Artikel

Löwen im Talmud

Der Löwe ist für die Einrichtung von Synagogen nicht ganz unbedeutend. Entweder findet man welche auf dem Vorhang des Toraschranks, auf dem Mantel der Tora oder auf einem bunten Glasfenster. Oft halten zwei Löwen die »Tafeln« mit dem Zehnwort fest. Auf dem Bild aus der Synagoge Essen (als sie noch nicht »alt« war) liegen die Löwen und schauen herunter.

Parochet der Synagoge Essen (kurz nach der Eröffnung, als sie noch nicht die »Alte Synagoge« war) – Mehr Bilder gibt es hier.

Schon in der Tora wird der Stamm Jehuda (1. Buch Mose 49,9) mit einem Löwen verglichen: »Ein junger Löwe bist du, Jehuda. Wenn du von der Beute, mein Sohn, empor dich reckst. Er kauert nieder wie der Löwe. Und lagert sich der Löwin gleich; wer wagte da ihn aufzuschrecken!« Dies macht den Löwen zum Wappentier Jehudas.

Den gesamten Text zu Löwen im Talmud gibt es auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen, hier.

Artikel

Mastodon für Jüdinnen und Juden

Nicht erst seit Elon Musk das Twitter-Universum regiert, überlegen zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer zu »wechseln«. Für Jüdinnen und Juden war und ist Twitter nicht gerade ein sicherer Raum. Das Moderationsteam von Twitter scheint generell die deutsche Gesetzeslage recht frei auszulegen. Sehr robuste Beleidigungen oder Bedrohungen verstoßen meist nicht gegen deutsche Gesetze – meinen die wenigen Content-Moderatoren von Twitter. Dass die alle eine juristische Ausbildung haben, darf an dieser Stelle angezweifelt werden. Aber das nur am Rande.

Nur, wohin sollte man migrieren?


Hier bot sich der Mikroblogging-Dienst »Mastodon« an. An der Bezeichnung des Dienstes kann man schon erkennen, dass es kein Produkt der Industrie ist, denn bei der Namensfindung war offensichtlich kein Marketing-Team beteiligt. Der Dienst wurde also nicht von einem Mitbewerber von Twitter als »Klon« gebaut (man denke an StudiVZ vs. facebook, oder vk vs. facebook), sondern von Eugen Rochko (@gargron) als dezentrale Software programmiert. Meint: Sollte jemand technisch in der Lage sein, einen Server mit der Software zu betreiben, kann er das tun. Zum Beispiel könnte ein Unternehmen oder eine Einrichtung ihren eigenen Server zur Verfügung stellen. Die Nutzer dieses Netzwerkes wären jedoch auch für diejenigen auf anderen Servern sichtbar. Der Handle, also der Nutzername, ähnelt deshalb einer Mailadresse. Ein Beispiel wäre @abraham@torah.book: Nutzer Abraham auf dem Server torah.book. Wer ihm folgt, sieht seine Beiträge in seiner Timeline. Behörden greifen etwa auf social.bund.de zu.

Und »ja«: Eugen Rochko ist aus Deutschland und »ja«, er kommt aus einer russisch-jüdischen Familie (Interview Free Software Foundation). Verwunderlich, dass die Community das bisher nicht feiert.

Aber »nein« – das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass ein Mastodon-Server ein sicherer Ort für Jüdinnen und Juden ist:
Jeder Serverbetreiber könnte seine eigenen Regeln machen. Wer auf einem kleinen Server unterwegs ist und sich zu einem Thema äußert, dass dem Admin nicht gefällt, könnte sein Konto verlieren. Ein Israelfähnchen-Icon in der Beschreibung könnte dazu führen, dass man wegen »Nationalismus« von einem Server entfernt wird. Das soll passiert sein. Eugen Rochko ist nicht Elon Musk und könnte auch gar nicht kontrollieren, wer den Dienst auf welche Weise einsetzt. Das ist ja auch gar nicht gewollt. Es gibt also eine Reihe von Servern, auf denen sich harte politische Ansichten tummeln. Theoretisch könnte jeder Betreiber eines anderen Servers, diese obskuren Server wiederum für die Kommunikation mit dem eigenen Server sperren. Vermutlich ist die Idee klar.

