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Talmud Übersetzung online

Ein kleiner Meilenstein ist erreicht worden! Die Übersetzung des Talmud von Lazarus Goldschmidt ist nun online verfügbar. Sie begann am 1. Januar mit Pessachim und Megilla – die übrigen Traktate liegen bereits als »Texte« vor, müssen aber noch fit für die Publikation gemacht werden. Alles über das Projekt findet man auf einer kleinen Übersichtsseite auf talmud.de:
Übersetzung des Talmud ist online

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Sechs Jahreszeiten

Sechs Jahreszeiten? Wenn man sich bewusst macht, dass die vier Jahreszeiten eine menschliche Einteilung dessen sind, was in der Natur beobachtet wurde, wundert es nicht, dass es tatsächlich noch andere Systeme der Einteilung gibt. Um es kurz zu machen: Der Talmud kennt (zumindest in einer Diskussion) sechs Jahreszeiten. Abgeleitet werden diese aus der Geschichte von Noach. Nach der Geschichte der großen Flut beschloss nämlich G-tt, dass »Fortan, alle Tage der Erde, sollen Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter und Tag und Nacht nicht gestört sein« (1. Buch Mosche 8,22). Diese Diskussion habe ich etwas genauer beleuchtet. Den gesamten Text findet man hier:

Jüdische Allgemeine – Die sechs Jahreszeiten: Saat, Winter, Frost, Ernte, Sommer und Hitze

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Lockerungen zu Chanukka?

Zwar hat sich die Corona-Thematik in diesen Tagen noch etwas verschärft (weil die aktuellen Maßnahmen offenbar nur sehr begrenzt greifen), aber dennoch wurden Ausnahmeregeln für Weihnachten diskutiert. Die Jüdische Allgemeine hat Prof. Micha Brumlik und meine Wenigkeit gebeten, dafür oder dagegen zu sprechen. Prof. Brumlik argumentiert für gleiches Recht, ich dagegen.

Beide Meinungen sind hier zu finden (Juedische-Allgemeine.de)

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Reclams Sprüche der Väter

Reclam. Die meisten Schülerinnen und Schüler, die in Deutschland zur Schule gegangen sind, kennen die kleinen gelben Heftchen von Reclam. Dort gab und gibt es die große Literatur. Den »Woyzeck«, die »Die Leiden des jungen Werthers«, aber auch den »Jerusalemer Talmud« (in sieben ausgewählten Kapiteln) und nun »Die Sprüche der Väter«, auf Hebräisch »Pirkej Awot«. Sie sind Bestandteil der Mischnah und sind ein beliebter Steinbruch für Zitate »Wenn nicht ich, wer dann?«, »Sprich wenig und tue viel!«, »Sage nicht, wenn ich frei sein werde, werde ich lernen; vielleicht wirst du nicht frei werden.« Die Liste kann lange fortgesetzt werden.

Die erste Frage nach dem Reclam-Text lautete also: Welche Übersetzung haben sie verwendet? Marcus Lehmann, Lazarus Goldschmidt oder Bamberger? Das deutschsprachige Judentum hat zahlreiche gute Übersetzungen (und Kommentare) hervorgebracht.
Keine von den vielen, die verfügbar sind, wurde verwendet. Der katholische Theologe Professor Bernhard Lang hat die Übersetzung und den Kommentar verfasst. Leider merkt man eine große Distanz zur jüdischen Sicht auf den Text recht schnell bei der Lektüre.

Eine neue Übersetzung Warum?

Wo Mosche die Torah vom Sinai [miSinaj] empfing, so die meisten anderen Übersetzungen, erhält Mose hier das »Tora(-Amt)« am Sinaj. Wo das Judentum von der Weitergabe der Mesorah spricht, wird hier von der Weitergabe eines »Amts« gesprochen. Der »Zaun um die Lehre«, der ja nahezu sprichwörtlich geworden ist, wurde zur »Hecke um die Tora«.

