Rabbiner soll abgeschoben werden

Mosche Navon ist Reformrabbiner und lebt zur Zeit in Bochum. Von dort aus betreut er derzeit einige Gemeinden der Union Progressiver Juden, etwa eine Gruppe in Unna. Einträglich sind diese Engagements aber offenbar nicht – jedenfalls nicht ausreichend hoch, um damit den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, sagt die Stadt Bochum, laut eines Berichtes der WAZ und deshalb soll Rabbiner Navon mit seiner Familie nun abgeschoben werden (siehe Bericht hier) (ruhrjuden hat den Text noch). Doch Navon ist nicht nach Bochum gekommen, um von dort aus die Gemeinden der Union zu betreuen, sondern um in der Jüdischen Gemeinde Bochum zu arbeiten. Diese hatte ihn nach Bochum geholt scheinbar weil er Russisch spricht. Sein Engagement dauerte nur etwa ein Jahr, nach Auslaufen des Vertrages war der Israeli arbeitslos.

Update: Die WAZ, bzw. derwesten.de hat den Bericht zwischenzeitlich gelöscht. Auf Nachfrage teilte die WAZ mit, es hätte technische Probleme gegeben. Der Text ist nun hier zu finden.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

30 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Chaijm,

    also ich muss ehrlich sagen, das ist eine Schweinerei (und somit nicht koscher)
    Da sieht man welche Intelligenz und Nächstenliebe teilweise Menschen in jüdischen Gemeinden hinsichtlich Ihrer Nächsten haben. Da kann man sich echt nur an den Kopf fassen.
    Danke dir für diese Meldung.

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  2. Nun, vor ab, erstaunlicher Weise ist der Artikel von gestern schon heute von der Seite der WAZ verschwunden!
    Grundsätzlich ist das drohende Schicksal Dr. Navons, seine Abschiebung und damit die seiner Familie, seiner Frau und seiner drei Söhne, neben der Tragik für die Familie Navon ein beredtes Zeichen dafür, wie jüdische Einheitsgemeinden in der BRD ohne ausreichendes Zukunftskonzept in die Repräsentations- & Wiedergutmachungsfalle der Länder & Kommunen gehen. Es werden überdimensionierte repräsentative neue Synagogen gebaut, durch deren Abzahlung und die horrenden Unterhaltskosten es an finanziellen Kapazitäten für Personal fehlt, ohne das die Gemeinde auf Dauer nicht trag- und überlebensfähig ist.
    Allerdings outet sich Bochum darüber hinaus als Chelm par exelence!
    Schon in seiner Probezeit zeigte sich, das Dr. Navon Qualitäten in den rabbinischen Kernaufgabenbereichen,
    Auslegung, Halacha und jüdischer ( religiöser ) Bildung aufweist, eben ein Gelehrter,
    was ja auch dem Titel Rabbi entspricht. Darüber hinaus hat er den großen Vorteil russischsprachig zu sein,
    was der Struktur der Gemeindemitglieder in Bochum-Herne-Hattingen sehr entgegenkommt.
    Um aber Personalkosten einzusparen oder aber, weil die Einstellung eines Rabbiners die zur Verfügung stehenden Personalkosten komplett ausschöpft, wurde dem Chasan gekündigt und Dr. Navon mußte als Rabbiner die Aufgaben des Chasans mit übernehmen. Und dadurch kam es zu echten Problemen mit den Teilen der Gemeinde, die regelmäßig Kabbalath und Shacharit besuchen. Der Minhag Bochum ist seit Jahrzehnten orthodox orientiert, Dr. Navon sang aber nach liberal reformiert orientiertem Nussach. Die Konsequenz war, dass der Minjan in Bochum immer knapper wurde und dann Dr. Navons Anstellung nach einem Jahr endete.
    Das hätte so nicht passieren müssen, wenn sich der Vorstand stärker für die Bedürfnisse der verschiedenen Zielgruppen der Gemeindemitglieder interessieren würde. Denn eigentlich wäre eine Kombination eines liberal-reformierten Rabbiners mit einem orthodox orientierten Chasans oder Kantor für die Struktur der Bochumer Gemeinde optimal und auch zukunftsweisend gewesen.
    Tja, jetzt ist das Kind leider in den Brunnen gefallen, sowohl für die Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, bei der seit dieser unausgegorenen Personalentscheidung immer noch die Besucherzahlen bei Kabbalath und Shacharit stagnieren,
    vor allem aber für Dr. Navon und seine Familie.
    Wenn der Vorstand der Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen das Konzept von Zedek und Zedaka auch nur in seinen Grundzügen verstanden hat, wäre es das Mindeste, Dr. Navon und seine Familie dadurch vor einer Abschiebung zu bewahren, dass man ihn jetzt kurzfristig, bis er in der Lage ist, sich eine von der Gemeinde unabhängige Existenz aufzubauen, mit einer halben Stelle als Rabbiner oder meinetwegen auch Melamed wieder einstellt.

