Jul 09 2007

Oremus et pro perfidis Judaeis

von Chajm 14:29 unter Dialog Trialog,Jüdisches

Das lateinische Oremus et pro perfidis Judaeis bedeutet in deutscher Sprache „Lasset uns auch beten für die treulosen Juden“ und war „früher”, also bis 1959/62 Bestandteil der katholischen Karfreitagsliturgie. 1969 wurde dann wohl die katholische Liturgie reformiert und folgende Bitte verwendet:

Oremus et pro Iudaeis, ut ad quos prius locutus est Dominus Deus noster, eis tribuat in sui nominis amore et in sui foederis fidelitate proficere.
Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.

Dem jüdisch-christlichem/katholischem Dialog war es ganz zuträglich, dass der Gesprächspartner nicht mehr davon ausging, dass er sein Gegenüber als treulos betrachtete, oder den Partner als verlorene Seele sah. Möglicherweise wird aber der Prä-1969-Zustand nun wieder hergestellt, denn der Papst lässt diese Form der Messe wieder zu:

Dieser Papsterlass hat vorab mindestens so viel Aufsehen erregt wie die erste Enzyklika Benedikts XVI – kein Wunder. Auf den ersten Blick wirkt der Schritt spektakulär: Eine zumindest teilweise Rückkehr hinter eine Reform von vor rund 40 Jahren. “Summorum Pontìficum” – das ist der Titel des Papiers, mit dem der deutsche Papst die lateinische Messe wieder ein Stück weit stärkt. von hier

In Deutschland heißt es, Passagen die sich gegen das Judentum richten, sollen weiterhin nicht gesagt werden:

Unbestätigten Berichten zufolge soll der alte Ritus in der Karwoche unterbleiben. In diesem Punkt bestehen vor allem bei Juden große Bedenken. Der deutsche Salesianerpater Norbert Hofmann arbeitet im päpstlichen Ökumene-Rat, der für die Beziehungen zum Judentum zuständig ist. Er erläutert: “In der Liturgie der tridentinische Messe ist zwar die Formulierung der “perfiden Juden” gestrichen, aber es gibt immer noch ein Gebet zur Bekehrung der Juden und es wird von den Juden gesprochen, die im Dunkeln wandeln.” auch von hier

In der englischen Welt hört sich das jedoch anders an:

Even if that language were not changed, Rev. Neuhaus said relations between Catholics and Jews would remain strong. “We’re not talking about a major part of Catholic worship,” he said.
“We’re talking about one sentence that occurs once a year. That’s not to say it is unimportant, but the things done with Catholic-Jewish relations over the past half-century is not going to be compromised. The church’s commitment to a respectful dialogue with Judaism is irrevocable.”
The chairman of the board of the Catholic League for Religious and Civil Rights, the Reverend Philip Eichner, said the traditional Good Friday references to conversion are well meaning — not anti-Semitic
“We would say everyone who doesn’t see Jesus is living in a certain amount of darkness, and we want them to see the light,” he said. von hier

Nun kann man einwenden: „Hey das ist doch Sache der Katholiken -das ist doch ihre Liturgie” Darauf kann man zwei Dinge antworten:
Wer in seiner Liturgie (das ist ja keine Ansammlung irgendwelcher Texte) davon spricht, dass bestimmte Personengruppen bekehrt gehören, kann sich nicht anschließend mit ihnen über Dialog auf Augenhöhe verständigen.
Die katholische Kirche ist für einige Veränderungen an unserem Nussach mitverantwortlich. So wurde das Alejnu-Gebet ja auch zensiert (im Siddur Sefat Emet hat man die Stelle in der Übersetzung durch drei Punkte kenntlich gemacht). Hier der ursprüngliche Text:

עÖלÖÖינוÖ לÖשׁÖבÖÖÖחÖ לÖאÖדוÖן הÖכÖÖל, לÖתÖת גÖÖדÖלÖÖה לÖיוÖצÖר בÖÖרÖאשׁÖית, שׁÖלÖÖא עÖשׂÖÖנוÖ כÖÖגוÖיÖי הÖאÖרÖצוÖת, וÖלÖא שׂÖמÖÖנוÖ כÖÖמÖשׁÖפÖÖחוÖת הÖאÖדÖמÖה, שׁÖלÖא שׂÖם חÖלÖקÖÖנוÖ כÖÖהÖם, וÖגÖרÖלÖÖנוÖ כÖÖכÖל הÖמוÖנÖם שׁÖהÖם מÖשׁÖתÖÖחÖוÖים לÖהÖÖבÖל וÖרÖיק וÖמÖתÖפÖÖלÖלÖים אÖל אÖל לÖא יוÖשׁÖÖיעÖ וÖאÖנÖÖחÖנוÖ כÖוÖרÖעÖים וÖמÖשׁÖתÖÖחÖוÖים וÖמוÖדÖים, לÖפÖנÖי מÖÖלÖךÖ, מÖלÖכÖי הÖמÖÖלÖכÖים, הÖקÖÖדוÖשׁ בÖÖרוÖךÖ הוÖא.
An uns ist es, den Ewigen, den Herrn des Alls zu loben, den Schöpfer des Anbeginns!
Er hat uns nicht erschaffen gleich den Völkern der Länder und uns nicht gleichgemacht hat dem ihren, und unser Schicksals-Los gleich den all ihrer Menge, denn sie verneigen sich vor Nichtigkeit und Leere und beten zu einem Gott der nicht hilft.