Ein wichtiger und öffentlicher Server ist mastodon.social, der von der gGmbH von Rochko betrieben wird (und auf dem übrigens der Autor dieser Zeilen seinen Account hat). Hier wäre der Start eigentlich recht leicht. Aber auch hier ist nicht klar, wie der Nutzerzulauf die Situation verändern wird.

Wäre es da nicht eine gute Idee, einen eignen Server für jüdischer Nutzerinnen und Nutzer zu haben? Einen, auf dem Antisemitismus kein Thema wäre und niemand davon abhängig wäre, ob der Admin plötzlich meint, ein jüdischer Account würde das Miteinander stören. Es wäre ein »geschützter« Raum und dennoch Teil des Ganzen. Letztendlich kann es natürlich passieren, dass dieser Server von anderen blockiert werden könnte. Parallelen zum Staat Israel und der Staatengemeinschaft?

Gibt es diese Server? Gerade (November 2022) hat auf babka.social ein Betatest begonnen (der Autor dieser Zeilen ist auch dabei, also mit einem Zweitaccount @chajmke) – mit einem Netzwerk für die jüdische Community. Anscheinend ist aber auch aleph.land ein Server, der von der Community genutzt werden könnte. Es ist übrigens möglich, auch Nachrichten zu verfassen, die nur für die angemeldeten Nutzer eines Servers sichtbar sind. Es gäbe also zwei Kreise von Öffentlichkeit. Hier könnte man sich schon einmal umschauen und die Dienste beanspruchen.

Beschämend (für die Gesellschaften), dass es diese Extra-Server offensichtlich braucht, aber gut, dass sich hier auch etwas bewegt. Ob sich das Konzept von Mastodon allerdings durchsetzt, steht auf einem anderen Blatt. Das dürfte sich jetzt gerade entscheiden. Ein Twitter-Klon ist jedenfalls nicht in Sicht.

Artikel

Lot und Noach

Sedom

Zum Wochenabschnitt WaJera habe ich die Geschichten von Noach und Lot betrachtet:
Die Gesellschaft ist durch und durch schlecht. Sie ist nicht zu retten. Ihre Zerstörung von außen steht deshalb kurz bevor, und nur eine Familie bleibt übrig. Eine, die sich der schlechten Welt – so gut es geht – entziehen kann. Die Familie überlebt, doch der männliche Protagonist unserer Geschichte kommt danach in sexuellen Kontakt mit seinen Töchtern.
Der Inhalt ist ähnlich? Auch sprachlich nehmen die Texte Bezug aufeinander.

Der Artikel ist als Volltext bei der Jüdischen Allgemeinen lesbar, hier.

Bild: Jan Luyken, 1708

Artikel

Das israelische Wahlergebnis – schlecht für die Diaspora?

Geht es um Hass, Menschenfeindlichkeit oder Vorurteile, dann sind Jüdinnen und Juden weltweit oft die erste Gruppe, die davon betroffen ist. Zugleich sind es jüdische Werte, die eine Gleichbehandlung von Menschen fordern und es sind Jüdinnen und Juden weltweit, die gegen Hass, Vorurteile und auch gegen Antisemitismus kämpfen. Nicht nur dann, wenn es die eigene Gruppe betrifft. Dieses starrsinnige Festhalten an der Idee, dass es moralische Leitlinien geben könnte, die darüber hinaus gehen, ob jemand für die Gesellschaft »nützlich« sein könnte, hat Jüdinnen und Juden jedenfalls auf der Liste der beliebtesten Menschen nicht auf die vorderen Ränge gebracht.

