Jan 30 2009
Die Peres und Erdogan Geschichte
Bevor das wieder hochgekocht und umgedeutet wird, hier mal die Geschichte zum anschauen. Die Türkei galt und gilt als Freund Israels und deshalb hat der Vorfall anscheinend nichts an den Beziehungen beider Länder verändert, wie die Jerusalem Post schrieb (hier). Was war passiert?
Auf einer Debatte über den Krieg in Gaza beim Weltwirtschaftsforum in Davos sprachen verschiedene Vertreter über ihre Sicht des Konflikts. Bei der Rede von Peres wurde immer wieder applaudiert, auch nachdem dieser Erdogan frug, ob dieser Raketen auf Istanbul dulden würde.
Dieser wollte dazu Stellung beziehen, fühlte sich jedoch durch den Moderator benachteiligt und rauschte davon.
Das ist die Geschichte. Mehr nicht und nicht weniger…
11 Kommentare






Diese Türkei verhält sich aber nicht mehr wie die Türkei vor 10 Jahren. Mit Erdogan ist sie auf dem schleichenden Weg in Richtung islamischer Fundamentalismus. Wie lange es noch Freund bleibt, weiß ich nicht. Erdogans Kommentare sind jedenfalls inakzeptabel.
Man sollte das Video zeigen, bevor irgendwelche Personen auf die Idee kommen zu behaupten, dass sei Protest gegen den Gazakrieg im Allgemeinen gewesen. Ohnehin eine „Glashaus-Stein“ Situation für Erdogan, wenn er fragt, ob Peres das fünfte Gebot kenne. Immerhin ist der Umgang mit der kurdischen Minderheit ja auch nicht der zimperlichste…
Nun ja der Moderator war ja echt unfähig die Situation zu managen. Erdogan war im Nachteil, Peres hat eine halbe Stunde gesprochen. Da ist es nachvollziehbar, das Erdogan auch mal was sagen möchte. Aber das Verhältnis beider Staaten wird deswegen nicht beschädigt, das glaube ich nicht.
@Simon
Ja das ist ein ziemlich weitverbreiteter Allgemeinplatz das die Türkei immer islamisiert wird. Das schreiben die vielen Journalisten auch schön oft voneinander ab, aber deswegen ist es nicht richtiger. Das was du als Islamisierung nennst, ist einfach der Tatsache geschuldet, das religiöse Menschen einfach mehr in die Öffentlichkeit treten, die vorher verborgen waren. Das wird jetzt mehr wahrgenommen. Es gibt nicht mehr religiöse Menschen nur weil die Erdogan-Regierung an der Macht ist. Es geht um Wahrnehmung.
@Serdar Ich hatte den Eindruck das Peres zu Beginn der Diskussion recht stumm war und Erdogan viel Zeit hatte, seine Punkte zu bringen. Dass es dann nicht richtig ist, die Diskussion einfach abzuwürgen: geschenkt. Aber einige Sätze ist er ja dennoch noch losgeworden. Außerdem sitzt Peres ja dort gegen Drei – ausgeglichen ist eine Diskussion so nicht.
Vorher wurde kein “religiöser” Politiker gewählt, richtig? Dann hat es in diesem Sinne eine Veränderung gegeben. Auch, dass die “religiösen” Menschen in Erscheinung treten und eine langsame Zurückführung des Laizismus offenbar gewünscht ist, ist doch eine klare Veränderung. Das Problem ist, dass es dabei nicht nur um Religion geht sondern um eine zumindest potentiell radikale Interpretation religiöser Schriften.
Also vorher wurde schon ein religiöser Politiker gewählt, einer war sogar Premier. Das war Erbakan. Allerdings haben das Militär und der staatstragenden Bürokraten daran gearbeitet, das diese Regierung gehen musste. Natürlich hat auch diese Regierung auch einiges an Fehler gemacht, für die sie man hätte abwählen sollen.
