Schmulik und die Flüchtlinge aus den USA

Schmulik starrte auf den Monitor. Diese Geschichte hatte die kleine Leah geschrieben? Die Lady, die immer so aussah, als würde sie über Eis laufen, weil die Schuhe zu hoch und ihr Gang zu unelegant war? Wenn sie mit Schmulik sprach, dann höchstens ein paar Sätze.
Er hatte ständig das Gefühl, sie würde sein geheucheltes Interesse durchschauen. Schmulik interessierte sich nicht für alle Qualitäten von Leah.
Auch wenn die beiden bei facebook nicht befreundet waren, wusste er, dass sie sich dort »Leah Gehtdichgarnichtsan« heiß und dass ihr Horizont über Shopping im Wesentlichen nicht hinausging. Keine Kunst herauszufinden, wer sie bei facebook war. Sie likte alle Einträge des Baruch-Goldstein-Gemeindezentrums.
Seitdem verfolgte er Leahs Leben bei facebook. Foto in der Umkleidekabine mit dem grünen Kleid, Foto in der Umkleidekabine mit dem roten Shirt, Foto in der Kabine mit dem blauen Shirt, Foto von Nurit (koksend auf dem Klo vom Gemeindezentrum), Foto im Fitness-Outfit mit Fitnessgeräten im Hintergrund, Foto in der Kabine mit einem rosa Shirt. Da hätte Schmulik fast auf »Like« geklickt. Foto von einem Erdbeer-Smoothie. Foto von einem Erdbeer-Smoothie mit Sekt. Foto in der Kabine mit dem roten Shirt und Tally.
Und jetzt das?! Leah wurde politisch. Eine Geschichte über ihren Gemeinderabbiner:

»Da standen sie. Rabbi Silberzwajg und Rabbi Silberzwajg. Für einige Gemeindemitglieder herrlich, für andere der blanke Horror.
›Von diesem Mann gleich zwei ‹  hatte Esther gerufen und niemand wusste, wie sie das meinte.
Der Bruder von Rabbi Silberzwajg war nach Frankfurt gezogen.
Seine Gemeinde in San Francisco hatte er hinter sich gelassen. Viele Mitglieder hatte die Gemeinde ohnehin nicht mehr.
Die meisten saßen auf gepackten Koffern und warteten auf ihre Papiere. Es würde dauern, bis Israel ihnen eine Wohnung zuweisen würde. Solange wollte Rabbi Silberzwajg in Frankfurt warten. Wohnungen gab es viele, aber den Andrang konnten die Behörden einfach nicht bewältigen. Besonders, seitdem man rund um Jerusalem so viele Wohnungen gebaut hatte. Mit der Rückendeckung der USA wurden alle Baukräne der westlichen Welt nach Israel gebracht. Beide Silberzwajgs lobten das Engagement der USA für ihre Vision von einem großartigen Land. Als stünde der große Bruder hinter dir, wenn du über den Schulhof schlenderst und deine dicke Hose präsentierst.
Aber mittlerweile wussten sie: Es war nicht der große Bruder, der dir den Rücken freihält. Es war der große Bruder, der dir morgens sagt, du hättest verschlafen und wenn du dich abgehetzt an die Bushaltestelle stellst, merkst, dass Sonntag ist.
So kam sich jetzt Rabbi Silberzwajg vor. Man hatte das Land nicht aufgebaut, man hatte es vorbereitet. Vorbereitet für den großen Exodus. Es war doch klar, dass auch die Juden das Land eines Tages zu verlassen hatten. Like, wenn du das auch meinst!«

Schmulik war baff erstaunt. Ging das gegen Israel? Oder gegen die USA? Gegen den Rabbi? War das politisch? Schmulik hatte da auch nicht so den Durchblick.
Der nächste Eintrag lautete:
»Schmulik Du Schmock. Wenn Du mein Profil zu häufig aufrufst, schlägt uns facebook irgendwann als Freunde vor.«
Schmulik war beunruhigt.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden.
Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke.
Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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