Judentum in Deutschland – ein Golem?

Ende Juni sorgte ein Text zur Lage des Judentums in Deutschland für Aufsehen (siehe hier). Rabbiner Baruch Rabinowitz stellt darin seine Auffassung zur Diskussion, dass das Judentum in Deutschland trotz des Wachstums nicht automatisch auch an innerer Stärke gewinnt. Kurze Zeit später kommt das auch in den Kommentaren zu meinem kleinen Verweis auf den Synagogenbau in Krefeld zum Ausdruck. Vermehrt wird angemerkt, dass zwar die materiellen Voraussetzungen geschaffen wurden, aber die inneren Werte fehlen. Oder -um ein sprachliches Bild zu verwenden: Die Hülle ist vollständig und der Golem lebt, hat aber keine Neschume – keine Seele. Zuweilen kann der Golem umherwandern, vollständig ist er jedoch nicht.
Dies trifft auf einige Gemeinden zu, auf andere nicht. Es gibt durchaus Personen, die sich für Dinge einsetzen, die man nicht für Geld kaufen kann: Jüdische Bildung und der Ausprägung eines Gefühls, dass es durchaus Sinn macht, jüdisch zu leben und wofür das überhaupt gut sein soll. Die Erhaltung jüdischen Lebens ist ja kein reiner Selbstzweck. Synagogen kann man kaufen, man kann sogar in diese Kulisse Statisten hineinschaffen (es gibt Gemeinden, die Minjanmänner bezahlen), aber Menschen die kommen, um darin zu beten, kann man sich nicht kaufen. Hieran arbeiten einige engagierte Kräfte – vielleicht nicht genug. Diese Personen kommen übrigens aus allen Richtungen des Judentums.

In seinem neuesten Artikel befasst sich Rabbiner Rabinowitz mit genau jenen Schlüsselfiguren, die eigentlich für die Vermittlung von Judentum primär verantwortlich sind – den Rabbinern. Obwohl ich mich da selber einschränken muss. Für mich sind die primären Verantwortlichen die Eltern von Kindern. Sie sind DIE Schlüsselfiguren für ein Judentum mit Inhalten. Es ist daher etwas verwunderlich, dass es kaum Programme gibt, die auf Leute im Alter zwischen 26 und 45 zielen. Eben jene, die Familien gründen. Zum Text von Rabbiner Rabinowitz geht hier.
Vehement widersprechen möchte ich aber folgender These aus seinem Text:

Ich bin überzeugt, dass es ein fataler Fehler ist, das Judentum aus dem Ausland (ob Israel, USA oder England egal) nach Deutschland zu importieren. Weder Schtettel Judentum von Chabad noch globales Reformjudentum aus den USA, werden die Bedürfnisse der Menschen hier langfristig befriedigen können. Wir müssen von neuem bauen und sollten mit dem Fundament beginnen. Die menschlichen Seelen sind die Bausteine und wenn wir genug mit ihnen arbeiten, haben sie das Potenzial die Steine des neuen, wunderschönen Tempels in Deutschland zu werden. von hier

Ich sehe das nämlich eher als einen evolutionären Prozess.
Nahezu alle modernen Strömungen des Judentums haben ihren Ursprung in Deutschland (mit Ausnahme des Rekonstruktivismus) und wanderten von hieraus in die Welt und begannen dann in den USA zu blühen. In dieser Zeit wurde hier versucht, auch die letzten erhaltenen Triebe des Judentums auszulöschen. Nach der Schoah kehrten die ersten Vertreter wieder zurück, doch die besondere Situation in Deutschland verschob eine Diskussion um Inhalte zugunsten eines reinen Wiederaufbauwerkes. Nun kehrt das Judentum aber von außen wieder zurück in die Gemeinden und Gruppen. Sei es durch Emissäre, oder sei es durch junge Leute, die im Ausland ein vitales Judentum erleben konnten. Aus diesen Grundimpulsen könnte sich etwas entwickeln, wenn man es zulässt und es fördert. Dies gilt für das Chabadjudentum (was ich nicht für Schtetljudentum halte- das trifft wohl eher auf die Vertreter des nicht-observanten orthodoxen Judentums zu), als auch für die Reformbewegung. Brauchen wir da wirklich etwas originär Neues? Und heißt es nicht in Kohelet Es ist nichts neues unter der Sonne (1:9)?
Entwicklungshilfe bedeutet nicht Übernahme. Es ist eine Hilfe zum Start…

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

124 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. > Und ich arbeite immer noch an meiner Theologie.

    Diese Formulierung erscheint mir schon sehr aufschlussreich.
    Den klassischen jüdischen Quellen ist nicht nur
    der Begriff Theologie fremd, sondern sogar das Konzept.
    Wir fragen doch nicht:
    „Welche Rolle spielt G-tt in der Welt?“
    That’s a given.
    Wir fragen vielmehr:
    „Was sagt G-tt über die Aufgabe des Menschen in der Welt?“

    > I always learned that Judaism primarily is not
    > what you believe in, but what you do.
    > Emphasize on belief was actually the Christian thing.
    > Naase WeNischma, says the Torah.

    Soweit einverstanden.

    > So actually a Jew is kosher as long as his conduct is ok
    > and he lives according to Halacha
    > doesnt matter what he/she believes in.

