Alle Haftarot!

Die Haftarah, also die Lesung aus den Propheten nach der Lesung der Torah, ist häufig der Anhang von gedruckten Torahausgaben für die Synagoge. Die Funktion wird natürlich auch erfüllt: Man kann die Haftarah mitlesen, aber die Haftarah bleibt hier – in der Präsentation – ein Anhang und ist deshalb, bezogen auf den Umfang, limitiert. Als ich 2014 eine kommentierte Torah als ebook und gedrucktes Buch herausgab, stand ich vor der Entscheidung, die Haftarot aufzunehmen und den Umfang der Ausgabe auf 700 Seiten auszudehnen. Dann stellte sich die Frage: Welche Haftarot sollen gezeigt werden? Nur die aschkenasischen? Auch sefardische? Warum weichen Angaben zu Haftarot von Chumasch zu Chumasch ab? Gibt es nicht noch andere Minhagim (Bräuche)? Dass es die gibt, war klar. Wie stark sie voneinander abweichen wurde deutlich, als es darum ging, sie noch in den Umfang einer Torahausgabe zu quetschen. Es war schlicht unmöglich. Dann erschien die Torahausgabe mit einer Liste der Haftarot für die meisten Minhagim. Es war geplant, die Haftarot schnell danach zu veröffentlichen. Dann aber explodierte der Aufwand. Anscheinend gab es bisher kein Buch mit allen Haftarot auf dem Markt oder den Bibliotheken. Der Aufwand sei zu groß, das Interesse zu speziell, erklärte man mir. Da Verleger ja auch ein wirtschaftliches Interesse haben, wagte das niemand. Also ein Projekt für jemanden, der kein wirtschaftliches Interesse verfolgt, sondern an der Thematik interessiert ist und versuchen möchte, auch andere dafür zu begeistern. Mit anderen Worten: Ein Projekt für mich. Für dieses Projekt gab es Zilliarden Anfragen an Rabbiner aus der ganzen Welt, an Bibliothekare, kleinere Reisen zu Archiven die nichts online stellen und alte und spezielle Torahausgaben aufbewahren.

List der Haftarot in der Encyclopedia Talmudit

List der Haftarot in der Encyclopedia Talmudit

Ich habe gelernt, dass kaum eine Gemeinde ihre Minhagim bezüglich der Haftarot aufgezeichnet hat und dass diejenigen Städte in Deutschland, die auf eine lange Geschichte zurückblicken, die überlieferten Minhagim heute nicht mehr einhalten. Dieser Effekt trat in einigen Gemeinden schon mit dem Auftauchen der ersten gedruckten Exemplare eines Chumasch auf. Die Herausgeber hielten sich natürlich an den Minhag, den sie kannten, oder den, der von den meisten Lesern befolgt wurde. In einigen Fällen wurden dadurch Fehler oder falsche Zuordnungen tradiert. Ein interessantes Arbeitsfeld. Ein großes Hilfsmittel war eine, nahezu legendäre, Liste in der Encyclopedia Talmudit mit unfassbar vielen Minhagim. Die ist schwierig zu lesen, enthält ein paar Druckfehler, ist aber wahnsinnig umfassend. Für den wöchentlichen Einsatz kaum zu verwenden.

Aber bevor es zu nerdig wird, etwas mehr zum Buch. Wie auch die Torahausgabe, basiert die Übersetzung auf der von Leopold Zunz und seinen Mitarbeitern. Sie wurde grundlegend auf Basis klassischer Kommentatoren überarbeitet und wird begleitet von Kommentaren. Diese weisen auf Besonderheiten bei der Übersetzung hin. Bei zeitlichen Besonderheiten einer Haftarah, wird in einer Einleitung darauf Bezug genommen und erklärt, unter welchen Umständen, welche Haftarah gelesen wird, so dass dieses Buch als »Kompendium« allen dienen kann, die sich mit der Haftarah beschäftigen wollen. Wann liest man was? Was liest man am Schabbat zwischen Rosch haSchanah und Jom Kippur? Die Antwort ist etwas komplexer, als man vielleicht vermutet.
Wie das ausschaut, kann man hier sehen:

Erklärung der wichtigsten Punkte

Im Anschluss an die Haftarot findet man diejenigen Anweisungen aus dem »Kitzur Schulchan Aruch«, welche die Lesung der Haftarah in der Synagoge betreffen und eine Auflistung der Textstellen mit Zuordnung zur Haftarah – auch das dürfte es nicht so häufig in anderen Werken geben. Man kann also etwa ablesen, wann ein Abschnitt aus Jeschajahu (Jesaja) gelesen wird.

Den Abschluss bilden die Brachot (Segenssprüche) vor und nach der Haftarah für verschiedene Traditionen.
Hier handelt es sich also nicht nur um ein Zusammenschrauben der Zunz-Übersetzung, sondern um eine vorsichtige Übertragung der Übersetzung von Zunz mit einem, hier darf mal ein Superlativ angedeutet werden, bisher noch nicht so häufig angebotenen Umfang.

Das Buch wird es zunächst nicht als ebook geben, nur als richtiges Buch. Das Buch hat 404 Seiten. Der Preis liegt bei 15 Euro. Es ist über mit der ISBN 9783743115453 über den Buchhandel erhältlich, oder über diese Kanäle:

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Berachot über die Haftarah

Berachot über die Haftarah

Auszug aus dem Schulchan Aruch

Auszug aus dem Schulchan Aruch

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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