Das magische Buch

Ein Zauberbuch - hier Dämonen

Ein Zauberbuch? Woher kommen die Dämonen?

Weil alle dazu etwas zu sagen haben:
Es gab einen Zauberer.
Der hatte unvorstellbare Zauberkräfte – gegen die konnte fast niemand etwas tun. Dieser Zauberer hatte ein Buch geschrieben.
Ein Zauberbuch. Und jeder der das Buch las, wurde in den Bann des Zauberers gezogen und folgte fortan den Befehlen aus dem Zauberbuch.
Und unter dem magischen Einfluss des Zauberers taten die Menschen furchtbare Dinge. Sie waren unter einem »Bann«. Oder in heutiger Sprache: Sie waren wie Zombies. Liefen herum, taten schreckliche Dinge, aber ohne den Verstand zu benutzen.
Und natürlich: Die Menschen trugen dafür keine Verantwortung.
Sie standen ja unter dem Einfluss von böser Magie.

Das haben uns die Menschen jedenfalls erzählt als der Zauberer tot war und das glauben viele Menschen noch heute.

In Wahrheit aber: Der Zauberer war nur ein Mensch, ein böser Mensch zwar, aber er hatte keine Zauberkräfte.

Er brachte Menschen nicht mit Magie dazu, böse Dinge zu tun. Sie halfen ihm dabei, weil sie sich viel davon versprachen und wo immer sie ihre Macht schlechtes zu tun ausüben konnten, taten sie das auch. Auch in eigener Verantwortung.

Es ist klar, dass es um »Mein Kampf« geht. Jenes Buch das offenbar so starke Zauberkräfte besitzt, dass jeder der es liest sofort Antisemit oder Anhänger des Nationalsozialismus wird. Da gibt es Ängste die man zur Kenntnis nehmen muss, aber es man sollte sich vor dem Narrativ hüten, der große Zauberer habe die Menschen verführt und es (unter anderem) mit Hilfe des Buchs getan. »Die Nazis« waren keine außerirdischen Besucher und auch keine Dämonen aus der Hölle. Das waren die Bewohner Deutschlands (bzw. des Deutschen Reiches) und sie alle (mit Ausnahmen natürlich, aber das zerstört meine Polemik) haben mitgeholfen, die Maschine des Regimes laufen zu lassen. Ohne seine Helfer wäre der große Zauberer nichts gewesen. Die Effizienz der Tötungsmaschine dachte sich wohl nicht allein der Mann an der Spitze des Staates in allen Details aus, sondern die vielen kleinen Helfer.
Die Züge wird nicht allein einer gefahren haben, die Selektionen an den Rampen hat nicht nur eine Person durchgeführt, die westeuropäischen Juden hat nicht nur ein Mann aus ihren Wohnungen abgeholt, die Massenerschießungen in Osteuropa hat nicht nur ein Mann durchgeführt. Dafür brauchte es viele Helferinnen und Helfer. Und das waren keine ferngesteuerten, willenlose Helfer oder Aliens vom braunen Planet.
Denn auf das erwähnte Märchen läuft es hinaus, wenn wir so tun, als sei »Mein Kampf« ein Buch welches die Menschen bekehren könnte. Gerade noch freundlich, nach einigen Seiten marschieren sie im Stechschritt?

Das Buch gibt sehr genau Auskunft über das wirre Universums seines Autors: Verschwörungstheorien, Rassenwahn, eine geschönte Biographie, absurde Aufzählungen und Analogien. Wer sich über den gesamten Wahnsinn in seiner Aberwitzigkeit informieren will, sollte sich die Lesung von Serdar Somuncu anhören. Er hat das Buch jahrelang öffentlich vorgetragen und es, wenn man so will, demaskiert. Wenn man Somuncu hörte, war die einzige Frage die man sich stellen konnte: Dieser »Text« soll mich überzeugen?
Der wissenschaftliche Kommentar, der jüngst erstellt wurde, scheint das Machwerk dagegen schon ein wenig aufzuwerten. All das, um dem Buch den Zauber zu nehmen? Brauchen wir für jeden Satz eine Fußnote bevor wir das Buch auf die Öffentlichkeit loslassen?
Hören wir auf, daraus Metaphysik zu machen! Das könnte der erste Schritt zu einer vernünftigen Auseinandersetzung damit sein.

Wer behauptet, das Buch könne jemanden ohne Fremdeinwirkung und Vorprägung überzeugen, muss davon ausgehen, dass das Buch jemand liest, der wirklich gar keine eigene Meinung hat und sich vorher die komplette Festplatte hat neu formatieren lassen. Der heutige Leser weiß, wohin das alles geführt hat.
Aber es stimmt: Über den gegenwärtigen Stand der politischen Bildung könnte man einmal nachdenken und darüber nachdenken, wie man das heute vermittelt.

Ein weiterer Aspekt

Im Schillerjahr 1905 wurde Hermann Hesse gefragt, so erzählt man sich jedenfalls, wie man die Menschen dazu bringen könne, wieder Schiller zu lesen. Hesse gab den Rat: Man müsse Schiller verbieten, dann würde er wieder gelesen.

Spricht gar nichts gegen ein Verbot?

Eine Sache wäre da noch: Der offene Verkauf einer antisemitischen Schrift. OK. Im Vergleich zu dem, was in vielen Kommentarspalten hier im Internet veröffentlicht wird, wirkt das Original blass, aber es bleibt juristisch zu prüfen, ob die antisemitschen Aussagen in dem Buch einen Verkauf noch stoppen könnten.

Die Ideologie hat längst ein Update erfahren – denn wie gesagt – sie geht nicht von einer Person aus, sondern wird von vielen Menschen gepflegt und unterstützt. Dagegen vorzugehen, das ist die große Aufgabe.

Wer übrigens richtige Nazi-Zombies sehen will, der kann sich Dead Snow anschauen.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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