Jul 01 2009

Judentum und Christentum

von Chajm 21:51 unter Buch, Jüdisches, Seforim

Der Jüdisch-Christliche Dialog hebt heute (aus gutem Grunde) in der Regel Gemeinsamkeiten hervor und vielfach wollen Christen ihre eigene Religion über das Judentum erschließen. Diesem Bedürfnis wurde in jüngster Zeit vielfach Rechnung getragen, so wurde etwa die christliche Bibel durch jüdische Autoren ausgelegt und die eigentlich jüdischen Lehren darin herausgearbeitet. Das führte häufig auch dazu, dass man schrieb, was die Leser gerne lasen und diskutierte Themen, die eher gefälligerer Natur waren. Titel wie Er predigte in ihren Synagogen oder Der Jude Jesus bedienten ein christliches Publikum. Letztendlich führt das zuweilen zu einer sehr schiefen Wahrnehmung, wenn man die gleichen Begriffe verwendet, aber sie unterschiedliche Bedeutungen haben. Gesetzesreligion? Synagoge und Kirche? Versöhnung und Erlösung?
Dabei gibt es grundlegende Unterschiede der beiden Religionen die man sich verdeutlichen muss, wenn man in den Dialog tritt. Rabbiner Max Dienemann, hat diesen Unterschied in seinem 1919 erschienenen Buch „Judentum und Christentum“ herausgearbeitet. Er sieht den Hauptunterschied im Menschenbild der jeweiligen Religion.
Als Verteter eines traditionsorientierten, gegen die Assimilation gewandten, Judentums, erklärte er ganz klar, wo die Grenzen zwischen den Religionen liegen und wie viel eigener Wert im Judentum liegt.
Rabbiner Dienemanns Werk hat heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt und ist eigentlich Grundlage für jüdisch-christlichen Dialog.
Da dieses Buch nur noch antiquarisch erhältlich ist, habe ich eine Ausgabe verfügbar gemacht:
Buchvorschau und Kaufmöglichkeit gibt es hier.

8 Kommentare

8 Kommentare to “Judentum und Christentum”

  1. Yoav Sapiram 1. Juli 2009 um 23:03 1

    Der Hauptunterschied ist bei alledem ganz einfach: Das Christentum ist eine Religion, das Judentum hingegen keine. Im NT steht der Mensch als Einzelperson im Mittelpunkt, im AT ein Volk. Man vergleicht hier nicht einmal einen Apfel mit einer Birne, sondern einen Apfel mit einem Stuhl.

  2. Shabbes-goiam 1. Juli 2009 um 23:53 2

    @Yoav: Na ich seh´s genau andersherum! Das Judentum ist eine Religion für ein Volk, und da kann sie funktionieren. Wenn man aber aus dieser Religion eine für die ganze Menschheit machen will, kann es nur in die Hose gehen.

  3. Chajmam 2. Juli 2009 um 00:03 3

    @Yoav: Tjaha. Da haben wir es schon. So einfach ist es nicht. Es geht um das Menschenbild bei Dienemann und dass es im Judentum und im Christentum eben nicht gleich ist. Dein Argument ist nur ein anderes, aber kein ausschließliches. Wohingegen natürlich die Einzelperson davon profitiert, wenn eine Gesellschaft die Welt verbessert.
    Man kann also durchaus einen Apfel beschreiben und dann einen Stuhl und die Menschen werden sehen, dass es da nichts gemeinsames gibt. Na gut, beides sind immer noch Entitäten… Genau das ist ja der Sinn der Übung – zu erkennen, wo es nicht passt…

  4. Yoav Sapiram 2. Juli 2009 um 10:57 4

    @ Chajm: Und was ist mit dem Menschenbild von, sagen wir mal, sozialistischer Juden? Kann man überhaupt von “dem” Menschenbild “des” Judentums reden, als ob alle Juden sich zur selben Weltanschauung bekennen würden?

    Natürlich kann man auch im Christentum schwer verallgemeinern (wobei ich hier notabene nicht behaupte, dass Dienemann in puncto Christentum unzulässigerweise verallgemeinern würde), aber da das Christentum in welcher Ausprägung auch immer doch eine (religiöse) Weltanschauung ist, kann man sich fragen, was für ein Menschenbild darin vermittelt wird.

    Die Frage hingegen, was für ein Menschenbild im “Judentum” bzw. im jüdischen Denken vermittelt wird, wo Juden sich im Laufe der Geschichte doch so viel Entgegengesetztes einfallen ließen, finde ich genauso tragfähig wie die Frage, was für ein Menschenbild das Deutschtum enthält, als ob Ernst Thälmann und Alfred Rosenberg sich zu ein und derselben Weltanschauung bekannt hätten.

