Die Tora des Herder Verlags

Der Verlag Herder hat eine neue Ausgabe der Tora(h) auf den Markt gebracht. Eine Rezension von mir dazu gibt es hier bei der Jüdischen Allgemeinen.

Vor der Schoah erschien eine ganze Reihe von gedruckten Torah-Übersetzungen mit verschiedenen Ansätzen. Die verschiedenen Ausgaben lassen erahnen, wie rege und intensiv die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Texten war. Die Drucke waren oft hervorragend. Schön gestaltete Bände, sehr häufig mit Kommentar und hebräischem Originaltext. Das meiste davon in Fraktur gedruckt – natürlich. Das verhindert, dass man die alten Bände einfach nachdrucken konnte.

Und so ist es noch besser, dass es Verlage gibt, ein gewisses unternehmerisches Risiko eingehen, diese Schätze bergen und uns die Übersetzungen wieder verfügbar machen. Die Übersetzung von Ludwig Philippson (1811-1889) ist so ein Schatz. Recht flüssig zu lesen und unter Vermeidung vieler Wiederholungen. Wie man hier nachlesen kann, ist die sprachliche Überarbeitung gut gelungen.
Der revidierte Text begleitet im gedruckten Buch auch den hebräischen Originaltext der Torah und das ist gewissermaßen der Schlüssel zum Layout der gesamten Torah-Ausgabe.
Dieser wurde nicht für diese spezielle Tora-Ausgabe neu gesetzt, sondern schon im vorletzten Jahrhundert. Die Ausgabe von Max Me‘ir Halevi Letteris (1800-1871), die ab 1851 veröffentlicht wurde, lieferte den hebräischen Text.
Das gute daran ist, dass der Text von Letteris gut lesbar ist (siehe auch hier). Letteris wählte eine gute Schrift für seine Torahausgabe. Im Geist der Zeit und zur Internationalisierung griff er zu lateinischen Strukturhinweisen. Diese wurden auch in die Herder Ausgabe übernommen. Hier heißt es »Caput 1« statt Kapitel 1 und wie im Letteris-Original gehen auch die Wochenabschnitte im Text etwas unter. Sie stehen zwar oben auf dem Seitenrand, aber nicht explizit im Fließtext. Während bei Letteris die Aufrufe zur Torah im Text stehen, findet man sie in der Herder Ausgabe am Textrand.
Wenn eine Letteris-Seite ihr Ende findet, ist aber auch dann die Seite mit der Übersetzung beendet. Eine Neupositionierung des hebräischen Textes (und ein Auseinanderschneiden) hätte vermutlich bedeutet, dass man dies auch auf den folgenden Seiten hätte tun müssen. Oder einfacher ausgedrückt: Das hebräische Textvolumen gibt vor, wie viel Übersetzung auf der linken Seite steht.

Seite aus der Letteris Torah in der Ausgabe von Herder

Seite aus der Letteris Torah in der Ausgabe von Herder

Letteris Torah - Vorlage

Letteris Torah – Vorlage

Wenn ich mich nicht irre, wurde für die deutschen Texte die Renner Antiqua genutzt. Die Renner Antiqua ist die digitale Umsetzung der gleichnamigen Bleisatzschrift. Das wirkt repräsentativ und begegnet einem nicht alltäglich.

Blick in die Torahausgabe des Herder Verlags

Blick in die Torahausgabe des Herder Verlags

Die begleitenden bzw. einleitenden Texte sind aus der Perspektive des Reformjudentums geschrieben. Ich würde bestimmte Annahmen der Autoren nicht teilen. Die »Urkundenhypothese« zur Entstehung der Torah etwa gilt als gesetzt (wenngleich sie zumindest ein Autor hinterfragend vorstellt) und wird dementsprechend (in sich dann stimmig) auch auf die Texte angewendet und durch sie erklärt.

Ludwig Philippson wäre sicherlich nicht amüsiert gewesen, denn er war wohl kein Verfechter der frühen Ausprägung dieser These. Oder vielleicht hätte er heute eine andere Sicht auf die Dinge. Zumindest bei mir wirkte das wie ein Echolot. Ich konnte mit meiner Reaktion darauf feststellen, wo ich eigentlich stehe und welche Haltung ich gerade einnehme.
Die Texte sind zudem auf hohem Niveau. Einige Leser werden diese Teile vielleicht zunächst überblättern, weil sie sich eher an ein Publikum aus einem akademischen Umfeld richten – letztendlich wird es unmöglich sein, zusätzliche Texte zu schaffen, die alle Leser immer glücklich machen.
Wer das aber genau sucht (also vielleicht ausdrücklich keine traditionelle Einleitung in den Text der Torah will) und eine gut zu lesende Übersetzung benötigt, der dürfte mit dieser Ausgabe gut fahren.

Eine winzige erbsenzählerische Kleinigkeit: In eine böse Reintappfalle sind die Redakteure dennoch getappt. Die Haftarah für den zweiten Tag Rosch haSchanah wurde in der Liste der Haftarot mit Jirmejahu 31,2-20 angegeben. In dem Teil jedoch, in dem die Haftarot abgedruckt sind, ist die korrekte Stelle abgedruckt: Jirmejahu 31,1-19 (beginnend mit Ko amar). Ursache für diese Konfusion ist, dass in vielen christlichen Bibelausgaben die Verszählung von der jüdischen Überlieferung abweicht. Im gleichen Buch jedoch fällt das aber dann auf, wenn man zwei verschiedene Angaben hat.


Die Tora: Mit Haftarot (hebräisch-deutsch) in der revidierten Übersetzung Ludwig Philippsons mit Einleitungen in die Fünf Bücher Mose und die Prophetenlesungen
von Walter Homolka, Hanna Liss, Rüdiger Liwak
Verlag Herder
1168 Seiten
ISBN 978-3-451-33334-7
38 Euro

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.