Wie krank ist krank?

Ernst Ludwig Kirchner – Selbstbildnis als Kranker [GFDL, CC-BY-SA-3.0, FAL oder Public domain], via Wikimedia Commons

Wie krank ist krank? Natürlich klingt die Frage seltsam. Aber hier geht es vielmehr um eine Definition.
In vielen aschkenasischen Synagogen wird am Schabbat ein Gebet (ein Mischeberach nach der Lesung der Torah) gesprochen. Speziell für die »Kranken« der Gemeinde. Das ist eigentlich eine gute Einrichtung. Zunächst, weil man natürlich für eine schnelle Genesung betet und manchmal metaphysischer Beistand nicht schaden kann. Zum anderen, weil die Gemeinde nun davon weiß, dass jemand krank ist und die Person vielleicht Hilfe benötigt. Es gibt aber auch Strömungen, in denen das nicht üblich ist, am Schabbat ein solches Gebet zu sagen.
Dann gibt es aber auch die Fälle – und von denen spreche ich – die man in einigen Gemeinden mitsprechen kann. Namen, die seit Jahren auf der Liste der Kranken stehen. Der Zettel mit den Namen ist vielleicht schon ganz abgegriffen – oder sogar noch mit Schreibmaschine geschrieben. (Sollen all diese Menschen gesund bleiben und werden und lange leben!)

Nun interessierte mich aber, ab wann man auf der Liste der Kranken stehen sollte?
Mit einer Erkältung?
Mit einer chronischen Erkrankung?

Interessanterweise ist das weder bei Artscroll, noch bei Koren erklärt. Vielleicht gibt es ja Siddurim, in denen das erklärt wird?

Mein erster Anlaufpunkt war die Gruppe »Frag den Rabbiner« bei facebook. Bevor der Beitrag gelöscht werden konnte, antworteten zwei Rabbiner. Der eine wies darauf hin, dass man dieses Gebet ausschließlich dann sprechen solle, wenn befürchtet werden muss, die genannte Person werde den entsprechenden Schabbat nicht überleben. Der andere Rabbiner verwies darauf, dass man dementsprechend auch Tzedakah geben solle – ein Mischeberach sei ja kein Zauberspruch. Das sind beides Aspekte, die heute wohl etwas untergehen.
Dann wurde der Beitrag entfernt, ich hätte gerne mehr über Quellen dazu erfahren. Grundsätzlich werden meine Beiträge bei »Frag den Rabbiner« übrigens immer gelöscht. Offenbar spielt der Nasenfaktor doch eine Rolle.

Aber zurück zu den Kranken:
Rabbiner Ja’akow Emden (1697–1776) hat sich in den Sche’eilot Ja’awetz (64) dazu geäußert und meint, man solle nur dann beten, wenn die Situation des Kranken sich verschlechtert habe. Das Prinzip dahinter wird Tircha leTzibur genannt – »Belastung für die Gemeinde« – damit nicht genau das passiert, was heute so üblich ist: Ein langes ritualisiertes Verlesen von Namen von einer Liste. Wenn das schon in mittleren Gemeinden lange dauert, was passiert dann in großen Gemeinden?

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden.
Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke.
Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.