Die Sprache ist offenbar absichtlich etwas altertümlich gehalten und die Syntax etwas verkomplizierend umgestellt. Anscheinend soll die Satzstellung des hebräischen Satzes nachgestellt werden. Interessant sind Reime in der Übersetzung, während im hebräischen Original keine vorhanden sind: »Einen Lehrer dir nimm, einen Kameraden gewinn« macht Lang aus dem Satz »aseh lecha raw, ukene lecha chawer« – kein Reim. Der Satz bedeutet, wörtlich übersetzt, etwa »Mache dir einen Lehrer, erwirb dir einen Freund«. Der »Kamerad« führt recht weit weg von der ursprünglichen Bedeutung. In seiner Anmerkung zu dieser Textstelle weist Lang darauf hin, dass das »Studium zu zweit bis heute in orthodoxen Talmudschulen üblich sei«. Als Beispiel nennt er dann Anschel und Avigdor aus Singers »Jentl, der Talmudstudent«…

Übersetzerische Missverständnisse lassen sich einige zusammentragen. Die meisten scheinen darin begründet zu sein, dass bei der Übertragung der Kontext ausgeblendet wurde. Es fehlen an dieser Stelle Platz und Ausdauer für eine detaillierte Aufzählung. Aber eine Stelle schauen wir uns noch an. Sie ist recht bekannt: »Im ejn Torah – ejn derech erets«. Jüdische Übersetzer und Kenner der Mischnah übertragen in diese Richtung: »Wer keine Torakenntnis besitzt, der hat keine Humanität« (Bamberger), man könnte es vielleicht auch mit »angemessenem Verhalten« übertragen. Lang übersetzt »keine Tora, kein Alltagstun.«. Hier gehe es, laut Kommentar darum, sich an »Sponsoren zu wenden« – in dem Satz gehe es um Lebensmittel.

Missverständnisse? Talmud und Weise

Der Untertitel des Buches ist übrigens »Das Weisheitsbuch im Talmud«. Das ist deshalb interessant, weil es von Pirkej Awot »nur« eine Mischna gibt. Diese Mischna hat keine Gemarah, ist also in den meisten Ausgaben des Talmud überhaupt nicht enthalten und gehört auch eigentlich nicht dazu. Die Begründung ist nicht sehr überzeugend, zumal der uninformierte Leser nichts über den Talmud erfährt:

»Der Talmud umfasst in seiner deutschen Übersetzung zwölf Bände (Der babylonische Talmud, übersetzt von Lazarus Goldschmidt, Berlin 1929-36). Als Teil des Talmuds – zu finden in Band 9 (1934) – sind die Vätersprüche in der jüdischen Literatur etabliert, so dass sie ununterbrochen studiert und kommentiert werden.«

Sprüche der Väter, Seite 129

Die Talmud-Ausgabe von Lazarus Goldschmidt hatte den Anspruch alle Mischnajot und alle Traktate des Talmuds zu präsentieren. Ein Blick in »Primärliteratur« wäre vielleicht erhellender gewesen. In einem Talmud-Band von Goldschmidt sind mehrere Traktate des Talmuds und die Mischnajot zusammengefasst.

Neben Anschel und Avigdor aus Jentl treffen wir auch Shakespeare. Er habe in »Coriolanus« (entstanden um 1608) ein Zitat aus den Pirkej Awot verwendet (hier mal in der Übersetzung von Schlegel zitiert):

Schreit gegen den Senat, der doch allein,
Zunächst den Göttern, euch in Furcht erhält;
Ihr fräß’t einander sonst. Was wollen sie?

Shakespeare, Coriolanus, 1. Akt, 1. Szene

In den Pirkej Awot heißt es (Bamberger):

»Rabbi Chanina, der Vorsteher der Priester, sagte: 
Bete stets für das Wohl der Regierung, denn wäre nicht die Furcht vor ihr, so würde einer den andern lebendig verschlingen.«