    Diese Schlussfolgerung teile ich sicher nicht.
    Etliche der Mitzwoth beziehen sich durchaus auf die
    innere Gedankenwelt, angefangen mit den ersten
    beiden am Sinai (beyn Odom leMokom)
    und dem zehnten (beyn Odom lechaveiro)
    Und es gibt durchaus auch einige klassische Sforim,
    die sich mit Machschowo und Haschkofoh beschäftigen,
    beispielsweise
    http://en.wikipedia.org/wiki/Chovot_ha-Levavot

    YM

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  2. „die wirklichkeit hat mir etwas anderes gezeigt. es gibt in den gemeinden einen hunger nach jüdischer ausbildung, einen wunsch, jüdisches leben aktiv mitzugestalten – ein bedürfnis, teil von dem werden, was man ein neues jüdisches leben in deutschland nennen könnte.“

    @adi

    diese Erfahrungen mache ich in letzter Zeit auch vermehrt. Vor allem fällt mir auf, dass Frauen ein dringendes Bedüfnis nach einer jüdischen Ausbildung, nach Schiurim etc. haben. Früher war dies nicht in dem Maße vorhanden. Aber leider fehlt es an gut ausgebildeten Rabbinern. Für Berlin mit sehr vielen Gemeindemitgliedern sind drei Rabbiner viel zu wenig. Woran es leider noch sehr mangelt, ist der Wille der Gemeindevorstände jüdisch-religiöses Leben fördern zu wollen. Leider sind die in der Mehrzahl nun nicht religiös und haben daran weniger Interesse. Auch hat das unendliche Hickhack in der Berliner Jüdischen Gemeinde hat das bisher sehr verhindert. Statt sich über religiöse Angebote und anderes zu kümmern, waren sie nur mit sich selber beschäftigt. Ich hoffe, dass diese Zeiten endlich vorbei sind. Aber auch die Angebote von Lauder lassen da sehr hoffen.

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  3. @ Baruch

    Dein Weg ist nicht „jüdisch“.
    Man kann nicht alles und jedes als „jüdisch“ vereinnahmen – auch dann nicht, wenn man halachisch jüdisch ist.
    Du zimmerst Dir gerade eine recht wirre Mischung aus allen möglichen Elementen verschiedener Religionen und Glaubensvorstellungen, gespickt mit einem ordentlichen Schup starken Ich-Bezugs, zurecht. Wer glaubt „Gott hat ihn (Jesus, meine Anm.) auserwählt, jüdischer Messias zu sein, Hohepriester Gottes, der das endgültige Opfer für die Welt bringen“ und dessen „Tod () dann jedoch von Gott als Versöhnungsopfer für alle Menschen angenommen (wurde)“ hat ziemlich an „jüdischer“ Bodenhaftung verloren. Es ist ja nicht Dein Glaube, daß Jesus der Messias sei allein, es sind viele Punkte in den Postings, die stark vermuten lassen, daß Du bereits recht viel Kontakte in die messianische Szene hast (Deine Unterstützung von „Stephi“ ist auch ein Hinweis in diese Richtung).
    Deine Behauptung also, das alles sei schlichtweg „jüdisch“ kann von Juden so nicht akzeptiert werden, bei allem Wissen um und Verständnis für verschiedene jüdische Auffassungen.

    Was mich auf jeden Fall wundert, ist, daß Du so gar nicht bereit bist, auf Fragen einzugehen, die ich Dir gestellt habe. Du beklagst Dich doch an anderer Stelle, daß in Deinem Blog keiner die Kommentarfunktion genutzt hätte. Hier gibt es Kommentare zuhauf, auf die Du aber wenig oder gar nicht eingehst. Woran liegt’s?

    Antworten

  4. @adi

    Die jüdische Gemeinde zur Berlin hat mich drei Mal eingeladen und drei Mal hat es sich gescheitert – zum ersten Mal mit Herrn Meyer, zum zweiten und dritten Mal weil die aus der Synagoge A&B wollten mich nich als Rabbiner für den Synagogen C&D haben. Sie haben 7 Monate lang darüber diskutiert, ob mich für ZWEI Jahre (mit 6 Monaten Probezeit) einzustellen oder nicht . Obwohl Rykerstrt. und Fraenkelufer für mich abgestimmt hatten und ich wurde immer wieder in die zwei Synagogen eingeladen zu amtieren. Die Gemeinde in Belin will einfach keinen Rabbiner haben – ok, nicht dass es vielen Kandidaten gibt. Aber wenn einer kommt, geben sie ihn keine Chance.

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  5. @Matronit

    Hmm, ich habe von Dir noch keine Frage gesehen.

    Stephi ist nicht „messianisch“. Kennst Du sie überhaupt?

    „daß Du bereits recht viel Kontakte in die messianische Szene hast“ – was bringt Dich auf dieser Idee?

    Wenn Du herausfindest wer „jüdisch“ und „Judentum“ definiert, sag mir bescheid. Ich dachte wir haben immer noch keinen Papst. Aber Du vielleicht schon?

    Aber ok, wenn es Dich glücklich macht – ich habe das Judentum verlassen und habe für mich einen neuen Weg gefunden. Und ein Grund dafür ist, dass es viel zu viele Menschen wie Dich im Judentum gibt. B’Schalom, baruch

    Antworten

  6. @ Baruch

    Concerning „Stephi“: manche Leute muß man nicht persönlich kennen, um ziemlich schnell anhand ihres Geschreibes herauszufinden, wo der Dampfer langfährt…

    Was meine VERMUTUNG angeht (ich schrieb „vermuten“, nicht wahr), daß Du Kontakte in die messianische Szene hast, erschließt sich mir aus Deinen Postings. Möge ich unrecht haben!

    Ich habe in jedem meiner Postings eine Frage an Dich gestellt, sowohl hier als auch in dem anderen Strang („Das Judentum hinter sich gelassen“). Du kannst ja noch einmal nachlesen.

