Grausige Riten im dunklen Tempel

So wie die Überschrift dieses Beitrags lautet, hätte der lange Titel-Artikel des SPIEGEL lauten müssen, denn der ist eigentlich eine Abhandlung darüber, wie ungut das Judentum ist.
Wer die Möglichkeit hat, sich einen SPIEGEL auszuleihen, sollte das tun, kaufen aber bitte nicht. Zudem enthält der Artikel den G-ttesnamen in christlicher Interpretation…

Der Artikel heißt G-tt kam aus Ägypten und soll wohl die christlichen Leser des SPIEGELs pünktlich zu Weihnachten in die Wunderwelt der Bibel einführen, in erster Linie durch Dekonstruktion. Bemerkenswerterweise hat er das schon in der Weihnachtsausgabe 2002 (Nr. 51/2002) versucht. Damals mit dem Artikel Der Leere Thron, in dem er schreibt:

Moderne Bibelkundler klopfen schon seit längerer Zeit wie mit der Abrissbirne gegen das Alte Testament. Sichtbar wird ein Gespinst aus Legenden.

Ziel des Artikels war es wohl, die Historizität der Patriarchen in Frage zu stellen, dann des Auzug aus Ägypten, schließlich die Landnahme der Stämme Israels, König Schlomoh und die Erfindung HaSchems.

Worum geht es diesmal? Grundthese von Autor Matthias Schulz ist verknappt folgende: Der ägyptische Pharao Enchaton (13511334 vor allgemeiner Zeitrechnung) habe den Monotheismus erfunden (was so auch nicht ganz uneingeschränkt richtig ist), dass hätten die Juden dann übernommen und zu einem Herrschaftsinstrument ausgebaut. Er beruft sich dabei auf Prof. Jan Assmann, der bisher eigentlich andere Theorien formulierte, als diejenige die uns im SPIEGEL präsentiert wird. Assmann zog Vergleiche zwischen dem Gedankengut des israelitischen Monotheismus und dem Monotheismus des Echnaton, räsoniert über die Eigenart der Menschheitsgeschichte, dass bestimmte Themen in allen Kulturen präsent sind. Er nennt dies das kulturelle Gedächtnis (Jan Assmann, Moses der Ägypter. Hanser, München 1998 ).

Waren die bisherigen SPIEGEL-Artikel von Schulz zu diesem Thema manchmal etwas unklar in der Darstellung der Fakten, so dreht Schulz diesmal richtig auf und stellt das Judentum als Religion der seltsamen Riten und ekelhafter Herkunft dar – der Judaismus kommt hier nicht besonders gut weg:

Schließlich besiegelten die Priester den Bund mit G-tt mit einem heiligen Akt, aus dem ebenfalls Gewalt spricht. Sie beschnitten alle männlichen Säuglinge am achten Tag. Der Mohel nahm das Baby, ritzte mit dem Fingernagel dessen Vorhaut ein und riss sie ab – ein blutiges Attentat, das sich wie ein Mal in den Körper einbrannte. Aus DER SPIEGEL, Nr. 52 vom 22.12.2006, Seite 116

Zuvor heißt es, auf Seite 114

In diesem düsteren Kultbau auf dem Zionsberg (wo heute die die Aksa-Moschee steht) liefen einst alle Fäden zusammen. Bärtige Priester mit Kleidern, an denen blaue Kordeln hingen, liefen in dem Gemäuer umher. Sie schlachteten Stiere. Bei einem der Riten benetzten sie ihre Ohrläppchen mit Widderblut. Mit der Wahrheit nahmen es die bigotten Anhänger des Ewigen allerdings nicht so genau.

Über die Torah heißt es wenige Zeilen später:

Dabei entstand eine Camouflage, eine Art Märchenbuch, das wie eine Zwiebel aus Hunderten von alten, immer wieder umformulierten Schriften und Überlieferungssträngen besteht. Die Bibel – ein Labyrinth. …
Ein Klima der Unterwürfigkeit, ja der Furcht geht von diesem Überwesen des Alten Testaments aus. Emunah (Treue) heißt das hebräische Wort für Glauben. G-tt gebärdet sich wie ein eifernder Liebhaber. Er schließt eine Ehe mit dem auserwählten Volk und fordert absoluten Verlass. Der semitische G-tt, so sah es der Psychologe Bruno Bettelheim, war schlimmer als selbst die schrecklichsten G-ttheiten der Naturvölker.

Der Artikel enthält viele weitere Nettigkeiten über die Entstehung des Judentums, den Mann Mosche und die Torah – weil wir uns ja alles gefallen lassen müssen. Wissenschaftliche Publikationen zum Thema, die mit Argumenten und Fakten Theorien erstellen, sind durchaus interessant und sollten gelesen werden, aber der Artikel von Schulz spricht eine andere Sprache. Für die Herkunft der Juden zieht er ausgerechnet Manetho heran (der von Antisemiten aller Generationen immer gern zitiert wurde). Dieser berichtete, dass angeblich 80 000 Aussätzige in der Wüste Zwangsarbeit verrichten mussten und sich in einer Leprakolonie um einen Führer namens Mose versammelten…

Möglicherweise hat ja jemand Zeit einen Leserbrief zu schreiben, ich werde es machen.

Übrigens, schon 2003 setzte sich die ZEIT, schon mit Jan Assmann auseinander und veröffentlichte eine Rezension seines Buches. Diese kann man hier finden.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

22 Kommentare

  1. Ach ja, der Schulz mal wieder in „Hochform“. Seine Neigungen: vergangenen Kulturen mit modernen Maßstäben zu messen – und die, zitierten Fachleuten das Wort im Munde herumzudrehen.
    Ich erinnere mich mit Grausen an seine polemischen Spiegel-Schwerpunktartikel über Kelten, Germanen und Wikinger.

    Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis er auch das alte Israel als historisches Gruselkabinett entdecken würde – zumal das moderne Israel ja im „Spiegel“ auch immer schlechter wegkommt.
    Leserbrief an Schulz ist längst draußen, nett ist er nicht.

  2. Nach einer kleinen Recherche im Netz bin ich auf zahlreichen Seiten gestoßen, die ihn bei diesem oder jenem Thema widersprechen. Sogar auf Rundmails von Wissenschaftlern gleichen Namens die sich von ihm distanzieren mussten…

  3. Ja, das eine große Ärgernis ist die notorisch schlechte fachliche Qualität von Matthias Schulz‘ Spiegel-Artikeln zu historischen Themen. Das andere ist seine Vorliebe für (gängige) Klischees und Vorurteile. (Da werden den Wikingern mal die Klischee-Hörnerhelme zugeschrieben, die sie niemals getragen hatten, oder im Mittelalter wurde angeblich hemmungslos gesoffen usw..). Aber getoppt wird das dadurch, dass Schulze ein klassischer Gesinnungsjournalist mit „Anliegen“ und „Botschaft“ ist.

    Konkret nachwiesen läßt sich das bei seinem „legendären“ Artikel „Die Germanen – Störenfriede im Nebelland“, mit der vor gut zehn Jahren Schulze zum ersten Mal von sich reden machte. Der der damalige Spiegel -Resortschefs Jürgen Peterman, der Schulz Germanen-Artikel anregte und redigierte, sagte gegenüber Ulrich Wickert (Laut dessem Buch „Deutschland auf Bewährung“):
    „Ich wollte die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gebrauchen, um den Mythos um Hermann zu zerstören. Aus Angst vor einem neuen Nationalismus hat der Spiegel bei dieser Gelegenheit bewußt das Negative herausgehoben.“ Übrigens mit dem Ergebnis, dass sich nationalistische Germanenschwärmer erst recht bestätigt fühlten – nach dem Motto „Der Spiegel lügt, um die Germanen in Misskredit zu bringen“ – was rein sachlich-fachlich gesehen leider sogar stimmte. Wobei zu fragen wäre, welche Bedeutung der Mythos um „Hermann“ dem Cherusker für heutige Rechtsextremisten noch hat. Da hat der „Spiegel“ wohl mit einen „Pappdrachen“ gekämpft.

    Wenn die Agenda dieses Artikels immerhin „gut gemeint“ war, kann davon bei späteren Artikeln keine Rede mehr sein. Meines Erachtens ist sein neuestes Machwerk als „Zerstörung des (angeblichen) Gründungsmythos Israels, nebst seinem Lieblingthema, der Demontage der Bibel geplant. Das sämtliche Antisemiten ihm dafür Beifall klatschen, ist ihm offensichtlich egal.
    Hinzu kommt seine Neigung, sich an populäre „spießbürgerlichen“ Klischees anzubiedern. Wenn er Akteuren auf Mittelaltermärkten eine Nähe zur Sado-Maso-Szene andichtet, und Wikinger-Fans eine zur Neonazis, dann ist das vielleicht nur ärgerlich. Wenn er aber aus dem (übrigens auch in Schulz geliebtem alten Ägypten praktizierten) Beschneidungsritual ein grausames Gemetzel macht (und dabei unterschlägt, dass es schon im Altertum scharfe Skalpelle gab, und sogar detailierte medizinische Beschreibungen, wie Beschneidungen damals wirklich vorgenommen wurden), dann ist das einfach nur widerlich.

  4. Bin über Martin hierher gekommen. Nur eine kleine Ergänzung:

    „weil wir uns ja alles gefallen lassen müssen“

    Ich weiß nicht, ob das „wir“ auch die Christen einschließt, aber da Jesus und die ersten Jünger nun einmal eindeutig gläubige Juden waren bzw. sich als solche verstanden, und da das Christentum quasi „aus dem Schoß“ des Judentums entstand, sollte es das im konkreten Fall.

  5. Huhu, ich bin Polytheist (also „ganz böse“), die „Entmythologiesierung mit der Abbruchkugel“ gefällt mir jedoch überhaupt nicht. Mich erinnert der Versuch, mittels archäologischer Ausgrabungsergebnisse zu „beweisen“, dass die Thora freie Erfindung sei, an den (angeblichen) Ausspruch Chrustschows nach den ersten Raumflug, Genosse Gagarin hätte im Kosmos weder Gott noch Engel gesehen.