Mischna Awot 3,2

Dazu schreibt Lang: »Hat der Autor das Wort aus dem Mund eines jüdischen Zeitgenossen gehört?« Das wird schwierig gewesen sein, wurde doch die jüdische Bevölkerung 1280 aus England vertrieben und erst 1655 wurde gestattet, sich wieder auf englischem Boden niederzulassen. Mehr Projektion als Fakt.
Das bezieht sich auch auf die Exkurse über die Mischna Awot und die »Rabbinen«, die anhand der Lektüre des Traktats Awot als »Asketen« dargestellt werden sollen – was große Teile des Talmuds einfach komplett ignoriert, in dem die Weisen teilweise einfach auch mal Männer sind. Bei der Charakterisierung kommt übrigens Hermman Hesse zu Wort, der nicht nur freundliche Dinge über Juden gesagt hat (etwa »Juden wie Deutsche haben neben ihrer rohen dummen und feigen Mehrheit auch eine feine, weise und tapfere Minderheit, mag sie noch so klein sein.«). Als Untermauerung soll auch eine Gegenüberstellung von Sätzen aus den Sprüchen der Väter mit der »Benediktsregel« (der Bendediktiner-Mönche) dienen.

Alles in allem: Wer sich mit den »Sprüchen der Väter aus katholischer Sicht« befassen möchte, kann zu diesem Band greifen. Wer sich dem Judentum über einen jüdischen Text annähern will, der greift bitte nicht zu dieser Übersetzung und nicht zu diesem Kommentar.

Die Sprüche der Väter
Das Weisheitsbuch im Talmud
Neuübersetzung
Reclam 2020
Übers. und Hrsg.: Lang, Bernhard
138 S.
ISBN: 978-3-15-014042-0
(Link zu Reclam mit Leseprobe)

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Hochmotivierte Mitglieder warten auf ihren Einsatz

Im Herbst 2019 tat der Zentralrat etwas recht bemerkenswertes: Er lud zu einer Umfrage ein (Details siehe hier). Die Zielstellung könnte man, etwas vereinfacht, vielleicht so formulieren: Wie ist die Haltung derjenigen, die wir erreichen können, zu ihrer oder den Gemeinden insgesamt?

Also weniger eine sozialwissenschaftliche Studie und mehr Einblick in das, was man von den Gemeinden eigentlich »draußen« erwartet und welche Haltung man entwickelt hat. Warum kommt man, wenn man kommt? Warum kommt man nicht? Warum ist man ausgetreten? Warum nimmt man nicht an Veranstaltungen teil?
Und tatsächlich haben 2.716 Personen teilgenommen. Überwiegend Vertreter der Generationen, die demographisch in der Minderheit sind. Also weniger Senioren – das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 48 Jahren. 45 Prozent der Teilnehmer sind in Deutschland geboren worden.

Das ist bemerkenswert. Während man in den europäischen Nachbarländern nicht einmal weiß, wie viele Gemeindemitglieder im eigenen Dachverband organisiert sind (siehe Schweiz), kennt man recht konkrete Details zur jüdischen Demographie – zumindest für die Gemeinden, die im Zentralrat organisiert sind. Nun kommen weitere Daten hinzu.

Was ist bemerkenswert? Mehrere Punkte

Gleich mehrere Punkte sind bemerkenswert.
Beginnen wir mit einem positiven Aspekt:
Zwei Drittel aller Befragten würden gerne (mehr) aktiv in einer Gemeinde mitarbeiten. Das ist ein enormes Potential.
Die Gegenfrage liegt nahe: Warum denn dann nicht?

Die Antwort gibt ein anderer Aspekt (möglicherweise): Nur 18 Prozent der befragten (derzeitigen) Gemeindemitglieder haben das Gefühl, sie hätten Einfluss auf die Entscheidungen innerhalb einer Gemeinde. Eine Mehrheit gibt an, dass ihre Stimme überhaupt kein Gehör in der Gemeinde findet.
41 Prozent der Gemeindemitglieder geben an, dass sie nicht an Veranstaltungen teilnähmen, weil sie Probleme mit anderen Personen in der Gemeinde hätten.

Partizipation in der Gemeinde, Abbildung Zentralrat der Juden in Deutschland, infas

Es lässt sich also behaupten: Die Leute wollen mitmachen! Die Leute wollen sich engagieren. Da ruht also richtig viel Potential.
Dazu passt, dass sich 47 Prozent der ehemaligen Mitglieder eigene jüdische Räume schaffen und immerhin noch 35 Prozent derjenigen, die Mitglieder sind, ebenfalls tun. Hier könnten Gemeinden vielleicht ansetzen?

