Auschwitz am Strand

Documenta13
By Cindybeau (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Franco Berardi (Jahrgang 1949) hat anscheinend ein Gedicht über Europa, diejenigen die über das Mittelmeer nach Europa kommen möchten und die Gesellschaft geschrieben.
Das Thema ist tragisch und extrem komplex. Täglich sterben Menschen, weil sie versuchen, das Mittelmeer mit Schlauchbooten zu überqueren. Die Boote, von Schleppern gestellt, sind überladen — es ist schon Abfahrt klar, dass die Menschen es nicht schaffen werden und trotzdem versuchen sie es.
Ist das Mut? Verzweiflung? Wahnsinn? Rücksichtslosigkeit?
Nicht alle kommen aus Ländern in denen Krieg oder Gesetzlosigkeit herrscht, aber Verzweiflung und Armut.
Und während wir nach einer Haltung dazu suchen, ertrinken jeden Tag Menschen und wir wissen davon. Das ist tragisch und muss gesellschaftlich diskutiert werden.
Was man aber auch sagen muss: Das Mittelmeer haben die Europäer nicht gegraben und mit Salzwasser gefüllt.
Fabio Stefano Berardi und Dim Sampaio greifen die Textarbeit von Franco Berardi auf und schreiben (hier):

Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.
von hier documenta14

Kunst muss schmerzhaft sein und auf Finger, vielleicht sogar eine ganze Faust, in Wunden legen – aber Kunst darf nicht dumm sein.
Erinnern wir uns – und es ist lächerlich, dass man das überhaupt formulieren muss – wofür Auschwitz steht: Für die industrielle Vernichtung von Menschenleben von Nordafrika bis Norwegen. Für einen komplexen Prozess, der geschaffen wurde, um Menschen aus ihren Herkunftsorten und ihren Herkunftsländern zu holen. Nur um sie dann effizient zu ermorden.
Das ist das, was auf dem Mittelmeer passiert?
Auf der documenta14 scheint man genau das behaupten zu wollen.
Einfach nur für den Schockeffekt?
Sieht so aus.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden.
Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke.
Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. hm…, wenn ich mir den Berardi Text und die geplante Performance vorstelle – ich werde sie mir am Donnerstag ansehen -, dann kommt mir ein Wort in den Sinn, das vor einiger Zeit für ziemliche Aufregung gesorgt hat, jetzt aber (wohl anders, als sein Schöpfer es damals gedacht hatte) tatsächlich passt: „die Instrumentalisierung von Auschwitz zu beliebigen Zwecken“.

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    • Der Text/die Texte zur Rechtfertigung sind auch recht vielsagend – da ist ja von »Beschwerden und Anschuldigungen« die Rede.
      » Das Ziel Berardis besteht vielmehr darin, den Holocaust verantwortungsvoll und ernsthaft als den ultimativen Grenz- und Referenzbegriff für das extreme, gewaltsame und systemische Unrecht auszumachen, das von nationalen und transnationalen Körperschaften in Europa an den realen Körpern von Geflüchteten verübt wird, die auf der Flucht nach Europa zu Wasser und zu Land sterben oder in Lager verschlagen werden, die für gewöhnlich außerhalb Europas bzw. in den Grenzländern im Süden von Europa liegen.«
      Berardi ist Künstler. Das hätte er machen können, hat er aber nicht gemacht. Die Schoah ist kein »Benchmark« und diese Brille schadet auch denjenigen, die gerne verhindern möchten, dass da Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen, um nach Europa zu gelangen. Mir ist auch immer noch nicht klar, ob es »common sense« ist, dass die Europäer aktiv Menschen schaden, indem es sie nicht vor ihrer Abfahrt empfängt und sicher übersetzen lässt.
      Ich habe dazu viele ungeordnete Gedanken im Kopf – ich bin mir nicht sicher, ob das hier der richtige Ort dafür ist.
      Einer davon betrifft die Wahrnehmung der »Flüchtlinge«: Trauen wir ihnen nicht zu, die Konsequenzen ihres Handelns zu ermessen? Ist das nicht Rassismus, wenn ich ihnen die Entscheidung abnehme, weil ich es anscheinend selber besser weiß? Dem edlen Wilden helfen?
      Ist der Versuch der Überfahrt als versuchter Selbstmord zu werten? Natürlich wäre man da aufgefordert, einzuschreiten?? Also ein komplexes Thema.

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  2. Keine Performance heute Abend, aber auch nicht, wie angekündigt, Lesung und Diskussion. Stattdessen ein fulminanter Vortrag von B. über das Ende der männlich-weißen-westlichen Vorherrschaft und viel Raunen darüber, dass der Tod nun auch den Westen bedrohe. Originell, das ausgerechnet mit einem Zitat Kims, des großen nordkoreanischen Führers, zu belegen. Sei’s drum. Dann das Gedicht. „Auschwitz“ als Begriff für das absolut Böse sollte die vom Finanzkapitalismus eingelullten Menschen im Westen aufschrecken. Nicht in den Sinn gekommen sei B., wie konkret Juden und Jüdinnen dieses Wort hören. Dass er ihnen mit seinem Gedicht Schmerzen zugefügt habe, sei ihm erst in einer Diskussion mit Menschen aus der jüdischen Gemeinde am Nachmittag im Sara-Nussbaum-Zentrum in Kassel klar geworden. Er werde deshalb das Gedicht deshalb nicht vorlesen und es auch nicht weiter veröffentlichen. Er zerreißt das Manuskript.
    Aus der Diskussion: B. sei ein Feigling, weil er sich von seinem eigenen Gedicht distanziere; B. sei ein Held, weil er zugehört und gelernt habe. Ein wenig Hin und Her. Jemand fragt: Wenn der Tod so vieler Menschen im Mittelmeer eine so eminent politische Angelegenheit ist, ist dann die ästhetische Form eines Gedichts und einer Performance ein adäquater Umgang damit? Am Ende sind alle, die gekommen waren, allein gelassen mit der Brecht’schen Frage: „Wie handelt man / Wenn man euch glaubt, was ihr da sagt?“

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