Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

drauf – ab

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Christuskirche-bochum-nachts Es war möglicherweise eine putzige Szene: Ein Pfarrer verhüllt ein Kreuz. Das Kreuz steht auf dem Altar in der Bochumer Christuskirche. Ein zweiter Pfarrer kommt hinzu und entfernt die Verhüllung wieder.
Dann wieder: Drauf – ab, drauf – ab, drauf – ab, drauf – ab. Bis einer der beiden das Symbol ihres gemeinsamen Glaubens in der Ecke abstellt.
Was kratzt uns das? Juden waren in der Kirche! Also zumindest jüdische Musiker. Also vermutlich einer. Dass jüdische Zuhörer beim Konzert zugegen waren, darf angezweifelt werden. Die Veranstaltung befand sich weit außerhalb dessen, wofür sich Schmuel Normaljude so in seiner Freizeit interessiert. Jüdische Orgelmusik unter dem Titel Jewish Prayer in der Biennale: Musik und Kultur der Synagoge. (Ankündigung hier). Irgendwie sperrig und akademisch. Wohl dem Thema Orgelmusik ist es zu verdanken, dass die Auftaktveranstaltung einer Reihe, die sich mit jüdischer Kultur auseinandersetzen will, in einer Kirche stattfindet. Die Veranstaltung hat dementsprechend auch inhaltlich nicht Furore gemacht, sondern durch ihre Begleitumstände.
Bei dem Thema der Biennale wundert es natürlich noch mehr, wenn man sich vorher nicht über den gastgebenden Raum Gedanken gemacht hat und demonstriert, wie wenig Souveränität man im Umgang mit den Symbolen der eigenen Religion hat. Was werde die Menschen erwarten, wenn sie in die Christuskirche zu einem Konzert kommen sollen? In einer Kirche erwartet man üblicherweise die Einrichtung einer Kirche und wer damit ein Problem hat, wird wohl zuhause geblieben sein. Alle anderen werden darauf geachtet haben, in welche Richtung sie beim Binden der Schuhbänder gekniet haben
Wichtiger scheint also zu sein: Welches Bild haben die Kontrahenten also vom Judentum und von Juden?
Vielleicht: Man selber ist vorauseilend tolerant und planiert den Weg für Juden, die in die Kirche als Raum kommen (sollen) und dort offenbar die Ansicht eines Kreuzes nicht aushalten können (sind also besonders empfindlich oder intolerant?). Oder: Wir veranstalten ein Konzert im Themenkomplex jüdische Musik und veranstalten es in einer Kirche. Das müssen die schon wegstecken können. Man weiß es nicht. Es ist bemerkenswert, dass es Ärger gibt, sobald sich Dritte über das Judentum Gedanken machen, statt mit diesen vielleicht einfach mal zu reden. Was halten Sie, was haltet Ihr davon? Aber es werden wohl nicht so viele dort gewesen sein

Interessant übrigens auch die Überschrift der berichtenden Lokalzeitung Verhülltes Altarkreuz bei jüdischem Konzert erhitzt Gemüter Wann ist ein Konzert jüdisch?

Autor: Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontakt-Seite kann man Chajm eine Nachricht senden.

19 Kommentare

  1. Also ich bin da sensibel! Ich verhülle immer meinen Mercedesstern, wenn ich an einer Synagoge vorbeifahre!

  2. Es war möglicherweise eine putzige Szene: Ein Pfarrer verhüllt ein Kreuz. Das Kreuz steht auf dem Altar in der Bochumer Christuskirche. Ein zweiter Pfarrer kommt hinzu und entfernt die Verhüllung wieder…

    come, on! War doch nur ein cooler Sketch aus Ollie Welke’s ‘heuteshow’! :)

    Shalom!

