Im Ruhrgebiet wird weitergelernt

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Fenster in der Alten Synagoge Essen

Der vorletzte Tag von Chanukkah war der Tag, an dem es in der Alten Synagoge Essen eine Art Regional-Limmud gab und die Synagoge wieder zu einem aktiven Zentrum jüdischer Kultur machte. Viele Räume wurden wieder genutzt, man stritt etwa darüber, ob man Israel kritisieren dürfe, hatte die Möglichkeit sich musikalisch weiterzubilden und zündete am Abend dann gemeinsam im Vorraum der Synagoge die Chanukkah-Kerzen. Das Spektrum der Workshops war groß und es tat gut, sich auch einmal inhaltlich austauschen zu können. Nicht nur Chanukkah-Feier – auch eine Umgebung die dem Thema des Festes gerecht wird: Eine Re-Aktivierung des Judentums. Klingt pathetisch – ist auch so gemeint.

Programm-LimmudAm späten Nachmittag fand ich mich inmitten einer Gruppe von Leuten, in einem Seitenbereich des riesigen Synagogensaals und diskutierte mit ihnen über die zwei Schöpfungen des Menschen gleich zu Beginn der Torah. Ich erzählte, warum mich die Interpretation von Rabbiner Soloveitchik so extrem fasziniert und schilderte ein wenig die Punkte, die ich für wesentliche Beobachtungen im Schöpfungsbericht der Torah hielt. Andere Anwesende ergriffen die Möglichkeit, sich über den Text auszutauschen und es wurde schnell auch sprachlich (und sehr präzise) argumentiert. Warum wird im Hebräischen jene Formulierung verwendet und nicht eine andere? Woher nehmen die früheren Kommentatoren die Gewissheit, dass der erste Mensch beidgeschlechtlich geschaffen wurde? Was spricht dafür? Was dagegen?
Aber mit dem Ende des Limmud-Tages muss das aber nicht enden: Der Minchah-Schiur, der nun schon seit Ende 2011 existiert, knüpft (also ein paar Enthusiasten und meine Wenigkeit) genau da an: Austausch über jüdische Inhalte in einer entspannten Atmosphäre.
Es geht weiter am 10. Januar 2016 in Gelsenkirchen. Jüdische Bewohner des Ruhrgebiets sind herzlich eingeladen, sich auszutauschen. Details und einen Link zu einer Mailingliste gibt es hier.

Interessant dürfte sein, ob die Person, welche die Idee hatte, die Synagoge an den Hohen Feiertagen mit Leben zu füllen, die Idee weiterverfolgt. Das wäre ein sehr interessantes Projekt.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Baruch Hashem Bale haBlog! Also, Goyim Nacheß ist mir ja ein Begriff, aber das jetzt auch der Jiden-Nacheß Mode macht, war mir neu. Ich meine damit nicht die Limmud Veranstaltung, sondern das, was Du da über Eure Berechit Exegese und die Erkenntnis der Schöpfung des zweigeschlechtlichen Menschen schreibt. Echter Chochechismus! Respekt! Also, es ist kein Wunder, dass in Berechit die Schöpfung zweimal vorkommt, das sind nämlich zwei grundsätzlich verschiedene Texte von zwei unterschiedlichen Autoren, bzw. eigentlich Autorengruppen, die aus zwei sehr voneinander getrennten Epochen stammen. Die erste Schöpfungsgeschichte, sieben Tage, etc., ist die jüngere, eine Reaktion auf das Babylonische Exil, die zweite, Gadn Eden etc. die ältere, ursprünglichere, circa 3000 Jahre alt. Wie wäre es auf Dauer, auch in Hinsicht auf Mincha Shiur, mit einer historisch kritischen Auseinandersetzung, die auch redaktionelle Gegebenheiten des Tanach zur Kenntnis nimmt, damit Ihr den Menschen nicht weiter zur Schnecke machen müßt?