    Deine letzten Antworten nun sind leider recht unsachlich und polemisch. Ich würde gerne weiter mit Dir diskutieren, aber laß‘ uns versuchen, auf einer guten Ebene zu bleiben, ohne Polemik und ohne Schmollen – selbst wenn manchmal Dinge angesprochen werden, die unangenehm sind.

    Ich bin wirklich 😉 nicht der Papst, aber Du als in unseren Schriften gebildeter Jude weißt sicher recht genau, daß z.b. der Gedanke, daß Jesus „als Versöhnungsopfer für alle Menschen von Gott angenommen“ wurde, kein jüdischer Gedanke ist und warum.
    Dazu könnten wir z.B. diskutieren.

    Ich ziehe mich vorerst in die Küche zurück und wünsche allen Schabbat Schalom.

    Antworten

  7. @Baruch
    Natürlich habe ich verstanden, dass Du Grenzen abbauen möchtest und ein neues positives Judentum schaffen möchtest, jenseits der bestehenden Bezeichnungen und ich denke, das ist für Dich machbar, da Mitstreiter zu finden und eine Gruppe aufzubauen welche Dich unterstützt. Immerhin wohnst Du in keiner kleinen Stadt.
    Im Augenblick sehe ich aber, dass Du da einer Geschichte nachläufst, die nicht das gewünschte Ergebnis bringen wird.
    Ich denke nicht, dass jede Gruppe die einen freundlich aufnimmt, automatisch inclusive ist. Sich einer missionarischen Ideologie zu nähern, die nicht eben nur inclusive ist, um jemanden in die Gruppe zu ziehen. Wie kann bitte eine Ideologie inclusive sein, die annimmt, man müsse sich ihrer annehmen, weil man sonst unrettbar verloren ist?
    Die schwierige Frage Wer ist Jude? bedeutet nicht als Umkehrschluss Alles ist jüdisch, wo ein Jude drinsteckt. und nicht totale Narrenfreiheit. Ich meine, Du weißt das und es gibt durchaus auch einen jüdischen Weg der inclusive ist. Die Verzweiflung über die eingefahrene Situation kann nicht alleine dafür verantwortlich gemacht werden, dass man sich eine Gruppierung anschließt (oder ihre Nähe sucht) die vollkommen falsche Schlüsse zieht und glaubt, dass niemand Zugang zu HaSchem hat, außer ihre Mitglieder (Keiner kommt zum Vater außer durch mich). War es nicht so, dass wir das eben nicht glauben? Mann muss nicht mal Jude sein, um als Gerechter zu gelten.
    Ein Jude, der einer anderen Religion folgt oder sie annimmt, ist nur in dem Maße jüdisch, als dass er eine spirituelle Verpflichtung behält, zu bereuen und zum Judentum zurückzukehren.
    Noch ein wenig Polemik: Warum war nicht Jacob Frank der Maschiach? Oder der Lubawitscher Rebbe?

    Zudem denke ich, dass wir die Gesprächskultur heben, wenn wir nicht das tun, was wir anderen Leuten vorwerfen Und ein Grund dafür ist, dass es viel zu viele Menschen wie Dich im Judentum gibt. ist kein Satz, der besonders zu einem Dialog einlädt.

    Antworten

  8. Zum mehrfach erwähnten Begriff Grenze:

    1. Es sei daran erinnert, dass dert Wortstamm für „heilig“(???)
    im Hebräischen auch die Bedeutung absondern hat.
    2. Und wie sagen wir so schön am Mozei Schabbes:
    „hamavdil … bein Israel leAmim…“
    (der unterscheidet zwischen … Israel und den Völkern…)
    3. In der vierten Bracha beten wir u. a. für ???? (Binah)
    was gemeinhin mit „Verständnis, Einsicht, Verstand, Klugheit“
    übersetzt wird. Die Wurzel davon ist allerdings die
    Präposition ???, (bein) „zwischen, innerhalb“.
    Präziser wäre demnach Unterscheidungsfähigkeit.
    Dies wiederum ist ähnlich zu ??? (boneh), „bauen, errichten“.
    4. Die Halacha legt Maße für alles mögliche fest,
    zum Beispiel ab welchen konsumierten Mengen
    man welche Brochos zu sprechen hat.

    Man macht sich folglich was vor, wenn man so tut,
    als wäre das Judentum ein Freund von Wischiwaschi.

    YM

    Antworten

  9. > Und wenn wir den Namen Jesus hören,
    > kriegen wir sofort einen tiefen Choke.

    Das hängt wohl mehr mit der Art und Weise zusammen,
    wie seine Anhänger in den letzten 2000 Jahren
    mit unserem Volk umgegangen sind.
    Ich bringe mal nur ein paar Buzzwords:
    Kreuzzüge, Ghetto, Inquisition, …

    > Warum haben wir so viel gegen einen Menschen,…
    > der eigentlich nur über Liebe und Ehrlichkeit gesprochen hatte???

    Man sollte vielleicht noch Sprüche der Kategorie
    „niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh 14,6)
    Das ist aus jüdischer Sicht natürlich völlig unakzeptabel.

    > Ja, es gibt genug ähnlichen Aussagen im Talmud

    Irgendwo muss er es ja herhaben.