    Miles

    • Mich erinnert das eher an Loriot. Die beiden Männer in der Badewanne…

      • Stimmt, ich wußte doch, irgendwo habe ich so etwas schon mal gesehen… Ich will mich hier nicht zu der teilweisen Verfasstheit meiner eigenen Firma in solchen Fragen auslassen, freue mich aber auch schon wieder unbändig auf den nächsten Sederabend im evangelischen Gemeindehaus an Gründonnerstag ;-)

        Kurze eine etwas ernsthaftere Anmerkung und das finde ich, desto länger ich darüber nachdenke, umso erstaunlicher: In der Tradition bestimmter christlicher Konfessionen und dazu gehören auch Teile der evangelischen Gemeinden wird das Kreuz ganz bewusst in der gesamten Passionszeit oder zu mindest an Karfreitag verhüllt, also der Zeit wo sich die Christen dem Leiden und dem Tod Jesu erinnern. Genau also in der Zeit oder an dem Tag, wo das Kreuz für Juden zum “Unheilszeichen” wurde… Aber vielleicht ist das auch der liturgischen und symbolischen Sensibilität zuviel.

  3. Also, ich tippe mal, der eine hat es gar nicht verhüllt, sondern das Bochumer-Grabtuch darüber gebreitet! http://de.wikipedia.org/wiki/Turiner_Grabtuch

  4. Jetzt verstehe ich den Satz “gut gemeint ist nicht gut”.

  5. “Jüdische Orgelmusik … in einer Kirche”

    Das ist doch mal ein Schidduch. Die (Wieder-) Einführung von Orgelmusik in den en “Tempel”-G-ttesdient durch frühe Reformer war wohl nicht zuletzt dem Wunsch geschuldet, die Form (und den Inhalt) der (christlichen) Umgebung anzupassen. Auch wenn die handelnden Personen Juden waren, ist mir nicht von vorn herein klar, dass diese Musik “jüdisch” ist…

  6. Jüdische Orgelmusik in einer Kirche …

    … und dann war da noch der Typ, der auf seiner USA Reise in die Kirche gehen wollte und nach einer geschlagenen halben Stunde (!) geschnallt hatte, dass er nicht bei den Katholen, sondern bei den Juden in einer (Reform-)Synagoge war! :)

    Tja, Leute, und das ist wirklich kein Witz!

    Shalom

    Miles

    • Echt jetzt? Ich dachte die “Katholen” haben immer ein Kreuz mit Joschke an der “Misrach-Wand”…

    • @Miles Lustige Polemik, aber das dürfte niemandem passieren. Man dürfte recht schnell merken (sofort?), dass da etwas nicht stimmt. Warum sollte ich auch am Schabbes in eine Kirche gehen wollen? Da ist doch Sonntags was los?

      Erneut der Hinweis darauf, wo man sich die Tradition des Orgelbegleiteten Gebets anhören möchte, kann dies recht aktuell immer auf http://www.emanuelnyc.org/simple.php/wor_broadcast tun. Hier werden die Gebete vom Schabbat als podcast angeboten. Ein interessanter Einblick, wie die Gebete in den großen deutschen Reformsynagogen wohl vor der Schoah waren. Gewisse Anleihen sind schon sichtbar

      • @Miles Lustige Polemik, aber das dürfte niemandem passieren…

        Mein allerbester SG; zugegeben dürfte nicht, ist aber! Keine Ahnung an was für einem Tag das genau passierte, aber es lässt trotzdem tief blicken in die Abgründe des menschlichen Verstands , oder!? :) Aber ich will nicht gemein sein: vielleicht hatte der Typ einfach nur einen Jetlag und dachte Samstag sei Sonntag? Vielleicht aber feiern reformierte Juden in den USA den Schabbes heutzutage am Sonntag? Wer weiss??? Und damit wäre auch der berühmte Philosoph Mick Jagger widerlegt wenn er behauptet, “old habits die hard”! Sie tun es doch sehr “easy”, wie wir hier sehen können! :)

        Shalom

        Miles

  7. … die Reformer bedienten sich mehr bei den Protestanten …

    Das kann tatsächlich so sein, wie Du schreibst! Jedenfalls scheinen mir ‘reformierten Juden’ dem Protestantismus deutlich näher zu stehen, als ihren eigenen ‘orthodoxen Glaubensbrüdern’.

    Shalom

    Miles

  8. Jede Menge Jiden, sogar mit Kippoth, unterm Kreuz!

    Wow, SG, nicht schlecht, nicht schlecht! Sei ehrlich, das lässt doch echt hoffen, oder!? Kann eigentlich nur noch getoppt werden mittels Eucharistiefeier in den Hallen von Agudas Achim, ZH! :)

    Shalom

    Miles

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