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Der Read-On Skandal

Gibt es eigentlich den Begriff »Blogosphäre« noch?

Wenn es ihn noch gäbe, dann könnte ich prima schreiben »Ein Geist geht um in der deutschsprachigen jüdischen Blogosphäre und sogar in der gesamten deutschsprachigen«. DER SPIEGEL hat einen Beitrag über die Bloggerin, die über »Read on my dear, read on« bloggte, veröffentlicht.
Um es ganz kurz zu machen: Die Angaben über ihren jüdischen Familienhintergrund seien falsch. Geschichten über Verwandte etwa, die sich über die Schoah austauschten, einfach nur ausgedacht. Es gäbe überhaupt keine jüdische Identität, außer eine »behauptete«. Im Laufe der Zeit habe die Bloggerin sogar falsche Opfer an Yad Vashem gemeldet – um ihre eigene Geschichte zu untermauern. Damit wurde natürlich die Grenze des Erträglichen überschritten.
Für den normalen Mitleser relativierte diese Enthüllung auch die kleinen Schnipsel, wie das so ist, wenn man mit einer jüdischen Identität nahezu allein irgendwo lebt.

Zur »Enthüllung« kam es offenbar, als historische Fakten nicht ganz sauber dargestellt wurden und Leser darauf aufmerksam und skeptisch wurden. Letztlich scheint dann jemand aus der Blogleserschaft den SPIEGEL darauf aufmerksam gemacht zu haben. Übers Wochenende war dann die deutschsprachige jüdische Blogwelt um einen Blog ärmer – dabei gibt ohnehin kaum jüdische Blogs. Über Schabbat passierte einiges auf twitter, der Hashtag #readonmyfake zog Kreise. Nahezu jede und jeder, so fühlte es sich an, fühlte sich berufen, den Fall zu kommentieren.
Meine Lieblingskommentare begannen mit »Habe ich nicht gelesen, aber…«. Die üblichen Namen wurden gedroppt: Da gäbe es ja auch den Fall »Binjamin Wilkomirski« und »Misha Defonseca« und und… Aber auch der »Fall« Wolfgang Seibert wurde genannt. Nicht ganz uninteressant in diesem Zusammenhang. Denn wenn es stimmt, was wir zu Seibert gelesen haben, dann verwundert es mich, warum dieser Fall im Vergleich zur Causa »Read On« so wenig Aufmerksamkeit erzeugt und nur zu einem halbherzigen Rückzug vom Vorstandsamt gereicht hat.

Aber zurück zu »Read on«.
Ein wichtiger Aspekt wurde mir in einem Gespräch mit einem Journalisten klar. In diesem Gespräch habe ich gelernt: 
Der Betrüger spiegelt oft auch das, was die Betrogenen sich wünschen.
Ja, gibt es einen »Markt« für den sanften Schauder, wenn auf die Familiengeschichte zurückgeblickt wird. Es gibt auch einen »Markt« für diejenigen, die ohne Schranke an dem teilhaben wollen, was sie für jüdisches Leben halten. Die Projektion wird angenommen und genau das geliefert, was man sich wünscht.
Vielleicht kann man enttäuschte Erwartungshaltung auch in einem Text von Caroline Fetscher vom Tagesspiegel wahrnehmen. Der Text zur »Read On« Geschichte zeigt recht eindrucksvoll, mit welchen Konstrukten im Kopf die Leserinnen und Leser etwas »jüdisches« lesen. Aus den Zeilen scheint viel Enttäuschung zu sprechen. Statt zu thematisieren, dass es vielleicht um das süße Nektar »Aufmerksamkeit« geht, worum es natürlich immer geht, wenn man einmal davon gekostet hat und Blogger nun einmal Teil einer Aufmerksamkeitsökonomie sind, wird das ganze theoretisiert und künstlich aufgeladen.

Dabei geht es eigentlich um das unbelastete Thema »Brot«. Die Read-On Autorin hat nämlich auch ein Buch mit dem Titel »Kunstgeschichte als Brotbelag« herausgebracht. Mit Fotos von Instagram und twitter. Nutzer bauten mit ihren Butterbroten berühmte Bilder nach. Das ist unverdächtig. Nicht, wenn es um Juden im weitesten Sinne geht. Fetscher schreibt über das Vorwort des Buches:

 „Brot und die Deutschen, das ist die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung“ heißt es im Vorwort. Juden und Deutschland, das wird oft als die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung bezeichnet, und ohne dass der Vergleich hier gezogen wird, kann er sich aufdrängen.

tagesspiegel.de

Dieser Vergleich drängt sich überhaupt nicht auf – bis jemand zwischen dem Satz »Brot und die Deutschen, das ist die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung« und der Schoah einen künstlichen Zusammenhang herstellt. Es dürfte doch bekannt sein, dass es in Deutschland die meisten Brotsorten überhaupt gibt? Der Verlag GU titelt etwa: »Die Deutschen und ihr Brot – Ein unschlagbares Team«.