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  3. Wie, „abgeschoben“? Als Israeli? Bürger eines von acht in Deutschland „privilegierten“ Staaten? Ich hatte hier auch schon beruflich schwierige Zeiten gehabt, dabei zwar alle drei Monate zur Ausländerbehörde gemusst, aber immer ein neues Papier bekommen.

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  4. Nun, hinter der Abschiebung selbst verbirgt sich wahrscheinlich nicht mal ein Politikum, geschweige denn politischer Wille. Da mittlerweile die Kommunen selbst aus ihren Mitteln für den Unterhalt von „Ausländern“ mit Aufenthaltsgenehmigung aufkommen müssen, wenn diese das nicht aus eigenen Mitteln können, und die Kommunen sehr klamm sind, besonders Bochum, ist man mit Abschiebungen schneller zur Hand. Und da es sich bei Dr. Navon nicht nur um eine Einzelperson handelt, sondern im eine komplette Familie mit drei Kindern, wird man da auch noch schneller zur Hand sein als bei einem alleinstehenden Junggesellen. Wahrscheinlich könnte man mit einer öffentlichen Solidaritätscampagne in Bochum die Abschiebung sehr schnell verhindern, nur wer sollte die organisieren und wer unterstützen? Dr. Navon ist seit zwei Jahren nicht mehr im öffentlichen Bochumer Leben präsent, die Gemeinde wird sich auf politisch öffentlicher Ebene tunlichst da raus halten und die liberale Gemeinde in Unna wird kaum eine Campagne in Bochum durchfechten können.
    Bleibt also nur die Alternative, dass entweder die Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen einen ausreichenden Unterhalt durch eine Wiederanstellung in welcher Form auch immer gewährleistet, oder dass sich eine gute solvente Seele findet, die für das Aus-Amt nachweisbar für den Unterhalt der Familie Navon aufkommt. Da ist jetzt schlicht und einfach direkte Zedaka gefragt.

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  5. So, hier noch mal der Artikel:
    „Rabbiner droht Abschiebung
    Bochum. Dr. Moshe Navon, von 2007 an für ein Jahr lang Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Bochum, Herne und Hattingen, soll abgeschoben werden. Er wurde aufgefordert, bis zum 15. August Deutschland zu verlassen.

    [Sorry. Text musste aus urheberrechtlichen Gründen gekürzt werden.]

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  6. Der Text ist wieder da, unter anderer URL. Natürlich wurde das im Beitrag oben korrigiert 😉

    Erstaunlich und bemerkenswert finde ich, dass die liberalen Gruppen, die er betreut bisher nicht öffentlichkeitswirksam auf den Fall aufmerksam gemacht haben; sondern die Lokalpresse sich darum gekümmert hat.

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  7. Fassen wir mal die Fakten zusammen: Ein Auslaender – sogar ein Rabbi und Israeli noch dazu, zwei Qualitaetssiegel, die ihn nach herrschender Meinung offenbar gleich auch als ‚Gutmenschen‘ ettiketieren – wird aufgefordert, bis zum soundsovielten des Monats Deutschland zu verlassen, da er nach einem Jahr keine Anstellung mehr hat und dem Sozialstaat nicht auf der Tasche liegen soll! Ja und? Ist doch voll ok so! Oder?

    Ich koennte mich jedenfalls darueber nicht weiter ereifern, denn die Welt hat schon weitaus bedeutendere Ereignisse schadlos ueberstanden. Die Amis haben z.B. den ersten schwarzen Praesidenten, in Deutschland ist eine Ossi-Dame Kanzlerin geworden und Euer Aussenminister lebt gluecklich in einer Homo-Ehe; haette vor 30 Jahren auch niemand fuer moeglich gehalten (habs mal so in dieser Formulierung irgendwo gelesen)! Trotz alledem ist die Welt auch nicht untergegangen und so wirds ebenfalls mit dem Rabbi sein.

