
Ritualmordlegenden sind immer aktuell, ganz gleich, wie weit die Rationalisierung unserer Gesellschaft voranschreitet. So liest man heute im Blog von Clemens Wergin, in Italien habe man gerade eine alte Legende dieser Art wieder aufgewärmt. Es geht um Simon von Trient. Eine Legende, die das „Ökumenische Heiligenlexikon” so umschreibt:
Die Geschichte des Simon ist die Übelste der im blutigen Antisemitismus jener Zeit verbreiteten Horrorgeschichten über “jüdische Ritualmorde”, die die Begründung für grausame Verfolgungen von Juden bildeten. Simon wurde schon bald als Märtyrer verehrt. Von den Kanzeln in ganz Mitteleuropa wurde gegen die Juden gepredigt und der Judenhass neu geschürt, es kam zu vielen Verfolgungen. In Frankfurt am Main wurde ein Standbild von Simon angebracht, das das gemarterte Kind und die Juden mit dem Teufel darstellte, die Bildunterschrift lautete: “Solange Trient und das Kind wird genannt, / der Juden Schelmstück wird bekannt.” von hier
und das soll etwas heißen… denn bis vor einigen Jahren wurden die Heiligenviten noch aus alten Büchern übernommen und manchmal rutschte da auch eine Ritualmordlegende durch… nach einem entsprechenden Hinweis wurden diese aber sogleich überarbeitet.
Die Geschichte:
Am Ostersonntag des Jahres 1475 wurde in einem Bach in Trient ein zwei- oder dreijähriges Kind durch den Juden Samuel tot aufgefunden. Das Kind wurde seit Gründonnerstag vermisst. Zusammen mit anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde meldete Samuel dann anschließend den Mord. In einem aufsehenerregenden Prozess kam man, auf der Basis von unter Folterungen erpressten Geständnissen der Juden, zum Schluss, dass diese einen Ritualmord verübt und das unschuldige Kind langsam zu Tode gequält hätten. Im Anschluß an den Prozeß wurden insgesamt 14 Juden hingerichtet.
Nun geht in Italien jemand her und rollt die Geschichte wieder neu auf und schreibt ein Buch darüber, aber kein Sachbuch, sondern ein Buch, das den Ritualmord bestätigt. Pasque di Sangue – Blutpessach heißt das WerkWergin schreibt
Ariel Toaff versucht anhand von Inquisitionsakten nachzuweisen, dass es den als “Fall des Simone von Trient” berühmt gewordenen Ritualmord an dem Sohn eines christlichen Gerbers im 15. Jahrhundert tatsächlich gegeben hat und dass eine kleine Gruppe von deustchstämmigen Juden aus Rache möglicherweise Ritualmorde an Christen begangen haben könnte. von hier
und noch unerhörter ist die Tatsache, dass Ariel Toaff Jude ist:
Autor ist nicht etwa ein arabischer Antisemit wie etwa Mustafa Tlas, der langjährige syrische Verteidigungsminister, der vor Jahren in “Die Matzot Zions” einen angeblichen jüdischen Ritualmord in Damaskus blutig ausmalte, sondern Ariel Toaff, ein angesehener italienisch-israelischer Historiker, der als Professor an der religiösen Bar-Ilan Universität in Tel Aviv lehrt. von hier
Worauf stützt sich Toaff? Ausgerechnet auf die Inquisitionsakten! Giulio Busi zepflückt dieses Argument im Tagesspiegel:
Schon der Titel “Blutpessachfeste” (Pasque di Sangue) von Ariel Toaff stellt sich auf polemische Weise gegen die politische Korrektheit. Und tatsächlich malt das Werk ein düsteres Bild der jüdischen Gemeinden Norditaliens des 15. Jahrhunderts. Die Galerie der negativen Porträts beinhaltet abenteuerlustige Juden, die zwischen Venedig und Candia als Agenten der Serenissima hin- und herpendeln, jüdische Bankiers mit wenig Skrupeln, die mit Falschgeld handeln, Richter bestechen und Meuchelmörder anwerben, meineidige Juden, die sich dem Meistbietenden verkaufen und aus dem Nichts Verleumdungen und Komplotte erfinden. Und vor allem Juden voller Rachsucht, die während des Pessachfestes Christen morden. Und das ist der umstrittenste Punkt. Das Kapitel, welches Toaff wieder öffnen möchte ist in der Tat eines der heißesten in der europäischen Geschichte: Es geht um die Ritualmordvorwürfe, die über Jahrhunderte hinweg gegen die Juden vorgebracht wurden und die furchtbare Verfolgungen und tausende von Toten verursacht haben. …
Statt den Gegensatz zwischen Verteidigung und Anklage herauszuarbeiten, akzeptiert Toaff im Grunde die Geständnisse der Vernehmungsakten als Beweisstück und eignet sich am Ende die Schuldthese an, die der damalige Bischof von Trient, Johannes Hinderbach, aufgestellt hatte. Zugleich schweigt er über die Gründe, die Hinderbach dazu veranlasst haben könnte, die Juden zu beschuldigen. Der Leser kann sich auch kein Bild davon machen, mit welcher Effizienz der Fall Simonino von der Kirche in Trient ausgeschlachtet wurde, um einen einträglichen lokalen Kult zu etablieren. Es fehlt also der Kontext, in dem sich das tragische Ereignis abspielt, wie sich auch im Buch keine Spur findet der fundamentalen Frage jeder Untersuchung: cui bono? Wem nützt es?
Übrigens erst 1965 (!!!) machte die Ritenkongregation unter Papst Paul VI. die Heiligenverehrung Simons rückgängig und stellte fest, dass die Trienter Juden Opfer eines Justizirrtums geworden waren. Nun ist er wieder da und wird sicherlich mit Begeisterung empfangen und dabei lassen wir die modernen Ritualmordlegenden mal unerwähnt, denn die gibt es durchaus noch. Wergin streift das Thema auch kurz…