Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

21. Juni 2015 – 4 Tammuz 5775
von Chajm
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Der Ruf nach jüdischen Opfern – Graz

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Die Synagoge in Graz von Willard (Diskussion) (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 at], via Wikimedia Commons

Man kann es ganz kurz zusammenfassen:
Es gibt Menschen, die wollen einfach, dass Juden Opfer sind. Ob es sie erregt, wenn Juden Opfer eines Verbrechens werden, vermag ich nicht zu sagen. Man muss aber keine Übergriffe zusammenreimen, wo keine stattfinden. Es gibt eigentlich schon genug davon.
Die Obsession dass »Juden vielleicht beteiligt« sein könnten, spricht nicht von einer besonderen Liebe, sondern eher dafür, dass man Juden ausschließlich als Opfer sehen will. Klar, wen man dann als Täter sehen will – da schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe.
Zuletzt Graz.
Ein Amokfahrer hat drei Menschen getötet. Nur wenige Stunden später hatten einige besonders kluge Menschen herausgefunden, dass der Amokfahrer wohl an der Synagoge vorbeigefahren (!) ist. Eine der Brücken, die über den Fluss Mur führt, liegt in der Nähe der Synagoge – eigentlich direkt gegenüber. Zwischen Synagoge und Fluss bzw. Brücke liegt eine Straße. Von der Straße her sieht man die Ostseite der Synagoge. Also die Rückseite. Das Gebäude (architektonisch nicht der größte Glücksgriff) ist umzäunt. Wenn man in den Innenstadtbereich fahren will, müsste man über diese Brücke.
Der Attentäter hatte etwa 100 Meter von dort entfernt, ein Paar mit einem Messer attackiert.
Die Facebook-Schreiber (und davon gab es leider mehr als einen) und Zeitungs-Website-Kommentarschreiber sind aber, weil sie Wahrheit hinter all den Fakten herauslesen können, vielfach der Meinung, hier handele es sich um ein vertuschtes antisemitisches Attentat.
Der Mann habe seine Fahrt fortgesetzt, nachdem er »keine weiteren Juden« finden konnte.
Davon, dass die attackierte Frau ein Kopftuch trug und Muslima war, erzählen uns die Facebook-Bescheidwisser nichts. Auch nicht davon, dass der Mann, der wohl in Bosnien geboren wurde, sich von »Türken« verfolgt fühlte.
Ich weiß nicht, ob die entsprechenden Experten »enttäuscht« darüber sein werden, dass dieses Attentat mal nicht einer jüdischen Einrichtung galt, aber der Fall in Graz birgt schon ausreichend Grund, sich bestürzt zu zeigen. Das kann man einfach mal sein, ohne so eine Sache zu instrumentalisieren.

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18. Juni 2015 – 1 Tammuz 5775
von Chajm
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Raubkunst – ein offener Brief

Hier berichtete ich noch vor wenigen Tagen über eine Beschlussvorlage der Stadt Gelsenkirchen zu einem Kunstwerk (»Bacchanale«), welches derzeit im Besitz des Kunstmuseums in Gelsenkirchen ist. Dabei handelt es sich aber um Raubkunst.
Es ist schon beschämend genug, dass das Bild nicht einfach zurückgegeben wurde, nachdem deutlich wurde, dass es sich tatsächlich um Raubkunst handelt – nun kommt aber noch eine seltsame Verhandlungstaktik der Stadt Gelsenkirchen hinzu.
Wenn man die Beschlussvorlage (siehe hier), die inzwischen vom Rat der Stadt angenommen worden ist, liest, dann könnte man zu der Annahme kommen, die Stadt Gelsenkirchen wollte verhandeln – die Erben der beraubten Familie jedoch nicht. Der Verfasser der Vorlage habe den Eindruck, es würde ihnen (der Familie) um eine Gewinnmaximierung gehen. Dem scheint jedoch nicht so zu sein. Der Rechtsanwalt der Familie, Professor Dr. Fritz Enderlein hat in einem öffentlichen Brief zu den Behauptungen der Stadt Gelsenkirchen Stellung bezogen. Man könnte nach der Lektüre zu der Annahme kommen, der Stadt Gelsenkirchen würde es um Gewinnmaximierung gehen. Offenbar wurde nämlich der Stadt eine Entschädigung durch die Erben der beraubten angeboten und ausgeschlagen. Man hätte offenbar mehr Geld gesehen.
Zudem scheint die Stadt die Adresse und die Daten der Familie an eine dritte Partei weitergereicht zu haben.