Nun religiöse Menschen sind schon immer da gewesen (und damit meine ich nicht nur muslimische) und wenn der Anspruch einer Demokratie ehrlich ist, dürfen sich auch noch so “unbequeme” Menschen zeigen. Das sie nicht in das Bild des nationalistischen Kemalisten passen, der gerne Religion aus der Öffentlichkeit weghaben möchte (sondern nur die möchte, die er auch kontrollieren kann), ist das deren Problem.
Und ehrlich gesagt hab ich den Eindruck, das du keine Ahnung vom Laizismus türkischer Prägung hast. Streng genommen gibt es so einen Laizismus auch nicht, es ist eine schlecht Kopie der französischen Laizismus. Das ist auch der Grund warum überhaupt andere nicht-muslimische Gruppen so restriktiv gehandhabt werden. Es ist kein freiheitlicher Laizismus, in der Türkei ist der sogenannte Laizismus selbst eine Ersatz-Religion, die selbst nicht besonders säkular ist.
Übrigens kommt es vor, das säkulare oder Nicht-kemalistische laizistische Denker den Vorwurf des “Anti-laizismus” seitens der Kemalisten bekommen, weil sie diese Version des Laizismus ablehnen und einen europäischen oder angelsächsischen Säkularismus oder Laizismus fordern der auch Menschenrechten entspricht.
Wenn du mit Zurückführung des Laizismus diesen türkischen Laizismus meinst, dann bin ich sogar dabei.
http://www.hagalil.com/archiv/2009/02/01/erdogan-2/
Wie immer ist es sinnvoll sich ein eigenes Bild zu machen. Kaum eine Zeitung berichtet über die gesamte Debatte und kaum ein Journalist überprüft wenigstens mal die von Erdogan beklagten Redezeiten.
Rechnen wir nochmal: 16 Minuten + 3 Minuten Nachschlag ergibt 19 Minuten Redezeit für Erdogan. Mussa hatte 15 Minuten. Zusammen hatten sie also 34 Minuten.
Peres hatte 20 Minuten. Da hat Erdogan ja wirklich allen Grund beleidigt zu sein.
Peres hatte 34 Minuten und Erdogan 19 Minuten. Erdogan kann es ja egal sein, wieviel Mussa gesprochen hat. Schließlich will er ja Peres antworten und nicht den anderen.
Jeder zählt als Individuum, aber das du Mussa und Erdogan zusammenrechnest, ist für mich schon bezeichnend.
Ich schon mal gar nicht, klaro?
Es ist erstaunlich wie ein Vorfall, den jeder, der Zugang zum Internet hat, selbst kontrollieren kann, von zwei unserer Qualitätszeitungen von der Presse und dem Standard geschildert wird…
Medienkonsument Karl Pfeifer berichtet
Die Presse:
“Erdogan wollte auf einen langen Beitrag des israelischen Präsidenten Shimon Peres antworten. Dieser hatte ein flammendes Plädoyer für den Krieg Israels im Gazastreifen gehalten und Erdogan dabei direkt angesprochen. Doch der Moderator der Veranstaltung verweigerte dem türkischen Regierungschef das Wort mit dem Hinweis, dass die Debatte beendet sei.”
Das ist – wie jeder sich überzeugen kann – nicht richtig. Am Podium nahmen außer dem Moderator der UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, der türkischer Ministerpräsident Erdogan, der Generalsekretär der arabischen Liga Amr Mussa und Präsident Shimon Peres an der Diskussion teil. Peres sprach als letzter und stellte Erdogan u.a. die folgende Frage, die Erdogan in Rage brachte: “Was hätten Sie denn getan, wenn jeden Abend Raketen auf Istanbul niedergegangen wären?”.
http://www.hagalil.com/archiv/2009/01/31/davos/
Hier ist das Video dazu:
http://www.haaretz.com/hasen/spages/1060036.html
@Yael
Nun du hast es zitiert und kein Einspruch erhoben. Da gehe ich davon aus, das du dem zustimmst.
Im übrigen können solche Reiberein schon mal zwischen befreundeten Staaten stattfinden. Vielleicht ist dieser Vorfall gar nicht mal so schlecht, könnte ja sein, das das Verhältnis zwischen Israel und der Türkei sogar zum positiven verändert.