Strömungen Die alte Frage

Wer ist orthodox, wenn »Ja«, wie sehr?
Die Umfrageergebnisse erlauben es, innerhalb der Strömungen zu differenzieren. »Ja, orthodox und observant« oder» Ja, traditionell und observant« oder eben »traditionell und nicht observant«. Demnach wären 15 Prozent der Gemeindemitglieder orthodox, 37 Prozent »traditionell« und 27 Prozent liberal. Dann gibt es noch die »feuilletonistischen« Jüdinnen und Juden (»kulturell«) mit etwa 16 Prozent. Bei den Nichtmitgliedern und ehemaligen Mitgliedern ist die Zusammensetzung etwas anders. Hier findet man mehr Jüdinnen und Juden, sie sich über die »Kultur« mit dem Judentum identifizieren. Interessant wäre es, Veränderungen hier nachzuverfolgen. Überraschend ist, dass die Zahlen recht nah an diejenigen herankommen, die hier im Blog 2016 erhoben wurden (siehe hier). Die Einheitsgemeinde ist also wichtiger als noch vor Jahren. Wie religiöse Konfliktfelder moderiert werden, wird also eine Aufgabe für Gemeinden bleiben. Moderation und Heimat für alle und nicht Parteinahme wäre vermutlich ein wichtiger Aspekt der Zukunft.

Wer kann erreicht werden? Wenig Schnittstellen

Vorsicht Metaphernhagel: Es liegt auf der Hand, dass nur Menschen teilnehmen konnten, die irgendwie noch im jüdischen Orbit unterwegs sind. Sie müssen nicht auf dem Planet Gemeinde wohnen, aber noch irgendwie eine Verbindung haben. Offenbar ist die Jüdische Allgemeine das Medium mit der größten Reichweite.

Genützte Medien, Abbildung Zentralrat der Juden in Deutschland, infas

Bemerkenswert ist aber, dass die Jüdische Allgemeine stärker außerhalb der Gemeinde genutzt wird. Das gilt für fast alle Medien – mit Ausnahme des Blatts »Zukunft« des Zentralrats (gibt es das außerhalb der Gemeinden überhaupt?).
Was also vielleicht noch immer fehlt, ist ein Medium, das auch diejenigen erreicht, die schon recht weit weg sind. Eines, das vielleicht Interesse weckt. Schwierig.

Erstmals wahrgenommen Vaterjüdinnen und Vaterjuden

Es ist auch nach denjenigen gefragt worden, die in Deutschland nicht Mitglieder eine jüdischen Gemeinde werden können: Denjenigen, die einen jüdischen Vater haben, aber keine jüdische Mutter. Von 622 Nichtmitgliedern waren das 29 Prozent, also etwa 180 Personen. Von ihnen haben 88 Prozent angegeben, dass sie in eine Gemeinde eintreten würden, wenn es ihnen ermöglicht werden würde – wir erinnern uns – diese Befragung wurde von Menschen ausgefüllt, die sich noch im jüdischen Orbit befinden. 72 Prozent würden übertreten, wenn der Übertritt vereinfacht werden würde und immer noch 62 Prozent würden bei einem transparenten Prozess übertreten (also schwierig, aber transparent).
Interessant wäre hier die Frage, wie groß die Gruppe eigentlich wäre?
Bei der Beantwortung dieser Frage könnte die Studie »Jews in Europe at the
turn of the Millennium« von Sergio DellaPergola (dem Großmeister der jüdischen Demographie) aus dem Oktober 2020 helfen.
Er gibt die »Core Jewish Population« (jüdische Eltern) von Deutschland mit 118.000 Personen an. Die »Jewish parent(s) population« (mindestens ein jüdischer Elternteil) beziffert er mit etwa 150.000. Wenn man von dieser Zahl die »Core Jewish Population« ab und etwa 2.000 Konvertiten, dann erhält man die beeindruckende Zahl von etwa 30.000. Hier ist offen, was mit diesen Erkenntnissen in Zukunft passieren wird.