Wir erfahren also durch solche Sätze ein wenig über die Autorin und verstehen auf diese Weise vielleicht ihre grenzenlose Empörung.
Dabei ist Empörung eine Emotion, die man hier nur kurzfristig walten lassen darf. Langfristig sollte man sich fragen, was man selber beigetragen hat. Welche Erwartungen hat man da spiegeln lassen?
Weiter heißt es:

Auf alle Fälle lässt das groteske Spiel der Verzerrung und Vergröberung der sich plump und absichtlich als Fälschung zeigenden Brotbilder Rückschlüsse auf den Spieltrieb zu, mit dem Hingst ihrer Groteske konstruierte, indem sie künstliche Geschichten als Broterwerb betrieb.

tagesspiegel.de

Das ist natürlich eine groteske Konstruktion. Dabei irrt Fetscher schon in der einleitenden Überschrift: »Bloggende Hochstaplerin Marie Sophie Hingst«. Hier bloggt keine Hochstaplerin. Der Blog war oder ist die Hochstapelei. Semantisches Mimimi vielleicht, aber es gibt diese Hochstapelei ja nur wegen des Blogs und es ist keineswegs nur eine Begleitung einer Hochstapelei irgendwo im Real Life.


Eines kann man sich für die Zukunft merken: Wenn das Geschriebene geiler ist als die eigene Realität, dann ist es – sehr wahrscheinlich jedenfalls – nicht die Realität, sondern eine sehr dringlich herbeigesehnte Fiktion. Das beginnt im ganz kleinen, etwa in den zahllosen »Stolz-auf-mein-Kind-Tweets« – hier ein fiktives Beispiel – (erzählt mir nicht, dass alle diese Tweets wahr sind)

»Die kleine Joeline (2. Jahre) hat einen Obdachlosen gesehen und zu mir gesagt: Mama, wenn Leute wie Carsten Maschmeyer mehr Steuern zahlen würden, dann müsste der Mann nicht draußen schlafen. Ich bin soooo stolz.«

geht weiter bei modifizierten Darstellungen der Realität. Selbst im Abschlussbericht zum »Fall Relotius« wird klar, dass »Verdichtung« zur Verbesserung einer Reportage durchaus gehören durfte.
Das hört bei den großen Geschichten auf. Wenn dir jemand ständig Geschichten über seine spannenden Begegnungen erzählt, die er hat, wenn er mit Kippah durch die Gegend reist. Voller ungeahnter Wendungen und Zufälle. Dann könntest Du ahnen, dass sie vielleicht ein wenig ausgeschmückt sind. Es soll auch Menschen geben, bei denen einfach gar nichts passiert, oder nicht immer auf belesene, eloquente Menschen treffen.

Der Read-On Skandal erzählt viel darüber, wie draußen jüdisches gesehen wird, er erzählt vieles über das Verhältnis von Bloggern die es weit bringen wollen, zu ihren Lesern.
Er erzählt aber keine Geschichte darüber, wie ausschließlich ein Mensch alleiniger »Täter« war und alle anderen die arglosen Opfer.

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Dieser Samstag ist »Trag eine Kippah-Samstag«

Gibt es keinen Kommentar zum Ausnahmsweise erscheint ein Kommentar zur Äußerung von Dr. Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, in der Öffentlichkeit keine Kippah zu tragen? Doch natürlich.
Aber ausnahmsweise einmal nicht in diesem Blog, sondern im englischsprachigen Blog bei der Times of Israel – hier.

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Die Legende von Rabbi Akiwa

Pünktlich zu Lag BaOmer ist es verfügbar!
Ein e-Book mit dem Titel »Die Legende von Rabbi Akiwa«. In diesem Büchlein (darf man ein e-Book »Büchlein« nennen?) erzählt Emil Bernhard Cohn (er war Rabbiner in Bonn, Essen, New York und später Dozent für Hebräische Literatur an der Stanford University in Palo Alto), das Leben von Rabbi Akiwa spannend nach. Von seiner »Erleuchtung«, bis zu seinem grausamen Tod durch die Römer. Cohn hangelt sich dazu an den Stellen aus Midrasch und Talmud entlang, die etwas über ihn verraten. In einem kleinen Anmerkungsteil habe ich diese Stellen identifiziert und angemerkt. So könnte der geneigte Leser im Talmud diese Stellen finden. Zusätzlich gibt es die Schilderung seines Martyriums als übersetzten Text aus dem Talmud. Da es das Buch bisher nicht (mehr) zu kaufen gab, habe ich nun diese »erweiterte« und Fassung veröffentlicht. Die Orthografie wurde stellenweise etwas aktualisiert. Ich denke derzeit nicht, dass es für eine gedruckte Version ausreichend Nachfrage gäbe.

Moment! Das e-book kostet ja Geld?! Ja. Manchmal gibt es kommerzielle Projekte. Die ermöglichen dann den Betrieb von talmud.de und dieses Blogs. Das finde ich etwas smarter, als schnöde Werbung zu schalten. Direkt nach Geld werde ich sicher nicht fragen.
Sicher wird es den Text auch auf talmud.de geben. Aber in der Aufbereitung und Bearbeitung steckte auch ein wenig Zeit.