    YM

    Antworten

  10. @ Baruch: Jeshua ben Jossef
    So, jenseits jeder Aufgebrachtheit zurück zu des Pudels Kern:
    Jeshua ben Jossef als Jude. Es ist schon witzig, wie man aus dieser Prämisse ganz unterschiedliche Konsequenzen ziehen kann. Dich hat sie, wenn man den Kommentaren hier folgt, an die Grenze des Judentums, aus der Sicht einiger sogar darüber hinausgebracht. Bei mir hat sie dazu geführt, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin und meinen christlichen Glauben abgelegt habe. Für mich war und ist es nicht miteinander zu vereinbaren, dass sich Jeshua ben Jossef einerseits auf die Thora und Adoschem bezieht und gleichzeitig Gottes Sohn sein soll, bzw. der Meschiach. Adoschem ist in der Grunddefinition der, der da ist, der er war, der er sein wird. Als solcher/solches wird er keinen menschlichen Sohn haben. Das passt nicht zusammen. Das ist Griechenland und der Olymp, aber nicht die Thora.
    Außerdem kann Jeshua ben Jossef nicht der Meschiach gewesenen sein,
    denn dann müßte die Welt nach seinem Auftreten komplett anders ausehen, als sie jetzt aussieht.
    An das Erscheinen des Messias sind ja ganz klare Konsequenzen geknüpft und die sind durch das Auftreten Jeshua ben Josefs nicht erfüllt.
    Unterm Strich bleibt Jeshua ben Jossef, wenn es ihn denn wirklich gegeben haben sollte,
    denn es gibt außer den „Evangelien“ keinen einzigen historischen Beleg dafür, was für die Epoche, in der er gelebt und gewirkt haben soll, erstaunlich ist,
    also jemand, der das damalige Judentum reformieren wollte
    und dabei gescheitert ist. Und zwar grundlegend gescheitert,
    denn das dann daraus entstandene Christentum hat mit dem Judentum nichts zu tun,
    Adoschem und Gott sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe.
    So betrachtet ist das Messianische Judentum auch kein Bestandteil des Judentums, sondern einfach eine christliche Sekte bzw. Konfession.
    Aber wie schon weiter oben gesagt, Glauben ist dazu da, den Menschen glücklich zu machen, solange er mit seinem Glauben nicht seine Mitmenschen nicht ins Unglück stürzt.
    In diesem Sinne, viel Masel mit Deinem Messias,
    Git shabbes,
    shabbes goi

    Antworten

  11. @Chaim

    Lieber Chaim, ich glaube ich habe viel genug darüber geschrieben und gesagt, dass ich keinen Weg oder Religion für absolute Wahrheit halte. Ich glaube, dass es unterschiedlichsten Wege gibt – und dass sie alle irgendwo miteinader treffen – wenn man Gott ehrlich sucht. Ich glaube absolut, dass der Weg den Du gehst richtig ist – aber ich glaube gleichzeitig, dass es viele anderen Wege gibt. Mein Weg ist jedoch etwas anderes – er ist ein Weg der Offenheit – ein Weg der Menschen vereint und nicht trennt. Egal ob sie als Juden geboren sind oder nicht. Ich glaube, dass Gott jeden Mensch liebt und ich sehe keinen Grund, warum ich mich von der Menschheit absondern sollte. Und ich weiß nicht wie so Du und andere Menschen hier Evangelien zitieren. Wir interpretiren die Thora, genau so interpretiren wir alle anderen Schriften. Die Frage ist was wir daraus machen. Ich finde es unglaublich, dass Jesus euch immer noch derartig stört. Er war ein Mensch. Ich finde es schön, was er gelehrt hat. Ich finde es schade, dass er getötet wurde. Genau so wurden auch viele andere wunderschöne und heilige Menschen umgebracht – für mich ist das Zeichen, dass wir solchen Menschen nicht würdig sind. Ich glaube dass der Weg ist Barmherzigkeit, Liebe und Offenheit. Und das ist mein Weg. Unser Volk hat sehr viel geliten – ich kann es nicht glauben dass alles was wir daraus gelernt haben ist Abgrenzung und Fremdenhass. Wir leben in 21.Jahrhundert in Deutschland – es muss sich etwas ändern. Ich finde immer noch dass das Judentum eine wunderschöne Religion ist – und ich lebe jüdisch. Aber ich waage mich über die konfessionellen Mauern zu schauen – und dort sind alle Menschen gleich. Schawua tow, baruch

    Antworten

  12. > Ich finde es unglaublich,
    > dass Jesus euch immer noch derartig stört.

    ROTFL
    Ist es nicht in Wahrheit andersherum?
    Unsere Anwesenheit stört(e) die J.-Anhänger.
    Schliesslich haben sie uns verfolgt, nicht wir sie.

    Wir scheinen sehr verschiedene Auffassungen
    vom Universalitätsanspruch von Judentum und Christentum
    zu haben.
    Sie stört der vermeintliche Partikularismus des Judentums
    („ich sehe keinen Grund, warum ich mich
    von der Menschheit absondern sollte“), Sie schätzen scheinbar
    die vermeintliche Offenheit des Christentums.
    Dabei lehren sie doch, dass in die Hölle kommt,
    wer nicht an J. glaubt.

    Desweiteren:
    einerseits:
    > Ich muss zugeben, dass ich lieber in eine Kirche gehe
    andererseits:
    > … und ich lebe jüdisch
    > … Mein Weg ist jüdisch.

    Kein Kommentar.

    YM

    Antworten

  13. Ich muss mich wahrscheinlich schon wieder wiederholen:

    1. ich interpretiere Jesus und seine Worte nicht, wie viele Kirchen es tuen.

    2. Alle Religionen stellen Universalitätsansprüche – auch das Judentum. Deutlicher als in „Aleinu“ kann man das wohl nicht ausdrücken.

    3. Ich stelle jedoch KEINE Universlitätsansprüche noch glaube, dass es irgendeinen Weg gibt, der der einzige und absolut wahre ist.