Der offene Brief:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Baranowski,
Sehr geehrte Stadtverordnete,

mir liegt die obige Beschlussvorlage vor und ich möchte Ihnen meine Meinung dazu nicht vorenthalten.

1. Eigentlich müsste der Beschlussvorschlag anders lauten, nämlich

a) Der Anrufung der „Beratenden Kommission…“ durch die Erben des von den Nazis ermordeten ursprünglichen Eigentümers des Corinth-Gemäldes „Bachanale“ wird zugestimmt.

Oder besser
b) Der Anrufung der „Beratenden Kommission…“ durch die Erben des von den Nazis ermordeten ursprünglichen Eigentümers des Corinth-Gemäldes „Bachanale“ wird nicht zugestimmt. Vielmehr wird die sofortige bedingungslose Rückgabe des Gemäldes beschlossen, so daß sich ein Tätigwerden der „Beratenden Kommission…“ erübrigt.

2. Die „Problembeschreibung/Begründung“ enthält Formulierungen, die einer Korrektur bedürfen.

a) Angeblich ist „es faktisch zu keiner Verhandlung gekommen“. In Wirklichkeit wurden in der Zeit vom Dezember 2010 bis März 2015 insgesamt 28 Briefe bzw. E-Mails von meiner Kanzlei an Museum und Stadt geschrieben, die im gleichen Zeitraum mit 21 Briefen bzw. E-Mails beantwortet wurden.
Bereits am 19.11.2012 wurde mitgeteilt, dass die Stadt eine Rückgabe ins Auge fassen kann, wenn „zweifelsfrei geklärt ist, dass der historisch begründete Anspruch gegeben ist“. In der Folge wurden alle Zweifel ausgeräumt.
Am 15.12.2013 machten die Erben das Angebot, auf ihren Rückgabeanspruch zu verzichten, wenn sie eine Entschädigung in Höhe von € 210.000 erhalten.

Ein Gegenvorschlag vom 15.07.2014 sah vor, „das Gemälde den Nachfahren von Frau S. sel. A ohne finanziellen Ausgleich zu überlassen“. An diesen Vorschlag waren allerdings unannehmbare Bedingungen geknüpft.

Darauf schlugen die Erben am 21.08.2014 vor, der Stadt eine Abfindung in Höhe von € 65.000 zu zahlen. Das war etwa das Zehnfache dessen, was die Stadt beim Ankauf des Gemäldes 1957 gezahlt hatte. Dieser Vorschlag wurde später noch einmal wiederholt.

Nun forderte die Stadt am 17.11.2014 eine Abfindung in Höhe von € 150.000, was später auf eine prozentuelle Beteiligung an einem evtl. Versteigerungserlös bis zu € 150.000 präzisiert wurde.

Einen diesbezüglichen Vorschlag unterbreiteten die Erben am 15.12.2014, der wiederum nicht angenommen wurde.

Bereits am 03.12.2014 hatten die Erben angekündigt, die „Beratende Kommission …“ anzurufen, wenn es zu keiner Einigung kommen sollte. Gegen diesen Vorschlag erhob die Stadt am 05.12.2014 keine Einwände.

Und das alles sollen keine Verhandlungen gewesen sein?

b) Wiederholt werden in der Vorlage kritische Bemerkungen zur „anwaltlichen Vertretung der Erben“ gemacht. Dazu ist festzustellen, dass Mandanten, die sich zur Durchsetzung ihrer Restitutionsforderungen an einen Rechtsanwalt wenden, sich darauf verlassen müssen, dass dieser ihre Interessen nach bestem Wissen und Gewissen vertritt. Nicht der Anwalt fordert die Aushändigung des Gemäldes, sondern die Erben. Nicht dem Anwalt geht es „ausschließlich um die Realisierung eines größtmöglichen wirtschaftlichen Vorteils“, sondern den Erben. Man muss auch betonen, dass dieses Bestreben legitim ist. Nicht der Anwalt hat „ein Gesprächsangebot aus der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen …schroff abgewiesen“, sondern einer der Erben selbst, der absolut nicht verstehen konnte, was die Jüdische Gemeinde mit der Auseinandersetzung mit der Stadt zu tun hat. Übrigens hatte sich die Jüdische Gemeinde auch nicht an den Anwalt gewandt, sondern direkt an die Erben selbst. (Woher hatte diese bloß die Adressen?)

