Frag den Rabbiner bei facebook

Es läuft ein interessantes Projekt bei facebook. In der Gruppe »Frag den Rabbiner« können alle Mitglieder (also theoretisch jeder Facebook-Nutzer) Fragen posten und dann darauf warten, dass ein Rabbiner, der Mitglied dieser Gruppe ist, diese Frage beantwortet. Dabei sind keine Leichtgewichte, sondern tatsächlich Rabbiner der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, wie etwa Rabbiner Portnoy oder Rabbiner Folger.
Im Prinzip läuft es folgendermaßen ab: Der Fragende postet einen Text mit dem Wort »Frage« vorangestellt und wartet auf Antwort. Irgendwann findet sich ein Rabbiner, der etwas dazu zu sagen hat und antwortet mit – richtig – »Antwort« und einem kurzen Text.
Um die Privatsphäre der Nutzer zu schützen, findet man hier keine Abbildung einer solchen Konversation.
Die Macher der Gruppe sind engagiert und haben hier vielen Nutzern einen großen Dienst erwiesen und man kann ohne Untertreibung behaupten, dass es eine große Mitzwah war. Die steigenden Mitgliedszahlen der Facebook-Gruppe zeigen das große Interesse.

Der Draht zum Rabbiner ist kurz und tatsächlich wird recht schnell geantwortet. Eine Hürde, sei sie emotional oder technisch, an den Rabbiner heranzutreten, gibt es fast nicht und da kommen wir zu der Frage, ob ein solches Projekt in den sozialen Netzwerken funktionieren kann.
Die Antwort lautet: Vielleicht eingeschränkt.

Die Einschränkungen liegen im »Wesen« von Facebook:

  • Es gibt keine Suche. Woher soll ein Nutzer wissen, ob die Frage nicht eventuell schon vorhanden ist, ohne kilometerlang zu scrollen? Frustrierend ist, wenn ein Rabbiner schreibt. Diese Fragen haben wir doch schon vor drei Monaten beantwortet. [highlight]Update:[/highlight] Tatsächlich gibt es in der Webversion von facebook in den Gruppen eine Suchfunktion. In den Apps jedoch nicht.
  • Andere Nutzer sind schneller. Andere Nutzer beantworten die Frage aus ihrer Sicht, diese muss allerdings keine fundierte sein, sondern vielmehr eine Meinung. Oft gut gemeint, aber nicht produktiv, wenn man auf eine Antwort wartet. Hier könnte nur durch permanente Moderation geholfen werden. Das wiederum könnte Nutzer frustrieren. Sie schreiben Antworten und diese werden dann gelöscht.
  • Andere Nutzer sind nicht immer freundlich. Zuweilen kann es passieren, dass Nutzer die Frage etwas herablassend beantworten und sie einfach finden. Wenn etwa eine Dame fragt, ob sie beim Sport Hosen tragen dürfte und ein Nutzer direkt antwortet »Für Männer ist das Pflicht«, dann ist das vielleicht ein Brüller, für die Fragende allerdings vielleicht nicht so nett.
  • Die Antworten sind auf den Punkt. Die Antworten sind verständlich und kurz. Allerdings fehlt manchmal ein wenig Quelle, so dass man das Thema bei Interesse vertiefen könnte. Dass die Rabbiner sich überhaupt damit beschäftigen, ist aber schon allein eine großartige Sache.
  • Diskussionen explodieren Manchmal hat man vielleicht eine Gegenfrage, aber andere schreiben ebenfalls Kommentare unter den eigentliche Beitrag. Facebook informiert einen fleißig weiterhin darüber. Man will das eigentlich nicht alles lesen müssen und will irgendwann nicht mehr über die Einzelheiten informiert werden.

Auswege?

  • Konsequente Moderation – wie schon gesagt/geschrieben, könnte das schnell den Spaß verderben
  • Dokumentation der bisherigen Beiträge in einer Art Tagwolke. Wer sollte sich eine derartige Arbeit machen?
  • Ein anderes Medium nutzen: Rabbiner Folger nutzt sein Blog (siehe hier sein Erst-Posting zu diesem Thema), um die Beiträge für die breite Öffentlichkeit zu bewahren und auffindbar zu machen. Vielleicht wäre ein Blog tatsächlich das bessere Medium. Man könnte Beiträge mit Tags versehen und so schauen, welche Themen schon behandelt worden sind, bzw. danach suchen.

