Limmud.de 2011

Dieses Jahr größer denn je! Rund 500 Teilnehmer, mit vielen bekannten Gesichtern und vielen Neuen, und einem, objektiv gesehen, im Vergleich doch etwas gesenkten Altersdurchschnitt, tummeln sich bei strahlendem Sommerferienwetter in der EJB-Idylle am Werbellinsee. Intensiver Kiefernduft auf der großen Wiese, vom See weht ein laues Lüftchen. Aus den offenen Fenstern des Seminarhauses klingt es angeregt vielsprachig heraus, während mich die Verdauung des exzellenten Mittagessens zu einem Nickerchen in der Sonne verführt. Aus der Disko klingen smirot Schabbat, die für heute Abend schon mal geübt werden.
Die einmalige und so besondere Atmosphäre ist wieder da, die aus anfangs noch vorsichtig-erwartungsvollen Erstteilnehmern überzeugte Limmudniks und Wiederholungstäter macht.
Schon am Donnerstag, gleich nach der Anmeldung bei den fleißigen Freiwilligen und Organisatoren in den Limmud-T-Shirts, geht es direkt rein ins Vergnügen. Während eine musikalisch umrahmte Einführungsveranstaltung die Neulinge einstimmt, wird schon lebhaft gelauscht, gelernt und diskutiert.
Die Organisatoren haben sich wieder mal selbst übertroffen! Das Programm ist so vielfältig, dass es wirklich schwer fällt, sich für jeweils eine Veranstaltung pro Zeit zu entscheiden, und viele der Dozenten sind schon von vorigen Jahren bekannt und beliebt, so dass man allein schon auf Grund des Dozenten eine Entscheidung trifft. Die Kurse und Veranstaltungen in den Kategorien „Religion“, „Geschichte“, „Literatur/Kunst/Musik“, „Gesellschaft“, „Politik/Israel“ und „Ethik/Philosophie“ sind jeweils gut besucht. Interessenten, die des Deutschen nicht mächtig sind, finden eine große Auswahl an Shiurim in Englisch und Russisch, und die Dolmetscher der letzten Jahre sind auch wieder im vollen Einsatz.

Und was für Leute trifft man hier so? Alle Sorten!
Die bunte Mischung aus dem ganzen Spektrum jüdischen Lebens ist ein ganz besonders prägendes Merkmal von Limmud. Von orthodoxer Seite hörte ich schon wiederholt, dass Limmud ja eine liberale Veranstaltung sei, und dass man da lieber nicht hingehen sollte, weil man da sowieso nichts lerne, oder jedenfalls wenn dann nicht das „Richtige“. Das scheint diejenigen Orhodoxen, die hier her gefunden haben, nicht abgeschreckt zu haben, und entspricht auch keineswegs der Realität. Ohne hier eine Diskussion des ewigen Konflikts auslösen zu wollen: Limmud ist wirklich für alle da, und in der Durchführung (Kashrut, Schabbat) möglicherweise sogar deutlich orthodoxer, als manche das aus ihrem täglichen Leben kennen. Und so sind hier eben alle richtig, sowohl die Damen mit Hüten, Scheitels und langen Röcken, als auch die Mädels in hot pants und die Frauen mit Kippa. Und natürlich entsprechende männliche Äquivalente. Nur so kann ein lebendiger Dialog zwischen den Welten entstehen!

Jetzt noch schnell auf dem Weg zum Caf am Shuk vorbei (Bücher, Gummibärchen, Krimskrams), und dann ist auch schon Zeit für den nächsten Workshop!

Naomi

Gastautorin im Blog. Sie berichtet aus der weiten Welt.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Problem von orthodoxer Seite ist nicht etwa, dass Limmud „liberal“ sei, sondern dass die Mehrheit der Teilnehmer(und daran besteht kein Zweifel) sich irgendwo in einem Spektrum zwischen liberal und säkular bewegt, was in der Konsequenz(und das konnte ich dieses Jahr gehäuft feststellen) oftmals mit einem Brechen des Schabbat(nach orthodoxem Verständnis) in der Öffentlichkeit verbunden ist. Der Austausch untereinander ist eine wunderbare Sache und für das nächste Festival würde ich sogar eine Art Gesprächszirkel anregen, so dass man nicht nur übereinander, sondern auch mal miteinander spricht.
    Wenn wir als orthodoxe Juden an Limmud teilnehmen, zeigen wir, dass wir Vielfalt akzeptieren und auch einfach Freude an einer solchen Veranstaltung haben. Wenn bei „Extrawünschen“(die halachische Gründe haben) jedoch die Augen gerollt werden, fragt man sich schon, wer eigentlich wen nicht akzeptiert bzw. belächelt.

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    • Das ist doch kein neues Problem?! Schabbat in Tel Aviv ist doch nichts anderes: Es gibt Leute die ihn halten, aber eine weitaus größere Menge von Menschen tut das eben nicht (und wir lassen das mal unbewertet). Das ist in vielen Gemeinden in Deutschland (die sich ja nicht über die eine religiöse Strömung definieren) nicht anders.
      Die Frage ist ja, was wird ermöglicht? Ist es möglich, an Limmud als Schomer Schabbat teilzunehmen?
      Dann aber auch: Müssen alle anderen Teilnehmer das auch tun? Dann kommt indirekt die Frage hinzu: Billige ich das, wenn ich an dem Treffen teilnehme?
      Zudem dürfte eine Fragestellung sein, ob man nicht indirekt nichtorthodoxe Referenten und ihre Positionen anerkennen würde, wenn man an Limmud teilnimmt. Das Problem ist ja uralt.
      Folgt man also dem Austritts-gedanken von Hirsch oder dem inklusiven Gedanken von Seligman Baer Bamberger?

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  2. … Wenn wir als orthodoxe Juden an Limmud teilnehmen, zeigen wir, dass wir Vielfalt akzeptieren …

    Also, ich finde das echt gut! Man kann schliesslich selbst streng orthodox leben ohne gleichzeitig den liberal oder progressiv ausgerichteten Juden deren Jüdischsein bestreiten zu müssen, oder sehe ich das falsch!? Jedenfalls entspricht eine solch tolerante Sichtweise meinem Verständnis vom Judentum!

    Shalom

    Miles

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  3. Hallo Jitzchak,
    Nur mal aus Neugier, was für Extrawünsche? Mir fiel nur auf, dass es aus halachischen (schomer Schabbat)- Gründen keinen Kaffee gab (für alle!), und ich hab tatsächlich (leider) auch Augenrollen kassiert, weil ich mir keinen im Cafe kaufen gehen wollte… Tjaja…
    (Erklärung: Das heiße Wasser war alle, und die Küchenknechte („Schabbes Gojim“!) haben (statt einfach kommentarlos frisches zu machen, hach wär das schön gewesen), irgendwen gefragt, der dann natürlich sagte, dass sie das nicht dürfen… Schabbat ohne Kaffee oder Tee. Seufz.)

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  4. Pingback: Limmud.de – Limmud.de Festival 2011

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