c) In der Vorlage wird bedauert, dass kein persönliches Gespräch zustande gekommen sei. Ein persönliches Gespräch mit den Erben, die sich gerade für eine anwaltliche Vertretung entschieden hatten? Sind sechs Telefonate, die alle von meiner Kanzlei ausgingen, kein persönliches Gespräch? Oder wollte ein Vertreter der Stadt nach Venezuela in die Provinz reisen, um sich dort mit dem Erben, der das „Gesprächsangebot aus der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen …schroff abgewiesen“ hatte, zu treffen? Oder sollte der Erbe, der nicht gerade in begüterten Verhältnissen lebt, nach Gelsenkirchen kommen, um sich dort anzuhören. daß die Stadt ebenfalls an der „Realisierung eines größtmöglichen wirtschaftlichen Vorteils“ interessiert ist?

d) Schließlich wird das Interesse der Stadt hervorgehoben, das Gemälde auch weiterhin in der Öffentlichkeit zu zeigen. Dieses Interesse wird durchaus von den Erben geteilt. Ihre Bemühungen, einen Käufer zu finden, der Gewähr dafür gibt, daß das Gemälde weiterhin auf immer oder von Zeit zu Zeit der Öffentlichkeit dargeboten wird, scheiterten bisher daran, daß es von der Stadt noch keine verbindliche Zusage und keinen Termin für eine Rückgabe gibt.

Sehr gut finde ich allerdings den Vorschlag aus dem am 16.06.2015 veröffentlichten Leserbrief von Frau Sabine Krämer-Kozlowski. Sie schlägt vor, das Bild zu kopieren und mit einer Hinweistafel zur Geschichte des Bildes auszustellen. Auf dieser Tafel könnten auch die Namen aller von den Nazis ermordeten Mitglieder der Familie des früheren Eigentümers vermerkt werden.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Prof. Dr. Fritz Enderlein
Rechtsanwalt

Die Tora von Herder

18. Juni 2015 – 1 Tammuz 5775
von Chajm
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Die Tora des Herder Verlags

Der Verlag Herder hat eine neue Ausgabe der Tora(h) auf den Markt gebracht. Eine Rezension von mir dazu gibt es hier bei der Jüdischen Allgemeinen.

Vor der Schoah erschien eine ganze Reihe von gedruckten Torah-Übersetzungen mit verschiedenen Ansätzen. Die verschiedenen Ausgaben lassen erahnen, wie rege und intensiv die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Texten war. Die Drucke waren oft hervorragend. Schön gestaltete Bände, sehr häufig mit Kommentar und hebräischem Originaltext. Das meiste davon in Fraktur gedruckt – natürlich. Das verhindert, dass man die alten Bände einfach nachdrucken konnte.

Und so ist es noch besser, dass es Verlage gibt, ein gewisses unternehmerisches Risiko eingehen, diese Schätze bergen und uns die Übersetzungen wieder verfügbar machen. Die Übersetzung von Ludwig Philippson (1811-1889) ist so ein Schatz. Recht flüssig zu lesen und unter Vermeidung vieler Wiederholungen. Wie man hier nachlesen kann, ist die sprachliche Überarbeitung gut gelungen.
Der revidierte Text begleitet im gedruckten Buch auch den hebräischen Originaltext der Torah und das ist gewissermaßen der Schlüssel zum Layout der gesamten Torah-Ausgabe.
Dieser wurde nicht für diese spezielle Tora-Ausgabe neu gesetzt, sondern schon im vorletzten Jahrhundert. Die Ausgabe von Max Me‘ir Halevi Letteris (1800-1871), die ab 1851 veröffentlicht wurde, lieferte den hebräischen Text.
Das gute daran ist, dass der Text von Letteris gut lesbar ist (siehe auch hier). Letteris wählte eine gute Schrift für seine Torahausgabe. Im Geist der Zeit und zur Internationalisierung griff er zu lateinischen Strukturhinweisen. Diese wurden auch in die Herder Ausgabe übernommen. Hier heißt es »Caput 1« statt Kapitel 1 und wie im Letteris-Original gehen auch die Wochenabschnitte im Text etwas unter. Sie stehen zwar oben auf dem Seitenrand, aber nicht explizit im Fließtext. Während bei Letteris die Aufrufe zur Torah im Text stehen, findet man sie in der Herder Ausgabe am Textrand.
Wenn eine Letteris-Seite ihr Ende findet, ist aber auch dann die Seite mit der Übersetzung beendet. Eine Neupositionierung des hebräischen Textes (und ein Auseinanderschneiden) hätte vermutlich bedeutet, dass man dies auch auf den folgenden Seiten hätte tun müssen. Oder einfacher ausgedrückt: Das hebräische Textvolumen gibt vor, wie viel Übersetzung auf der linken Seite steht.
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Schuh in der Gewalt des Mossad