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  2. Julius Wellhausen – richtig? Der Mann, der die Bibelkritik begründete und die Hypothese aufstellte, die Du präsentierst.
    Nach Wellhausen und seinen Nachfolgern wurde die Torah zusammengewürfelt aus verschiedenen Dokumenten und Texten – entstanden zu unterschiedlichen Zeiten. Besonders hervorstechend fand es Wellhausen, dass manchmal der NAME G-ttes verwendet wurde und manchmal nur das Wort G-tt. Und manchmal aber auch beide zugleich (wie in der zweiten Schöpfungsgeschichte). Daraus hat Wellhausen messerscharf geschlossen – da müsse es sich um unterschiedliche Bezeichnete handeln.
    Der zweite Schöpfungsbericht ist folgerichtig die Schlamperei eines jüdischen Redakteurs (wie auch die Unterbrechung der Geschichte von Josef) und das ist an Absurdität fast schon unüberbietbar. Nicht? Wenn Generationen von Überarbeitern es nicht schaffen, den Text konsistent zu kriegen. Die Menschen waren doch nicht dümmer als wir heute? Das wäre doch in den nachfolgenden Generationen mal jemandem aufgefallen?

    Die meisten Juden, die sich mit der Auslegung der Torah beschäftigen wissen, dass die beiden Namen für unterschiedliche Eigenschaften G-ttes stehen. Das macht auch vollständig Sinn. Stilistisch ist die Torah auf der anderen Seite schon recht konsistent. Konsistenter als so manch anderes literarisches Werk.
    Die Hypothese von Wellhausen steht fest auf den Füßen der Zeit, wird heute von christlichen Forschern größtenteils auch modifiziert anerkannt. Das ist zurückzuweisen. Das ist nur eine Hypothese. Mit der kann man arbeiten, wenn man Jahrhunderte jüdischer Beschäftigung mit dem Text missachtet und gerne an den Grundfesten des jüdischen Textes herumsägt.

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  3. Der Tanach ist kein konsistenter Text und war noch nie einer. Und die historisch Kritische Exegese ist wesentlich komplexer und differenzierter als Wellhausen. Aber, wenn es mich nicht interessiert, welcher Textteil in welcher Epoche unter welchen Umständen entstanden ist, muss ich mich auch nicht wundern, wenn sankt Spekulatius Einzug hält. Ich bin mir eigentlich sicher, dass es auch eine Jüdische historisch kritische Exegese gibt. Mal recherchieren…

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      • Auch die Torah ist kein konsistenter Text. Da gibt es offensichtliche Brüche, Einschübe und auch ganz klar politisch motivierte Textmotive, z.B. In Bezug auf Aaron. Das Thema ist aber grundsätzlich nicht einfach, da die Quellenlage naturgegebenermaßen schwierig ist. Das altes Testament der Noßrim basiert Z.B. auf der Septuaginta, einer griechischen Übersetzung der hebräischen und aramäischen Originaltexte, angefertigt von Hellenistischen Juden um 240 vor der Zeitenwende in Alexandria. Wie sieht das mit den heutigen Torahs aus, gibt es das eine wirklich ungebrochene Abschrifts-Chronologie, oder gibt es da auch Einschübe aus Übersetzungen? Jenseits aller Glaubensfragen ist die Torah und auch der Tanach eines Sammlung von historischen Texten, und wenn ich mich mit denen auseinandersetzen möchte, muß ich mich wohl mit den soweit sie zur Verfügung stehen, historischen redaktionellen Quellen und Hintergründen auseinandersetzen, wenn ich nicht absolut auf dem Holzweg abdriften will.

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        • Salomon Schechter, von der conservative Bewegung:
          Thus the pain was only physical, but my real suffering began later in life, when I emigrated from Roumania to so-called civilized countries and found there what I might call the Higher anti-Semitism, which burns the soul though it leaves the body unhurt. The genesis of this Higher anti-Semitism is partly, though not entirely—for a man like Kuenen belongs to an entirely different class—contemporaneous with the genesis of the so-called Higher criticism of the Bible. Wellhausen’s Prolegomena and History are teeming with aperçes full of venom against Judaism, and you cannot wonder that he was rewarded by one of the highest orders which the Prussian Government had to bestow. Afterwards Harnack entered the arena with his “Wesen des Christenthums,” in which he showed not so much his hatred as his ignorance of Judaism. But this Higher anti-Semitism has now reached its climax when every discovery of recent years is called to bear witness against us and to accuse us of spiritual larceny.

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