Artikel

Unterwegs

Ehemalige Synagoge Heubach

In Hessen gibt es zahlreiche Orte mit Friedhöfen, die zumindest teilweise die Zeiten überdauert haben. In nahezu jeder Ortschaft scheint es eine Mikweh gegeben zu haben. Einige davon, wurden erst jüngst wieder entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mein Streifzug zeigte in erster Linie all die Dinge, die nicht mehr da sind und wie sehr sich das Leben auf »dem Land« vom Leben in den Ballungsräumen unterschied. Keine Grundrisse von Reformsynagogen, sondern traditionelle aschkenasische Synagogen. Die große Anzahl von Mikwaot zeigt natürlich, dass sie gebraucht wurden, so banal das auch klingen mag. Ganz unromantisch kann man aber auch festhalten, dass Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts hier ein radikaler Schrumpfungsprozess einsetzte. 1936 schrieb Lily Hirsch im Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Frankfurt (Heft 12) über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Hessen-Nassau:

Keine Provinz weist eine so starke Landbevölkerung auf wie Hessen-Nassau. […] Keine der jüdischen Mittel- und Kleingemeinden unserer Provinz umfasst heute noch 200 jüdische Gemeindemitglieder, während 1932 noch 3 Gemeinden an 400 herankamen. Bad Homburg ist von 400 Mitgliedern im Jahr 1932 auf 195 heruntergegangen, Schlüchtern von 375 auf 194, Hersfeld von 360 auf 181. Diese Zahlen nach dem Stand vom 1. April dieses Jahres dürften heute schon wieder überholt sein.
Wie schnell die Veränderungen vor sich gehen, wie schnell Gemeinden völlig verschwinden können, mögen zwei Beispiele zeigen: Die Gemeinde Ulmbach bei Schlüchtern mit ursprünglich 32 Seelen zeigte im April 1936 noch 4 Gemeindemitglieder an und hat sich in diesen Tagen völlig aufgelöst. Gelnhausen mit einem Bestand von 207 Seelen im Jahre 1932, ist 1934 auf 127 zusammengeschrumpft und meldete am 1. April 1936 noch 66 Mitglieder. Die Gesamtzahl der Gemeinden mit über 100 Seelen ist von 33 auf 14 zurückgegangen, dagegen haben sich die Zwerggemeinden (1 – 49 Seelen) von 64 im Jahre 1932 auf 90 im Jahre 1936 vermehrt, ein Schrumpfungsprozess, dessen Ende man vorausbestimmen könnte.
Lily Hirsch in: Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, 1936, Heft 12 (September 1936)

Sie schließt mit:

Es ist traurig zu wissen, dass viele Gemeinden unseres jahrhundertelang von Juden besiedelten Bezirks in kurzer Zeit verödet sein werden, Gemeinden, von deren einstiger Bedeutung Synagogen, Friedhöfe, Urkunden und Familiennamen zeugen.
Lily Hirsch in: Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, 1936, Heft 12 (September 1936)

80 Jahre später habe ich einige dieser Orte besucht und bin (mit Ausnahme der Städte und eines Ortes) durch Gegenden gekommen, in denen (nahezu?) keine Juden mehr leben. Nur noch Erinnerung. Felsberg war eine Ausnahme. Hier wird eine alte Synagoge renoviert und soll wieder einer kleiner (liberalen) Gemeinde dienen.
Bereits auf dem Weg nach Hessen, kommt man an Warburg vorbei. Eine Stadt, in der es 1946 noch ein »Rabbinat« gegeben hat und wo es heute nur noch einen jüdischen Friedhof gibt. Weiterlesen

Artikel

Triff den Blogger: Vor Ort in Hessen

Alte Synagoge in Großkrotzenburg von Lumpeseggl (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Alte Synagoge in Großkrotzenburg von Lumpeseggl (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Für mich wird es eine Art Road Trip sein – eine kleine Reise durch Hessen. Beginnend in Kassel, endend in der Nähe von Frankfurt (Großkrotzenburg). Wer also dem Blogger vor Ort begegnen möchte, kann sich einen der Termine aussuchen. Was begegnet einem inhaltlich?
Es wird um einen modernen und offenen Zugang zu Texten gehen. An einigen Orten wird es die Geschichte von Jonah sein, die vielleicht eine komplexere Geschichte ist, als es die einfache, nahezu kindgerechte, Lesart, vermuten lässt. An anderen Orten wird es die Geschichte von »Jehuda und Tamar« sein. Heute würde man sagen, zwei Underdogs, die sich da über den Weg laufen. Es wird aber auch die Gelegenheit zu Austausch und Diskussion geben.