17. Juni 2015 – 30 Sivan 5775
von Chajm
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Der Mossad stiehlt Schuhe! #MossadStoleMyShoes

Schuh in der Gewalt des Mossad Wann immer man meint, man hätte schon alle Anti-Israel-Absurditäten gesehen, dann kommt jemand und zieht noch ein weiteres, viel absurderes, Ass aus dem Ärmel.
Der britische (Anti-Israel) Aktivist Asghar Bukhari hat ernsthaft behauptet, der Mossad sei in sein Haus eingebrochen und hätte einen (!) Schuh gestohlen.
Der Aktivist postete das auf facebook und auf YouTube. Das sind 15 Minuten Spaß bis man merkt, dass es sich bei dem Video nicht um einen satirischen Beitrag handelt. Es ist dem Mann sehr ernst. Auch anderen muslimischen Persönlichkeiten sei dies passiert. Man sei in ihre Wohnungen gekommen und hätte ähnliche Dinge getan, also Möbelstücke umgestellt oder Einrichtungsgegenstände an einen anderen Ort gestellt. Der Mann macht, wenn man ihn nicht kennt und nicht weiß, was für hässlichen Dinge er in der Vergangenheit erzählt hat, zunächst einen ganz smarten Eindruck.

Was er leider nicht zur Debatte stellt: Gibt es Augenzeugen, die das geheime Schuhlager des Mossad tief unter den Alpen jemals mit eigenen Augen gesehen haben? Kaum jemand kehrte lebend von dort zurück.
Die Antwort ist klar: Aus diesem Grund gibt es auch so wenig Zeugen.

Bei twitter ist die Sache unter dem Hashtag #MossadStoleMyShoes dankbar angenommen worden. Die Reaktionen sind großartig: Weiterlesen →

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15. Juni 2015 – 28 Sivan 5775
von Chajm
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Raubkunst bleibt Raubkunst

Lovis Corinth Bacchanale 1897

Ein Bild, nämlich oben gezeigte »Bacchanale«, ist derzeit im Besitz des Kunstmuseums in Gelsenkircheneigentlich. Denn tatsächlich wurde das Bild von Lovis Corinth seinen Besitzern durch die deutsche Regierung geraubt – man sollte vielleicht nicht immer sagen »durch die Nazis«, um die Verantwortung auf einige wenige Personen weiterzureichen – die Familie musste ihren Besitz zwangsversteigern.
Übrigens: »Im Kunstmuseum gibt es dank der genauen Katalogisierung keine Raubkunst« Zitat von hier

Ein Schicksal, wie es viele andere Familien getroffen hat. Einen fairen Preis konnte man also nicht erwarten. Es ist bekannt, dass viele der Bilder später in Museen auftauchten. Wurden die Bilder entdeckt, begann in einigen Fällen ein unwürdiges Gezerre um den Besitz. Oft mit den Erben derjenigen, die bestohlen wurden. Zuweilen könnte man den Eindruck erhalten, die Erben würden unmoralisch handeln, weil sie gerne ihren Besitz wiedererlangen wollen. Auf der anderen Seite wird häufig damit argumentiert, dass man der Öffentlichkeit die Werke entziehe. Ähnlich argumentiert die Stadt Gelsenkirchen in einer Beschlussvorlage für den 17.06.2015. Aber hier wurde die Formulierung noch weiter zugespitzt: Die Erben wollen ihren Gewinn maximieren!

