Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

28. September 2014 – 4 Tishri 5775
von Chajm
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Schmittahjahr und dessen Umgehung

א נישט באארבעט פעלד אום סוכות שנת שמיטה תשס"ח von יעקב (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

א נישט באארבעט פעלד אום סוכות שנת שמיטה תשס”ח
von יעקב (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

Das neue jüdische Jahr 5775 ist ein Schmittah-Jahr. Die Felder müssten/müssen im Lande Israel sich selber überlassen bleiben. Wie alle sieben Jahre. Das ist eine echte Herausforderung, auch für die Gemeinden außerhalb Israels (siehe meinen kurzen Bericht hier), aber innerhalb Israels noch mehr, darüber hat sogar die FAZ berichtet (hier). Eine Einrichtung mit der Bezeichnung Heter Mechira erlaubt eine kreative Umgehung (?) dieser Regelung und erlaubt die Bebauung der Felder auch während des Brachjahres. Vor allem aber auch, dass man weiterhin Gewinn mit den Feldern macht. Einen Artikel dazu, findet man hier.

Aber bevor es vergessen wird: Allen Leserinnen und Lesern ein gutes und süßes Jahr 5775! שנה טובה ומתוקה

21. September 2014 – 26 Elul 5774
von Chajm
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jüdisch, muslimisch, intellektuell, typisch?

Dr. Hugo Hamid Marcus (Mitte) Verwendung des Bildes mit freundlicher Genehmigung des Lahore Ahmadiyya Islamic Movement  Berlin Mosque and  Mission

Dr. Hugo Hamid Marcus (Mitte)
Verwendung des Bildes mit freundlicher Genehmigung des Lahore Ahmadiyya Islamic Movement
Berlin Mosque and Mission

In seinem Buch »Children of Abraham: An Introduction to Islam for Jews« erwähnt der Autor Khalid Durán einen Berliner namens Hamid Marcus, der als Jude zum Islam konvertierte und Mitautor einer Koranübersetzung ins Deutsche war. Er schreibt dann kurz und knapp, Marcus sei im KZ ermordet worden. Dahinter steckt offensichtlich eine tragische Geschichte. Tatsächlich war die Lebensgeschichte von Dr. Hugo Hamid Marcus eine andere. Eine sehr spannende und vielleicht der Ausdruck einer Zeit im Umbruch, die durch den Nationalsozialismus ein Ende fand. Um es vorweg zu nehmen. Dr. Hugo Hamid Marcus starb 1966 in der Schweiz. Vollkommen vereinsamt.

Ein jüdischer Mann, der zum Islam konvertierte?

Zumindest war er nicht der einzige in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Nicht wenige Juden beschäftigten sich mit dem Islam sehr intensiv und dass es auch Konversionen gab, scheint demzufolge folgerichtig. Bevor wir also Dr. Marcus im Detail betrachten, hole ich etwas weiter aus. Weiterlesen →

15. September 2014 – 20 Elul 5774
von Chajm
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Endlich etwas in der Hand!

Antisemitismus ist ein schwieriges Thema. Wie oft war Schmulik fassungslos.
Aber das! Das war genau der Satz, den Schmulik brauchte.
Er hatte den Satz auf einer Kundgebung in Berlin gehört.
Er hatte den Satz extra auf den Internetseiten der Bundesregierung gesucht, dann auch gefunden, ausgedruckt, den entsprechenden Teil gelb markiert und laminiert. Mehrfach. Das Ergebnis sah aus wie eine Spielkarte und das war es irgendwie ja auch.
Schmuliks persönlicher Antisemitismus-Joker:

»Wer Menschen, die eine Kippah oder eine Kette mit einem Davidstern tragen, anpöbelt, angreift oder krankenhausreif schlägt, der schlägt und verletzt uns alle.«
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Er nahm sich fest vor, die Jokerkarte mit dem Satz jetzt stets bei sich zu tragen.
Wenn er jetzt beim nächsten Mal von einem Polizisten einen Platzverweis erhielt, weil er mit einer Kippah ein Dorn im Auge der jungen Antisemiten war (»Deeskalation!!«) und die es gar nicht mochten, wenn Juden sich in der Stadt herumtrieben, dann könnte er den Satz zücken und sagen: »Sehen Sie?! Die Bundeskanzlerin will, dass ich mit einer Kippah durch die Stadt laufen kann.«
Dann wollte Schmulik mal sehen, was der Polizist dann macht, wenn Dr. Angela Merkel persönlich hinter Schmulik steht! Das würde auch die Kids beeindrucken. Ganz sicher.