Wer in der Nähe der Stationen lebt, oder dazwischen, ist herzlich eingeladen! Vielleicht ergibt sich ja auch »mittendrin« die Gelegenheit zum Austausch.

Artikel

Religion ist Privatsache! (?)

Wollen Menschen mit Tätowierung darauf angesprochen werden?
Die einhellige Meinung scheint »Nein« zu sein.
Das mag zutreffen, wenn jemand irgendein chinesisches Schriftzeichen irgendwo hat, oder einen hebräischen Satz oder ein hebräisches Wort. Hier kommt es übrigens überdurchschnittlich oft zu Problemen. Besonders peinlich es dann, wenn der Tätowierte sich zwischen vielen Menschen tummelt, die des Hebräischen mächtig sind. So wir kürzlich in einem Schwimmbad: Wenige deutsche Touristen hatten sich hierhin verlaufen. Die größte Gruppe der der Besucher des subtropischen Badeparadieses waren Israelis. Aus Deutschland angereist ist jemand, der »Jesus« toll findet. Er hat eine hebräische Tätowierung: »Jeschua haMelech« – »Jesus der König«. Meinte er. Tatsächlich hat der Tätowierer wohl zwei Buchstaben vertauscht und nun stecht auf dem Oberarm unseres Freundes »Jeschua haLemech« – »Jesus der Narr«. Die übrigen Gäste lächelten nur huldvoll.

Kommen wir zu einer anderen Person mit Tätowierung. Manchmal muss man jemanden auf seine Tätowierung(en) ansprechen – etwa um eine unangenehme Kommunikationspause zu überbrücken:
»Dieses Bild des Gekreuzigten ist ja opulent. Das scheint Ihnen etwas zu bedeuten?«
»Sorry – Religion ist Privatsache und darüber möchte ich nicht sprechen.«
»Ah ja. Sorry. Verstehe. Tut mir leid. Da möchte ich natürlich auch nicht nachbohren. Sonst hätte ich noch nach dem Schriftzug im Nacken gefragt. Den kann ich nicht entziffern.«
»Ach so. Das. Das heißt Stefan. Aber in Spiegelschrift.«
»Ok. Verstehe. Gut.«
»In Spiegelschrift, weil Stefan das dann bei uns lesen kann. Wir haben einen Spiegel über dem Bett und wenn ich auf ihm liege, kann er seinen Namen auf mir lesen.«
»Sagten Sie gerade, Religion sei Privatsache?«
»Ja genau. Wieso?«
» – «