Wenn man sehr versöhnlich ist und einfache Antworten liebt, wird man nun, nach der Wahl (am 1. November 2022) in Israel, behaupten, es sei ein Zeichen der »Normalität«, wenn auch Israel einem globalen Trend folgt: dem Erstarken rechter Strömungen. Vermeintlich aus Protest gegen die schwierigen Umstände. Diese Strömungen, so könnte man denken, seien ein »Phänomen«, das verschwinden wird, sobald schwerwiegende Probleme gelöst worden sind. Eine Art Fieberschub. Da keine Lösungen präsentiert werden, würden die Menschen schon sehen, dass es nicht »vernünftig« sei, auf diese Akteure zu setzen.

Das Problem dabei: Israel ist weder Ungarn noch Italien oder Schweden. Die Entscheidungen dieser Länder sind eingebunden in ein großes Netzwerk. Sei es die EU oder kleinere politische (und korrigierende) Netzwerke. Aber keines dieser Länder ist fortwährend mit existentiellen Bedrohungen der äußeren und inneren Sicherheit konfrontiert. Wenige Entscheidungen reichen aus, um eine gesamte Region zu destabilisieren. Diese Länder haben keine Soldaten in Regionen, in denen sie leidenschaftlich gehasst werden, keine Menschen innerhalb und außerhalb der Grenzen, die darauf warten, Terroranschläge zu verüben und sie haben keinen Tempelberg mit internationaler Aufmerksamkeit und der Sicherheit eines Lagerfeuers in einem Sprengstofflager. »Die einzige Demokratie im Nahen Osten« hat das Problem aller westlicher Demokratien, aber unter anderen Voraussetzungen.
Dazu kommt noch eine »moralische« Funktion: Jüdinnen und Juden in aller Welt schauen nach Israel und sehen den Traum nach einem Ende des Exils verwirklicht. »Atchalta d’geula« der Beginn der Erlösung, oder für nichtreligiöse Menschen einfach die Verheißung auf ein selbstbestimmtes Leben. Ja, sicherlich ist Israel zu einem großen Teil auch ein imaginierter Ort, eine Art Ideal.

In diese Gemengelage marschiert Itamar Ben-Gvir. Radikal (siehe hier, hier und hier), anscheinend ein Bewunderer von Baruch Goldstein, der 29 Menschen tötete und 150 verletzte. Er ist kein Freund der »Araber, um es zurückhaltend zu formulieren. Er widerspricht als Person klar dem, was wir eingangs als »jüdische Werte« kennengelernt haben.
Dem kann die Diaspora sich nicht entziehen. Man müsste sehr viel kognitive Dissonanz einbringen, um das nicht zu bemerken. Der Umgang damit liegt in jüdischer Verantwortung. Darauf eine Antwort zu finden, könnte eine kommende Aufgabe außerhalb Israels sein.
Es wird nicht mehr verfangen, wenn (meist nichtjüdische) »israelsolidarische« Gruppen jede Meldung Netanajahus als Zeichen eines starken Israel feiern und dabei übersehen, dass Benjamin Netanjahu schon länger ein Freund der populistischen Sprache ist. Hier schließt sich der Kreis zu den Problemen der westlichen Demokratien.

Bedeutet das also, dass die Juden der Diaspora den Preis dafür zahlen müssen?
Nein!
Die jüdischen Menschen in der Diaspora zahlen den Preis dafür, dass Menschen antisemitisch denken und handeln. Die »Hater« werden begeistert über die neue Regierung in Israel sein – sollte sie gebildet werden können – aber sie haben schon vorher Jüdinnen und Juden nicht gemocht und es spielt keine Rolle, ob Falken oder flauschige Kätzchen in Israel an der Macht sind. Für den Hass wird sich immer eine Rechtfertigung finden und deshalb ist es gut, dass es den Staat Israel gibt.

Um es »rund« zu machen: Genau aus diesem Grund kann auch der Diaspora nicht gleichgültig sein, was im Land Israel geschieht.

Artikel

Der Hahn im Talmud

Darüber, wie man einen Satz aus den Birkot haSchachar, den Segenssprüchen am Morgen, übersetzt, kann man hervorragend diskutieren. Wird er übersetzt mit »der dem Hahn Verständnis schenkte, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden« oder »der dem Herz Verständnis schenkte, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden«. Beides ist möglich. Jedenfalls dürfte dies der bekannteste Hahn des jüdischen Lebens sein (mal abgesehen vom Kaporesschlagen, für das hoffentlich möglichst wenig Hähne herhalten müssen).