    Da wäre es m. E. besser, vom Rabbinismus bzw. Rabbinertum zu reden, oder vom Menschenbild des Pentateuchs, oder von dem der Propheten etc., je nachdem, was man genau erfahren möchte.

  5. Chajmam 2. Juli 2009 um 11:13 5

    Heute kann man wohl nur noch vom Menschenbild der Torah, des rabbinischen Judentums, des orthodoxen Judentums (aber auch da gibt es ja Untergruppen), des liberalen Judentums (auch da gibt es keine einheitliche Haltung – heute), des humanistischen Judentums etc. sprechen. Juden die überzeugt sind, mit ihrer Auslegung auf dem richtigen Pfad zu sein, werden aber dennoch vom Judentum sprechen, wenn sie ihre Sicht darlegen und erklären. Zeitgenössische Werke gibt es in vielen Sprachen, die das „Judentum“ erklären. Also kann es auch vorkommen, dass ein liberaler Rabbiner und ein orthodoxer Rabbiner ein Buch namens “Judaism” veröffentlichen und vollkommen verschiedene Dinge erklären. Der Kontext kann da helfen.
    Max Dienemann erklärt das in einem Artikel zum liberalen Judentum selber:

    „Liberales Judentum ist eine bestimmte Seelenhaltung, von der aus man das Gesamtphänomen Judentum begreift und in die Wirklichkeit zu übertragen versucht.
    Daraus folgt, dass es eine jüdische Frömmigkeit eigner Art und Prägung ist, die sich nicht als orthodoxes Judentum minus einzelner Glaubenssätze und Handlungen darstellt.
    Es folgt ferner daraus, dass es sich selbst nicht als eine Partei im Judentum erfasst, sondern von dem Bewusstsein getragen ist, Judentum in der Fülle seiner Idee und Aufgabe zu verwirklichen.“

    Wenn wir, in Abgrenzung zu sozialistischen Juden, von Torahjudentum reden wollten, also eines, welches auf die Torah und den Talmud etc. referenziert, würde das heute die abgrenzende Selbstbezeichnung orthodoxer Gruppen treffen…

    Dienemann entwickelt in seiner Darstellung also eine mögliche Konzeption – jüdische Leser mit entsprechendem Hintergrundwissen werden das vielleicht abstrahieren können…

  6. Shabbes-Goiam 20. Juli 2009 um 22:10 6

    Boah, siebzig Seiten. 10 Seiten mehr und man könnte es als Zumutung an Blogleser auffassen. Aber grundsätzlich sehr spannend. Waren anscheinend doch andere Zeiten damals, wenn sich Dienemann so klar, beredt und vor allem souverän vom Christentum absetzt.
    Hier ein paar Einsprengsel und Gedankenfürze zu Stellen der ersten Hälfte, die mir irgendwie in´s Auge gesprungen sind:

    Dienemann Seite 5″
    so wahr ist es auch, dass man sich in den beson-
    deren Geist jeglicher Religion hinein fühlen, sie in ihrer
    Geschlossenheit begreifen und in ihrer Eigenart erleben
    muss, wenn jeder in seiner Religion diese letzten und
    höchsten gemeinsamen Endziele finden soll.”
    Das ist ja ein sehr frommer Wunsch, und eigentlich in sich sehr schlüssig, aber nicht realisierbar. Die meisten Gläubigen schaffen es doch meistens nicht einmal,sich mit der eigenen Religion dezidiert und gleichzeitig dann im zweiten Schritt auch noch notwendigerweise abstrahiert auseinanderzusetzen.
    Außerdem, wieviele Religionen gibt es auf der Welt ?
    Soll man sich in deren aller Geist hineinfühlen ?

    Dienemann Seite 6:
    ” Innerhalb der jüdischen Kreise hat sich infolge
    der vielfachen auf das Judentum gerichteten Angriffe fast
    alles Interesse in der Verteidigung erschöpft, so dass man
    nur selten Gelegenheit fand, positiv die besondere Art der
    jüdischen Ideenwelt hervorzuheben.”
    Hinzukommt, dass einige heute als fundamental jüdische gewertete Ansätze eigentlich Reaktionen auf das Christentum bzw. auf dessen Angriffe auf das Judentum sind.
    Wieweit sind die Messianischen Aspekte im Talmud Reaktionen auf das Christentum ?
    Oder schlicht und einfach Kippa! Ist das Tragen einer Kippa nicht die jüdische Gegenreaktion auf das Entblößen des Hauptes bei Christen, wenn sie eine Kirche betreten ?