    4. Historisch gesehen haben wir niemanden verfolgt (was auch nicht stimmt, aber das ist schon sehr lange her) nur weil Gott uns die Gnade gegeben, so klein zu sein wie wir sind. Ich glaube, wenn es nicht so gewesen und wir mehr Macht hätten, würde die Weltgeschichte anders aussehen.

    5. Ich besuche auch gerne anderen Religionsgemeinschaften als nur Synagogen und Kirchen. Und ja, ich gehe sehr gerne in die Kirchen, weil dort viel öfter eine Gebetsatmosphäre herrscht, statt ununterbrochenen Quatschen in viel zu vielen Synagogen. Ich will nicht generalisieren, aber es ist mehr als ein Zufall, dass in unseren Synagogen ein toter Ritus das echte religiöse Leben ersetzt hat.

    6. Ja, ich unterscheide mich wesentlich theologisch von den meisten jüdischen Theologen. Vor allem in was ich in Bezug auf Jesus geschrieben habe. Aber diese Überzeugungen unterscheiden mich jedoch nicht von den anderen in Bezug auf mein religiöses Leben. Mindestens nicht in der Qualität. Wir schließen Menschen wie mich automatisch aus. Dagegen haben wir keine Probleme mit den Rabbis, die homosexuell sind, nicht-koscher essen, und wenn sie sagen dass sie „Reform“ sind, heißt es nichts anderes, dass sie die Thora und die Halacha so interpretieren können, wie es ihnen passt. In der ARK, außerdem, gibt es kaum Rabbiner die von den jüdischen Eltern abstammen. Nicht dass ich damit Problem habe, ich bin derjenige der die ganze Zeit schreit, dass das Judentum eine offene Religion sein sollte und dass vorallem Menschen die einen jüdischen Vater haben sofort in den gemeinden integriert werden sollten. Aber das zeigt trotzdem die Tendenz in dem deutschen Judentum.

    7. Es wäre definitiv hilfsreich, für diejenigen, die meine Gedanken wirklich kennen lernen wollen, meine Texte bis zu Ende zu lesen, dann würden die meisten Fragen, die hier gestellt werden, schon beantwortet gewesen. Also lass Sie das Wort „Jesus“ nicht so abschrecken, dass Sie das Vermögen weiter zu lesen sofort verlieren.

    8. Das Judentum hat leider schon viel zu viele Juden verloren – wie viele Juden sind heute überhaupt religiös – jüdisch meine ich? Sie werden in dem Buddhistischen Tempel oder in der russisch-orthodoxen Kirche wöchentlich mehr ethnischen Juden finden, als am Jom Kippur in der Synagoge. Und ich glaube, wenn das Judentum sich nicht in eine tiefe, spirituelle Glaubensgemeinschaft verwandelt, werden Sie auch unzähligen anderen verlieren. Oder besser – wegjagen. baruch

    Antworten

  14. ad 2: ja, Aleinu hatte ich auch im Hinterkopf,
    als ich das schrieb.
    Natürlich haben wir auch einen Universalitätsanspruch.
    Darum geht es ja schliesslich in der messianischen Hoffnung:
    Dass die gesamte Menschheit den Herrschaftsanspruch
    G-ttes anerkennt.
    Nur haben wir offensichtlich kein Problem damit,
    wenn die anderen unsere Auffassung nicht teilen.
    Die Kirche hingegen hat die Ablehnung des Volkes,
    das ihr Erlöser vermeintlich erlöst hat,
    wenig humorvoll aufgenommen.
    Die Situation ist nicht symmetrisch.

    ad 4:

    ad 5: Das eigentliche Problem ist bereits,
    das viele, falsch inspririert von christlichen Vorbildern,
    Judentum und jüdisches Leben auf die Synagoge
    und den darin stattfindenen GD beschränken.
    Das sind in Wahrheit aber nur 5%.
    95% finden anderswo statt. Siehe auch 8.
    In den Synagogen, die ich besuche, ist es ruhig.

    ad 6: Der Vorschlag bzgl Vaterjuden ist nicht so originell
    wie man vielleicht meinen könnte.
    Das wurde in bedeutenden Gemeinden bereits getan.
    Ich kenne persönlich etliche solcher Fälle.
    Diese Integration hat die betroffenen in der Regel aber auch nicht
    davon angehalten, mit einer Schickse zum Standesamt zu gehen.
    Man sollte sich von der Illusion dieser vermeintlichen
    Lösung verabschieden.

    ad 8: Das Judentum ist bereits ine
    „tiefe spirituelle Glaubensgemeinschaft“.
    Nur verstehen wir unter Spiritualität was anderes
    als die „Buddhisten“ oder die „russisch orthodoxe Kirche“
    oder noch andere.
    Das Judentum hat übrigens schon immer viele verloren.
    Angefangen bereits beim Auszug aus Ägypten.
    Wir glauben eben nicht, dass man Qualität
    mit Quantität ersetzten kann.
    Das sich das „Produkt“ auf dem deutschen Markt nicht verkauft,
    ist sicher keine Schwäche des Produkts.
    „Toire is a gute S’chroire“.
    Es gibt allerdings desorientierte Konsumenten
    und zu wenig und zu schwaches Verkaufspersonal.
    Es besteht aber keine Notwendigkeit, das sprichwörtliche Kind
    mit dem Bade auszuschütten.