  6. Leserbrief an den SPIEGEL, der wahrscheinlich aufgrund seiner Länge nicht (oder nur verkürzt) veröffentlicht wird:

    „Es ist die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung, dass die Beschneidung für die Juden ein tiefes Symbol ihres Bundes mit HaSchem darstellt. Sicherlich mag die auf den gewalttätigen Charakter des Rituals ausgerichtete Formulierung des Autors Matthias Schulz für manche Leser wie Chajm Guski auf den ersten Blick ein Affront sein, aber dies ist beim besten Willen nicht ausreichend, sofort die Antisemitismuswarnglocke zu läuten. Matthias Schulz traf sehr wohl den richtigen Ton, denn die jüdische Bibel spricht oft die gleiche Sprache: Die Männer eines zum Judentum konvertierenden Volkes werden in der Nacht, während sie noch an der Zirkumzisionsverwundung leiden, von Juden ermordet; Die Einführung der Beschneidung geschieht in einer Sequenz mit dem Menschenopfer (Isaak), das sein Vater Abraham in ein Widderopfer umwandelt. Die Zirkumzision ist bis heute eine Opferhandlung geblieben, nämlich eine rituell-symbolische Kastration, die in früheren polygamen Gesellschaften durchaus eine echte gewesen sein mag, verkehrte doch häufig der Sohn heimlich mit der jüngeren Frau seines Vaters. Aber es verbirgt sich mehr dahinter, v.a. im Kontext der ägyptischen Ursprünge des Judaismus, die hier (wohl zurecht) angenommen werden: Ägyptische Tempelmalereien zeigen, dass die Pharaonen ihre besiegten Feinde nach der Schlacht kastrierten, und die Beschneidung unterworfener und versklavter Völker mag den Pharaonen als probates Symbol der Gottesehrfurcht in Friedenszeiten gegolten haben. Ägyptische Priester waren ebenfalls beschnitten, anders als z.B. die Wärter eines Harems, die Eunuchen sein mussten. Die Möglichkeit zur Fortpflanzung war bei ersteren anscheinend wichtig, und somit musste die Kastration der Gottesdiener auf symbolischer Ebene vollzogen werden. Die Beschneidung ist offensichtlich ein Echo autokratischer Gewaltherrschaft und des Sklaventums. Hier zeigen sich auch die Unterschiede zum neutestamentlichen, römisch-griechischen Christentum: Nicht selten musste der Sohn seiner Mutter, die ihn vor der Beschneidung schützen wollte, gewaltsam entrissen werden. Die Zirkumzision des Jesuskindes wird somit in der christlichen Ikonographie oft als ein unnatürlicher und gewalttätiger Akt dargestellt, fast wie eine Vorwegnahme seiner Passion. Jesus selbst lehnt im apokryphen Thomasevangelium die Beschneidung als nicht gottgewollt ab. Auch der viel später entstandene David von Michelangelo ist unbeschnitten. Im Lichte der aktuellen Forschungen muss die Beschneidung aller Wahrscheinlichkeit nach als ein Unterwerfungsritual der Juden gesehen werden, historisch jedoch nicht unter HaSchem, sondern unter den ägyptischen Pharao und dessen Gott. Dass der Apostel Paulus die Beschneidung als ein Zeichen von Unfreiheit ablehnte, ist somit nur logisch. Und dass Menschen, die einer gewalttätigen Religion und einem blutrünstigen Gott unterworfen sind, auch selbst Gewalt ausüben, ist historisch belegt. Trotzdem bescheinigt selbst eine Koryphäe wie Jan Assmann wider besseres Wissen dem antiken Judentum (abgesehen vom Makkabäerkrieg) eine weltentrückte Friedfertigkeit und übergeht somit klammheimlich alle anderen, weitaus blutigeren Räubereien, Konflikte, Aufstände und Kriege bis zur Diaspora-Revolte auf Zypern. Bereits in der Antike lehrte der Philosoph Euhemeros, dass die Götter von heute die irdischen Herrscher von gestern sind, und Religionen (d.h. auch die polytheistischen) die legendenhafte Form sind, in der weltliche Reiche ihren Untergang überleben. Herrschaft erlangte man in der alten Zeit nicht mit Friedfertigkeit, also ist es nicht verwunderlich, dass alle Gottesreligionen diese kriegerische Gewalt nicht nur auf theologischer und spiritueller Ebene bewahrt haben, sondern sie bei Bedarf auch problemlos in die zwischenmenschliche Sphäre rückübertragen, ob nun als symbolisches Ritual oder als Bombenteppich.“

    Es ließe sich noch hinzufügen, 1. dass selbst das Kainsmal die Charakteristik nicht nur der Beschneidung, sondern auch der Kastration trägt, vermittelt über die enge Verwandtschaft von Sex und Gewalt sowie verkörpert als Symbol für ein gewaltfreies Leben, 2. dass die Römer (als Sieger im jüdischen Krieg) die Beschneidung als eine Form der Kastration verbaten, und 3. dass selbst Wladimir Putin unlängst die Parallele aufgriff und den islamischen Terroristen in Tschetschenien drohte, sie (falls sie den Terror fortführen sollten) nicht nur beschneiden sondern auch kastrieren zu lassen.

  7. AE, mit Verlaub, da gehen Dir die Pferde der wilden kulturhistorischen Spekulation durch. Beschneidungsrituale gab und gibt es z. B. bei unterschiedlichsten Völkern aus den unterschiedlichten Gründen, die jüdische Beschneidung mit der altägyptischen gleichzusetzen und darin eine Unterwerfungsgeste unter dem Pharao zu sehen, erscheint mir doch sehr an den (Scham-) Haaren herbeigezogen.
    Dass die Zirkumzision des Jesuskindes in der christlichen Ikonographie oft als ein unnatürlicher und gewalttätiger Akt dargestellt wird, verbuche ich unter „christlicher Antijudaismus“ – und nirgendwo sonst.
    Es erscheint mir auch absurd, in der Tatsache, dass Michelangelos „David“ unbeschnitten dagestellt hat, mehr zu sehen, als das sich Michelangelo antike Statuen zum Vorbild nahm. Der biblischen Name seines „El Giganto“ war wohl nur den Konventionen seiner Zeit geschuldet.
    Und Jan Assmann bestätigt dem antiken Judentum (abgesehen vom Makkabäerkrieg) meines Erachtens durchaus zurecht eine besondere Friedfertigkeit. Jedenfalls solange man sie in Frieden ließ – was in den von Dir genannten Fällen nicht der Fall war.

  8. Hallo MartinM,

    ich werde versuchen, Deine Einwände zu beantworten.