    Dienemann Seite 11:
    ” Mit aller Schärfe ist diese ganze Lehre in den Briefen des
    Apostels Paulus ausgesprochen, so im Briefe an die Römer:
    „Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleische,
    wohnet nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbrin-
    gen das Gute finde ich nicht….”
    Wie wahr, wie wahr, vorallem wenn man bedenkt, dass Paulus eigentlich Pharisäer und hyperorthodox war, bevor er anfallartig zum Christentum übergetreten ist,
    Vorallem aber auch dadurch, dass es sehr stark Paulus zu verdanken ist,
    dass sich das Christentum aus dem Status einer jüdischen Sekte vom Judentum abgespalten hat und darin dann die Wurzel des Antisemitismus liegt.

    Dienemann Seite 12:
    “Notwendigkeit und Unentbehrlichkeit der Person Christi, des
    Erlösers, und seiner Sendung aus der Überzeugung: von
    der religiösen und sittlichen Unzulänglichkeit des Men-
    schen. Nun kann man ja allerdings den auf den ersten
    Blick sehr berechtigt erscheinenden Einwand erheben:
    Ist denn das alles noch eine dem heutigen christlichen Bewusstsein eingeschriebene Anschauung?
    Ist denn das noch der Glaube, der die gesamte Christenheit umfasst?”

    Na diese Frage würde ich doch dann gerne an “unseren” Benedikt und die Klerikalen weiterleiten.
    Anscheinend war das Christentum zu Dienemanns Zeiten weiter als heute.

    Dienmann Seite 14/15:

    “”Wir treten“,
    so hat es Guttmann klassisch formuliert, „wir treten in
    das Leben ein in der vollen Reinheit und Ursprünglich-
    keit unseres gottentsprungenen Wesens, als ob wir das
    erste Menschengebilde wären, das aus Gottes Schöpfer-
    hand hervorgegangen ist. Jeder Morgen, zu dem wir er-
    wachen, lässt uns zu neuer Gottesebenbildlichkeit erste-
    hen und kann für uns zum Ausgangspunkt eines neuen,
    alle Irrungen der Vergangenheit überwindenden Lebens
    und Strebens werden.“ ”
    Na ja, wenn ich mit mal den Lau ziehe und ein paar Blicke reinwerfe,
    stimmt das sogar für die morgendlichen Segenssprüche,
    aber dann bei der Shacharit und der Anlehnung an die Opferung Isaaks,
    hat man in Sachen Gottesähnlichkeit schon so seine Zweifel.
    Es sei denn, Adoshem wäre genau wie Abraham bereit, seinen Sohn zu opfern, und da würde sich dann ja wieder die Katze in den Schwanz beißen, wir wären wieder beim Christentum.

    Dienemann Seite 19/20:
    “Umgekehrt ist bei dem Juden der Ausgangspunkt aller Fröm-
    migkeit: zu fühlen, dass er mit der Kraft zu sittlichem
    Handeln begabt ist, und wie er durch seine Tat sich und
    seine Nachwelt emporsteigern kann und emporzustei-
    gern verpflichtet ist. Die jüdische Frömmigkeit erhält ihre
    eigene Note durch das stete Anknüpfen an die Kraft des
    Menschen, sodass man es geradezu als die Erziehungsme-
    thode des Judentums bezeichnen kann, das Können des
    Menschen zu verdoppeln und seinen Willen anzuspan-
    nen, indem man ihm fort und fort seine Stärke predigt
    und ins Bewusstsein hebt:”

    Dahinter kann sogar ich stehen, obwohl ich apikoir bin.
    Ein grundlegender Ansatz, mit dem man die Welt etwas menschlicher gestalten kann.

  7. Shabbes-Goiam 23. Juli 2009 um 10:47 7

    Hier noch ein Artikel aus dem Forward als Ergänzung zum Dienemann.
    Der Zusammenhang liegt nicht vordergründig auf der Hand,
    liegt aber für mich im Aspekt des säkularisierten Hakodeschen als liberaler
    Grundzug, der eine echte Bereicherung sein kann, wenn man die eigentlichen Wurzeln nicht kappt sondern neu definiert: http://forward.com/articles/110372/

  8. Shabbes-goiam 27. Juli 2009 um 20:15 8

    Ich kämpfe mich gerade durch den Kizzur Schulchan Aruch, wobei es kämpfen nicht eigentlich trifft, es ist eher eine Mischung aus Irritation und Faszination, aber schon ganz schön anstrengend .
    Na ja, und ich muß sagen, dafür das Dienemann das Konstrukt der Erbsünde für das Judentum ablehnt, ist der Kizzur Schulchan Aruch schon sehr gespickt mit Anweisungen zur Verunreinunigungsvermeidung, die eine sehr große Affinität zum Begriff der Sünde haben.

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