Hoffen wir, dass das »Wesen von facebook« nicht den Erfolg dieses Projekts schmälert.

Update: Es gibt offenbar Bestrebungen, auch Blogtexte einer Exegese zu unterziehen. Die Nennung der Rabbiner bedeutet nicht, dass es nicht auch andere Schwergewichte gäbe. Präziser gesagt: Da sitzen keine unbeschäftigen Studenten, sondern Gemeinderabbiner vor den Bildschirmen.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

4 Kommentare

  1. Danke für den Hinweis, in der Tat sehr spannend und als Ansatz hervorragend. Eine Suche gibt es eigentlich in Gruppen bei Facebook immer – man muss sie nur nutzen.

    Ich stimme Dir aber vollends zu, dass Facebook vielleicht ein guter Ansatz ist, konsequent betrachtet aber sollte ein anderes Medium genutzt werden, da Facebook wiederum Menschen ausschließt.

    Dass es das Angebot nun auf Deutsch gibt, sehe ich als größten Vorteil, interessant wäre noch etwas Ähnliches von der liberalen Seite, weißt Du da was?

    • Es ist, meines Wissens nach, ein deutschsprachiges Pionierprojekt und durch facebook recht nah an den »Nutzern«.
      Ich habe durch einen Kommentar bei facebook nun auch gelernt, dass es da offensichtlich eine Suche für Gruppen gibt, diese aber nicht in den verschiedenen Apps vorhanden ist. Ist also offenbar eine Frage des Clients, den man verwendet um in die Fragen/in die Gruppe zu schauen.

      Liberal bemüht sich derzeit wohl ein Rabbiner um eine »Frag den Rabbi« Geschichte: http://www.frag-den-rabbi.org/neueste-antworten

  2. Unangenehmer Beigeschmack der Gruppe ist die zahlenmäßig starke Beteiligung Evangelikaler, die das Niveau der Gruppe weg von konkreten halachischen Fragen hin zu Wikipedia-Allerlei verschiebt.
    Mich erstaunt zuweilen die Bereitschaft der Rabbonim(denen Dank für ihre Bemühung gebührt) auf derlei geartete Fragen einzugehen. Sicherlich ermöglicht Facebook keine Überprüfung, ob es sich bei den Fragestellern nur um Juden handelt – und natürlich kann eine solche Gruppe auch durch den Kontakt zu bspw. Bnei Noach und Menschen im Giur-Prozess interessant und bereichernd sein.
    Dennoch: Der von einzelnen Gruppenmitgliedern schon konstatierte Missstand einer „christlichen Unterwanderung“ lässt mich doch das Interesse verlieren.

  3. Das ist der »Nachteil« einer gewissen Offenheit. Du hast dann auch viele Interessenten, die sich ebenfalls brennend für die Themen interessieren (ohne, dass ich die Motive hier beleuchte). Es ist also eine komplizierte Abwägung zwischen Offenheit und Zugangsregelung. Ich kann durchaus verstehen, dass die beteiligten Rabbiner grundsätzlich »alle« Fragen beantworten und versuchen, Informationen aus erster Hand zu vermitteln, statt die Menschen sich die Antwort aus einschlägigen Foren klicken zu lassen. Auf der anderen Seite muss die Administration einer solchen Seite mit den zahlreichen Anfragen irgendwie umgehen können.
    Da wird man vielleicht nicht umhin können, irgendwann eine transparente Richtlinie zu besprechen, wie man mit derartigen Anfragen umgehen will.

    Ich beobachte das auch und sehe auch, dass es schwerfällt, einfach mal nicht zu antworten. Das würde es vielleicht auch nicht so interessant machen. Oftmals sind die nichtrabbinischen Nutzer sehr viel schneller und so wird es dann noch unübersichtlicher. Das wird sich vermutlich einrenken. Ich würde das unter »Geburtswehen« einsortieren 😉 (Aber auf der Hut bleiben)

Kommentare sind geschlossen.