    YM

    Antworten

  15. @YM

    Das klingt für mich weniger gefährlich als fanatisch. Ich kenne die hassidische Gemeinschaft – sie meinen, dass sie keinen Menschen brauchen, dass die blöde Goim so wie so zerstört werden und die, die bleiben, werden dem Israel dienen. So sieht das „messianische“ Reich für sie aus. Und als „Goim“ sehen sie auch alle liberalen und konservativen Juden (und haben zum Teil sogar Recht). Ich würde schweigen, was sie über dem deutschen Judentum und den deutschen Juden denken. Aber Sie wissen es bestimmt genau so gut wie ich. Also wenn man wirklich halachisch leben will, sollte man nach Israel, USA oder mindestens UK auswandern. Orthodox gesehen, haben Juden in der BRD nichts verloren. Ihnen ist sicherlich auch bekannt, was für einen Platz die „Gerim“ in dem orthodoxen Judentum haben. Finden Sie einen guten Schidduh für eine deutsche Gioret ;). Stimmt, man betet in der Synagoge 2-3 Mal täglich (angenommen Mincha und Maariw zusammen gebetet werden), Rest der Zeit studiert man die Torah. Die Frauen sitzen zu Hause und kochen. Das ist das orthodoxe Judentum. Stimmt, es kann sehr erfüllend sein und natürlich gibt es ein enormer Schatz der jüdischen Spiritualität. Aber sie wird nur in sehr geschloßeneden Gruppen wirklich gelebt. Wenn man die (richtige) orthodoxe Kinder anseht, wird einem klar, dass diese Gesellschaft in wenigen Jahrzehnten aufhört zu existieren. Das Zeichen der Inzest ist klar. Wenn nicht das neue Blut reinfließt, werden die orthodoxe Juden einfach aussterben. Also die Blutmischung sehe ich eher als eine Lösung und nicht als ein Problem. Außerdem den meisten ist es egal, was Sie und ich darüber denken. Also wenn das Judentum eine kleine Gruppe, die allenb anderen ausschließt und bloß wartet, dass der Messias kommt und dann alle Goim an den Gott Abraham’s glauben werden (obwohl ich frage mich: wenn wir sie sowie so nicht wollen, warum beten wir dass sie zu uns kommen und zusammen mit uns Gott anbeten?) bin ich raus.

    Antworten

  16. Es wurden schon viele Klagegesänge auf das
    bevorstehende Ende des orthodoxen Judentums gesungen.
    U. a. auch von Ben-Gurion.
    Scheint, als hätte er sich geirrt.
    Was Sie für Zeichen von „Inzest“ halten ist eher die Konsequenz
    einer Nichtabtreibungspolitik.
    Anderswo würden Kinder mit gewissen Defekten
    gar nicht erst geboren.
    Es ist allerdings richtig, dass es in der jüdischen Welt
    das erhöhte Risiko von Erbkrankheiten gibt.
    Dem wird mit systematischen Screening-Programmen
    entgegengewirkt.

    Sie scheinen „sich abgrenzen“ systematisch zu verwechseln mit
    „andere ausgrenzen“. Das ist nicht annähernd dasselbe.

    Übrigens gibt es durchaus sehr aktive und erfolgreiche
    Kiruv-Projekte, in Israel, USA, UK, sogar in Berlin (Lauder).
    Und natürlich Chabad.
    Aus persönlicher Erfahrung kann ich bestätigen,
    dass die orthodoxe Welt durchaus offen ist für
    ernsthafte Neueinsteiger.
    Damit sind allerdings nicht Leute gemeint,
    die kommen und ihnen erstmal erzählen,
    was sie alles falsch machen.

    Bzgl auswandern: s. a. mein Beitrag in diesem Thread
    7th August 2008 at 17:56.

    Mir sind durchaus erfolgreiche Schidduchim mit jungen
    konvertierten Frauen aus Deutschland bekannt.
    Observante orthodoxe Gerim sind voll integriert.
    Es gibt sogar (mindestens) einen Rosch Jeschiwe.

    Kein Wunder, dass sie abgestossen sind,
    wenn das oben beschriebene Ihr (Zerr-) Bild
    von „orthodoxem“ Judentum ist.
    Ich (er-)lebe allerdings täglich was anderes…

    YM

    Antworten

  17. @ Baruch

    Ich verstehe nicht, wie man so ein Schwarz-Weiß-Bild aufstellen kann und gleichzeitig für Offenheit und Toleranz werben will… Das widerspricht sich in der Haltung komplett. Wir gehen im Judentum davon aus, daß das Handeln bestimmend ist und nicht das, was jemand als Lippenbekenntnis bringt. Wenn Du offen sein willst für alle, weiß ich nicht, warum Du Dir das observante Judentum ausgesucht hast, um so mit dem Finger darauf zu zeigen. Das entspricht leider einem alten, und gefährlichen Muster und hat mit seriöser Kritik über eventuell bestehende Mißstände überhaupt nichts zu tun.
    Zum Beispiel „Frauen in der Orthodoxie“, welches Du benannt hast, möchte ich (als Frau ;)) anmerken, daß das Fatale die Bewertung ist. Frauen in der Orthodoxie haben eine starke Betonung des Familienlebens, ja. Das erlaubt jedoch niemanden Frauen auf „zu Hause sitzen und kochen“ zu reduzieren. Torat Imecha ist weitaus mehr als zu sitzen und im Kochtopf zu rühren – nicht zuletzt überhaupt Kinder in die Welt zu bringen. Chinuch ist eine Lebensaufgabe. Wer sagt, daß das Lernen im Bes Medresch mehr wert ist als Kindererziehung?
    In meiner Kehille lernen die Frauen zudem übrigens auch und zwar auf regelmäßiger, wöchentlicher Basis, in mehreren Schiurim. Viele lernen auch zu Hause. (Ich lebe in einer dieser „abgeschlossenen“ Gruppen, wo die Frauen „nur kochen“, d.h. Frauen und Männer verschiedene Aufgabenbereiche haben). Leute von außen sind bei uns immer willkommen. Wir haben mehr als einen Ger/Gera in der Gemeinschaft und alle haben einen guten Schidduch bekommen.
    Ich kann also Dein Bild von Orthodoxie nicht teilen.