9. September 2014 – 14 Elul 5774
von Chajm
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Kurzer Einblick in eine jüdische Hochzeit

In Montreal wurde jüdisch geheiratet (ja, soll häufiger vorkommen) – Levi Chayo und Mushky Krasnianski, beide aus Chabad-Familien – und das Lokalfernsehen war dabei.

Es gibt Fotos und zwei Videos – es ist nicht sehr lang. Wer also einen Blick auf/in eine jüdische Hochzeit werfen möchte, hat hier die Gelegenheit:

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30. August 2014 – 4 Elul 5774
von Chajm
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Die Torah – eine deutsche Übersetzung

Schaut man sich in Bücherregalen um, dann entdeckt man in vielen Synagogen (und Haushalten) noch Torah-Übersetzungen von Professor Leopold Zunz. Diese stammt übrigens nicht von Professor Leopold Zunz. Rabbiner Heymann Arnheim (1796-1865) übersetzte die ersten vier Bücher des Pentateuchs und Rabbiner Dr. Michael Sachs (1808-1864) das fünfte. 1837 gab Zunz dann eine deutsche Ausgabe des gesamten Tanachs heraus.
Diese Ausgabe wird bis heute verwendet und auch nachgedruckt. Dabei ist das Deutsch dieser Ausgabe nicht das aktuellste. Der Oheim am Born ist heute keine Formulierung, die man überall hört.
Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Interessenten, die immer wieder nach einer »jüdischen« Ausgabe der Torah fragen. Ein paar deutschsprachige gibt es natürlich:
Es gibt (wieder) eine vollständige Ausgabe des Kommentars von Samson Raphael Hirsch – mehrbändig (und großartig) und auch eine Torahausgabe von Rabbiner Gunther Plaut (ebenfalls mehrbändig) für den liberalen Markt.
Als Komplettband gibt es den Pentateuch von Rabbiner Joseph Wohlgemuth und Rabbiner Selig Bamberger. Hebräisch-Deutsch, dafür fehlt ein Kommentar und der Text wird als großer Block dargestellt. Ein Angebot für beides gibt es bisher nicht. Also ein wenig Kommentar und ein übersetzter Text. Bis jetzt natürlich nur. Denn ab jetzt gibt eine Art Synthese. Eine deutschsprachige Torah mit einem kleinen Kommentar und einer modernen Aufmachung.

Blick ins Buch Schemot

Für diese Ausgabe der Torah, wurde der Text von Zunz, Arnheim und Sachs aktualisiert. Die Satzstellung wurde in vielen Fällen beibehalten, besonders, um die Verbindung zum hebräischen Original aufrecht zu erhalten (Verb zu Beginn des Satzes, oft einem »und« folgend). Abgeglichen wurde der Text dann mit der Übersetzung von Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808-1888). Ziel war es, einen Eindruck vom jüdischen Verständnis der Torah zu schaffen.
Dies bedeutet, dass auch einige Begriffe nicht interpretierend übersetzt werden, sondern im hebräischen Original stehen bleiben und kommentiert werden. Tza’arat wäre ein solches Wort.
Tzaarat Torah

So wird etwa das »Auge für Auge«-Prinzip erklärt oder was das besondere am Turmbau zu Babel ist, oder es wird mal ein Blick in den Torahkommentar von Raschi gewagt.

Am Ende des Buches findet der Leser eine Übersicht über »alle« Haftarot nach aschkenasischem, sefardischen, jemenitischen oder italienischem Brauch.