    Soll er doch – Rabbi hin, Rabbi her – bei irgendeiner Firma anheuern, mit Ivrith und Russisch duerfte er ein gefragter Mann sein – koennte ich mir gut vorstellen. Dann haette er sein Auskommen, laege niemandem auf der Tasche und kann sogar – wenn ich recht orientiert bin – nach 8 Jahren einen deutschen Pass beantragen.

    Wenn sich jemand mal richtig darueber aufregen will, wie in anderen Laendern mit Auslaendern umgesprungen wird, der moege doch bitte mal bei uns in der Schweiz vorbeischauen. Gerade im Moment im Moment wird lustig am Stuhlbein eines israelischen Chabad Rabbis – der ohnehin eine Witzfigur ist – rumgesaegt, da diese Flasche es auch nach werweisswievielen Jahren bei uns Eidgenossen nicht hinkriegt, nur einen einzigen deutschen Satz halbwegs fehlerfrei zu formulieren. Aufregen tut sich darueber bei uns niemand! Dass er waehrend seines ‚Gastaufenthalts‘ (!) bei der Gelegenheit gleich noch ein paar Blagen in die Welt gesetzt hat, spielt in der oeffentlichen Meinung aber sowas von keine Rolle. Und die Juden hierzulande stossen froehlich mit ins gleiche Horn, nachdem die Nicht-Juden in den Behoerden gewissemassen das Eis gebrochen haben (‚unzureichende Integrationsbereitschaft‘ heisst das bei uns!) Lebendiges Judentum in der vorbildlichsten Demokratie der Welt! 🙂

    Shalom!

    Miles

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  8. Aufregen oder ereifern? Nein. Die Geschichte, so traurig und existentiell sie für Dr. Navon und seine Familie auch ist, spricht eher Bände über das Selbstverständnis und „Geschäftsgebaren“ der jüdischen Gemeinden hier in der Region. Bochum-Herne-Hattingen als Zentralratsgemeinde stellt ihn, obwohl es aufgrund der Struktur der Gemeindemitglieder offensichtlich eine Fehlbesetzung ist ein, kündigt ihm nach einem Jahr aus diesem Grund.
    Perusch in Oberhausen und bei der jüdischen Gemeinde haKochaw e.V. in Unna nehmen danach seine Dienste in Anspruch, sehen sich aber nicht in der Lage, ihn dafür soweit entlohnen, dass er in der BRD eine Aufenthaltsgenehmigung erhält, und verweisen auf ihre mangelnde Förderung aus den Landeszuschüssen, weil sie keine Zentralratsgemeinden sind.
    Bleibt unterm Strich, es wird Zeit, dass die Jüdischen Gemeinden im Ruhrgebiet, alle, endlich dazu übergehen, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, dementsprechend zu wirtschaften und zu planen. Denn sonst wir das ganze zu einer Luftnummer zugunsten der Geschäftsführer der zentralratsorganisierten Gemeinden auf dem Fundament des schlechten Gewissens, die aber auf Dauer zwangsläufig im Verschwinden aller Gemeinden endet.

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  9. eigentlich muß jeder “ gleich“ vor dem Gesetz behandelt werden, ob Rabbiner, Pastor, Arbeiter, Arbeitsloser, reich oder arm, etc. nnun habe ich den Eindruck, daß die Moslems oft besser sogar als die Deutsche behandelt werden, aber ich kenne nicht den Grund. In ganz Europa machen sich die Moslems stark und die Jugendliche Gemeinden haben anscheinend keine Mut sie zu verschieben.
    In der Praxis sollte ein Rabbiner mit seinem Geist die Lage akzeptieren und im Gebet Gott fragen, welcher Weg zu ghen ist, mit welche Mittel, ect. Gott ist der Allmächtiger, sein erste Name ist: Liebe und ER ist gerecht, ER löst Lebensprobleme!
    Cohen-ann

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  10. Ups! ich habe beim ersten Kommentar einen Fehler gemacht:
    “ In ganz Europa machen sich die Moslems stark, und die Jugendliche dieser Religiosngruppe, oft Araber, Pakistaner, Kurden, sind kriminalisiert. Die Gemeinden in Deutschland haben anscheinend keiner Mut, nach dem geltenden Gesetze abzuschieben“
    cohen-ann