In Kürze sollte es das Buch in allen deutschsprachigen Shops für e-Books geben.
Ihr findet es etwa hier:

Danke für Eure Aufmerksamkeit für diesen kleinen Werbeblock.

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Mitgliederstatistik 2018

Entwicklung 1955 – 2018

Die Zahl der Gemeindemitglieder geht, wie erwartet, in größeren Schritten zurück. 1.596 weniger Mitglieder hatten die Gemeinde im Jahr 2018 als noch 2017. Das wäre ein Rückgang von 1,7 Prozent. In den Vorjahren lag der Rückgang rund um die »Ein-Prozent-Marke«. Eine Überraschung gibt es jedoch. Die wird erst weiter unten enthüllt.

Jahr Anzahl
2009 104.241
2010 104.024
2011 102.797
2012 102.135
2013 101.338
2014 100.437
2015 99.695
2016 98.594
2017 97.791
2018 96.195

Verlassen etwa so viele Juden das Land? Nein. 151 Mitglieder von jüdischen Gemeinden haben 2018 das Land verlassen.

Auswanderer 2009 – 2018

In der Übersicht erkennt man, dass Auswanderungen weniger ins Gewicht fallen als Austritte und Sterbefälle.

Verluste der Gemeinden 2018

Im Detail. Die Anzahl der Geburten geht weiter zurück und die Zahl der Sterbefälle steigt leider:

Geburten im Vergleich

Jahr Sterbefälle Geburten
2008 1038 171
2011 1195 212
2012 1282 199
2013 1244 250
2014 1330 241
2015 1476 277
2016 1498 265
2017 1505 251
2018 1572 227

Die größte jüdische Gemeinde in Deutschland – Überraschungen

Die Zahlen für die Stadt Düsseldorf aus dem Jahr 2017 müssen leider revidiert werden. Hier gab es wohl auch ein Problem bei der Erstellung oder der Vorlage der Zahlen. Im Jahr 2017 gewann die Gemeinde Düsseldorf, laut Statistik, massiv an Mitgliedern. Das hat sich leider als falsch erwiesen. In diesem Jahr erhalten wir korrigierte Zahlen. Dafür hat Köln massiv an Mitgliedern gewonnen (warum?). Dennoch bleibt Düsseldorf eine Top 6 Gemeinde.

Allerdings ist spannend zu sehen, welche Gemeinde die größte in Deutschland ist.

Berlin?

Nein. Seit 2018 nicht mehr. 152 Austritte und 160 Todesfälle. Aber nur insgesamt 108 Zugänge, davon nur 15 Geburten (!) und 77 Zuzüge aus dem Ausland, hinterlassen Spuren.
München hat Berlin abgelöst. München wächst zwar nicht, aber schrumpft nicht so stark wie Berlin.

In Berlin gab es 2018 1,6 Austritte pro 100 Gemeindemitglieder zu verzeichnen. In München waren es hingegen »nur« 0,3 pro 100 Gemeindemitglieder. In Berlin sind 49 Prozent der Mitglieder älter als 60 Jahre. In München sind es 43 Prozent. Aber dennoch: In Berlin passiert eine Menge jüdisches Leben. Zahlreiche Gruppen und Initiativen senden Impulse aus. Oft außerhalb der Gemeinden. Aus München liest oder hört man weniger von kleinen Gruppen außerhalb der Gemeinde. Es kann auch sein, dass diese nicht so sehr stark wahrgenommen werden.

Hier in der Übersicht:

2015 2016 2017 2018
München 9507 9485 9365 9316
Berlin 9865 9735 9526 9255
Düsseldorf 6800 6713 6713 6695
Frankfurt am Main 6604 6503 6464 6428
Köln 4077 4026 3970 4100
Hamburg 2445 2447 2422 2383

(In der Übersicht habe ich für das Jahr 2017 bei Düsseldorf den Wert des Vorjahres eingetragen, da er für 2017 nicht stimmte)

Rekorde?

Die (liberale) jüdische Gemeinde Pinneberg hat sich innerhalb eines Jahres halbiert. Hatte sie 2017 noch 250 Mitglieder, so hatte sie 2018 nur noch 112 Mitglieder.
Das bedeutet für den entsprechenden Landesverband, dass dieser im vergangenen Jahr 13 Prozent seiner Mitglieder verloren hat. Wir erinnern uns, dass die Gemeinde Pinneberg im vergangenen Jahr einen kleinen Skandal hatte.
Der gesamte Landesverband dieser Gemeinde lohnt einen Blick. Das ist der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein. Der Gegenpart zum einheitsgemeindlichen »Landesverband Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein«. Die Judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa lassen grüßen.
Dieser Landesverband verzeichnete nicht nur die meisten Austritte, er hat auch keine Geburten zu verzeichnen. Hier stehen 12 Zugänge 566 Abgängen gegenüber.