Für die Jüdische Allgemeine habe ich betrachtet, was im Talmud über den Hahn zu finden ist. Den Text gibt es hier im Volltext.

Bild von Albertus Verhoesen, 1855

Artikel

Neuer Machsor von Chabad Berlin

Für die Feiertagsausgabe der Jüdischen Allgemeinen durfte ich einen neuen Machsor, oder ein Machsor-Set, genauer betrachten, das erst kurz vor Rosch haSchanah erschienen ist: Es besteht aus einem Machsor für Rosch haSchanah und einem für Jom Kippur. Hier wurde der Machsor von Chabad allerdings nicht nur ins Deutsche übertragen, sondern auch eine Transliteration hinzugefügt. Die Gewichtung der Transliteration wird jede befragte Person anders einschätzen. Sie reicht von »Sehr wichtig! Mitmachen ist sehr entscheidend!« über »Wichtig wäre eine Übersetzung, einige Stellen sollten transliteriert sein« bis hin zu »Niemand braucht Transliterationen! Macht die Leute nicht faul.«

Das Herausgeber-Team um Joshua Frank (Berlin) hat hier eine Entscheidung getroffen: Es wurde der gesamte Text übersetzt und es wurde der gesamte Text transliteriert. Allerdings wurde der transliterierte Text dem hebräischen Text gegenübergestellt. Die Übersetzung liest man, wenn man das Buch von links nach rechts öffnet. Die Seitenzahl stimmen mit dem hebräischen Teil überein.

Hier einige Details:

Ein Blick auf den hebräischen Teil. Die Idee dahinter wird klar.
Al Chet im Detail. Das Schriftbild ist klar und gut lesbar.

Der Artikel in der Jüdischen Allgemeinen kann hier gelesen werden – im Artikel findet man auch noch etwas zum Minhag von Chabad, denn der passt nicht zu jeder Gemeinde, hat aber den Charme, dass nur das gebetet wird, was im Machsor steht.

Vielleicht eine Aufgabe, oder ein Auftrag für lokale Machsorim? Die aktuelle Technik macht es immer einfacher.

Je ein Band kostet 25 Euro und kann über die Website des Verlages juedisches.org bestellt werden.

(Schanah Towah übrigens!)

Artikel

Die Torah der Woche!

Vollkommen klar, es heißt Wochenabschnitt, Paraschah oder Sidra, aber nicht unbedingt »Torah der Woche« – dennoch wurde dieser Titel absichtlich gewählt. Er ist simpel und eingängig ausgewählt, denn er sagt, was die Hörer dieses (doch neuen) Podcasts erwartet: etwas über das Stück aus der Torah, das in der aktuellen Woche gelesen wird und eine Zusammenfassung.

Die Auslegung ist entweder »historisch«, oder aktuell (manchmal auch vom Host selber). Wer sie geschrieben hat, wird erst verraten, wenn der Text vorgelesen wurde – so kann man sich ohne Voreingenommenheit mit dem Text beschäftigen. Mittlerweile sind schon einige Folgen erschienen. »Torah der Woche« dürfte deshalb mittlerweile in jedem Podcast-Fetcher zur Verfügung stehen; aber auch hier: anchor.fm/torah-der-woche

Artikel

Die Statistik für 2021

Die Betrachtung der Anzahl der Gemeindemitglieder hat in diesem Jahr lange auf sich warten lassen. Das liegt auch zum Teil daran, dass bereits eine Betrachtung an anderer Stelle erschienen ist: Für und bei der ZWST direkt! In der zweiten Ausgabe der »ZWST informiert« von 2022 (hier herunterladen). Dennoch werden wir an dieser Stelle die wichtigsten Eckpunkte betrachten und schauen, welche Entwicklungen besonders interessant sein könnten.