In dem Beschlussvorschlag der Stadt Gelsenkirchen heißt es:

»Der Schriftwechsel – ein persönliches Gespräch war nicht erwünscht – lässt vermuten, dass es den Erben und ihrem Anwalt ausschließlich um die Realisierung eines größtmöglichen wirtschaftlichen Vorteils geht
Beschlussvorlage, hier online

Eine interessante Formulierung, wenn man einmal das Prinzip von Ursache und Wirkung berücksichtigt.
Wessen Kunst wurde gestohlen? Wer besitzt derzeit das Bild?
Und nun werden vermeintlich schwierige Motive unterstellt?
Die Formulierung ist auf diesem Terrain übrigens auch in anderer Hinsicht problematisch

Natürlich wäre es schön, wenn möglichst viele Bilder in der Öffentlichkeit zu sehen sind. Letztendlich ist Privatbesitz aber auch etwas, mit dem die Besitzer auch Geld verdienen dürften, wenn sie dies wünschen.

13. Juni 2015 – 26 Sivan 5775
von Chajm
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Dreht mal den Wind in Bosnien!

In Zenica wurde die Sarajevo Haggadah vor der Zerstörung bewahrt. Eine muslimische Familie versteckte sie und sorgte so dafür, dass man dieses großartige Dokument heute noch anschauen kann oder könnte. Trotz aller Unkenrufe kann man nicht behaupten, dass es in Bosnien eine tradierten Antisemitismus gibt. Während des Bosnienkriegs 1992 bis 1995 versorgte die jüdische Gemeinde von Sarajevo auch Nichtjuden mit, auch mit der Hilfe von Nichtjuden. Religionsübergreifend gegen diejenigen, die plötzlich ethnische Kriterien ins Zentrum des Zusammenlebens stellen wollten.

Seit 1995 waren die Zeiten natürlich nicht besonders rosig, aber man folgte dem europäischen Mainstream-Antisemitismus nicht. Bis jetzt und da muss man fragen: »Was ist da passiert?«
Am 12. Juni 2015 spielte die Nationalmannschaft Israels in Zenica und offenbar hat man beschlossen, dies zum Anlass für eine Demonstration zu nehmen. Wie im übrigen Europa auch, war Palästina der Anlass:

Wie man in Wien beobachten konnte, geht es darum natürlich nicht. Dort wird gerufen:
»Ubij, ubij Židove!« (Töte, töte die Juden!)

Was ist da also passiert, dass nun auch bosnische Fußballfans den primitivsten Antisemitismus für sich entdeckt haben?

28. Mai 2015 – 10 Sivan 5775
von Chajm
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Das Land Israel

Die Grenzen Palästinas nach Rabbiner Joseph Schwarz

Die Grenzen Palästinas nach Rabbiner Joseph Schwarz

In hitzigen Medien-Diskussionen rund um den »Nahostkonflikt« (solche Diskussionen sind eigentlich immer hitzig), wird in der Regel irgendein Teilnehmer entweder einen Nazi-Vergleich bringen oder jemand nennt Mahatma Gandhi – soll jedenfalls vorkommen.

In Diskussionen ist mindestens ein Nazi-Vergleich unabdingbar. Einige Blogbeiträge zum Thema kommen meist auch nicht ohne aus.
Dieses Phänomen ist längst dokumentiert und betrifft nicht nur Diskussionen rund um den Staat Israel und wird als Godwins Gesetz bezeichnet. Autor Mike Godwin formulierte, dass im Verlauf längerer Diskussionen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Nazi-Vergleich ins Spiel bringt, sich dem Wert Eins annähert.
Oder anders formuliert: Es ist sehr wahrscheinlich, wenn die Diskussion nur lange genug dauert. Das ist eine Tatsache mit der wir uns abfinden müssen.