Seit 2011 sieht das so aus:

2011 2018
Ahrensburg-Stormarn 18 20
Bad Segeberg 216 183
Elmshorn 49 43
Kiel 133 208
Pinneberg 256 112

Altersstruktur

Altersstruktur 2017/2018

Baden-Baden fällt auf. 61 Prozent der Gemeindemitglieder sind älter als 60 Jahre. Die Gemeinde verliert weiterhin Mitglieder. Für alle Gemeinden Deutschlands gilt übrigens, dass 48 Prozent der Gemeindemitglieder älter als 60 Jahre sind. Die Gemeinde hatte 2011 1.001 Mitglieder. 2018 waren es 999. Hier scheint es ein paar günstige Faktoren zu geben.

Im Februar 2019 wurde in Regensburg eine neue Synagoge eröffnet. Hier sind 38 Prozent aller Mitglieder über 60 Jahre.

Überlegungen zu Schlussfolgerungen habe ich bereits hier angestellt – aber man kann es nicht häufig genug wiederholen – die Infrastruktur muss auch abwärts skalierbar sein, damit die Einrichtungen auch in fünf Jahren noch betrieben werden können. Ressourcen, sowohl menschliche, als auch finanzielle, müssen für Projekte eingesetzt werden, die sich in die Gemeinden hinein richten.

In Ballungsräumen wären möglicherweise »Fusionen« ein gutes Mittel, um Kosten für Infrastrukturen zu senken. Fusionen bedeuten allerdings auch, dass sich zwei Vorstände für ihre Gemeinden einigen müssten und am Ende einer die Gemeinde leitet. Da sind Leute gefragt, deren Sorge in erster Linie der Fortbestand der Gemeinde ist.

Die Statistik der ZWST gibt es hier, auf zwst.org. An dieser Stelle einen Dank an die ZWST für die Transparenz.

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Ein Siddur als Begleiter

Siddurim, also Gebetbücher, habe ich mehr als eines. Viele von ihnen lassen »Siddur Sefat Emet«, den Siddur, der lange nahezu der einzige im deutschsprachigen Bereich war, tatsächlich antiquiert erscheinen. Sie sind einfacher zu verwenden und zeitgemäßer gestaltet. Neuere Siddurim enthalten sogar »mehr« Text, also Kommentare und Verweise auf Quellen. In einigen sind sogar Bakaschot abgedruckt, also »persönliche« Gebete.

Diese Ausgaben verwende ich auch gerne, aber einen Siddur trage ich »immer« mit mir herum. Die Kleinausgabe des »Siddur Sefat Emet«.
Noch gedruckt auf dünnem Papier (um das Jahr 1995 herum), sehr handlich, nicht zu dick. Es passt in jede Tasche und kann deshalb überallhin mitgenommen werden.
Bei einem Besuch des Castello di Gradara (in Italien) regnete es in Strömen. In der Außentasche des Rucksacks war der Siddur. Vollständig durchnässt. Im Zimmer wurde das Büchlein dann mit einem Föhn behandelt.
Auf einer anderen Reise stopfte ich eine Flasche Sherry in meinen Rucksack. Eigentlich gut eingerollt in Zeitungen und Papieren. Das Glas der Flasche war jedoch außergewöhnlich dünn. Erst als Menschen auf meinen tropfenden Rucksack zeigten, war klar, die Flasche war zerbrochen. Der Siddur war wieder vollständig durchnässt. Aber Tefillat haDerech das Gebet für die Reise konnte man immer sagen. Das Büchlein roch noch Monate danach nach Sherry, aber verklebte nicht vollständig. Ich würde sogar sagen, dass es heute noch ein wenig danach riecht.
An den Seiten erkennt man natürlich trotzdem, dass sie einmal nass geworden sind.
Für jeden Buchfreund vermutlich der totale Albtraum – aus meiner Sicht verleiht es dem Siddur einen eigenen Charakter. Weil das Büchlein eben auch in die Jackentasche passte, ging es mit auf freudige, aber auch einige traurige Ereignisse.

Irgendwann später habe ich mir die gleiche Ausgabe erneut bestellt. Aber siehe da. Das Papier war etwas anders. Das Buch roch anders und obwohl der Inhalt und die Größe identisch sind, nehme ich doch weiterhin das Original. Man kann es halt nicht einfach so austauschen, auch wenn ansonsten gerne auch andere Ausgaben verwendet. Es ist halt nicht mehr nur eine Wiedergabe von Texten, sondern etwas persönliches. Nicht nur Gegenstand, sondern irgendwie auch Teil von einem.

Natürlich hat auch der Einband stark gelitten und musste schon mehrfach vollkommen unprofessionell geklebt werden. Auch hier gilt: Wer sich mit der Restaurierung und Konservierung von Büchern auskennt, bekommt Schnappatmung. Vielleicht muss halt doch irgendwann ein anderer Einband her – aber das wiederum verändert das Büchlein. Schwierig.