    Was Deinen Punkt 1 angeht, so stellt sich mir die Frage WO sich denn Dein Bild von Jesus von den Christen unterscheidet. Jemand, der schreibt (wie Du in Deiner „Konfession“), daß „Ich glaube an den jüdischen Messias, Jeschua aus Nazareth, der den meisten als Jesus bekannt ist. (…) Gott hat ihn auserwählt, jüdischer Messias zu sein, Hohepriester Gottes, der das endgültige Opfer für die Welt bringen und den Weg für die Versöhnung zwischen Gott und der Menschheit frei machen sollte. (…) Jeschua wurde von Gott zu seinem Sohn erklärt “ usw. Das alles ohne Anmerkung, sondern als 1:1-Bekenntnis. Das unterscheidet sich meiner Meinung nach in nichts von der christlichen Auffassung vom Moschiach, sehr wohl aber von der jüdischen.
    .

    Antworten

  18. @Baruch
    Verstanden habe ich, dass Du scheinbar auf der Suche nach einer universalistischen Sicht der Dinge bist und anstrebst, einen Zugang zur Metaphsysik zu finden, der die Erfahrungen aller Religionen berücksichtigt. Ist das soweit richtig? Du schreibst ja, Du würdest alle Schriften interpretieren. Das klänge für mich beim ersten Hören nach der Weltethosgeschichte die Hans Küng begonnen hat. Hier wird versucht, die Gemeinsamkeiten in den Ethiken der Religionen zu beschreiben und Regeln aus nur wenigen ethischen Grundforderungen aufzustelle. Hinzu kommt bei Dir aber – meiner Meinung nach – das Bemühen und möglichst große Spiritualität. Soweit so gut. Nun aber sagst Du auf der anderen Seite hin und nimmst die Evangelien an. Du schreibst ja, dass Du Jesus für den Messias hälst. Woher sonst sollte man diese Erkenntnis nehmen? Zugleich fragst Du, warum wir daraus zitieren, wenngleich dies der Diskursrahmen ist, in dem Du Dich bewegst und aus dem Du heraus in das Judentum hinein argumentierst.
    Zudem wird deutlich, wie frustriert Du über den Kurs bist, den das Judentum eingeschlagen hat. Deiner Wahrnehmung nach, ich stelle das mal übertrieben dar, mauern wir uns in halachische Ghettos ein und nehmen nicht mehr wahr, was um uns herum passiert. Tatsächlich gilt das mit den halachischen Ghettos für einen kleinen Teil des Judentums. Es gibt Tendenzen in diese Richtung, aber es gibt auch Gegenbewegungen die wissen und fordern, dass Judentum kein Selbstzweck ist sondern auch eine Aufgabe hat (das ist mein Lieblingsthema). Das wird auch gelehrt und mitgeteilt. Natürlich nicht in den Gemeinden, die mit dem Überleben beschäftigt sind und die mit Mühe und Not ihren täglichen Geschäften nachgehen können.
    Interessant dürfte auch sein zu schauen, warum die vielen Heiligen starben, von denen Du sprichst. Ist es nicht so, dass der überwiegende Teil der Heiligen in den Weltreligionen die einen gewaltsamen Tod starben, deshalb starben, weil sie für ihren Glauben eintraten und eben nicht bereit waren, das System ad hoc zu wechseln. Auf jüdischer Seite starben besonders viele Menschen als Märtyrer, weil sie eben nicht mit dem Schwert missioniert werden wollten. Daher stammt wohl auch das grundlegende Misstrauen dieser Lehre gegenüber. Abraham Geiger hat sich übrigens eingehenst mit dem Christentum und der Figur Jesus beschäftigt und eine Art Gegengeschichte Jesu entworfen. Geiger unternahm erhebliche Anstrengungen die Zeit anhand von geschichtlichen Quellen auszuforschen und zu untersuchen.
    Den gleichen Ansatz hatte Geiger auch bei seiner Erforschung der Entstehung des Islams in seinem Buch Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen?, in dessen ersten Seiten Geiger die These aufstellt, die wichtigsten theologischen und ethischen Ideen des Islam, die im Koran ihren Ausdruck finden, habe Mohammed bewusst aus dem Judentum übernommen. Geiger entdeckte im Koran vierzehn zentrale Motive, die nach seiner Auffassung direkt aus der rabbinischen Literatur kamen oder aus dem Tanach.
    Geigers Deutung ist wiederum zentral für das Selbstverständnis des Judentums, sie ist nämlich eine Studie über das Judentum und den Koran gleichermaßen. Der Islam sei keine originelle Religion, sondern eine abgeleitete, künstliche Konstruktion aus Bausteinen jüdischer Ideen und religiöser Bräuche. Im Gegensatz dazu sei das Judentum ein kraftvoller, origineller religiöser Impuls, der auch für primitive kulturelle Kontexte geeignete Ausläufer hervorzubringen vermochte, ohne seine wesentlichen Merkmale und die Reinheit seiner Lehren einzubüßen. Geiger machte deutlich, das Talmud und Midrasch den „Schlüssel“ zum Verständnis des Islam darstellten. Und dies obwohl sie, wie Geiger feststellt, zu den am meisten verachteten Literaturen der westlichen Zivilisation gehören. Diese Arbeit Geigers wurde begeistert gelesen und fand unter dem christlichen Publikum breite Anerkennung.
    Genau diesen Ansatz hatte Geiger auch bei dem Christentum, die Betrachtung des Islam wurde zu einem Vorbild, geradezu zu einem Modell, für seine Betrachtung der christlichen Religion. Geiger zeigt auf, dass auch das Christentum seine zentralen Prinzipien aus dem Judentum übernommen habe.
    Die Einschätzung Mohammeds übernahm Geiger auch für Paulus. Beide waren kreative Umdeuter jüdischer Texte und Glaubenssausagen. Und so gelingt Geiger etwas, was denjenigen nicht gelingt, die sich heute lieber mit dem Christentum beschäftigen. als mit dem Judentum. Er bildete das Judentum nicht nach dem Vorbild der Mainstreamreligion um, sondern präsentierte eine radikale Neudeutung von Islam und Christentum aus dem Judentum heraus. Er führte jüdische Quellen ein, um die Geschichte und die Lehren von Christentum und Islam neu zu interpretieren. Wie Susannah Heschel schreibt: Keine der beiden Religionen war, was sie zu sein schien, vielmehr stammten beide ausgerechnet von der Religion ab, die sie verachteten.“
    Wenn wir über die konfessionellen Mauern schauen, müssen wir das zur Kenntnis nehmen und mit in unsere Betrachtung einbeziehen. Es gibt nichts Neues unter der Sonne heißt es doch in Kohelet. Wer mit die Gemeinden für nicht offen genug hält, der soll sie verändern oder es besser machen. Aber zum Flußdelta zu laufen, wenn man der Quelle sitzen kann, halte ich persönlich für einen Weg der kein Ziel kennt, weil er möglicherweise Individuen glücklich macht, aber nicht zur Verbesserung der Gesellschaft führt und dies ist ja eine Aufgabe des Judentums: Tikkun Olam. Soweit meine kurzen Gedanken zu diesem Thema…

