ist herzensgut und trumpft deshalb am Ende auf. Dass die Welt dann ebenfalls in solche Kategorien eingeteilt wird, ist erstmal kein Problem für denjenigen, der die Welt in die gleichen Kategorien verpackt. Jemand ist der Böse und jemand ist der Gute.
Israel böse, Palästinenser gut.
Türkei böse, Kurden gut.
USA Trump böse, Europa gut.

Schwierig ist es dann, wenn diese persönliche Kategorisierung plötzlich für andere Maßstab sein soll. Dann wird daraus plötzlich die öffentliche Meinung. Und die verwendet dann die gleichen Kategorien.
Nehmen wir mal Afrin.
Hier scheinen die Rollen festgelegt zu sein. Die Kurden sind der kleinere Player. Die Türkei ist der größere. Also wird hier wieder unser Schema angewendet. Türkei böse. Kurden gut. Außer, sie demonstrieren in Deutschland. Dann gilt: »Macht das bei euch aus.«
Natürlich ist es nicht so einfach.
Die Propagandamaschine beider Seiten läuft auch Hochtouren. Die Türkei behauptet, die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) seien ein Ableger der verbotenen PKK. Und siehe da: Das ist auch der Fall. Und die geht weiterhin gegen die Türkei vor. Man denke an die Anschläge von Diyarbakir und Istanbul im letzten und vorletzten Jahr. Aber die YPG ist nicht der einzige Akteur in Afrin. Da gibt es auch die PYD und die YPJ und einige andere kurdische Gruppen. Sogar islamistische Gruppen gibt es. Nicht alle haben die gleichen Ziele. Aber die Propaganda hat es geschafft, dass die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) den Kampf »aller« Kurden führen. Das lässt das Vorgehen der türkischen Armee in Syrien hinterfragen – gegen wen soll da gekämpft werden? Es rechtfertigt schon gar keine Kriegsbegeisterung in der türkischen Diaspora, oder Hetze gegen »alle« Kurden per se. Oder gegen alle »Türken«. Die innenpolitische Motive der Türkei für einen Krieg auf syrischem Boden sind ebenfalls schwer zu verstehen und kaum bis gar nicht nachvollziehbar.
Beide Seiten sind im Unrecht. Es gibt hier keine gute und keine böse Seite. Wer Waffen oder Panzer an beide Seiten verkauft hat, ist vielleicht zynisch. Aber darum gleich böse? Immerhin geht es da um uns.
Wer sich also »solidarisch mit Afrin« zeigt, mit wem macht er sich solidarisch? Wer sich »solidarisch mit der Türkei« zeigt, wessen Agenda unterstützt er dann?

Die heutigen Konflikte sind keine Fußballspiele bei denen wir mit jemandem mitfiebern können – sie haben auch kein Vorbild im Märchen. Die heutigen Konflikte sind in eine komplexe Welt eingebunden und dementsprechend auch, überraschenderweise, komplex. Wer das Gegenteil behauptet, hat entweder keine Ahnung oder führt etwas im Schilde. Wenn das jemand gar nicht verstanden hat, aber es für »einfach« hält, wird er mit ziemlicher Sicherheit regelmäßig als »Nahostexperte« irgendwo sprechen und die Ordnung wieder herbeireden. Dass das auch für Israel gilt, muss nicht extra gesagt werden.

Noch einmal zum Märchen. Am Ende von Hänsel und Gretel kommt übrigens heraus, dass die Geschichte immer nur aus der Perspektive der beiden Kinder geschildert wurde. Die beiden sind nichts anderes als Diebe. Sie haben die Hexe vorsätzlich verbrannt um sich ihr knuspriges Haus und ihr Gold unter den Nagel zu reißen. Am Ende haben sie sich für den Vater eine schöne Legende dazu ausgedacht. Diese miesen Kinder. Kein Wunder, dass ihre Stiefmutter sie aussetzen wollte.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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