Artikel

Kafka und die nationaljüdischen Hardliner

Reiner Stach hat eine viel beachtete, ausführliche und sehr lesbare Biographie von Franz Kafka geschrieben. Ein wahres Lebenswerk. Warum dies noch niemand vor ihm gemacht hat, konnte nicht einmal Stach beantworten. In seinem Buch versucht er, der Frage nachzugehen, kommt jedoch zu keinem klaren Ergebnis.
Reiner Stach ist also jemand, der sich auf dem Gebiet auskennen dürfte, wie kaum eine andere Person.
Aber Reiner Stach sieht Kafka in erster Linie als deutschsprachigen Autoren und erst dann als einen jüdischen und ist sich der Tragweite dieser kleinen Nuance anscheinend nicht bewusst – wenngleich auch Antisemitismus und Ausgrenzung eine Rolle in seiner Beschreibung von Franz Kafkas Leben spielen.
Doch einen Schritt zurück: Im Juni fällte ein israelisches Gericht ein Urteil zum Nachlass des Kafka-Freundes und Verlegers Max Brod. Max Brod war der Mann, der Kafka groß gemacht hat. Bestandteil des Nachlasses sind zahlreiche Dokumente von Franz Kafka selber. Mit diesen kam Brod 1939 aus Prag ins damalige Palästina. Bekanntlich hatte Kafka, der 1924 starb, Brod als Nachlassverwalter eingesetzt und wollte, dass seine Papiere verbrannt werden. Das tat Brod nicht. Ihm verdanken wir also, dass zahlreiche Werke überhaupt heute lesbar sind.
Das Gericht bestimmte nun, die Dokumente seien in der Nationalbibliothek Jerusalem zu deponieren. Eine großartige Entscheidung, denn so bleiben die Unterlagen nicht nur zusammen und bewahrt, sondern werden auch digitalisiert und der Öffentlichkeit zu weiteren Forschungszwecken zur Verfügung stehen. In Jerusalem sind die Unterlagen dort aufbewahrt, wo man das kulturelle Erbe der jüdischen Diaspora wertschätzt.
Das ist eine Tatsache, die Stach nicht anerkennt. Er sähe die Unterlagen gerne im Literaturarchiv Marbach. In einem Text in der ZEIT vom 18. August 2016 (Seite 38) mit der Überschrift »Muss ich alles umschreiben« schreibt er über einen Verkauf von Kafka Manuskripten an das Literaturarchiv Marbach:

Es ist ein Glücksfall – und keineswegs historisches Unrecht, wie nationaljüdische Hardliner gerne vorbringen –, dass das Deutsche Literaturarchiv Marbach […] Kafkas Process erwarb.
DIE ZEIT, Ausgabe 35 vom 18. August 2016, Seite 38

Wer sind also diese nationaljüdischen Hardliner?
Merke: Keine israelischen. Es sind nationaljüdische Hardliner.
Die Formulierung ist jedenfalls reichlich fragwürdig.
Vielleicht Hardliner wie Brod selbst?
Der Deutschland als »verfluchte Nation« bezeichnet hat?
Gibt es hier ein generelles Problem damit, dass die Unterlagen in Israel verbleiben und dort sicher sind? Warum sollte ausgerechnet ein deutsches Archiv diesen Schatz aufbewahren? Warum nicht auch ein tschechisches?
Reiner Stach hält das Marbacher Archiv für die bessere Adresse, weil dort die »deutsch-jüdischen Nachlässe« »mustergültig erschlossen« seien. Erschlossen, also suchbar, vielleicht. Aber nutzbar im Zeitalter der Digitalisierung?
Schauen wir doch einmal nach, was das Literaturarchiv Marbach so alles online gestellt hat: Nichts.
Man kann im Katalog nach Kafka suchen und erfährt, dass das Archiv die Handschriften besitzt und streckenweise als Mikrofiche vorhält. Eine Veröffentlichung dieser Unterlagen im Netz scheint nicht angedacht zu sein. Nicht einmal die Hanschriften von Kafkas Process sind auszugsweise verfügbar. Einige Seiten seien in einer Dauerausstellung zu sehen.

Wer will, kann sich einmal die Publikationsgenehmigung für Handschriften anschauen.

Artikel

Radiointerview zu Tischa BeAw

Tischa beAw im Amsterdamer Minhogimbuch

Zum Thema Tischa beAw gibt es etwas verspätet nichts schriftliches, sondern etwas zu hören. Ich hatte das Glück, dem WDR ein Interview zu diesem Tag geben zu dürfen. Was macht Tischa beAw aus? Ist es der schwärzeste Tag, den das Judentum kennt? Welche Bedeutung messe ich diesem Tag heute zu?
Das Interview lief dann in zwei Sendungen in zwei unterschiedlichen Längen. Eines wurde am Vorabend von Tischa beAw ausgestrahlt (leider ein Schabbat) und eine an Tischa beAw (der in diesem Jahr wegen des Schabbats ein Tag später begangen wurde).