Einen Wochenabschnitt kann man hier zur Ansicht herunterladen. Google Books bietet eine umfassende Voransicht.

Der Preis lieht bei 26 Euro und das Buch hat einem Umfang von 460 Seiten. Bei einer winzigen Auflage ist leider kein besserer Preis zu erreichen und es flossen natürlich keinerlei externe Zuwendungen für die Realisierung dieses Projekts. Wenn ein gewisses Grundinteresse vorhanden ist, wird Buch mit allen Haftarot folgen.

Das Buch ist über den Buchhandel erhältlich (zu bestellen) oder auch über amazon.de.

29. August 2014 – 3 Elul 5774
von Chajm
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InDesign: Schriften verwenden ohne Installation

Unter culmus.sourceforge.net gibt es eine Reihe von frei verwendbaren hebräischen Schriften.
Das ist sicher auch für alle interessant, die InDesign nicht verwenden und mit Word oder anderen Programmen unterwegs sind.

Culmus Fonts

Für InDesign gilt aber: Es ist nicht unbedingt notwendig, diese alle zu installieren, wenn man sie für ein spezielles Dokument ausprobieren möchte. Es ist möglich, nur in einem Dokument mit einer Schrift zu arbeiten (oder mehreren Schriften).
Man muss dazu nichts konfigurieren, sondern legt einfach einen Ordner namens »Document fonts« in dem Verzeichnis an, in dem die InDesign Datei liegt (Mac und Windows):

indd Datei mit Ordner »Document fonts«

indd Datei mit Ordner »Document fonts«

Öffnet man nun die Datei, dann steht im Menü SchriftSchriftart ein zusätzlicher Unterordner zur Verfügung »Nur Dokument«:

Ordner »Nur Dokument«

Ordner »Nur Dokument«

Hier mit der Schrift Hillel CLM. Diese liegt im Ordner »Document fonts«. Es können auch weitere Schriften dort abgelegt werden.

Und die Schrift kann dann tatsächlich auch verwendet werden:
Schriftauswahl

Wie man hebräischen Text in InDesign verwenden kann, auch ohne ME Version, erfährt man hier.

19. August 2014 – 23 Av 5774
von Chajm
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Etwas kommt als Bonbon daher

Wenn gute Ideen von Menschen kommen, die bisher eher durch Polemik aufgefallen sind, dann kann man die Idee feiern und eine Hinwendung zum Guten attestieren, oder man schaut mehrfach hin und entdeckt interessante Gedanken, die man vielleicht so nicht teilt. Henryk Broder hat einen Text über die Lösung des Israel-Palästina Konflikts geschrieben. Dieser wird derzeit von allen möglichen Menschen gemocht und weitergereicht, die bei Broder sonst direkt abwinken, die Idee eines jüdischen Staates nicht besonders attraktiv finden, oder sich besonders mit Palästina solidarisieren.

In der Welt erschien Broders Text »Wollen wir mit dem Quatsch nicht endlich aufhören?«. In diesem fordert er, dass Israel den Palästinensern zu einem eigenen Staat verhelfen solle. Nicht ganz uneigennützig, sondern damit es selbst Ruhe hat. Juden in aller Welt sollten Projekte in Gaza fördern.
Der Hintergrund sei, dass die Juden Europas keinerlei positive Perspektive hätten. Selbsterhaltung durch Auswanderung also.
Zunächst beginnt er launig mit einem Rabbiner aus der Siedlung Tekoa:

Einer der skurrilsten Vorschläge kam ausgerechnet von einem orthodoxen Rabbiner aus der Siedlung Tekoa in der Westbank, die horizontale Lösung.
von hier

Die Rede ist hier von Rabbiner Menachem Froman, einem nationalreligiösen Rabbiner, der die Errichtung von Wohnsiedlungen in der Westbank unterstützte, aber zugleich für einen interkonfessionellen Dialog eintrat. Er war überzeugt davon, auch in Tekoa leben zu können, wenn die Stadt sich in einem Staat Palästina befände. Rabbiner Froman hatte keinerlei Berührungsängste und verhandelte auch mit der Hamas, zu der er nicht die schlechtesten Beziehungen hatte. Er war also eine Figur mit vielen Facetten die sich für eine jüdische Präsenz auf dem Gebiet Israels im halachischen Sinne aussprach, aber nicht unbedingt immer im staatlichen Sinne. Das sind natürlich interessante Ideen.

