Ritualmord?

Alte russische Darstellung des Jungen Gabriel

Alte russische Darstellung des Jungen Gabriel

Nach 15 Jahren Wikipedia kann man sagen was man will, aber bestimmte Inhalte überleben nicht lange, auch wenn man viele andere aussichtslose Kämpfe (etwa gegen das Kreuz im Sterbedatum jüdischer Personen) austragen muss und dabei so einiges einstecken muss. Der, mitunter, seltsame Umgang mit Nischenthemen hat aber in vielen Bereichen dazu geführt, dass die Dinge einfach selber in die Hand genommen werden.

Die Orthopedia ist so ein Beispiel. Sie ist ein (großes) Wiki zum orthodoxen Christentum (einen Witz zur Bezeichnung ähnlich lautenden Fachärzte habe ich mir verkniffen – unter Schmerzen) in dem beneidenswert viel Arbeit steckt.
Die Orthopedia, zeigt aber vielleicht zugleich, welche Vorteile es haben könnte, wenn noch einmal jemand ganz unbefangen die Texte liest. So könnten Texte entstehen, die es in dieser Form in der Wikipedia vielleicht nicht gegeben hätte, denn dort finden wir (mindestens einen) Artikel der – formulieren wir es vorsichtig – an Ritualmordlegenden denken lässt:

Im Mai 1917 bekleidete er das Amt des Vorstehers der Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kathedrale (Kathedrale Basilius des Seligen) in Moskau, wo damals Teile der Heiligen Reliquien des von Juden ermordeten Heiligen Kindes Gabriel von Sluzk aufbewahrt wurden.
von hier: Orthopedia (Direktlink auf die letzte Version)

Die Rede in diesem verhängnisvollen Nebensatz ist hier vermutlich von Gabriel von Białystok. Der wurde angeblich (und klassischerweise) zum Pessachfest eingefangen.
Der Grund ist bekannt: Blut für Mazzen. Auch die russischsprachige Wikipedia ist man nicht so extrem zimperlich und fügt lediglich an, das Märtyrertum des kleinen Gabriel werde von russischen-orthodoxen Gläubigen geglaubt. Aber der russischsprachige Artikel gibt Auskunft darüber, dass die deutschen Besatzer in den 40er Jahren gerne dabei behilflich waren den Kult wieder zu reaktivieren. Das kann man in der Orthpedia.de so nicht lesen.

Was den deutschsprachigen Artikel betrifft:
Es ist erstaunlich, mit wie wenig Kritik das in einen Artikel einfließen kann, der in deutscher Sprache publiziert wird und so seit Dezember 2012 online steht. Zumindest der eingebende Mensch muss sich doch gefragt haben, was heute dazu zu sagen ist? Oder dokumentiert dies die offizielle Haltung?

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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