    1. Du selbst schreibst oben über Schulz: „Seine Neigungen: vergangenen Kulturen mit modernen Maßstäben zu messen.“ Dies hat Tradition im SPIEGEL. Bereits Rudolf Augstein („Jesus Menschensohn“) war auf einem fortwährenden Kreuzzug gegen die Religionen und v.a. gegen das Christentum gewesen. Augstein war jedoch ein mitleiderregendes Opfer der gescheiterten Leben-Jesu-Forschung und hatte übersehen, dass die sog. wissenschaftliche Theologie gar nicht „wissenschaftlich“ ist. Diese Tendenz, die Vergangenheit aus modernem Blickwinkel zu interpretieren oder auch die Bibel historisch zu deuten, in dem man sich in esoterischer Hermeneutik verrennt, kann nur in einer eklektischen Mixtur aus Mythos und Historienschmonzette enden. Im SPIEGEL wird die Wissenschaft seit Augstein gerne auf dem Altar einer anti-religiösen Polemik geopfert. Im vorliegenden Artikel von Schulz hat der Positivismus jedoch wenigstens etwas von seiner Naivität verloren, bemüht der Autor sich doch halbwegs um die wissenschaftliche Unterfütterung seiner Argumente, auch wenn sein Schreibstil nachwievor als naiv bzw. volksnah angesehen werden muss. Insofern verstehe ich durchaus, dass sich einige an diesem Artikel reiben, aber sie verkennen, dass diese Art der Religionskritik ein anscheinend unantastbares Journalismusdogma der SPIEGEL-Redaktion war und ist. Nun ist den Redakteuren wahrscheinlich in den letzten Jahren das Licht aufgegangen, dass auf christlichem Gebiet kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist, also nehmen sie sich jetzt offensichtlich die anderen Religionen vor, z.B. den Judaismus. Da müsst ihr durch. Willkommen im Club!

    2. Ich selbst versuche nicht, heutige Ansichten in die Vergangenheit zu projizieren. Ich folge in meiner Interpretation durchweg der euhemeristischen Sichtweise der Antike (s.o.). Dies, gepaart mit den immer wiederkehrenden, unterschiedlichen Theorien zur altägyptischen Entstehung des Judaismusz.B. der Theorie, dass Mose historisch der Gegenpharao Ahmose war, veranlasste mich zu meinen Ausführungen über die Ursprünge der jüdischen Beschneidung. Falls an diesen Ägypten-Theorien etwas dran ist, ist auch die jüdische Beschneidung aus dem Unterwerfungsritual im alten Ägypten entstanden, ist also eine rituelle, symbolische Kastration. Es wäre unwahrscheinlich, dass einer der primären Riten nicht dieselbe Herkunft hat wie die Religion selbst. Die Abraham-Isaak-Sequenz deutet auf jeden Fall in die Richtung einer vorjüdischen Entstehung, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die frühen Juden Menschen opferten. Diese Sequenz muss also aus älterer Zeit stammen, und der Gott, dem Abraham seinen Sohn Opfern will, wird sicherlich nicht der heutige Gott der Juden gewesen sein, sondern sein historischer Vorläufer, ob nun ein regionaler „Wettergott“ oder der Gott des Pharao (oder gar der Gottpharao selbst), sei dahingestellt. Die Interpretation des Menschenopfers als dem (heutigen) jüdischen Gott geltend ist sicherlich eine spätere redaktionelle Schicht. Falls aber eines Tages halbwegs zweifelsfrei bewiesen wird, dass der Judaismus nicht aus einer vorjüdischen, altägyptischen Religion entstand, wird auch das Beschneidungsritual in einem anderen Kontext einzuordnen sein. Aber solange diese Möglichkeit besteht, ist auch die logische Konsequenz für eben dieses Ritual zu ziehen, jedoch nur im Kontext einer ägyptischen Entstehung. Für alternative Theorien, die den Ursprung woanders suchen, muss entsprechend auch das Ritual dort gesucht (und möglichst gefunden!) werden.

    3. Die gewalttätige Darstellung der Zirkumzision Jesu könnte ebenso den Grund haben, dass die historische Person hinter der ntl. Jesus-Figur gar kein Jude war (wie von vielen Juden immer wieder behauptet), dass es sich also bei den ntl. Evangelien um eine in Palästina relokalisierte Geschichte aus einem anderen Kulturkreis handelt. Die Ikonographie ist (wie die Tradition) oft ursprünglicher und stimmiger als die Schrift, die in jeder Religion einer permanenten Recriture unterworfen ist. (Deswegen ist entgegen Deiner Behauptung auch Michelangelos David von Belang.) Die gewalttätige Darstellung der Beschneidung Jesu muss also nicht notwendigerweise auf einem christlichen Anti-Judaismus fußen, sondern kann genausogut eine ältere nicht-jüdische Tradition beinhalten. Trotzdem gab es diesen christlichen Anti-Judaismus, der jedoch auch zurückgeht auf die negative Haltung gegen das Christentum und die ableugnende gegen Jesus, die im Judentum durch die Jahrhunderte bis in die Neuzeit konstant geblieben ist. Die rabbinischen Nachrichten über Jesus sind vage, meist polemisch und setzen daher die christliche Literatur voraus. Jesus ist darin z.B. ein Bastard, ein unehelicher Sohn des römischen Soldaten „Pantheras“, was mehrheitlich als eine abfällige Metathesis von „parthenos“ („Jungfrau“) gehalten wird (z.B. Bab. Synhedrin f. 67a u.a.). Für diese rabbinische Überlieferung ist Jesus also kein Jude, sondern ein römischer Legionärssohn. Autoritative jüdische Theologen halten bis heute das Christentum für ein dem Judentum fremdes Produkt des Späthellenismus. Erst in zionistischen Kreisen nach der Aufklärung wurde Jesus als Jude entdeckt, was insbesonders von den alttestamentarisch fixierten Protestanten begrüßt wurde, erst recht nach dem zweiten Weltkrieg, als der christliche Schuldreflex einsetzte und es nötig wurde, als Antwort auf den christlichen Anti-Judaismus das Judesein Jesu stärker zu betonen. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass Jesus anfänglich (und folgend die meiste Zeit in der Geschichte) den Juden meist unbekannt war; und wenn er doch bekannt war, dann nur aufgrund der christlichen Überlieferung. Ansonsten wurde er von ihnen ignoriert oder geleugnet. Wenn diese jüdischen Theologen also Recht behalten und der historische Jesus kein Jude war, passt die ikonographische Darstellung der Beschneidung Jesu als ein unnatürlicher Vorgang „wie die Faust aufs Auge“.