Artikel

Ein Roman: Fayvel der Chinese

Fayvel der Chinese

Am Anfang steht die Fiktion einer Übergabe von Dokumenten an den Autoren Philippe Smolarski. Er schreibt, der Roman sei die Übersetzung von Erinnerungen eines jüdischen Gangsterbosses der aus Polen stammt und sich in China eingerichtet hat. In diesen Erinnerungen schaut er zurück auf die Zeit des Warschauer Ghettos. 1941 kehrt er nämlich zurück in genau dieses Ghetto um seine Familie zu retten. Aber er reist nicht allein. Walter, ein deutscher Jude und natürlich Gangster und eine Chinesin mit dem Namen Meiling begleiten ihn. Im Ghetto lernt Fayvel die junge Maria aus Wien kennen (und einige andere Damen). Nachdem Fayvel Zeuge dessen wurde, was im Ghetto tatsächlich passiert und erfahren hat, welche Ausmaße der Mord an den Juden Europas hat, will er mit seiner kleinen Bande aus dem deutschen Reich fliehen. Von der Flucht und der Zeit im Ghetto handelt »Fayvel der Chinese«. Fayvels Werkzeuge auf dieser Reise hat er als Waffen- und Drogenhändler erworben und damit ist schon klar, dass wir hier keinem Juden begegnen, wie man ihn gemeinhin aus den Romanen aus jener Zeit kennt. Einer Zeit über die man nicht schreiben darf, wenn man nicht selbst Zeuge dieser Zeit war, wenn es nach Maxim Biller geht. So jedenfalls hat er das einmal in der Sendung »Literarisches Quartett« postuliert. Das scheint eine Annahme zu sein, die weit verbreitet ist und das erklärt möglicheweise die vorangestellte Herausgeberfiktion des Romans. Dabei war übrigens Maxim Biller selber Gewinner der »Heeb Fake Holocaust Memoir Competition«. Aber zurück zu Fayvel.
Seine Tour durch Europa ist eine Aneinanderreihung skurriler oder aberwitziger Situationen, welche die Handlung wie einen Film vorantreiben und doch immer wieder Details über die Zeit einzustreuen. Das ist kurzweilig für den Leser, offenbart aber auch ein paar Schwächen im sprachlichen Aufbau des Romans. Könnte der Aufbau der Szene aus einem Film von Quentin Tarantino stammen, so bleibt sie sprachlich etwas brav und scheinbar naiv. Der Gangstersprech von Fayvel bricht nur manchmal aus ihm heraus. Der Verfasser der Memoiren scheint ein Feingeist zu sein der sich auch nach Jahren daran erinnert, dass eine Skulptur auf dem Schreibtisch von Arno Breker war. Eine Frau schläft nicht einfach ein, sondern gleitet in die Arme von Morpheus. Dafür, dass Fayvel so ein harter Kerl ist, ist »seine« Sprache zuweilen etwas zu brav und etwas sehr reich an Erwähnungen historischer Personen und Organisationen. Frauen werden grundsätzlich »geliebt«, wenn der Autor sagen will, dass es zwischen Fayvel und eine seiner Gespielinnen zur Sache geht. Dabei gäbe es da schon ein paar saftige jiddische Wörter um den Vorgang zu beschreiben. Nicht immer soll es dabei ja um Liebe gehen. Meisterhaft verwoben wurde die Sprache eines Gangsters mit literarischer Qualität in Natan Dubowizkis (man vermutet hinter dem Pseudonym den Politiker Wladislaw Surkow) »Nahe Null«.

Wirklich smart gelöst sind (neben der Typographie) die Anmerkungen zum Text auf dem Rand der jeweiligen Seiten:

Detailansicht einer Anmerkung in Fayvel der Chinese

Detailansicht einer Anmerkung in Fayvel der Chinese

Die Randanmerkungen wirken wie handschriftliche Notizen und erklären Begriffe und Wörter die man im Original belassen hat. Zuweilen muss der Leser schmunzeln, der die Begriffe kennt. Jemand wird Durak genannt. Die Notiz erklärt zwar richtig, dass das Dummkopf bedeuten kann, berichtet jedoch auch über ein gleichnamiges Kartenspiel. Wir sehen oben auch, dass Tuches ojfn Tisch wörtlich übersetzt etwas anderes bedeutet, als Karten auf den Tisch. Auch hier wieder der Unterschied zwischen Gangstertum und braven sprachlichen Mitteln.

