Das Mahnmal vor der Haustür des Politikers

Denkmal für die ermordeten Juden Europas – von Deror avi (Eigenes Werk) [Attribution], via Wikimedia Commons

Du darfst in Dortmund eine Gedenkveranstaltung an den 9.November stören, du darfst Synagogen anstecken ohne in Verdacht zu geraten, ein Antisemit zu sein. Du kannst Jüdinnen und Juden per Mail den Tod wünschen, du kannst Stolpersteine aus dem Boden reißen. Du darfst in Deutschland im Vorbeigehen einem jüdischen Passanten die Kippah vom Kopf hauen, du darfst ihm sogar ins Gesicht schlagen. Du darfst einen Rabbiner angreifen, du kannst einen Überlebenden der Schoah umbringen, oder eine Frau töten.
Aber wehe, du vergehst dich am Mahnmal! Also an der Zentralen Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas. Da verstehen die Leute keinen Spaß und das muss um jeden Preis, im wahrsten Sinne des Wortes, geradegerückt werden. Es muss nicht korrigiert werden, dass da jemand nicht verstanden hat, wie groß die Katastrophe der Schoah für dieses Land war – das hat man selber vermutlich gar nicht verstanden – nein. Die Kritik am Mahnmal muss geradegerückt werden. Wo man doch schon ein Mahnmal gebaut hat, zu dem man »gerne« geht. Das lässt sich das »Zentrum für politische Schönheit« 69.000 crowdgefundete, Euro kosten.

Auf dem Nachbargrundstück von Björn Höckes Haus, baut das ZfpS 24 Betonstelen auf. Die Gruppe gibt an, sie habe das Grundstück angemietet, nachdem Höcke das Mahnmal als »Denkmal der Schande« bezeichnet hatte und in der gleichen Rede eine »eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad« gefordert hatte.

Philip Ruch vom ZfpS schreibt auf der Website:

»Die Zivilgesellschaft finanziert dieses Mahnmal. Das bedeutet: Wir können die grotesken Forderungen zur Geschichtspolitik nicht länger auf sich beruhen lassen. Auch nicht nach knapp einem Jahr ohne Distanzierung. Die Erinnerung muss in den braunen Ecken in Beton gegossen werden.«
von hier, deine-stele.de

Das bedeutet, private Spender haben es möglich gemacht, dass jemand das Mahnmal, das in Berlin schon kaum seinen Zweck erfüllt, nämlich an die Schoah zu erinnern, in einem Garten in kleiner Form nachbaut. Geld, mit dem man vielleicht die wenigen Überlebenden der Schoah noch gut hätte unterstützen können. Auch diejenigen, die als Zwangsarbeiter für die Nazis arbeiten mussten. Oder einen Opferfond hätte gründen können. Für diejenigen, die Opfer antisemitischer oder rassistischer Gewalt wurden. Wenn man Höcke ärgern wollte, könnte man für jeden Exkurs durch ihn, in dem es um die Schoah oder die Erinnerung an den Nationalsozialismus geht, die Einlage aufstocken. 69.000 Euro wäre auch eine schöne Summe, um sie in politische Bildung zu investieren. Damit niemand die Chance hat, den Diskurs vom »Mahnmal der Schande« irgendwo fruchtbringend in Umlauf zu bringen.

Aber so nimmt man das Mahnmal, das nicht einmal ein historischer Ort ist, zum Anlass für eine vermeintliche Provokation – die niemand anderem nützt, außer der Gruppe die das Theater veranstaltet. Das Ziel dieser Provokation dürfte davon auch profitieren. Mehr Aufmerksamkeit für beide.

Die Aktion ist in einem schlechten Sinne doch sehr spießig und gar nicht künstlerisch hipp: Das offizielle Gedenken sticht alle anderen Anliegen und verstellt den Blick auf die Gegenwart. Eine Aktion bei der am Ende diejenigen, an die da gedacht werden soll, gar nicht mehr vorkommen.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden.
Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke.
Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vorsicht Chajm, du gerätst in Verdacht das Mahnmal als jüdische Erfindung zu betrachten! Es gehört den Deutschen. Darauf sind viele Deutsche stolz. Sie dürfen damit spielen wie sie wollen. Im Gegensatz zum „echten“ Mahnmal werden hier keine Steuermittel verbraten und vielleicht sehen wir bald israelische Touristen vor Höckes Haus? Zu wünschen wäre es ihm.