    4. Dann noch ein kurzer Abriss zur vermeintlichen Friedfertigkeit der antiken Juden. Es ist wahrscheinlich, dass das Judentum aus einem friedensuchenden Momentum hervorgegangen ist. Die Hebräer waren ursprünglich Stammesangehörige minderen Rechts in einem dualen Gesellschaftsmodell, das in den autochtonen Stammesgesellschaften („chiefdoms“) der Vor-Antike häufig zu finden ist. Den Angehörigen der höheren Kriegerkaste war es nicht erlaubt, die Stammesgrenzen zu überschreiten, was natürlich trotzdem manchmal geschah und logischerweise zu kriegerischen Auseinandersetzungen und Blutfehden führte. Als unbewaffnete Stammesangehörige minderen Rechts war es aber den Hebräern (in etwa: „die Hinübergehenden“) erlaubt, die Grenzen zu überschreiten und so an einer regionalen Friedensordnung zu arbeiten. Die Entwicklung des „chiefdom“ zum „kingdom“ geht höchstwahrscheinlich auf die soziale, friedensstiftenden Rolle der Hebräer zurück. Irgendwann später gesellte sich zum Modell des Königtums (oder von mir aus auch der „Nation“) der Judaismus hinzu. Jedes Reich benötigt seine Religion, doch meist kommt zunächst das Reich, gefolgt von der Religion als Fortführung des Reiches, oft erst nach seinem Untergang. Die ursprünglich heterogene Gesellschaft von Stämmen ist jedoch höchstens unterdrückt worden, aber nie ganz verschwunden, wie es die im jüdischen Brigantentum wiederaufflammenden Fehden der Antike zeigen (z.B. die Pompeius/Hyrkanos-Episode etc.). Danach kam das römische Imperium, das zuallererst als Friedensstifter auftrat. Der herodianische, römisch-jüdische Tempel in Jerusalem war nicht nur dem Gott der Juden gewidmet. Auch Iuppiter und dann die römischen Divi des Kaiserkults (z.B. Divus Iulius & Divus Augustus) wurden dort angebetet (Terminus technicus: „theos synnaos“). Das hat die meisten Juden zunächst nicht sonderlich gestört, wurden doch auf beiden Seiten Synkretismen zwischen dem Gott der Juden und dem höchsten römischen Gott (zunächst Iuppiter, dann den vergotteten Kaisern) festgestellt. Insofern kann man schwerlich behaupten, dass das römische Imperium die Juden nicht „in Frieden“ ließ. Ganz im Gegenteil gewährte Rom den Juden außerordentliche Privilegien gegenüber den Anhängern anderer Religionen, selbst gegenüber den eigenen Leuten. Die Ausgangspunkte der folgenden Kriege und Aufstände sind also allesamt auf Seiten der jüdischen Bevölkerung zu suchen, angefacht zunächst von streng konservativen Vertretern (heute würde man sagen: „Fundamentalisten“), dann fortgeführt und ausgebreitet auch in gemäßigteren Kreisen, als „innerjüdische“ politische Konflikte etc., die dann um sich griffen. Ein Studium der Geschichtsbücher ist nicht mit Deinem und Herrn Assmanns Blick durch die rosarote Davidsternbrille in Einklang zu bringen. (Nicht dass mich hier jemand falsch verstehtund ich denke auch, dass ich das im ursprünglichen Leserbrief deutlich gemacht habe: der Judaismus steht den anderen Religion in nichts nach. Alle sind sie Religionen, die aus Gewalt geboren sind und immer wieder Gewalt ausüben.) Der Ausgangspunkt (und vielleicht auch die Blaupause) für die folgenden Kriege war sicherlich Judas, der Sohn des galiläischen Räuberhauptmanns Ezechias, der sich nach Herodes‘ Tod als Messias ausgab, zunächst besiegt wurde, aber dann als Anführer der Zeloten einen Aufstand gegen den Präfekten Coponius anzettelte. Der Tod des Caesarianers Herodes schuf eine politisch höchst explosive Situation, einen Zustand latenter Rebellion, was auf Seiten der Juden immer wieder kriegerische Handlungen generierte, natürlich unter zahlreichen, immer wieder variierenden Vorwänden. Mitte der 60er Jahre n. Chr. brach dann auch die jüdische Aristokratie unter dem Druck der „Fundamentalisten“ ein, unter den messianischen Erwartungen der Straße und auch aufgrund einer diffusen Vorstellung, im Kampf gegen die Römer wieder mehr an Macht und Prestige zu gewinnen. Der Vorwände für den jüdischen Krieg und den späteren Bar-Kosiba-Aufstand sind genau das: Vorwände. Hier die Schuld bei den Römern zu suchen, die die „Juden nicht in Frieden ließen“, ist radikal zu kurz gegriffen. Es wird nämlich gerne übersehen, dass der sog. „jüdische Krieg“ auch ein Bürgerkrieg der Juden war, zwischen der gemäßigten (teilweise auch noch pro-römischen) Aristokratie und den extremistischen Strömungen im jüdischen Volk. Wenn selbst ein Mann wie Cicero die Juden als „barbarische Abergläubige“ abkanzelte, kommt das nicht von ungefähr. Das Verhalten der jüdischen Bevölkerung gab ihm nachträglich recht. Auch die Ursachen des Bar-Kosiba-Aufstands waren nicht irgendwie geartete Repressionen der Römer. Kaiser Hadrian plante vielmehr die Neuerrichtung des Tempels (es war ja auch ein römischer Tempel gewesen), den Wiederaufbau Jerusalems als colonia Aelia Capitolina, viele Juden kehrten bereits aus der Diaspora zurück. Die Beschneidungsedikte Hadrians waren wahrscheinlich nur die Reaktion auf neuerliche Feindseligkeiten in der jüdischen Bevölkerung: Pausanias und Euseb von Caesarea sehen die Gründe für den Aufstand ausschließlich auf jüdischer Seite. Ich kann also beim besten Willen nicht erkennen, wie Du auf eine „besondere Friedfertigkeit“ des antiken Judentums schließen willst.