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Mischne Tora in deutscher Sprache

Auf talmud.de erscheinen seit einiger Zeit Kapitel aus der Mischne Tora(h), jenem Werk von Maimonides, in dem er die Mitzwot ausführlich auflistet und darstellt – die Liste der 613 Gebote und Verbote hat es zu einiger Bekanntheit gebracht. Das mag zunächst unspektakulär aussehen, doch das, was bisher erschien, ist so nirgends in deutscher Sprache verfügbar. Zwar ist die Übersetzung eine Überarbeitung eines Textes, der schon 1850 erschien, doch die Übersetzung wurde bisher nur in Teilen reproduziert. Schon gar nicht wurde sie digitalisiert. Unter Digitalisierung würde ich verstehen, dass ein Text verfügbar (durchsuch- und kopierbar) ist, also nicht nur als Fotografie einer Buchseite im Netz zur Verfügung steht. Das kann nur ein erster Schritt sein.

1850 erschien die Übersetzung in Sankt Petersburg und stammt von Leon (Arje-Leib) Mandelstam(m) (1819–1889). Mandelstam wurde in das russische Bildungsministerium »berufen«, für das er als »Experte« mit der Aufgabe betraut wurde, das jüdische Bildungssystem zu reformieren. Keine Aufgabe, die sich Mandelstam wirklich selber ausgesucht hat. Der vorherige Amtsinhaber verließ das Land. Im Zuge dieser Tätigkeit fertigte er eine Übersetzung der Mischne Torah in die deutsche Sprache an. In der gedruckten Fassung fielen Teile davon durch Zensur weg. Die Übersetzung ist historisch und scheint philologisch recht akkurat zu sein, auch wenn die Motivation für diese Übersetzung aus heutiger Zeit aufhorchen lässt. Mandelstam scheint seine Übersetzung zunächst für Bücherregale gefertigt zu haben. Dann wurden die Bücher digitalisiert und schließlich dem Vergessen entrissen.
Igor Itkin hat die zensierten Teile wieder eingefügt und insbesondere das Kapitel Könige und Kriege — מלכים ומלחמות wieder eingefügt. In den meisten Druckausgaben ist dies entfernt worden. Durch Recherche und einen Bekannten in den USA, hat er sich dieses wegzensierte Kapitel beschafft. Es dürfte erstmals in deutscher Sprache im Netz erschienen sein.

Auch wenn also noch nicht alle Kapitel erschienen sind: Das, was bisher erschienen ist, würde schon mehrere Buchbände füllen. Es ist durchsuchbar, kopierbar und wiederverwendbar. Und es wird stetig verbessert. Den Beginn machten übrigens die »Hilchot Teschuwah«. An der Digitalisierung waren sieben Personen beteiligt.

Im Radio Deutschlandfunk Kultur

Deutschlandfunk Kultur hat am vergangenen Freitag über das Projekt berichtet, mit Igor Itkin und meiner Wenigkeit gesprochen. Igor erklärt, warum das Werk heute weiterhin wichtig ist und ich ganz kurz, warum jüdische Websites jüdische Inhalte weiterreichen sollten. Der Beitrag ist hier nachlesbar und auch zu hören.

Übrigens ist das Projekt weiterhin offen für jede Person, die dabei helfen möchte.

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Sederabende in Kirchengemeinden

Bernd das Brot wurde entfernt (verbrannt?) – an seine Stelle ist Max die Matze gerückt.

Sie sind sehr beliebt, die Sederabende in Kirchengemeinden.
Oft gefeiert am Donnerstag vor Karfreitag. In diesem Jahr überschneiden sich Pessach und Ostern einmal wieder. So wird die Karwoche, in der man sich regelmäßig an den »Christusmördern« rächte, heute als Ausdruck der Gemeinsamkeit verstanden. In Kirchengemeinden werden Matzot gegessen, es wird beseelt »Ma Nischtana« gesungen und Segenssprüche aus der Haggadah aufgesagt. In denen heißt es, dass G-tt »uns« die Mitzwot gegeben hat dieses oder jenes zu tun. Wer ist dieses »wir«, wenn nichtjüdische Feiernde das sprechen? Es ist kein Geheimnis, dass jüdische Gemeinden das heute nicht sonderlich angenehm finden, wenn der Sederabend hier mal eben für eigene Zwecke enteignet wird.

Fun Fact Sederabend

Jesus hat wohl keinen Sederabend gefeiert. Den gab es noch gar nicht. Der entwickelte sich so, wie wir ihn heute kennen, erst später. Übrigens entwickelt er sich fortwährend weiter. Pessach »authentisch« zu feiern würde bedeuten, ein Lamm zu opfern und mit Bitterkraut zu verzehren. Nur: Schächten hat gerade keine gute Lobby.

Hier einmal eine zufällige Auswahl:

Klar gibt es auch ein einfaches Interesse an dem Abend. Da die jüdischen Gemeinden nicht in der Lage sind, allen Interessierten die Türen für die eigenen Sederabende zu öffnen: Gibt es Abhilfe? Jedenfalls ist die symbolische Enteignung keine. Oder um es anders zu formulieren: »Lieber gar nicht feiern, als falsch feiern.«

Vielleicht könnte man einfach dafür sorgen, dass Jüdinnen und Juden ihr Judentum »draußen« zeigen können. Denn dann könnte es auch sein, dass man auch jüdischerseits einmal Nachbarn einlädt und diese das Fest authentisch erleben.