Der Leipziger Liesmich Verlag hat dieses Buch schon im Jahr 2015 veröffentlicht. Der ungewöhnliche Ansatz ist beachtenswert und hat schon deshalb Aufmerksamkeit verdient. Geschichten wie diese sind rar gesät, auch wenn es sprachlich noch nicht so rappelt im Karton.

Philippe Smolarski:
Fayvel der Chinese.
Aufzeichnungen eines wahnwitzigen Ganoven.
Leipzig: Liesmich Verlag 2015, 264S., 14,95€.
Erhältlich im Buchhandel oder versandkostenfrei unter www.liesmich-verlag.de

Artikel

Zeit online: Wir lebenden Juden

Maxim Biller ist natürlich ein großartiger Autor – aber deshalb noch lange kein großer Experte für Literatur.
Ein Jude für eine Nase für aktuelle Entwicklungen, aber eher im Bezug auf das »feuilletonistische Judentum« (Jahreshauptversammlung dieser jüdischen Strömung ist »Tarbut« auf Schloss Elmau, aber vermutlich würde Maxim Biller die Leute dort nicht mögen).
Provozierend hat er behauptet, in Deutschland sei kein jüdischer Intellektueller mehr zu finden, oder so. Nein, eigentlich hat er das nicht getan. Er sagte in einem Interview:

Wo sind die anderen jüdischen Leute in Deutschland, die wie ich versuchen, den nächsten großen Roman zu schreiben? Müssen die alle wirklich Ärzte, Anwälte oder Springer-Journalisten sein? Kann da nicht einer dabei sein, der eine geniale Sinfonie komponiert, ein verrückt teures Bild malt oder ein Buch schreibt, über das sich Juden und Nichtjuden gleichzeitig aufregen? Müssen die Kinder und Enkel der seit 1945 in Deutschland lebenden Juden wirklich alle so bürgerlich, langweilig und scheinheilig sein? Müssen die wirklich jeden Freitagabend bei ihren Eltern sitzen und so tun, als hätten sie noch nie in ihrem Leben einen Joint geraucht?
Maxim Biller im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen im April 2016

Er setzte noch hinzu:

Geld, Immobilien und Prada-Handtaschen heilen keine Wunden, wer das denkt, ist total naiv. Maxim Biller im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen im April 2016

Na klar. Die Kanidatinnen und Kandidaten gibt und gab es auch. Aber der Leser hat gemerkt, hier wird offensichtlich ein Alleinstellungsmerkmal konstruiert. Einige Monate blieb das unwidersprochen. Jetzt gibt es einen Beitrag von Mirna Funk auf den Internetseiten der ZEIT dazu:
Wir lebenden Juden. Der Artikel stellt ein paar smarte Kandidaten der Generation vor, die Biller so nicht wahrgenommen hat. Vielleicht hat er das aber wahrgenommen und wollte mal schauen, wann die jüdischen Kulturschaffenden von heute ihre Joints zur Seite legen und dazu Stellung beziehen.
Kann aber auch sein, dass sie mit den Schultern gezuckt haben und einfach weiter das gemacht haben, was sie den Tag über so (in Berlin) machen. Vielleicht dachten sie: Was juckt mich schon schon jemand, der gerne als jüdischer Intellektueller wahrgenommen werden möchte?
Vielleicht waren sie einfach damit beschäftigt, ihr Ding zu machen? Ohne Biller-Benchmark. Einfach so.

Übrigens: der Artikel kommt nicht aus dem Nichts. Viele der Protagonisten, wie auch jemand vom Literaturteil der Zeit und der Autorin des Artikels, waren zuvor auf einer Veranstaltung des Maxim-Gorki-Theaters eingeladen.