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  19. @Chaim

    Lieber Chaim, ich bin mit Dir einverstanden. Ich werde später dazu noch viel mehr schreiben. Du hast mich absolut richtig verstanden. Und ich will auf jeden Fall eine Gemeinschaft gründen, die sich mit dem Tikkun Olam als ihre Lebensaufgabe befassen soll. Dieser Schritt sehe ich jedoch als der einzig mögliche – ich habe es versucht schon lang genug (mag sein nicht lange genug) als Rabbiner zu machen. Ich glaube jedoch, dass jetzt an der Zeit ist, dasselbe von „draußen“ und nicht von „innen“ versuchen zu bewegen. Das Judentum kennt sehr vielen Schismas. Ich glaube, dass wir eine neue brauchen. Und die historische Erfahrung zeigt, dass ein System zu reformieren fast immer unmöglich war. Es muss einen Bruch geben – so dass etwas neues geboren werden kann.

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  20. @Chaim:
    Da kann man einiges wohl auch etwas anders sehen…

    > Der Islam sei keine originelle Religion,
    > sondern eine abgeleitete, künstliche Konstruktion
    > aus Bausteinen jüdischer Ideen und religiöser Bräuche.

    Reform ist keine originelle Religion,
    sondern eine abgeleitete, künstliche Konstruktion
    aus Bausteinen jüdischer Ideen und religiöser Bräuche.

    > Geiger machte deutlich, das Talmud und Midrasch
    > den Schlüssel zum Verständnis des Islam darstellten.

    Aber nicht den Schluessel zu Reform.

    > Die Einschätzung Mohammeds übernahm Geiger auch für Paulus.
    > Beide waren kreative Umdeuter jüdischer Texte
    > und Glaubenssausagen.

    Geiger war kreativer Umdeuter jüdischer Texte
    und Glaubenssausagen.

    > Keine der beiden Religionen war, was sie zu sein schien,
    > vielmehr stammten beide ausgerechnet von der Religion ab,
    > die sie verachteten.

    Reform stammt ausgerechnet von der Religion ab,
    die sie verachtet („halachische Ghettos“)

    > Geiger zeigt auf, dass auch das Christentum
    > seine zentralen Prinzipien aus dem Judentum übernommen habe.

    Naja naja, falls man die Idee,
    der Messiasfigur g-ttliche Attribute zuzuschreiben,
    fuer ein zentrales Prinzip des Christentums haelt:
    Das kommt wohl eher weniger aus dem Judentum…

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  21. Die halachischen Ghettos sind das was ich annehme für die Außensicht auf das Judentum, evtl. so wie sie Baruch sieht und keine Abqualifikation der Orthodoxie meinerseits. Mir so etwas zu unterstellen, halte ich schon für eine ausgemachte Frechheit. Es gibt kleine Gruppen, die sich selbst genügen, aber die machen nicht die Orthodoxie aus und das steht auch oben so.

    Was Abraham Geiger betrifft: Hier geht es in erster Linie um seine Haltung zum Christentum. Die Reform des Judentums steht auf einem anderen Blatt. Hier werden wir diesbezüglich keine Einigung erlangen, vermute ich mal.

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  22. @Chaim:
    „Wer ist ein Held? Der seine Leidenschaft überwindet.“ (Awot 4, 1)

    Ich muss ganz unheldenhaft eingestehen,
    dass die Verlockung, ein wenig zu sticheln, zu gross war.
    Also nimm es bitte mit Humor.
    Bestimmt wollte ich Dir nichts unterstellen.
    Und natürlich denke ich auch, dass wir uns
    in diesem Punkt nicht so leicht einigen werden…

    Gute Nacht

    YM

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