Für die Jüdische Allgemeine habe ich einen kurzen Kommentar zu diesem Phänomen geschrieben – der ist in der Pessachausgabe zu finden – hier.

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Aus dem Talmud – Hexen, Alkohol und Paare

Der Talmud warnt davor, Dinge »in Paaren« zu tun und erzählt zudem eine bemerkenswerte Geschichte: Eine Frau verhext einen Stalker bzw. ihren Ex-Mann. Wie man sich vor derartigen Dingen schützt, schildert der Talmud jedoch auch.

Für die Jüdische Allgemeine habe ich die Geschichte aufgeschrieben.
Den gesamten Text gibt es bei der Jüdischen Allgemeinen… hier unter dem Titel »Von Wein und Hexen«.

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Jüdisches Erbe in Borken (Münsterland)

Jüdischer Friedhof Borken – Am Kuhm – Wilbecke. Dies war der alte Friedhof der Gemeinde. Die Nutzung soll bis ins 16. Jahrhundert zurückgehen. In der Nähe lag eine Mühle. Durch deren Tor wurden die Toten der Gemeinde auf den Friedhof gebracht.

Rabbiner Baruch Babaev ist der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Dortmund, der größten Gemeinde im Ruhrgebiet. Hin und wieder besucht er das weitere Umfeld und setzt sich mit dem jüdischen Erbe der Region auseinander. Kürzlich besuchte er die Stadt Borken im westlichen Münsterland und dokumentierte seinen Besuch in Bildern. Es lohnt sich durchaus, sich auch mit dem jüdischen Leben außerhalb der großen Metropolen zu beschäftigen. Spuren jüdischen Lebens findet man heute noch in vielen kleinen Orten des Münsterlands.

Jüdisches Leben in Borken kann bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Ein Gerichtsprotokoll aus dem Jahr 1552 ist ein erster Hinweis Juden, die sich in Borken aufhielten.

Der erste Friedhof dieser Gemeinde lag unweit einer Mühle, an der Stadtmauer und geht wohl auch bis ins 16. Jahrhundert zurück. Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein an ihn (oben zu sehen). In die Mauer ist heute eine Gedenktafel eingelassen. Der Zustand der Tafel, die im Jahr 1992 aufgestellt wurde, ist offensichtlich nicht mehr optimal.

Jüdischer Friedhof Borken – Am Kuhn. In der Mauer des alten jüdischen Friedhofs ist heute eine Gedenktafel an die Opfer der Schoah.

1890 war der Friedhof voll belegt. Begrenzt durch den kleinen Fluß Aa und die Stadtmauer konnte er nicht erweitert werden. Deshalb wurde etwas außerhalb der Innenstadt ein weiterer Friedhof angelegt. Ihn sieht man auf den folgenden Bildern:

Jüdischer Friedhof Borken – Replingsfunder, Schild mit einem Hinweis über die Erstnutzung

Schild am Jüdischen Friedhof Borken – Replingsfunder

Jüdischer Friedhof Borken – Replingsfunder

Eine Synagoge existiert heute nicht mehr. An sie erinnert nur eine Tafel an einem Parkplatz.

Gemen

Gemen ist ein Stadtteil von Borken. Dieser Teil liegt etwas weiter nördlich und war früher eigenständig. Auch hier lebten Juden seit spätestens 1560 (in diesem Jahr wurden Juden aus Münster ausgewiesen). Auch in Gemen wurde die Synagoge 1938 zerstört, erbaut wurde sie erst 1912. Zuvor hat man das Haus der Familie Löwenstein auch als Betraum genutzt. Dieses Haus ist heute erhalten und mit ihm eine Mikwe erhalten ist. Sie wurde wohl im 17. Jahrhundert errichtet.

Schild an der Mikwe von Borken-Gemen

Mikwe in Borken-Gemen

Schild am Jüdischen Friedhof Borken-Gemen

Borken-Gemen – Den Friedhof gibt es wohl seit dem 18. Jahrhundert.

Borken-Gemen – Der Friedhof Landwehr von der Seite betrachtet

Mein Dank geht an Rabbiner Baruch Babaev (facebook.com/rabbiner.babaev) für die freundliche Erlaubnis, die Bilder zu verwenden. Alle Rechte an den Bildern liegen bei ihm.

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Hurra, wir eskalieren

Die Geschichte ist lang, aber nicht überkomplex. Eigentlich sollte es wohl um Dr. Michael Blume, den »Beauftragten der Landesregierung (Baden-Württemberg) gegen Antisemitismus« gehen, aber wir nähern uns hier der Geschichte von der anderen Seite. Wir schauen uns an, wie man ihn zum Thema gemacht hat.

Gerd Buurmann machte in seinem Blog den launigen Auftakt:
Unter dem Titel »Antisemitismus-Beauftragter Blume rückt Jüdin in die Nähe von Adolf Eichmann« (Link hier) behauptete er, Michael Blume stelle einen Zusammenhang zwischen einer Dame namens Malca Goldstein-Wolf und Adolf Eichmann her oder rücke sie »in die Nähe«.