Artikel

Neuer Siddur mit deutscher Übersetzung – ein Vorabbericht

Siddur Tehillat HaSchem innen

Die letzten Siddurim, die mit deutscher Übersetzung erschienen, waren der Schma Kolejnu und Teffilot lekol haSchanah. Schma Kolejnu war ein echter Meilenstein: Modernes Layout, Anweisungen, Einschübe für besondere Tage. Allerdings nicht für alle Feiertage einsetzbar. Hier fehlten ein paar Seiten. Der alte Siddur Sefat Emet war und ist zwar (ein wenig unübersichtlich und für Einsteiger nicht nutzbar), aber im Vorteil, weil man ihn häufiger nutzen kann. Teffilot lekol haSchanah war/ist ein neuer Siddur für nichtorthodoxe Gemeinden. Er ist in mehreren Bänden erschienen und nicht extrem umfangreich. Eine vollständige Transliteration mit Übersetzung braucht viel Platz. Übrigens hat auch die orthodoxe Rabbinerkonferenz einen Siddur für den Schabbat veröffentlicht – Siddur Schomer Jisrael. Hier schien der Fokus besonders auf der Transliteration gelegen zu haben und ist gestalterisch und herstellungstechnisch eine Zwischenlösung für diejenigen, die noch nicht mit einem vollständigen zwei- oder einsprachigen Siddur beten können.

Jetzt gerade erscheint eine neue Ausgabe: »Siddur Tehillat Haschem« in deutscher Sprache. »Siddur Tehillat Haschem« ist das Standard-Gebetbuch der Chabad-Bewegung. Es gibt eine hebräische Ausgabe, eine englische, eine russische und nun auch eine deutsche. Sie fußt auf der englischen, also zweisprachigen, Ausgabe. Auf diese Weise hat ein gemischtes Publikum Bücher mit den gleichen Seitenzahlen und grundsätzlich mit einem ähnlichen Layout. Deutscher Text ist häufig etwas länger, deshalb kann man nicht von einem gleichen Layout sprechen.
Und genau dieses Layout macht die Struktur der Gebete deutlich und versucht zugleich eine Brücke zu »alten« Ausgabe des Tehillat haSchem und Siddurim im Allgemeinen zu schlagen. Zahlreiche Beter wollen Siddurim die noch so aufgebaut sind, wie sie in der Zeit vor dem Siddur von Artscroll waren. Der Artscroll-Siddur war der erste Siddur, der deutliche Anweisungen gab, Textkästen einführte und den Leser durch das Gebet führte und auch mal ein Gebet mehrfach abdruckte, damit dieser nicht ständig blättern musste. Zudem fügte Artscroll einen Kommentar hinzu. Dieser Siddur war, aus heutiger Sicht nicht der allerbeste Wurf (langer Fließtext in Kursivschrift?!), aber wegweisend für spätere Projekte.
»Siddur Tehillat Haschem« versucht beide Gruppen zu bedienen und ist deshalb interessant. Die Wahl der hebräischen Schrift folgt ebenfalls diesem Ansatz: Es ist eine erneuerte Variante einer klassischen Siddurschrift.
Anmerkungen sind deutlich erkennbar und hervorgehoben. Einschübe in die Gebete für besondere Anlässe sind ebenfalls klar kenntlich gemacht und leicht zu verwenden. Zu einigen Gebeten gibt es Transliterationen im Anhang. Der ungeübte Beter dürfte also durch das Gebet gelotst werden.

Die Übersetzung orientiert sich an den vorhandenen deutschen und verbindet auch an dieser Stelle die Traditionalisten mit denjenigen, die eine aktuelle Übersetzung fordern. So verwendet man das Wort »Ewiger«, um den Namen G-ttes (HaSchem) zu umschreiben – so wie es auch schon in Siddurübersetzungen anderer Herausgeber praktiziert wurde.

Siddur Tehillat HaSchem Detailansicht der Amidah

Siddur Tehillat HaSchem Detailansicht der Amidah

Zum Inhalt: Auch wenn der Siddur für einen Nussach gemacht ist, der nicht in allen Gemeinden praktiziert wird, so dürfte es der vollständigste Siddur mit deutscher Übersetzung seit langer Zeit sein.