Dass auch 2021 die Mitgliedszahlen sanken, ist keine Überraschung. Jedenfalls nicht für diejenigen, die die Entwicklungen der Vorjahre kennen. Wer hingegen die Zahlen mit denen von 1989 vergleicht, wird überall Wachstum sehen. Entscheidend ist jedoch, dass man die Entwicklung erkennen kann – auch um daraus etwas abzuleiten.

Mitglieder der Jüdischen Gemeinden und Jahr 1946 bis 2021
Mitglieder und Jahr bis 2021

Die Gemeinden werden insgesamt älter und kleiner.

Die Anzahl der Menschen über 80 Jahren ist von 13 auf 15 Prozent gestiegen. Die Anzahl der Geburten ist weiter zurückgegangen.

Betrachten wir die Altersverteilung in absoluten Zahlen:

Altersverteilung in absoluten Zahlen

Noch ein Blick auf die Geburten und die Sterbefälle:

Geburten und Sterbefälle in der Entwicklung
Geburten und Sterbefälle in der Entwicklung

Bei einem detaillierten Blick zeigt sich jedoch, dass dieser Schrumpfungsprozess nicht gleich verteilt ist.

Einige Gemeinden schrumpfen schneller als andere. Das prominenteste Beispiel ist die Jüdische Gemeinde Berlin. Sie war lange Zeit die größte Gemeinde Deutschlands. Seit 2018 hat die Israelitische Kultusgemeinde diese Position mit 9316 Mitgliedern übernommen. Heute hat München 9177 Mitglieder und Berlin 8378. Und dennoch hat München seit 2010 drei Prozent der Mitglieder verloren. Bei der Jüdischen Gemeinde Berlin waren es im gleichen Zeitraum etwa 20 Prozent. Die Gemeinde ist damit nicht allein. Auch Bremen und Gelsenkirchen haben ähnliche Einbußen zu verzeichnen. Münster und Dessau kommen auf 37 und 34 Prozent.

Wachstum der größten Gemeinden Deutschlands im Vergleich zum Jahr 2010 - eine Karte
Wachstum der größten Gemeinden Deutschlands im Vergleich zum Jahr 2010

Übertritte

Wenngleich 2022 die Berliner Kantorin Avitall Gerstetter behauptete (auf WELT-Online vom 10.08.2022 hier), die Synagogen seien voll mit Menschen, die keine jüdische Sozialisation haben (diese Zusammenfassung hier ist natürlich etwas dramatisiert), so wird bei Betrachtung der konkreten Zahlen klar, dass es seit 2008 genau 985 Menschen waren. Mit eingerechnet sind Konversionen zur Klärung von Statusfragen (Patrilinearität etwa). Die Wahrnehmung von Avitall Gestetter scheint sich auf ihr Umfeld progressive Synagogen zu beziehen, von denen einige auch nicht im Zentralrat der Juden in Deutschland organisiert sind und deshalb keine Zahlen liefern – aber über welches Bejt Din? Aus dem Ausland? Die Diskussion über diesen Artikel wird die Community vielleicht noch begleiten, aber hier betrachten wir die reinen Zahlen:
Im Jahr 2021 traten 43 Personen zum Judentum über.

Übertritte zum Judentum pro Jahr. Von 2008 bis 2021

Austritte

»Groß« ist weiterhin die Gruppe der Ausgetretenen. In diesem Jahr waren es 337 – die Zahl wirkt klein im Gegensatz zur Zahl der Todesfälle in Höhe von 1759, aber sie ist größer als die Zahl der 203 Geburten. Wenn wir die Zahl der Austritte seit 2010 summieren, wären das immerhin 5144 Personen. Das entspräche einer größeren Gemeinde. Die Leute sind nicht weg, sie wären vielleicht noch erreichbar.