In den meisten alten Handschriften und im sefardischen Ritus ist diese Form des Alejnu erhalten. Ismar Elbogen schreibt dazu:

Um 1400 trat ein getaufter Jude mit der Verleumdung auf, dass die genannten Worte sich auf Jesus beziehen, und bewies es durch den Hinweis, dass וריק denselben Zahlenwert wie ישו = 316 hatte. Die Beschuldigung wurde häufig wiederholt, und wo die Zensur sich um die Bücher der Juden kümmerte, wurde der Satz durch einen mehr oder minder starken Eingriff geändert. In Preußen wurden die Juden 1702 mit besonderer Heftigkeit wegen dieses Gebetes angeklagt. Wahrscheinlich beruht es hierauf, dass der Satz aus den deutschen Gebetbüchern endgültig verschwunden ist. Nach I. Elbogen: „Der jüdische Gottesdienst“ Frankfurt am Main 1931; § 10, 11.

Das Zitat selber stammt übrigens aus Jeschajahu 45:20
Natürlich ist es zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich zu sagen, wie die Vorgaben durchgeführt werden und was letztendlich gesagt werden wird, jedenfalls ist es auch für das Judentum von Interesse, wenn die Uhren wieder zurückgestellt werden…

6 Kommentare

6 Kommentare to “Oremus et pro perfidis Judaeis”

  1. rikaam 9. Juli 2007 um 21:56 1

    im forum bei hagalil wird diese anweisung auch diskutiert.

    heute hörte ich im d-radio einen kommentar lehmanns, der davon ausgeht, dass mit dieser anordnung benedikts in erster linie die innerkirchlichen zerwürfnisse zwischen den reformern und den traditionalisten überwunden werden soll.

    DAS wären in der tat rein innerkatholische angelegenheiten.
    zum zweiten ist klar zu stellen, dass der passus, den du zu recht kritisierst, NUR zur karfreitagsliturgie gehört. und diese ist, wie du meinem hier eingestellten post (bei hagalil forum) entnehmen kannst, nicht mehr erlaubt:

    “In der Zeit von Karfreitag bis Ostersonntag ist eine Feier nach dem alten Ritus nicht möglich. Das ist deshalb interessant, weil es in einigen Gebeten der Gottesdienste für Karfreitag nach dem alten Ritus Textpassagen mit antisemitischen Inhalten gibt. Diese kommen durch das Verbot nicht zur Anwendung.
    “http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/22/0,3672,5564438,00.html

    im forum meldete sich ein anderer kenner der katholischen szene zu wort mit diesem beitrag:
    “Der Text in der Karfreitagsliturgie (nicht:Karfreitagsmesse, die gibt es nicht!) lautet: Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.
    http://www.hagalil.com/forum/a/index.htm

    diese formulierung ist ziemlich neutral, läßt sie doch offen, was mit “das ziel erreichen” gemeint sein könnte.

    sie erinnert mich an den klugen satz schalom ben chorins, der einmal sinngemäß gesagt hat, dass das wissen um den nazarener christen und juden verbindet, der glaube AN ihn uns aber trennt.
    das kommen des messias, auf den juden wie christen hoffend warten, wird uns zeigen, ob es der kommende oder der wiederkommende ist.

    ich denke nicht, dass die uhren zurückgestellt werden. wenn es so wäre, fände ich es entsetzlich.
    auch im hinblick auf die ökumene, die damit um ein großes stück zurückgeworfen werden würde, was mich als freikirchliche christin auch beträfe.

  2. Chajmam 9. Juli 2007 um 22:33 2

    Richtig richtig, wenn es nicht Bestandteil der Liturgie ist, gibt es auch kein Problem. In den englischsprachigen Blogs jedoch klang das anders.
    Die Freikirchen bleiben außen vor, weil sie aktiv die Judenmission unterstützen und die sog. „messianischen” Juden fördern und von daher können diese Kirche keine Ansprechpartner im interreligiösen Dialog sein.

  3. Serdaram 9. Juli 2007 um 22:58 3

    Mal eine grundsätzliche Frage: Ist es denn nicht per se “missionarisch”, das eine Religion einen Absolutsheitsanspruch erhebt? Wenn man den eigenen Glauben für WAHR hält, dann ist doch jede Repräsentanz und Präsenz dieses Glaubens auch irgendwo “missionarisch”.