  • Gebete für Kinder
  • Das Morgengebet für Werktage
  • Segenssprüche (für Reisende, für verschiedene Mitzwot, über Speisen, Tischgebet, bei der Hochzeit etc.)
  • Minchah (das Nachmittagsgebet)
  • Ma’ariw (das Abendgebet)
  • Gebet vor dem Schlafengehen
  • Gebete für den Schabbat
    • Minchah für Freitag
    • Kerzenzünden
    • Kabbalat Schabbat
    • Abendgebet
    • Smirot
    • Kiddusch für Freitagabend
    • Morgengebet
    • Kiddusch für den Tag
    • Minchah für Schabbat mit den übersetzten Pirkej Awot
    • Dritte Mahlzeit
    • Hawdalah
  • Heiligung des Mondes (Kiddusch Lewanah)
  • Segenssprüche über den Lulaw
  • Hallel
  • Gebete für Rosch Chodesch
  • Gebete für die Festtage
    • Eruw
    • Kiddusch
    • Amidah für Festtage
    • Jiskor
    • Mussaf für die Festtage und Chol haMoed
    • Priestersegen
    • Gebet um/für Tau
    • Gebet um/für Regen
    • Gebete für den Vorabend von Rosch haSchanah
    • Gebete für den Vorabend von Jom Kippur
    • die Hoschanot
    • Hakafot für Simchat Torah
    • Chanukkah
    • Purim
  • Gebete für den Monat Nissan wie eine Haggadah für den Schabbat haGadol, Suche nach Chametz und Pessach-Opfer
  • Gebete für Fastentage, Slichot
    • Behab – hier genannt: für Montag – Donnerstag – Montag
    • für den 10. Tewet
    • für das Esther-Fasten
    • für den 17. Tammus
    • für ein erkranktes Kind (versehen mit dem Zusatz: G-tt bewahre)
    • ein langes Awinu Malkejnu
  • Segenssprüche bei Verlobung und Trauung
  • Beschneidung
  • Auslösung des Erstgeborenen
  • Mischnajot für Trauernde
  • Torahlesungen und eine Liste der Haftarot nach dem Brauch von Chabad

Im Anhang findet man noch Verse für Personennamen, ausgewählte Vorschriften und Bräuche, Regelungen für besondere Tage, Transliterationen, Abbildungen (wie man Tallit und Teffilin anlegt etc.), Trauerkaddisch, Kaddisch de’rabbanan.
Ganz hinten im Buch findet man noch eine Tabelle von Erlaubten und verbotenen Unterbrechungen im Gebet.

Die vorliegende Fassung ist noch nicht die endgültige, deshalb will ich an dieser Stelle noch nicht auf typografische und gestalterische Details eingehen. Möglicherweise werden einige Dinge noch geändert.

Artikel

Jüdische Autoren in der Wikipedia

Jüdisches Lexikon von Georg Herlitz

Die Jüdische Allgemeine veröffentlichte am 14.07.2016 einen Artikel über den aktuellen Zustand der deutschsprachigen Wikipedia. Wir stellen fest, dass Schüler und Studenten gerne Gebrauch von der Wikipedia machen, aber dass die konkrete Arbeit an den Artikeln viel Geduld erfordert. Wikipedianutzer und Autor »Hardenacke« erklärt ausführlich, wo, seiner Meinung nach, der Schuh drückt und dass es kein Problem mit offenem Antisemitismus gibt – aber mit latentem. Ist etwa so, als würden man sagen: »Es juckt zwar, ist aber keine offiziell diagnostizierte Geschlechtskrankheit. Ich bin deshalb immer noch für alles offen.« Wer würde das Angebot nicht annehmen?
Aber zurück zur Feststellung des Antisemitismus:

Wikipedia insgesamt habe aber kein Antisemitismus-Problem, ist der Autor überzeugt. »Antisemitismus ist verpönt und wird normalerweise – solange er plump und deutlich zutage tritt – geächtet.« Etwas anderes ist es schon mit latentem Antisemitismus und Antizionismus. Diese würden oft nicht erkannt – »wie im richtigen Leben auch«, meint Hardenacke.Jüdische Allgemeine: Wikipedia Sichter des Schabbat

Auch die »Kreuzdebatte« (siehe auch hier) wird angerissen. Viele Nutzer und Administratoren weigern sich beharrlich Kreuze bei den Sterbedaten nichtchristlicher Menschen zu entfernen und setzen die Entfernungen durch andere Nutzer gern zurück. Argumente von Juden dagegen wurden bisher immer recht schnell vom Tisch gewischt. Probleme einer Minderheit. Und so wird auch heute noch fleißig das Kreuz in Artikel hineinkorrigiert (siehe etwa hier,hier, hier und hier).