Kurzes Fazit Jüdisches zuhause gesucht

Die Aussagen aus der Studie legen den Schluss nahe, dass viele Jüdinnen und Juden ein »jüdisches Zuhause« suchen und sich das durchaus in einer Gemeinde wünschen. Fällt dieses »Zuhause« weg, orientieren sich viele Menschen um und schaffen sich Räume dafür selber. Man kann hoffen, dass dies gehört wird und in Zukunft erneut abgefragt wird, ob es hier Schritte gegeben hat. Hoffentlich werden diese dann erfolgreich gewesen sein.
Die Auswertung wird von konkreten Hinweisen abgeschlossen. Was wäre nun zu tun? In Kürze: Zuhören, Zugehörigkeit, Beziehungen, Jüdische Bildung, Transparenz, Vernetzt denken, Zukunftsvisionen.

Und ja: Es wird Verantwortliche vor Ort geben die das vom Tisch wischen. Es wird diejenigen geben, die sich aussuchen möchten, mit wem sie in den Gemeinden etwas machen möchten, aber es wird auch viele geben, die in die richtige Richtung gehen und Zukunft gestalten und nicht in der Verwaltung und im Rückschritt verharren wollen. Hier wird sich zeigen, wer Gestalter ist und wer Strukturen nutzt, um Selbstbestätigung zu finden.

Die Studie steht hier zum Download und zur Ansicht zur Verfügung. Hier findet man alle Details gut aufbereitet.

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Im Andenken an Rabbiner Jonathan Sacks

Der Tod von Rabbiner Jonathan Sacks (sel. Ang.) am 7. November 2020 war ein großer Verlust, nicht nur für Großbritannien, sondern für die gesamte »englischverstehende« Welt. Kaum jemand hat es verstanden wie er, jüdische Inhalte in dieser und in diese Zeit zu präsentieren.
Die United Synagoge hat am 19. November ein Memorial gestreamt. Dieses kann man sich hier bei YouTube anschauen und die 70 Minuten sollte man sich nehmen.

Man hört Wegbegleiter, Familie und Menschen, die er beeinflusst hat. Eingebettet ist ein beeindruckender Einblick in die Slichot in der Hampstead-Synagogue. Die Draschah von Rabbi Sacks zu diesem Anlass kann man sich hier anschauen.

Das Video geht übrigens nach dem Abspann weiter mit einer Botschaft für Chanukkah.

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So nah – fast schon Freunde

Ach, siehe da. Antisemitismus eint die katholische und die evangelische Kirche.
Ist das nicht ein schöner, polemischer, Beginn?
Jetzt nehmen wir ein wenig Hitze raus und schreiben, um was es geht. Beide Kirchen wollen etwas gegen Antisemitismus tun. Das ist nicht neu. Neu ist aber, dass man nun zum Mittel des Plakats greift. Eine Kampagne soll sich insbesondere an Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen wenden und hier diejenigen abholen, die innerhalb der Gemeinden antisemitisch denken – das soll es ja auch geben.

Jüdisches und fremdes

Es steht im Allgemeinen bei Wohlmeinenden die Vermutung im Raum, dass »jüdisches« fremd ist oder einigen Leuten »fremd« vorkommt. Um dem zu begegnen, will man diesen Eindruck abbauen. Judentum soll nicht länger etwas fremdes sein.
Das ist nicht zu verwechseln mit den Initiativen , die Berührungsängste abbauen wollen und Begegnungen ermöglichen. Die (jüdische) Initiative Meet a Jew soll dabei helfen, dass auch jüngere Leute mal einen jüdischen Gesprächspartner erleben und vielleicht etwas länger überlegen, bevor sie etwas nachplappern. Andere machen kleinere Filme, bauen Instagram-Profile auf und zeigen, was Jüdinnen und Juden so machen. Diese Aktionen sind Bausteine eines größeren Konzepts. Ausschließlich darauf zu setzen, könnte in die falsche Richtung weisen. Denn wir wissen: Auch Leute, die tatsächlich Jüdinnen und Juden kennen, können Antisemiten sein. Antisemitismus ist nicht immer nur ein Mangel von Information. Nie war es übrigens einfacher als heute, sich zu informieren. Jüdinnen und Juden haben Jahrhunderte neben ihren nichtjüdischen Nachbarn gelebt, die deutschen Juden galten kurz vor der Schoah als »assimiliert« und dennoch war es nur ein kleiner Schritt, sie wieder auszugrenzen. Aber wir schweifen ab.