  9. Heute ist das Judentum die letzte der monotheistischen Religionen, die noch Territorien als direkt von Gott gegeben beansprucht und diese durch Mord und Vertreibung erobert. Die Iraner würden nie auf den Gedanken kommen, sunnitische Länder zu besetzen und deren Bewohner zu enteignen und zu vertreiben.
    Schulz hat darauf zwischen den Zeilen hingewiesen. Man sollte aber nicht vergessen, daß auch das Christentum gewalttätige Phasen hatte und daß neben dem israelischen Staats-Terrorismus auch muslimische Terroristen behaupten, das Werk Mohammeds zu vollbringen.
    Der Begriff „Antisemitismus“ paßt aber in diese Problematik nun überhaupt nicht hinein, weil ja alle Völker Palästinas, jüdische wie muslimische, christliche wie atheistische dem ursprünglichen Stamm der Semiten entsprungen sind.
    „Das“ Judentum ist nicht ungut. „Der“ Islam auch nicht. Aber im Namen dieser Religionen begangene Massaker sind ungut, trotz einer Achse des Guten, die sie verharmlost und verleugnet.

  10. Toll! Wo lernt man das, so zwischen den Zeilen den Haß und die Misinformation mal eben so einzuschieben. Der moderne Staat Israel existiert nicht, weil wir glauben, dass er uns von G-tt gegeben wurde, sondern aus seiner bloßen Notwendigkeit heraus. Auf den dummen Vorwurf des Staats-Terrorismus muß man gar nicht erst eingehen – das Gegenteil wurde im Netz schon zu oft bewiesen.
    Dass Antisemitismus nichts mit den Semiten zu tun hat, sondern einen Begriff der mit Judenhass übersetzt werden kann, darauf ist auch schon im Allgemeinen eingegangen worden. Übrigens taucht in meinem Artikel das Wort Antisemitismus gar nicht auf!

  11. Besonders witzig, nach allein 657 Morden der IDF in den besetzten Gebieten in 2006 zu glauben, daß dies kein Staats-Terrorismus sei, sei „Im Netz“ bewiesen. Vielleicht posten Sie hier den Link, damit das in Haaretz endlich öffentlich wird? Offensichtlich täuschen sich hier doch alle, bzw. werden gezielt von Liberalen desinformiert?
    Wenn Sie „Antisemitismus“ auch für unpassend halten und lieber „Judenhass“ schreiben, ist das OK. Aber Sie müssen sich entscheiden: Entweder ist der durchgeknallte Terrorstaat Israel tatsächlich ein „jüdischer“ Staat, also Ausdruck und Verkörperer jüdischer Religion. Dann wird es wohl Judenhass geben müssen, mindestens von den direkten Opfern.
    Oder aber es gibt ein Judentum von Martin Buber, Uri Averny, Daniel Barenboim und Woody Allen, das solchen Abgründen abhold ist, wie es mein Freund Rolf Verleger, Mitglied des Präsidiums des Zentralrates der Juden in Deutschland gegen den Zentralrat verteidigt. Was nun?
    Auf Antwort wartet Jörg Sutter

  12. Auf vernünftige Argumente und nicht nur Nachplappern irgendwelcher Parolen wartet Chajm Guski…

    Es ist immer bedenklich, wenn sich jemand zu Themen äusserst, von denen er keine Ahnung hat und die Problematik nur vom Hörensagen kennt. Lesen Sie dieses Blog und erfahren Sie, dass die Welt nicht nur Schwarz und Weiß ist.

  13. Worüber genau beschwert sich Chaim Guski eigentlich?

    Dass Echnatons Aton-Kult der Vorläufer aller monotheistischen Religionen war, ist doch schon lange bekannt, auch wenn der SPIEGEL es jetzt als „neue“ Erkenntnis verkaufen will.

    Und die blutigen Beschneidungsrituale an kleinen Jungen kommen ebenfalls aus Ägyten, wie man auf den Wandzeichnungen in den Pyramiden ganz klar erkennen kann.

    Wenn es also die historische Wahrheit ist, dass die Juden ihre Religion und ihre Rituale nur abgekupfert haben, warum sollte diese Wahrheit dann nicht offen ausgesprochen werden? Warum soll sie verschwiegen werden, oder mit dem Stempel „Antisemitismus“ versehen als Tabu unter den Teppich gekehrt werden?

    In der Causa steht Wissenschaft gegen Glauben.
    Der Glaube beruft sich auf uralte Aussagen von sogenannten Propheten, die behauptet hatten, von einem Gott gesandt worden zu sein. Deren Legitimation als Gottesgesandte aber niemals überprüft oder verifiziert worden ist, und deren Aussagen dennoch bis zum heutigen Tag religiöse Gesetzeskraft haben und niemals angezweifet werden dürfen.
    Dagegen die Wissenschaft, die von Zweifeln lebt und Erkenntnis und beweisbare Wahrheit als höchstes Ziel hat.

    Es ist klar, dass der Glaube letzten Endes keine Chance hat gegen die Wissenschaft. Da braucht man sich noch nicht einmal auf den klassischen Fall Kirche gegen Galilei Galileo zu berufen, die Kirche MUSSTE am Ende ihren Irrtum eingestehen.

    Und im Übrigen sind es hier ja auch gerade die jüdischen Historiker und Archöäologen, die in Israel und den von Israel besetzten Gebieten die Erde umgraben und laufend neue Belege finden dafür, dass die Bibel bzw. das alte Testament bzw. die Torah voll sind von Lügen und Märchen, von Falschdarstellungen, Fehlinterpretationen, Mythen und Sagen, die allesamt einer präzisen historischen Überprüfung nicht standhalten.