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    • Also das glaube ich nicht. Das ist doch das Bestreben des ZfpS und auch #Yolocaust Shapira, das als Heiligtum des Schoah-Gedenkens zu verkaufen. Deshalb kommen die Aktionen ja auch so gut an. Da ist jemand, der das kaschert. Ist auch nicht überraschend, dass er da mit macht. Man darf ja auch damit machen, was man will. Aber man soll nicht behaupten, es gehe um Antisemitismus oder Revisionismus. Der real existierende Antisemitismus interessiert doch da niemanden. Das ist mein Punkt.

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  2. Wenn Höcke es als Mahnmal des Holocaust ansieht (ein Mahnmal der Schande) und einzig das ist wichtig, dann soll er dort wo er – nach eigenen Angaben – neue Kräfte sammelt, auch damit konfrontiert werden. Was die Juden denken ist vollkommen egal und interessieren in dieser Diskussion nur am Rande, so wie beim echten Mahnmal eben auch.

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  3. Sie haben doch das Manhmal (eben nicht Denkmal) richtig erfasst, ein Stachel im Fleische des Tätervolkes, der nur nicht so sehr wehtut. Eine Sühnestätte, kein Friedhof.
    Aber für den neuzeitlichen deutschen Ablass ist es jetzt praktisch, eine mobile Variante zu haben.
    Heinrich IV musste noch im Büßergewand über die Alpen nach Canossa, im Jahre 2017 kommen die Stellvertreter des Papstes vor deine Tür.

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  4. Pingback: Woanders ist es auch schön | READ ON MY DEAR, READ ON.

  5. Zum einen halte ich eine Debatte darüber, wem das Mahnmal in Berlin „gehört“, für wenig hilfreich. Es wurde erbaut von der Bundesrepublik Deutschland und gehört eben diesem Land. Zu diesem Land gehören Deutsche, ob jüdisch oder nicht. Die Differenzierung zwischen deutsch und jüdisch folgt einer antisemitischen Logik, weil sie ein deutsches Judentum per se ausschließt. Zum zweiten steht das Mahnmal für due Erinnerung an ein einzigartiges Verbrechen gegen die Menschheit. Daher sollte auch das Mahnmal einzigartig bleiben. So ernst man Herrn Höcke und seine Gesinnungsgenossen nehmen muss, das Mahnmal eignet sich nicht für einen populistischen Protest vor Herrn Höckes Haustür. Das ZfpS hat v.a. sich selbst ins Gespräch gemacht.

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    • Danke! Mir ist das beim Lesen auch gleich aufgestoßen, dieses auseinander sortierende „die Deutschen“ und „die Juden“ – dabei war es doch, soviel hab ich aus der vielfältigen Erinnerungskultur deutlich mitbekommen – gerade eine der grusligen Besonderheiten dieses Mega-Verbrechens, dass es eben keine „ethnische Säuberung“ war, sondern die Vernichtung eines ganz wesentlichen Teils der deutschen Bevölkerung!!! Jüdische Menschen, die wichtige Standbeine in Kunst, Kultur und Wissenschaft waren, Deutsche, die als deutsche Soldaten im Krieg Orden für Tapferkeit bekommen hatten… und jede Menge ganz normale Nachbarn, die auf einmal abtransportiert wurden – einfach unfassbar!

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      • @claudiaberlin Das ist ein interessanter Kommentar – er verlangt zum einen, Trennendes zu entfernen (»Deutsche« und »Juden«) und betont es auf der anderen Seite recht deutlich. Erweisen sich doch die jüdischen Deutschen in Deiner Darstellung als »produktive« Mitglieder der Gesellschaft… wären sie also weniger Teil der Gesellschaft gewesen, wenn ein Gros der jüdischen Deutschen bettelarm gewesen wären – was sie auch waren. Die Nobelpreisträger und Fabrikanten machten nur einen winzigen Teil der Gesellschaft aus.
        Zudem fand die Schoah nicht nur im Deutschland statt. Was ist mit den Juden Polens? Österreichs, Tschechiens, der Ukraine, Rumäniens?
        Wir könnten politisch korrekt schreiben nichtjüdische und Jüdische Deutsche. Das trifft es aber nicht so richtig.
        Es gibt zwei (mindestens) unterschiedliche Herangehensweisen, an dieses Verbrechen zu erinnern. Die nichtjüdische Gesellschaft hat da ein anderes Paket zu tragen, als die Angehörigen und Nachfahren der Opfer.

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