Was wäre also der nächste Move? Nehmen wir den Menschen die Angst vor dem, was sie nicht kennen, oder machen wir das Fremde weniger fremd?Die Kirchen haben sich, anscheinend jedenfalls, für die letzte Option entschieden und das hat Konsequenzen. Wenn man die zu tragen bereit ist: Alles gut.

Plakatmotiv Sukkot
Plakatmotiv Sukkot der gemeinsamen Aktion der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Es sollen, wie man oben am Motiv zu Sukkot sehen kann, Gemeinsamkeiten herausgestellt werden. Der Claim lautet

#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst

Das bringt eine Reihe von Problemen mit sich. Das offensichtlichste ist: Die Feste sind nicht vergleichbar. Na klar, man kann eine Botschaft extrahieren und diese dann betonen, es bleibt aber der Eindruck hängen, Sukkot sei »das jüdische Erntedankfest«, so wie Pessach häufig als das »jüdische Ostern« beschrieben wird.

Plakatmotiv Sukkot der gemeinsamen Aktion der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Um interkulturelle Kompetenz zu stärken, ist das genau der falsche Schritt. Zu »lernen« etwas in sein eigenes System von Schubladen zu quetschen, dürfte nicht sehr tragfähig sein. Letztendlich wird hier die eigene Normativität unterstrichen: Schmuel Normaljude feiert ähnliche Feste wie ich – also ist er fast wie ich oder meine Gruppe – also ist er gut.
Wäre er anders als ich, wäre er also schlecht?
Von der »Dignity of Difference« von der Rabbiner Lord Jonathan Sacks (seligen Angedenkens) so häufig schrieb und sprach, bleibt hier nichts mehr.
Es ist doch das zentrale Problem derzeit, dass »Anderssein« nicht ertragen werden kann und nicht ertragen werden will. Das zu erlernen, ist aber schmerzhaft und diesen Schmerz will niemand so recht auslösen.

Antisemitismus oder Antijudaismus?

Noch etwas: Die Kampagne zielt auf »Religion« ab und das beschreibt das Judentum nur sehr unzureichend. Judentum ist nicht nur »Religion« und Antisemitismus ist nicht nur Antijudaismus. Antisemitismus kommt sogar ohne Juden aus. Er bezieht sich auf etwas, das man für jüdisch hält und für jüdisch erklärt, wenn man Antisemit ist.

Im Augenblick könnte dies der Einstieg in einen Diskurs sein. Der polemische Auftakt zu diesem Artikel hat vielleicht gewirkt und ein oder zwei Leser weiterlesen lassen. Vielleicht eingängiger als ein rundherum freundlicher Auftakt. Vielleicht könnte man auch hier ein wenig mutiger sein und nicht nur kuschelig. Wenn alle es gut finden und nicht aneckt, wird es vielleicht keine Emotionen auslösen und deshalb niemanden so richtig berühren.

Alle Plakate kann man sich hier anschauen.
Pressemitteilungen der Kirchen zur Aktion.

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Wie viele Juden gibt es bei der Bundeswehr?

Irgendwann stand da diese Zahl im Raum. 300.
300 Juden und/oder Jüdinnen gäbe es bei der Bundeswehr. Meine erste Reaktion darauf war: Es für unrealistisch zu halten. Diese Zahl erschien mir recht hoch.
Aber die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium sind keine kleinen Einrichtungen. In der Regel kann man davon ausgehen, dass die Angaben valide sind.

Wie sich jetzt herausgestellt hat, weiß niemand so genau, woher die Zahl stammt. So zuletzt ein Artikel in der taz. Ist sie realistisch?