    Wirklich erschreckend ist aber die Sprenkgkraft, die alle diese Erzählungen bis zum heutigen Tag haben: Juden behaupten, ein Gott hätte ihnen das Land der Palästinenser geschenkt, und die Palästinenser haben unendlich viel zu erleiden gehabt unter dem Judenstaat Israel: Landraub, Vertreibung, Zerstörung ihrer Städte und Dörfer, Massaker und Massenmord, Kolonisierung, Judaisierung ihrer Heimat, Besatzung, ethnische Säuberung, Besiedelung ihres Landes mit reinen Judensiedlungen, Leben in Lagern und Ghettos unter jüdischer Herrschaft.

    Jetzt hat Israel sogar schon den Einsatz von Atombomben angedroht. Und das alles nur wegen eben dieser Frage nach dem angeblich einzigen und alleinigen Gott, auf den sie Anspruch erheben, sein auswerwähltes Volk zu sein.

    Das hätte Echnaton sich auch nicht in seinen schlimmsten Träumen vorstellen können, dass seine Gedanken eines Tages der Grund sein könnten für den Untergang der Menschheit, der ganzen Welt.

  14. Pingback: Chajms Sicht » Offener Brief des gyptologen Jan Assmann

  15. Mich erinnert der Spiegel-Artikel sehr an den Unsinn von Dan Brown und geistesverwandter Autoren. Auf Hagalil wurde vor kurzem das Buch „Keine Posaunen vor Jericho“ empfohlen. Die darin enthaltenen Thesen findet man auch in dem Artikel wieder. Meiner Meinung nach liegt der Erfolg solcher Machwerke erstens in der Auflehnung gegen die Weisungen des Schöpfers, zweitens in der Unkenntnis der profanen und theologischen Fachliteratur und drittens an der Gier der Verlage nach den großen Mäusen. Solche Literatur kommt bei mir unverzüglich in die Makulatur. Shalom Schwalf

  16. Lieber Chajm. Vielen Dank für den LInk zu Assmanns Brief an den Spiegel. Dem ist im Prinzip zuzustimmen. V.a. sein Argument gegen das „Abkupfern“ sollte erwähnt werden.

    Hier im Forum stößt v.a. Sutters Polemik („Staatsterrorismus“) und Wenckes seltsame Hasstirade auf, dass in der jüdischen Bibel nur „Lügen, Märchen, Falschdarstellungen, Fehlinterpretationen, Mythen und Sagen“ stehen. Gelten religiöse Wahrheiten gar nichts mehr? Sicherlich entsprechen die Geschichten der jüdischen Bibel (auch die des Neuen Testaments) nicht der „historischen Wahrheit“. Aber das ist vollkommen logisch, denn religiöse Schriften sind immer eine verzerrte Überlieferung von Geschichte, überhöht und in die spirituelle, religiöse Sphäre katapultiert. Auch das Argument, dass der „Glaube letzten Endes keine Chance gegen die Wissenschaft hat“, ist vollkommen falsch und irrelevant. Der Glaube selbst (ein spirituelles, seelisches, geistiges Phänomen) wird der Wissenschaft immer einen Schritt voraus sein. Der Glaube selbst kann nicht von nüchterner Wissenschaft erklärt werden, gerade wenn es sich um „the last resort“ handelt, um den Glauben (und damit auch um „Gott“) im letzten Refugium, der Unschärfe des menschlichen Geistes. Heinz von Förster nannte es eine „kausale Feedback-Schleife“. Der Glaube ist ein Paradoxon, und da sollte sich die deterministische Wissenschaft heraushalten, denn es ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Egal, was die Wissenschaft tatsächlich herausfindet und was sich letztendlich als communis opinio verfestigt, egal ob die jüdische Religion (und ihre Schriften) aus Ägypten, Palästina oder dem Zweistromland kamen, wird dies nichts an der Religion selbst ändern, denn wir haben es mit zwei vollständig unterschiedlichen Komplexen zu tun.

    Weiterhin muss man Assmann in Punkt 1 zustimmen: „Die Juden sind daher nicht für die Entstehung, sondern, genau wie die Christen, nur für den Umgang mit der hebräischen Bibel verantwortlich.“ Woanders las ich einmal, dass gerade das Judentum und die jüdische Exegese sich in der Geschichte als viel progressiver gezeigt haben als alle anderen Religionen. Dies mag vielleicht im Diasporaleben seinen Grund haben und der damit verbundenen Notwendigkeit, sein Leben und seinen Glauben immer neu anzupassen. Hier liegt jedoch auch der Anknüpfungspunkt zum Zionismus (s.u.). Der stand jedoch am langen Ende einer historischen Entwicklung, die in ihren Ursprüngen gar nicht im Judentum zu finden ist. Trotzdem wird der gegenwärtige Nahost-Konflikt gerne den Juden in die Schuhe geschoben und die Besetzung Palästinas durch die Israelis als Auslöser dargestellt. Schuld (und man kann durchaus von „Schuld“ reden) sind jedoch die Deutschen, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Ein kurzer historischer Abriss:

    Nach der Vertreibung der Juden aus Palästina in die Diaspora fungierte das römische Imperium als Auffangbecken, ein wenig ähnlich der Vertreibung nach der Shoa, als viele Juden eine neues Leben in den Ländern der Siegermächte begannen, v.a. in Russland und in den USA. Das „Judentum“ war jedoch nie auf Palästina beschränkt gewesen, denn die Mehrzahl der römischen Juden war hellenisiert und bereits seit Jahrhunderten im ganzen Reich verteilt, weswegen auch eine griechische Version der Biblia Iudaica („Septuaginta“) notwendig wurde. Die letzten vertriebenen Juden trafen also in der Diaspora auf gefestigte jüdische Kultur und Strukturen. Als jedoch Rom zusammenbrach und nur noch das Christentum als „imperiales“, d.h. katholisches Modell übrig blieb, wäre es die Aufgabe der Christen gewesen, die Juden weiter in ihrer Mitte zu halten, akzeptiert und respektiert. Die beschämende Geschichte des Christentums der Nach-Antike kennen wir jedoch. (Ich glaube, Chajm hat über die Judenverfolgungen durch Christen im Mittelalter einen guten Artikel auf talmud.de geschrieben.) Die Ursache für den heutigen Nahost-Konflikt (wie oben angedeutet) liegt jedoch bei den Deutschen, und zwar zunächst bei Martin Luther. (Ja genau: Martin Luther.)