Menschen aus der Ukraine

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine kommen auch Menschen aus der Ukraine nach Deutschland. Einige von ihnen sind jüdisch. Chabad Düsseldorf hat beispielsweise eine Gruppe von 30 jugendlichen Jeschiwa-Studenten aus Dnipro nach Düsseldorf gebracht, die dort/hier weiter Unterricht erhalten.
Wie hoch könnte die Zahl der jüdischen Personen sein, die nach Deutschland kommen? Der Versuch einer Schätzung: 0,13 Prozent der Menschen in der Ukraine sind jüdisch. Wenn wir diese Zahl auf die Flüchtenden hochrechnen, wären das etwa 1000 Menschen bisher im Jahr 2022.
Aber diese Menschen benötigen zunächst unsere Hilfe und werden sich in erster Linie nicht für eine Gemeindemitgliedschaft interessieren. Einige Gemeinden haben aber gezeigt, dass sie mit der Infrastruktur, die sie haben, den Menschen helfen konnten. Unabhängig davon, ob sie jüdisch sind oder nicht.
Übrigens kommen die Personen, die aus großen Städten kommen, somit auch aus Städten mit einer guten jüdischen Infrastruktur.

Die Zahlen, mit Berücksichtigung des Gemeindebarometers des Zentralrats, könnten dabei behilflich sein, Maßnahmen zu treffen und konstruktiv mit ihnen umzugehen. Sie sind keine Demotivation und keine Schwarzmalerei.

Die Statistik des Vorjahres (2020) findet man hier.

Artikel

Hashtag Vorbild

»Diskussionen« in den sozialen Medien gleichen mehr Auseinandersetzungen und es kommt schon vor, dass einige Menschen hier Fassung und Kontrolle verlieren. So wurde ich Zeuge davon, dass ein Hochschulprofessor, mit zahlreichen Titeln und Funktionen, bei Facebook jemandem antwortete: »Du hast ja wohl den ****** auf.« Dass das ein schlechtes Bild auf denjenigen wirft, der da die Fassung verliert, ist ja offensichtlich. Für die Jüdische Allgemeine habe ich aufgeschrieben, was gute Leitlinien für das Verhalten in den sozialen Netzwerken sein könnten. Den Volltext findet Ihr hier: #Vorbild.

Eine große Übersicht für den Umgang mit sozialen Netzwerken (und den Umgang miteinander), gibt es übrigens in Tzipporim – Judentum und soziale Medien.

Artikel

documenta – ein Bekenntnis

Ein Bekenntnis zur documenta. Ich war genervt von all jenen, die schon lange vor der Veranstaltung genervt waren.
N-Lange.de in der Wikipedia auf Deutsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ein Bekenntnis! Ich bekenne mich schuldig, dass ich vor der documenta genervt war. Genervt von all jenen, die schon lange vor der documenta vor Antisemitismus warnten. Die schon ganze Szenarien durchgespielt hatten und nicht müde wurden, vor einer Entgleisung zu warnen. Genervt von denjenigen, die Künstlerbiografien darauf abklopften, ob diese oder jener schon einmal einer Person mit BDS-Bezug begegnet sei und ob es eventuell entsprechende Äußerungen gegeben hat.
Ich war genervt, weil es vollkommen klar sein musste, dass sich eine Veranstaltung, die von den Veranstaltern für hochkarätig gehalten wird, diese Veranstaltung intensiv vorbereiten würde. Es würde keine offenen Fragen geben. Gerade in unseren Zeiten, in der jede Äußerung, jede Regung und jedes Foto in den sozialen Medien landen und Anlass für maximale Aufregung sein kann.
Antisemitismus wäre – das wäre doch vollkommen klar – der größte anzunehmende Unfall und würde dem Ruf der documenta nachhaltig schaden.

Und nun gibt es einen »Antisemitismus-Skandal«. Warum? Weil anscheinend nicht einmal die grundlegendsten Prinzipien zum Schutz der eigenen Reputation beachtet wurden. Von einem eigenen Anliegen, Antisemitismus keinen Raum zu geben, ganz zu schweigen.

Eigene Schuld, darauf vertraut zu haben, dass grundlegende Dinge verstanden worden sind und so wie es aussieht, besteht daran auch kein wirkliches Interesse. Es gibt ja Jüdinnen und Juden – die sagen früh genug Bescheid. Dann sind zwar alle genervt, aber das Problem nicht mehr so sichtbar.