Versuchen wir uns mal an einer Beispielrechnung, die so lange valide ist, bis jemand eine andere vorlegt.

Eckdaten Wie viele Soldaten gibt es derzeit?

Grundlegend für jedes Spiel mit den Zahlen ist, dass wir ein paar Eckdaten erfassen. Also schauen wir, wie viele Soldatinnen und Soldaten es derzeit überhaupt gibt. Die Bundeswehr kann dazu eine sehr genau Aussage treffen (Stand August 2020): 184.258 Soldatinnen und Soldaten (Quelle, bundeswehr.de) – Zeitsoldaten, freiwillige Wehrdienstleistende und Berufssoldaten sind mit dieser Zahl erfasst.

Zwischenstand Vergleichen wir die Zahlen

300 von 184.258 wären 0,16 Prozent. Ein schneller Vergleich mit der Einwohnerzahl Deutschlands und der Größe der jüdischen Bevölkerung hilft uns zu schauen, ob das Verhältnis passt. In Deutschland sind 94.771 Menschen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Wenn wir davon ausgehen, dass nicht alle Jüdinnen und Juden Mitglieder einer Gemeinde sind, müssen wir noch ein paar hinzurechnen. Eine etwas zu hoch gegriffene Zahl dient erst einmal als Hilfe: 130.000 Menschen. 130.000 von 83 Millionen Einwohnern (2019) sind 0,16 Prozent. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht und mit dem Anteil an der Gesamtbevölkerung gerechnet! 0,16 Prozent passt ziemlich gut zusammen. Aber die Bundeswehr repräsentiert in ihrer Zusammensetzung gar nicht die Gesamtbevölkerung!

Die endgültige Zahl? Natürlich nicht

Also ist das nicht die »letzte Zahl«. Es wäre möglich, ein paar weiche Argumente vorzubringen: Als es die Wehrpflicht noch gab, mussten nicht alle jüdischen Jungs einrücken. Oder: Die Bundeswehr als Nachfolgeorganisation der Wehrmacht wäre kein geeigneter Ort für eine Jüdin oder einen Juden. Bevor man diese Karte zieht, gibt es noch ein paar andere Zahlen, die man beachten sollte.

Wie viele Jüdinnen und Juden könnten überhaupt Dienst an der Waffe leisten?
48% (mehr zu diesen Zahlen hier) der Jüdinnen und Juden aus den Gemeinden sind über 61 Jahre. Diese müssten wir herausrechnen. Bei den Leuten außerhalb der Gemeinden dürfte die Altersverteilung ähnlich ausschauen. Ziehen wir diese also ab: 48% von 130.000 sind 62.400.
Dann blieben noch 67.700 potentielle Kandidaten übrig. Kinder und Jugendliche müsste man auch noch abziehen. Also einigen wir uns auf 60.000. Dieses auf die Gesamtbevölkerung gerechnet, wären dann nur noch 0,07 Prozent. Das auf die Bundeswehr hochgerechnet, wären ungefähr 129. Gibt es also schätzungsweise 129 Jüdinnen und Juden bei der Bundeswehr?

Man kann behaupten, dass ein großer Anteil der Gemeindemitglieder einen »Migrationshintergrund« hat. Als Bürger mit Migrationshintergrund gilt man, per Definition, wenn noch ein Großelternteil nicht in Deutschland geboren wurde. Eine optimistische Schätzung aus dem Jahr 2016 sagt, dass 26% aller Soldatinnen und Soldaten einen Migrationshintergrund haben (Quelle, faz.net). Hinzu kommt: Nicht alle Gemeindemitglieder haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Ohne deutsche Staatsbürgerschaft ist ein Dienst bei der Bundeswehr nicht möglich (Soldatengesetz §37). Das schmilzt den Kreis weiter herunter. Als optimistische Schätzung stelle ich nun 100 in den Raum. Es könnte 100 jüdische Soldaten bei der Bundeswehr geben. Vermutlich sind es noch weniger, wenn man die Altersklassen noch weiter unterteilt. Vermutlich wären sie nicht älter als 35. Wieder würde die Zahl weiterschrumpfen.
Das ist übrigens kein Grund, keine Rabbiner bei des Bundeswehr zu haben, die sich um die Soldatinnen und Soldaten kümmern. Grundsätzlich sollte die Armee eines demokratischen Staates die Seelsorge für alle Soldatinnen und Soldaten gewährleisten können. Die Zahl der einrückenden Rabbiner (zehn) erscheint vor diesem Hintergrund jedoch etwas zu großzügig dimensioniert.
Zehn neue Rabbiner bei der Bundeswehr würde also die Zahl von Jüdinnen und Juden bei der Bundeswehr um mindestens 10% anwachsen lassen.

