Ein Siddur für Amsterdam – ein gutes Vorbild

In diesem Sommer erschien ein (weiteres) Meisterwerk des Koren-Verlags: Eine Mischung aus Chumasch (also Torahausgabe) und Siddur für den Minhag (Brauch) der Portugiesischen Gemeinde Amsterdam.

Uninteressant für Deutschland?

Nein. Der Siddur ist für den deutschsprachigen Bereich durchaus auch interessant. Zum einen, weil es da doch Leute gibt, die sich vielleicht für die verschiedenen Minhagim interessieren. Mit der Portugiesischen Gemeinde Amsterdam haben wir einen alten Minhag ohne kabbalistische Einflüsse. So hat man Kabbalat Schabbat zwar übernommen, aber es besteht nur aus Lechah Dodi. Die Hawdalah ist ebenfalls anders. Einige Gebete werden zudem in einer anderen Reihenfolge gesprochen.
Hinzu kommt, dass einige Texte in portugiesischer Sprache gesprochen werden (etwas das Gebet für den König), oder Ankündigungen auf Portugiesisch erfolgen. Eine Liste dieser Ankündigungen (wann ist Minchah?) befindet sich ebenfalls in diesem Siddur.

Die einzelnen Aufrufe innerhalb eines Wochenabschnitts können sich von denen unterscheiden, die wir kennen. Die sind übrigens auch innerhalb des aschkenasischen Minhags stellenweise unterschiedlich – nur trägt kaum eine Ausgabe dem noch irgendwie Rechnung. In der neuen Torahausgabe des Herder-Verlags wurde das beispielsweise nicht berücksichtigt.

Zum anderen ist das Buch interessant, weil in Deutschland viele lokale Minhagim bereits verloren gegangen sind und es immer noch Menschen gibt, die nach einem gut gestalteten »jekkischem« Siddur sind. So gibt es zwar »Siddur Tefilas Yeshurun« von Rabbiner Hofmeister aus Wien und der Siddur ist auch hervorragend recherchiert, aber ein gutes Beispiel dafür, dass man zur Umsetzung wirklich jemanden fragen sollte, der sich damit auskennt. Ähnliches gilt für den Machzor Shivchei Yeshurun – großartiger Inhalt, aber nicht gut umgesetzt. Das Auge davvenent ja bekanntlich mit.

Der Weg, den die Portugiesische Jüdische Gemeinde Amsterdam ging, hat sich als richtig erwiesen. Begonnen hat ein einzelner Beter – Dr. Efraim Rosenberg – mit aschkenasischem Hintergrund. Er wollte aus vielen Büchlein und Kopien ein leicht zu nutzendes Buch am Rechner für seinen Vater zusammenstellen. Eigentlich für Sukkot, Pessach und Schawuot. Als er begann, merkte er schnell, dass es nicht bei einem einfachen Zusammenfügen von Texten bleiben würde. Andere Beter hatten ebenfalls Hinweise oder Korrekturen und so wuchs der Umfang des Materials recht schnell.

Detailansicht des Covers

Detailansicht des Covers

Das erste Ziel war nun die Zusammenstellung eines Siddurs speziell für den Schabbat und nicht mehr für die Feiertage – ein solcher Band soll wohl folgen. Und weil auch die Aufrufe und die Torahlesung einem eigenen Minhag folgten und auch heute noch folgen, sollte auch das umgesetzt werden. Da Dr. Rosenberg kein Gestalter ist, sondern Moleklularbiologe, wandten er und seine Mitstreiter sich an den Koren-Verlag und der machte aus den Unterlagen von Dr. Rosenberg ein großartiges Buch. Bei Koren konnte man sich vollkommen auf die Unterschiede konzentrieren. Der Verlag verfügt ja mittlerweile über eine riesige Sammlung von Texten vieler Minhagim (Bräuche). Hier kamen guter Inhalt, gutes Layout und große »Benutzerfreundlichkeit« zusammen. Ein großartiges Vorbild.

Der Artikel für die Jüdische Allgemeine ist hier zu finden.

Detailansicht einer Seite – mit dem Gebet für den König

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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