    In der Türkei setzen sich viele Muslime dafür ein, das die Restriktionen gegen nicht-muslimische Minderheiten und Religionen aufgehoben werden können. Das heißt auch das Recht auf Missionierung. Und dieser Aspekt wird immer besonders hervorgehoben, wenn es um Religionsfreiheit in der Türkei geht. Ich finde zurecht, denn es liegt dort eine Menge im Argen was Religionsfreiheit anbelangt.
    Das ist jetzt nur eine Frage, weil mir da die Parallelen aufgefallen sind. Ich kenne die Situation in Israel nicht so genau, aber würde ein Missionierungsverbot nicht die Religionsfreiheit tangieren? Denn dann könnte man doch jedwede Handlung so auslegen (wie man weiß sind Bürokraten da sehr erfinderisch).
    Es wäre sehr interessant darüber Informationen zu bekommen.

  4. rikaam 9. Juli 2007 um 23:05 4

    nein, “die freikirchen” sind ja keine geschlossene gruppe die allesamt “messianische juden unterstützen und judenmission betreiben”.

    das ist ein äußerst kompliziertes thema.
    die deutschen baptisten beispielsweise lehnen (inzwischen) judenmission ab, weil sie nach paulus “von der bleibenden erwählung israels ” überzeugt sind, demzufolge ist jede judenmission überflüssig!
    dazu kann man die handreichung der deutschen baptisten nachlesen. hier:
    http://www.baptisten.org/thementexte/news_show.php?sel=500&select=thementexte&show=5&cat=Erkl%E4rungen%20und%20Stellungnahmen
    für andere freikirchen kann ich nicht sprechen, aber auch da ist die veränderung im fluss.
    die sich ändernde einstellung zum judentum ist ja noch mitten im prozess, der länst nicht abgeschlossen ist.
    für mich ist es ermutigend, dass man die alten ansichten auf den prüfstand gestellt hat und dabei zu der – wenn auch späten, aber immerhin doch – langsam sich durchsetzenden erkenntnis kommt, dass die bisherige lehrmeinung zum judentum und zu judenmission falsch und von den biblischen schriften her nicht ableitbar ist.
    leider ist das noch nicht bei allen so, aber ich hoffe, glaube und bete, dass wir auf einem guten weg sind.

    messianische juden werden in der tat von manchen gemeinden unterstützt, weil – ich kann es nicht anders sagen – sie sich im glauben an christus verbunden fühlen.
    und dieser glaube ist nun mal das zentrale bekenntnis der christen.
    glaubte ich nicht an jesus, wäre ich ja nicht christin.
    (tut mir leid, wenn ich das hier so sage – ich bin ja schon sehr zurückhaltend in meinen worten.) und ich kann es gut verstehen, dass so ein satz hier bei dir eigentlich nicht angebracht ist.
    aber das ist nun mal die trennlinie, die ich sicher ebenso akzeptiere wie du.
    rika

  5. Chajmam 10. Juli 2007 um 00:45 5

    @Serdar Das Judentum beispielsweise ist natürlich davon überzeugt, dass es Recht hat, erhebt jedoch keinen Absolutheitsanspruch und verlangt nicht die Unterwerfung aller Menschen unter das eigene halachische System. Für Nichtjuden gelten lediglich die noachidischen Regeln. Ich persönlich würde die Trennlinie dort ziehen, wo aktiv missioniert wird und dem Gegenüber jegliche Daseinsberechtigung abgesprochen wird oder aktiv auf jemand zugeht um ihn vom eigenen System zu überzeugen ohne dass er danach gefragt hätte. Diese „Juden für Jesus” Geschichte beispielsweise ist aktive Mission. Die stehen in den Fußgängerzonen und verteilen Pamphlete und damit sind wir bei
    @rika ;-)
    Natürlich fühlen sie sich verbunden, dennoch trägt diese Gruppe den falschen Namen, denn sie sind ja keine Juden. Das habe ich dort bereits ausführlich abgehandelt http://www.sprachkasse.de/blog/2006/11/03/wurg/
    Was die Baptisten angeht: Interessant, dass sich da etwas getan hat – offenbar zum Guten.

  6. r0mam 10. Juli 2007 um 11:21 6

    @rika: Hey das ist ja ein toller Text, vermutlich haben die Baptisten aus Essen, die den “Juden für Jesus” Räume und Mittel zur Verfügung stellen die Webseite noch nicht gefunden und wissen noch gar nicht, dass die Judenmission überflüssig ist. Sobald alle den Text gelesen haben, wird die Judenmission eingestellt!

    Licht im Osten wird keine messianischen Blättchen mehr drucken, Kirill Swiderski wird seine Zeitung schließen und im Supermarkt nach weiteren Wundern suchen, Avi Snyder wird sein lächerliches Juden für Jesus-Shirt endgültig ausziehen und Kinderbücher schreiben, das Messianische Zentrum in Berlin wird zu einem Friseur-Salon, die messianischen Suppenküchen in Jerusalem würden auch einem Juden wie mir Essen geben und ich werde keine Spam-Mails von “Christen für Israel” bekommen.

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