Die Mitteilung der Bundesregierung zum entsprechenden Staatsvertrag (hier zu finden) zeigt übrigens als Symbolbild einen Rabbiner von Chabad. Vermutlich wird aber Chabad hier nicht beteiligt.

Militärbundesrabbiner Neue Stelle

Es gibt aber eine neue Stellenbezeichnung, den »Militärbundesrabbiner« (siehe Text im Bundesgesetzblatt). Sicher eine Position und Stellenbezeichnung, die dem Inhaber die Türen zu den verschiedensten Medienterminen jetzt schon öffnen.
Die Rabbiner werden durch den Zentralrat berufen werden und keine Angestellten des Bundes sein.

Reservisten Nicht betrachtet

In den Zahlenspielen spiegeln sich die Reservisten übrigens nicht wieder. Das ist eine recht große Gruppe von Personen und anscheinend können die Militärrabbiner auch diesen Kreis betreuen. Die Zahl 300 bezieht sich aber zunächst auf die Soldatinnen und Soldaten (Quelle, bundeswehr.de) – Zeitsoldaten, freiwillige Wehrdienstleistende und Berufssoldaten.

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Genesis Prize

Seit ein paar Wochen erhalte ich aus verschiedenen Richtungen die Aufforderungen, doch nun bitte mal für den »Genesis Prize« abzustimmen. Meine Stimme zähle.
Aha.
Der »Genesis Prize« sei der »jüdische Nobelpreis« steht da oft in Anführungszeichen.
Ist er nicht. Der Nobelpreis ist eigentlich der Preis für besondere Verdienste. Menschen, die ihr gesamtes Leben der Erforschung einer speziellen Sache gewidmet haben, erhalten einen Preis. Vollkommen verdient. Die Dotierung ist dementsprechend angemessen.
Der »Genesis Prize« wird an Leute verliehen, die ohnehin schon bekannt sind und über, davon ist jedenfalls auszugehen, ausreichende liquide Mittel verfügen. Der Milliardär Robert Kraft (der CEO der Kraft-Gruppe), Michael Douglas oder Natalie Portman sind nicht die ärmsten Menschen, die sich für das Judentum einsetzen. Vor allem: Sie können es sich leisten.
Die »Fallhöhe« ist klein. All diejenigen, die täglich kleine oder große Projekte mit hohem persönlichen Einsatz organisieren, kommen in dieser Welt gar nicht vor.
Schon einmal von  Mordechai Mandelbaum und Alexander Rapaport gehört? Sie haben Suppenküchen in den USA organisiert (masbia.org). Es gibt in zahlreichen Ländern mutige Menschen, die sich gegen Antisemitismus wehren und dabei mehr als nur ein paar Prozent ihres Einkommens riskieren. Die Leute vom Jüdischen Hospiz Amsterdam investieren viel Zeit und Geld dafür, dass Jüdinnen und Juden in Würde sterben können. Man könnte die Liste lange lange fortsetzen.
Der »Genesis Prize« ist für diejenigen interessant, die jüdisch sind und bereits über viel Geld oder Einfluss verfügen und natürlich für diejenigen, die ihn vergeben. Sie partizipieren daran.
Übrigens: Ja, das Preisgeld wird in der Regel gespendet. Man könnte sich vielleicht einfach das ganze Drumherum sparen und statt dessen das gesparte Geld auch noch für kleine Projekte spenden.