    1. Die christliche Kirche hatte das Alte Testament immer als zweifelhaften Appendix angesehen und die wortwörtliche Interpretation der jüdischen Bibel als „diabolisch“ bezeichnet. Weiterhin war eine kommentarlose Lektüre der Bibel nicht erlaubt, v.a. wegen des Alten Testaments. Martin Luther jedoch stellte das AT dem NT voran, was nicht zuletzt programmatisch gedacht war. Weiterhin wurde plötzlich der „jüdische Staatsgedanke“, der keimhaft bereits im AT vorgegeben war (Volk Israel > Land Israel), zum Leitmotiv für den Protestantismus, der von Beginn an und bis heute stark alttestamentarisch geprägt ist, ganz im Gegensatz zum Katholizismus. Dies ging Hand in Hand mit der Übersetzung der Bibel ins Deutsche, wodurch die „katholische Staatsidee“, das imperiale Modell des Heiligen Römischen Reiches geschwächt wurde. Plötzlich flammte in Europa der Nationalgedanke auf, der im alttestamentarischen Protestantismus auch seine religiöse Entsprechung fand (sozusagen: „Nation Israel“). Was folgte war eine Zeit der Kriege, die v.a. auch Religionskriege waren (auch heute in Nordirland noch). Der Zionismus war nur das Resultat dieser von Deutschland ausgehenden Entwicklung. Die nationale Heterogenisierung Europas gipfelte dann fast zwangsweise im ersten Weltkrieg. Es ist also eigentlich eine logische Konsequenz, dass in der damaligen, von Nationen geprägten und zerstörten Welt, auch die nach dem zweiten Weltkrieg vertriebenen Juden eine eigene Nation zugesprochen bekamen, auch wenn dadurch die historische Leistung der Römer zunichte gemacht wird. Von letzterem ausgehend kann man also durchaus von einer Besetzung Palästinas durch Israel sprechen, aber dies ist irrelevant, da das römische (und das katholische) imperiale Modell in Europa längst untergangen waren. Dass die Juden (auch vor dem Zionismus) beim Passah sagten „Nächstes Jahr in Jerusalem“, zeigt doch, dass sich aus der Religion durchaus ein Anspruch auf „Landnahme“ ableiten lassen kann. Der Zionismus ist also (entgegen der Behauptung vieler) nicht die Perversion, sondern die Wahrheit des jüdischen Glaubens. Der Fundamentalismus ist sozusagen die Wahrheit einer jeden Religion. Weiter oben sagte ich nach Euhemeros, dass Religionen die Form sind, in der vergegangene Reiche ihren Untergang überleben. In der jüdischen Religion handelt es sich also streng genommen um das Königreich Davids. Auch die Christen arbeiten an einer Erneuerung des imperialen römischen Modells in Form der EU. Die logische und historisch akkurate Konsequenz müsste dann tatsächlich sein, den Gottesbezug in die EU-Verfassung aufzunehmen. Zusammenfassend: Die von Martin Luther ausgehende Nationalisierung Europas führte im Endeffekt zur erneuten Vertreibung der Juden und zur Gründung des Staates Israel nach dem zweiten Weltkrieg.

    2. Das Verhalten der Deutschen hatte weiterhin in direkter Konsequenz a) die Gründung des Staates Israel (Shoa und Vertreibung) sowie b) den in der islamischen Welt vielfach verbreiteten Judenhass zur Folge:

    Muslime kämpften als Söldner für die Deutschen an der Ostfront, die SS hatte Truppen in Palästina und wartete auf den Durchstoß von Rommels Armee in Nordafrika. In der Zwischenzeit kooperierten sie mit den dortigen Muslimen, um an der Endlösung der bereits zahlreichen palästinensischen Juden zu arbeiten. Die damit verbundene rassistische, anti-jüdische Indoktrination der Muslime ist eingeflossen in die Muslimbrüderschaft, die ebenfalls nach dem Krieg noch von Politikern und Funktionären der jungen Bundesrepublik Deutschland unterstützt wurde. Die aus dieser Konstellation entstandene erste deutsche Moschee in Bayern steht auch heute noch im Verdacht, islamistisch geprägt zu sein. Die heutigen geistlichen und weltlichen Machthaber in der muslimischen Welt sind direkt und indirekt Zöglinge und Schüler dieser Weltkriegsmoslems, die von den Nazis indoktriniert wurden.

    Die Besetzung Palästinas durch Israel ist zwar der finale Todesstoß für den imperialen europäischen Gedanken gewesen, ist jedoch beim besten Willen nicht der Grund für den Nahost-Konflikt. Der Grund ist früher zu suchen, im deutschen Nationalismus/Nationalsozialismus und im alttestamentarischen Protestantismus, der ebenfalls in Deutschland begann. Auch wenn sich das von Gott (in anti-universeller Weise) den Israeliten versprochene heilige Land bereits in der jüdischen Bibel findet und sich daraus sehr wohl ein Anspruch auf eine Nation Israel ableiten lassen lässt, war dies ebenfalls weder der Grund für den heutigen Nahost-Konflikt noch für die israelische Staatsgründung. Die politische Entwicklung entsprach lediglich dem religiösen Anspruch.

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