Stufe 1 Ein Blogpost erscheint

Buurmann, der seine Artikel auch bei achgut.com, bei Tichys Einblick (Infos über die Seite bei wikipedia) und zuletzt auch bei Philosophia Perennis veröffentlicht (hier), nutzte Blumes langen Artikel dazu, eben jenen Zusammenhang zwischen Frau Goldstein-Wolf und Eichmann zu behaupten: »Von da aus geht es dann weiter mit Adolf Eichmann und anderen Massenmördern.« (Link).
Tatsächlich tauchen beide Namen in Blumes Text auf. Das war es jedoch schon mit den Zusammenhängen. Blumes Artikel mit dem Titel »Eichmann, Breivik, Spencer und der Terrorangriff von Christchurch – Der Ethnonationalismus als Verbindung aus Antisemitismus und Rassismus« beginnt mit einer Beschreibung der Situation, in der er sich befindet. Die einen beschimpfen ihn online als »üblen Zionisten«, die anderen werfen ihm »Scharia-Appeasement« vor. Er sei zu nachgiebig gegen »Islamofaschisten«.
Hier folgen ein paar Beispiele, eines ist ein Tweet von Frau Goldstein-Wolf – wir kommen gleich darauf zurück. Dann spricht er weiter über den Hass, dem man online ausgesetzt ist. Es folgt ein Hinweis auf sein Buch.
Dann folgt eine Zwischenüberschrift »Der Ethnonationalismus als digitaler Antisemitismus des 21. Jahrhunderts«. Blume beschreibt, dass er auf dem Weg zum SWR vom Massaker in Christchurch gehört habe. Jetzt erzählt er vom »Ethnonationalismus« und in diesem Zusammenhang geht es um Eichmann. Wenn die Nennung zweier Namen in einem Text ausreicht, um sie in die »Nähe zu rücken«, dann habe auch ich ein Problem. Denn dann werde ich in die Nähe der Rassenhygiene gerückt. Immerhin taucht mein Name im Sammelband »Sexualität und Judentum: Medizin und Judentum (Band 14)« auf. Da taucht auch irgendwo das Wort Rassenhygiene auf. Hier einen sachlichen Zusammenhang herzustellen, wäre ziemlich weit hergeholt. Übrigens hat Buurmann der Sache einen anderen Dreh gegeben, indem er aus der Frau, die sich gegen Antizionismus und Antisemitismus engagiert, explizit eine Jüdin gemacht hat. Als sei es nicht schlimm genug, irgendjemanden mit Eichmann zu vergleichen, muss man diese Tatsache extra hervorheben.

Aber nun war die Sache in der Welt.

Stufe 2 Ein Verweis erscheint

Bei achgut.com präsentiert Henryk Broder den Artikel von Buurmann als Fundstück und schreibt über Michael Blume: »Der hat zwar vom Antisemitismus keine Ahnung, ist dafür umtriebig und neigt zu unmotivierten Wutausbrüchen.« (Zitat von hier)

Stufe 3 Ein Artikel erscheint

Diesen Faden griff die Jerusalem Post auf. Der Autor Benjamin Weinthal drehte das Rad noch etwas weiter und verschärfte die Aussage: »GERMAN ANTISEMITISM OFFICIAL ‚MUST RESIGN, COMPARED JEW TO NAZI’« (Link hier). Hier wird also von einem direkten Vergleich gesprochen. Die Zwischenüberschrift verkündet: »Commissioner against antisemitism in the German state of Baden-Württemberg, Michael Blume compared German Jew to Adolf Eichmann.«. Wie gesagt. Gibt schon der Text ein »in die Nähe rücken« nicht her, so schon gar nicht einen direkten Vergleich. Bei einer Überprüfung des Artikels auf Korrektheit, wäre einem Lektor das sicherlich aufgefallen.
Auch (oder sogar) das Simon Wiesenthal Center (jene Einrichtung, die den Mord an Mireille Knoll in ihrer Top Ten Liste der schlimmsten antisemitischen Ereignisse nicht erwähnt, dafür aber die Kontoführung für eine Organisation die BDS nahesteht – siehe hier) hätte seinen Rücktritt gefordert. Ob das erst auf Nachfrage von Weinthal geschah oder aus eigenem Antrieb, wird nicht klar.
Weiter schreibt er »German Jews slammed Blume for his lack of expertise in the field of antisemitism« und nennt als Quelle für diese Behauptung Henryk Broder. Woher die Mehrzahl (Jews) kommt, wird uns nicht verraten. Witzigerweise wird Broder als jemand vorgestellt, der vor dem Bundestag über das Thema gesprochen hat: »who has testified in the Bundestag on contemporary German antisemitism«. Dass es hier um einen Auftritt vor einer Fraktion ging, wird nicht erwähnt. Bilder davon gingen übrigens durchs Netz: Henryk Broder posierte mit Abgeordneten der AfD für die Kamera (faz.net über die Geschichte).