Auch diese Feststellung in der Jüdischen Allgemeinen wird ungehört verhallen.
In der Vergangenheit gab es nämlich bereits Artikel zu diesem Thema. Einer der sehr emsigen Schreiber und Aktivisten der Wikipedia (der in dem Artikel erwähnt wurde) brachte danach zum Ausdruck, warum der die Jüdische Allgemeine nicht ernst nehmen kann:

Und offen gesagt, ich möchte dieses Hetzblatt nicht weiter kommentieren, dagegen ist ja die Bildzeitung liberal.
Nutzer »Hubertl« in einer Diskussion in der Wikipedia

Dennoch scheint Nutzer »Hardenacke« seine Arbeit fortsetzen zu wollen:

Trotzdem mache es Sinn, sich zu beteiligen, glaubt er. Die viel gelesenen Wikipedia-Texte haben einen großen Einfluss, gerade auf jüngere Leute: »Unsere Artikel sind ganz sicher in unzählige Schulaufsätze und Referate eingeflossen. Deshalb fordere ich ausdrücklich dazu auf, sich zu beteiligen.« Eigentlich könne jeder etwas beitragen, von Rechtschreibkorrekturen bis hin zur Erstellung ganzer Artikel.
Jüdische Allgemeine: Wikipedia Sichter des Schabbat

Und genau da muss ich widersprechen:
Zumindest jüdische Nutzer mit Sachverstand sollten sich dem bürokratischen Betrieb der deutschsprachigen Wikipedia nicht aussetzen. Nach den Erfahrungen mit diesem Projekt ist der vernünftigste Schritt, verlässliche Informationen an einem Ort anzubieten, an dem man sich nicht an irgendwelchen Pseudostrukturen abarbeiten muss, sondern [sein] Wissen einfach veröffentlichen kann. In einem angemessenen Rahmen.
Die deutschsprachige Wikipedia ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell Hierarchien und Bürokratie durch Nutzer selber entstehen. Sie entstehen durch emsige Nutzer und die wiederum berufen sich anschließend auf diese Hierarchien. Jedenfalls im deutschsprachigen Ableger des Projekts.
Seitdem man sich beharrlich weigert auch nur zu erkennen, dass Juden Probleme mit einem Kreuz beim Sterbedatum haben, ist die deutschsprachige Wikipedia kein Projekt mehr bei dem man auch nur ein Komma korrigieren sollte.
Es ist zu bezweifeln, dass Schüler und Studenten auf die Seite der Wikipedia kommen und dort ihre Recherchen beginnen. Zu einem großen Teil wird es so sein, dass man einfach das gewünschte Thema bei google eingibt und dann sehr oft die Wikipedia als eine der ersten Quellen genannt bekommt.
Das könnte man dadurch reparieren, indem man eine verlässliche Informationsquelle zum Judentum hat – die auch von google als entsprechende Quelle angeboten wird. Man muss nicht zwangsläufig an die Quelle der Information, um sie zu ändern. Man muss bessere Informationen anbieten.

Eine, wenngleich nicht sehr realistische, Möglichkeit ist es, dass es wenige Einzelpersonen in Eigenregie machen. Sie werden sich dann an allen Themen abarbeiten müssen.
Eine Übernahme der entsprechenden Artikel aus der Wikipedia, unter Berücksichtigung der entsprechenden Lizenzvereinbarungen, in eine neue Plattform wäre eine Möglichkeit. Auch hier müsste dann anschließend erheblich nachgebessert werden.

Eine andere Lösung? Nun, »jemand« (der Zentralrat?) könnte die Rechte am »Jüdischen Lexikon« (demjenigen von Georg Herlitz) erwerben, es digitalisieren, online stellen und allmählich aktualisieren lassen. Die Jüdische Allgemeine hält mittlerweile eine beachtliche Anzahl an »Wieso-Weshalb-Warum?«-Artikeln vor. Die wären die perfekte Ergänzung.
»Jemand« könnte natürlich auch ein privater »Gönner« sein… vielleicht kennt ja jemand die Inhaber der Rechte an dem Werk… (?)