Dann zählt Broder auf, welche Trittbrettfahrer der Konflikt aktiviert hätte und dabei hat er Recht. Aber bei der weitergehenden Befundaufnahme wird der Text schwierig, obwohl es demographisch zunächst plausibel erscheint:

Es gibt für Juden keine Zukunft in Europa. In 20, 30 Jahren wird es noch den Zentralrat der Juden in Deutschland und in Frankreich den CRIF (Conseil Représentatif des Institutions Juives de France) geben, also intakte Funktionärsstrukturen, aber keine Juden mehr.
von hier

Das ist nahezu richtig: In beiden Ländern geht die Anzahl der Juden zurück und das durchaus rasant. Es werden dann vermutlich nur Kerngemeinden in größeren Städten übrig bleiben.
Das ist in Frankreich auch eine Folge des grassierenden Antisemitismus und in Deutschland eine Folge der Altersstruktur der Gemeinden. Bei Broder könnte man jedoch herauslesen, dass der Vormarsch des Islam (mit dem er sich ja viel beschäftigt hat) die Ursache dafür sein könnte:
»Sie werden nicht nur Deutschland, sie werden ganz Europa verlassen, München, Zürich, Paris, Brüssel, London, Wien und sogar so idyllische Orte wie Malmö, wo eine winzige jüdische Gemeinde von einer aggressiven muslimischen Community gemobbt wird. […]
von hier«
und

»Die Älteren werden sich mit einem Restleben als “Schutzjuden” vermutlich abfinden.«von hier

Womit wir bei Broders Thema wären: Dem Islam. Darum geht es in dem Text, nicht um eine nachhaltige Lösung des Konflikts. Das wird natürlich Beifall bei denen erheischen, die den Islam in Europa nicht besonders mögen.
Wenn es darum ginge, eine Lösung zu entwickeln, würde er nicht ein Schutzjudentum, in Europa, gegen ein anderes, in Israel-Palästina, eintauschen wollen.

Der Text ist also sehr geschickt konstruiert. Er bietet vorgeblich eine bahnbrechende Lösung an, handelt tatsächlich aber von etwas vollkommen anderem. Er kommt als Bonbon daher, ist aber vielleicht auch sehr bittere Medizin oder vielleicht sogar ein wenig Gift.

Zu so viel Können muss man natürlich gratulieren.
Aber, hat es uns weitergebracht?
Vielleicht fruchtet die Beschäftigung mit dem Leben Rabbiner Froman etwas mehr…

18. August 2014 – 22 Av 5774
von Chajm
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Verpasst!

In der Abwesenheit (siehe Bild oben) des Baal haBlog passierte hier nichts. Tatsächlich erschienen aber in dieser Zeit zwei Artikel in der Jüdischen Allgemeinen:

Chasak! Wenn der letzte Abschnitt eines Buches beendet ist, spricht die Gemeinde, gefolgt vom Ba’al Korei, der den Abschnitt gerade gelesen hat, laut: »Chasak, chasak wenitchasek« (Sei stark, sei stark – und wir sollen gestärkt sein!). Was soll das und woher kommt das? Hier nachlesen.

Teffilin und Wa’etchanan: Im Zusammenhang mit dem Schma Jisrael begegnet uns die Mizwa, Tefillin zu legen. Die kleinen Kapseln für Arm und Stirn enthalten Toraabschnitte, die auch Teil unserer Parascha sind: »Und du sollst sie (diese Worte) binden zum Zeichen an deine Hand, und sie sollen sein zum Denkband zwischen deinen Augen« (5. Buch Mose 6,8).
Was haben die Teffilin aber mit Krieg zu tun? Der ganze Artikel hier.