Jetzt ist Fynn dran – warum diese Generation verloren ist

Schmuliks Cousine hatte die kleine Nurit bei ihm gelassen. Nur für ein paar Tage. Deshalb war der Spielplatz neben der Synagoge sein neuer Wirkungsraum. Immerhin gab es dort wlan. Irgendeiner der Nachbarn hatte das Netz FRITZBOX-Kellerwohnung nicht abgesichert.

Und dort auf dem Spielplatz reifte auch eine Erkenntnis in Schmulik. Nicht die, dass Kinder anstrengend sind, sondern die, warum Deutschland so ist, wie es ist. Alle wissen, die Grundlagen für Muster aus der Erwachsenenwelt, werden in der Kindheit gelegt.
Warum, das war schnell zu beobachten. Auf dem Spielplatz war immer viel los.
Es gab ein Gerüst, eine Wippe – und es wunderte Schmulik, dass man in Deutschland nicht dazu gezwungen wurde, mit Helm auf die Wippe zu steigen – ein riesiges Klettergerüst mit Seilen, Hängebrücken und einem kleinen Häuschen für pubertierende Jugendliche die an den Abenden im fahlen Licht der Handydisplays hockten und ungelenkt aneinander herumschraubten.

Interessant war der Delfin auf den man sich setzen und schaukeln konnte. Solche Tiere heißen bei Behörden übrigen »Federwipptier«. Der war immer belegt. Kaum saß die kleine Lina drauf, wollte Sören auch. Wenn Sören auf den Rücken von Flipper gesetzt wurde, wollte der kleine Rolf auch. Sören wurde dann vom Buckel des Tümmlers gezogen, strampelte und schrie.
Dafür wurde der dicke Rolf auf den Plastiksitz gepresst. Rolf hatte bessere Karten. Sein massiver Körper erzeugte einen Unterdruck unter seinem Tuches, so dass man ihn nur schwer von dem Sitz trennen konnte.
Das war der Kreislauf des Tages.
Nur selten unterbrochen durch den kleinen Kerem, oder die Eltern von Dinah. Tauchten die auf, änderte sich die Stimmung.
Wobei Dinah Glück hatte. Als Tochter eines orthodoxen Pärchens war sie die Premium-Schwarzhaarige auf dem Spielplatz. Kerem war einfach nur der Türke. Weil Dinah schulterlange Haare hatte, fühlten sich Eltern oft zu Komplimenten gezwungen: »Och schau. Mit der Frisur sieht sie aus wie die kleine Anne Frank.«

Schmulik war jedenfalls froh, dass keiner bemerkte, dass sich die Eltern von Dinah und er aus der Synagoge kannten.

Und vermutlich wäre die Erkenntnis über die Situation Deutschlands Schmulik nicht gekommen, wenn es nicht dieses winzige Zeitfenster gegeben hätte, in dem der Delfin ohne Reiter war.
Nurit saß schneller auf dem Schaukel-Ding, als Jakob Augstein »Völkerrecht und Israel« sagen konnte.
Kaum hatte sie ihren Körper nach vorne gebeugt, stand auch schon die Mutter eines anderen Kindes neben dem Delfin:
»Jetzt ist aber der kleine Fynn auch mal dran. Er möchte gleich gehen. Da will er vorher mal schaukeln.«
Kurz dahinter reihte sich die nächste Kandidatin ein:
»Und dann ist Zoey dran. Zoey hat heute noch gar nicht geschaukelt.«
Nurit interessierte das nicht sonderlich. Sie hatte jetzt richtig Fahrt aufgenommen. Als sie die Schlange dann doch bemerkte, legte sie sich auf den Delfin und streichelte ihn.
»Der kleine Fynn ist aber jetzt auch mal dran. Der wartet schon ganz ungeduldig.«
Nurit war unbeeindruckt. Aber Schmulik hatte auch eher das Gefühl, Fynns Mutter (»Ruf einfach nach Mum«) spricht eher mit ihm. Er wußte, wie gut Nurit soetwas ausblenden konnte. Dann wedelte Fynns Mum aber mit den Händen vor Nurits Gesicht herum und Schmulik musste aufstehen.
»Sind sie der Vater von dem Mädchen? Die blockiert die Schaukel. Andere Kinder sind auch mal dran.«
Da war er, der Gedanke. Deutschland komprimiert auf wenige Worte:
»Jetzt bin ich auch mal dran.«

Schmulik dachte nicht im Traum daran, Nurit vom Delfin zu trennen:
»Meinst du, das Benutzen einer Schaukel ist ein verdammtes Menschenrecht? Wenn die Schaukel besetzt ist, ist die Schaukel besetzt. Wenn der Delfin weg ist, dann ist er weg. Oder klingelst du in der Innenstadt irgendwo an und sagst ›sie wohnen jetzt zwei Jahre in Innenstadtlage – jetzt sind wir mal dran‹? Wenn etwas weg ist,dann steht es anderen nicht zur Verfügung. Ist das euer Komplex? Dass alles allen immer zur Verfügung stehen muss? Damit keiner traurig ist? So ist das Leben nicht.«
Schmulik war rot im Gesicht, Fynns Mutter bleich. Nurit streichelte zärtlich über den Delfin.
»War das mit Polen und Russland auch so? ›Hört mal Freunde, ihr lebt da jetzt schon so lange in Warschau und Moskau – jetzt sind wir auch mal dran.‹ Willst du das Kind hier auch vertreiben? Die geheime Wipptier-Polizei rufen?«
Fynns Mum holte Luft. Aber bevor sie etwas sagen konnte, rannte Dinah auf den Delfin zu.
»Schalom Dinah! Schau Schmulik! Da ist Dinah aus der Synagoge«
Ihr kippahtragender Vater klopfte Schmulik auf die Schulter:
»Na, besetzt ihr wieder Sachen, ihr Zionisten? Jetzt wohnen schon sooo lange Israelis in Tel Aviv. Jetzt sind andere auch mal dran. Menno.«
Schmulik grinste schief.
Fynns Mutter ging weg.
Am Abend holte Schmuliks Cousine ihre Tochter leider wieder ab. Schmulik war dankbar für diese Gelegenheit, etwas so fundamentales gelernt zu haben.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden.
Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke.
Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wunderbar, allerdings sind die Namen nicht mehr ganz zeitgemäß; der Trend auf dem Spielplatz geht wieder zu guten alten deutschen Vornamen, mir liefen da vor kurzem ein Fritz und sein Freund Wilhelm über die Füße und die sahen vom Altern jetzt nicht aus wie mein Oppa…

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  2. Pingback: Linkliebe № 10 - LexasLeben

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