Stufe 4 Die sozialen Netzwerke

In den sozialen Netzwerken nimmt das Thema noch etwas Fahrt auf. Die Geschichte wird geteilt. Besonders der Artikel in der Jerusalem Post ist so knackig formuliert, dass er gerne gelesen wird. Hinweise darauf, dass der Artikel sich nicht unbedingt an den Fakten orientiert, werden mit Nachfragen zu einem Verein mit dem Namen »Juma« gekontert. Als ändere das etwas an der Faktizität des Artikels. Frau Goldstein-Wolf verteilte die verschiedenen Erwähnungen, wie auf ein Blog namens »Freiheit oder Scharia« über ihr Facebook- oder Twitterprofil. Allein die Erwähnung des Artikels in der Jerusalem Post auf der Facebook-Seite der »Juden in der AfD« wurde bis zum 25.03.2019 64 Mal geteilt. Der Verein »Werteinitiative« nimmt sich des Themas an und verfasst eine Stellungnahme. Eine, die so abgefasst ist, dass sich Frau Goldstein-Wolf für den »Support« bedankt.

Berechtigte Kritik? Was nun?

OK. Anscheinend war der Vergleich mit Eichmann nicht das einzige Problem an Blumes Artikel. Stein des Anstoßes war ein Verweis auf einen Tweet von Frau Goldstein-Wolf:

Dieser Tweet wurde (mit anderen) in Bezug auf all die gehässigen Kommentare und Zuschriften genannt, die er erhält. Im zitierten Tweet wurde der Hashtag #michaelblume verwendet. Unter diesem wurden zuvor Tweets über Michael Blume von anderen Nutzern veröffentlicht. Etwa welche, in denen er etwa als »Profiflüchtlingsunterstützer« bezeichnet wurde (Link) – mit einem Link auf die Seite »Tichys Einblick«. Möglich, dass Dr. Blume hier den Tweet direkt auf seine Familie bezog – das schrieb er jedenfalls später.
Zudem wurde im Tweet der Eindruck erweckt, Blume arbeite (»gemeinsam… bekämpfen will…«) mit »Juma« zusammen. JUMA steht für »Jung, Muslimisch, Aktiv« und ist ein Verein, der offenbar gemeindeübergreifend agiert und Jugendliche zu politischer Teilhabe animiert. Die Veranstaltung mit Michael Blume war am 25. Februar 2017. Dort nahm er in anderer Funktion für das Land Baden-Württemberg teil. Zum »Beauftragten der Landesregierung (Baden-Württemberg) gegen Antisemitismus« ernannt wurde er im März 2018 (Badische Zeitung berichtete).
Der Verein, der übrigens von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird, steht nicht im Fokus des Verfassungsschutzes. Vermutlich hätte man Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nicht an einer Veranstaltung des Vereins teilnehmen lassen, wenn es da offene Fragen gegeben hätte. Die seltsame Verbindung, in der auch Sawsan Chebli genannt wird (die selber schon als Triggerwort für bestimmte politische Lager ausreicht) wurde bisher seriös noch nicht thematisiert. Eine Verbindung zu Blume sieht anders aus. Auf wiederholte Vorwürfe reagierte Blume entsprechend dünnhäutig.

Die Schlussfolgerungen sind für die Agierenden klar:


Und natürlich wird nachgelegt. Chaim Noll wird zitiert:


Erinnert an schlimmste Zeiten? Was wird er wohl meinen?
Ist das etwa ein Vergleich? Wollte man sich nicht dagegen abgrenzen?
Sollte man nicht mit gutem Beispiel vorangehen?

Hier bewahrheitet sich ein Allgemeinplatz, den es schon vor dem Internet gab: An demjenigen, der andere mit Dreck bewirft, bleibt natürlich auch selber etwas kleben. Dem Kampf gegen den Antisemitismus tut man mit solchen Aktionen jedenfalls keinen Gefallen. Man kann die Scherben nicht mehr einsammeln und weitermachen, als wäre all das niemals passiert.
Ist das schon eine Kampagne, oder einfach nur Unnachgiebigkeit?

Wie sieht es mit anderen Themen aus, die von den Akteuren thematisiert wurden, habe ich mich gefragt. Muss man an die geschilderten Sachverhalte ebenfalls ein kleines Fragezeichen anheften?

Vorwerfen kann man Dr. Michael Blume nicht viel, außer einer gewissen Dünnhäutigkeit denjenigen gegenüber, die stets mit den gleichen Vorwürfen um die Ecke kommen.

Minidisclaimer Ja, im Januar 2018 habe ich geschrieben, dass ich mit dem Konstrukt »Antisemitismusbeauftragter« nicht viel anfangen kann siehe hier und mir nicht sicher bin, ob es nicht eine Einrichtung ist, auf die verwiesen wird, wenn doch etwas passiert. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich mir nicht die konkrete Arbeit anschaue und gegen die entsprechenden Leute bin, weil ich möchte, dass sich meine Einschätzung bewahrheitet. Jede und jeder, der sich gegen Antisemitismus engagiert – weil es ihm um diesen geht und nicht um andere politische Ziele – soll und muss unterstützt werden.