    Antworten

  11. „alle vor dem Gesetz gleich … Muslims mitunter besser behandelt …“

    Tja, liebe Anna, da hast Du den Nagel aber voll auf den Kopf getroffen! Na klar, in ganz Europa geniessen Muslims, gewissermassen mit so einer Art ueberzogener Ruecksichtnahme auf deren Gefuehle, eine ausgesprochen privilegierte Sonderstellung. Da muesste es eigentlich jedem Katholiken einen Schauer ueber den Ruecken jagen; ich als Jude – und damit natuerlich auch Minderheit – kann darueber nur noch fassungslos den Kopf schuetteln.

    Shalom!

    Miles

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  12. @ Cohen Anne & @ Miles: Ihr schreibt oder bezieht Euch auf: „habe ich den Eindruck, daß die Moslems oft besser sogar als die Deutsche behandelt werden“
    Habt Ihr dafür konkrete Belege?
    Und, ich verstehe nicht genau, warum ihr vom Fall Dr. Navon ausgerechnet die Brücke zu den Muslimen schlagt. Gibt es da einen direkten Zusammenhang?

    Antworten

  13. Ich finde es auch komisch, dass Abertausende ****ischer Taugenichtse grundlos „geduldet“, d.h. de facto mit unser aller Steuergeld finanziert werden, während der deutsche Staat ausgerechnet bei einem Rabbiner plötzlich so mutig wird. Naja. Aber das spricht natürlich nicht so sehr für den Rabbiner, sondern eher gegen den deutschen Staat.

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  14. SG:
    Beweise oder Belege?
    Nun ja, fuer Deutschland kann und will ich natuerlich nicht sprechen, fuer die Schweiz haette ich dafuer schon massenhaft Beispiele – aber das wuerde den Rahmen hier wirklich sprengen.

    Die Bruecke zu Muslimen?
    Hmm, wuesste ich eigentlich nicht; muesste Anne aber beantworten koennen. Das Anspiel kam von ihr, ich habe einfach nur den Ball aufgenommen. 🙂

    Shalom

    Miles

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  15. Das grenzt schon einer Menschen Feindlichkeit, gegenüber der Schöpfung Gottes. Ihr die Juden, die Ihr das Gute im Menschen zeigen sollt und die Güte Gottes nicht im Geringsten anzweifeln sollt tut es trotzdem. Ihr seid mit Sicherheit nicht Besser und Intelligenter als andere Menschen und seit nicht Privilegiert solche Äußerung über andere auszusagen. Euer Gleichnis ist Hochmut und dann kommt der Fall. Erklärt mal bitte? Wann hat Gott der erhabene erlaubt jemals hochmütig zu sein? Und sich von der Masse sich zu erheben, sich als etwas Bedeutendes zu betrachten und deinen Bruder als nichtig zu sehen. Im Sinne der Menschlichkeit ist es Beschämend und erniedrigend zugleich wenn man als nicht Jude diese widerwärtige Äußerungen zu sehen wie Ihr über Menschen redet die Ihr nicht einmal kennt und dann noch ohne Ihre Anwesenheit schlecht redet. Ich habe gehört es ist dem Menschen nicht erlaubt schlechtes zu reden wie es im Qurn heißt, Der Qurn nichts neues, sondern eine Erfrischung zu dem, was ich euch zuvor entsandt habe. Eigentlich wollte ich mich nachdem Talmud und der Thora informieren darauf bin zu diesem Forum hier gestoßen. Ihr seid nur Beleidigend und es hält jeden davon ab den glauben Gottes anzunehmen so wie Ihr hinterher zieht. Was hat das mit glauben zu tun, ich sage es euch nichts.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ja ich bin ein Moslem

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  16. „Ihr das Gute im Menschen zeigen sollt und die Güte Gottes nicht im Geringsten anzweifeln sollt tut es trotzdem.“

    Sorry, aber leider sind auch wir Juden nur ganz normale Menschen mit den üblichen, allseits bekannten proletarischen Dachschäden! Und natürlich sind wir weder ‚besser‘ noch ‚intelligenter‘ als ein Katholik oder Muslim! 🙂 Ist doch ganz klar, oder?

    Shalom!

    Miles

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