Weil das kein Argument ist, schauen wir ganz kurz auf Gandhi und dieser führt uns überraschenderweise direkt zum Land Israel.
Gandhi publizierte und äußerte tatsächlich auch etwas zum Staat Palästina.
Er hatte die Idee, dass Juden sich in Israel niederlassen dürften, wenn sie dies friedlich täten. Im Allgemeinen fand er jedoch die Idee des jüdischen Staats anscheinend nicht so sehr reizvoll und riet, insbesondere auch den Juden Deutschlands im Jahr 1939, man solle in den jeweiligen Heimatländern bleiben. Es sei gut, dort zu leben, wo man geboren worden sei.
Den arabischen Bewohnern der Region stehe Palästina ebenso zu, wie England den Engländern und Frankreich den Franzosen. Den Juden unter deutscher Herrschaft riet er zum passiven Widerstand.
Diese Haltung provozierte natürlich auch Reaktionen von jüdischen Intellektuellen seiner Zeit und klingt nicht nur für heutige Leser sehr naiv.

Einer, der sich öffentlich gegen Gandhi wandte, war der Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965). Es sandte ihm 1939 eine Antwort.
Buber war empört über den Aufruf zum passiven Widerstand und sah schon 1939 wohin die Pläne der Nazis führen würden. In Bezug auf Israel, damals ja noch »Palästina«, wies er die Behauptung zurück, das Land gehöre ausschließlich den Arabern. Dies sei aus historischen, rechtlichen und moralischen Gründen nicht richtig.
Palästina stehe beiden Völkern zu, die über ihre Geschichte mit diesem Land verbunden seien. Eines von Bubers Argumenten zeigt direkt ins Herz der jüdischen Überlieferung zum Land Israel:

»Mir erscheint es, als gebe G-tt keinen Teil Erde weg … das eroberte Land ist, meiner Meinung nach, auch dem Eroberer, der sich darin niedergelassen hat, nur geliehen und G-tt wartet ab, um zu sehen, was er daraus machen wird.«

Mit diesem Argument zitiert Buber einen Rabbiner, der 900 Jahre vor Buber gelebt hat, nämlich den mittelalterlichen Kommentatoren Raschi (1040–1105), der genau so die ersten Zeilen der Schöpfungsgeschichte in der Torah kommentiert.
»Warum fängt die Torah mit der Schöpfungsgeschichte an?« fragt Raschi und antwortet dann unter anderem mit einem Satz, den viele Juden schon einmal als Argument gehört haben:

»Wenn die Völker der Welt zu Jisrael (also zum jüdischen Volk) sprechen sollten >Ihr seid Räuber, denn ihr habt die Länder der sieben Nationen Kanaans gewaltsam genommen< , so könnten sie ihnen zur Antwort geben: >Die ganze Erde gehört dem Heiligen, gepriesen sei er. Er hat sie geschaffen und demjenigen gegeben, der in seinen Augen gerecht war. Nach seinem Willen hat er es denen gegeben und nach seinem Willen ihnen wieder genommen und uns gegeben.«

Heute lesen wir das und reiben uns die Augen angesichts der Tatsache, wie wenig neu die Argumente der Israel-Gegner sind und wie wenig neu das Nachdenken über den Stellenwert jüdischer Präsenz an diesem Ort ist. Weiterlesen →

19. Mai 2015 – 1 Sivan 5775
von Chajm
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Initialwörter in hebräischen Texten

Eine Initiale kennt man im Deutschen ja ganz gut (und wenn alles geklappt hat, sieht man auch eine am Beginn dieses Textes). Das ist ein schönes Gestaltungselement. Wenn es smart ausschauen soll, dann kann man auch schmuckvolle Initale verwenden.
In hebräischen Drucken – in erster Linie in religiöser Literatur – findet man weniger Initiale als vielmehr ganze Initialwörter. Das ist ein Element welches man sehr selten in anderen Sprachen sieht. Noch nie gesehen? Doch! Wer schon einmal ein Werk von Artscroll (Mesorah) gesehen hat, der hat auch das Initialwort gesehen.

Der Platz unter dem ersten Worten des Textes ist frei und man erkennt, welcher Text folgt und wie er zusammengehört:

Artscroll Siddur - Initialwort

Artscroll Siddur – Initialwort

Das Initialwort wäre also hier:

Initialwort im Artscroll Siddur - hervorgehoben

Initialwort im Artscroll Siddur – hervorgehoben

Man sieht recht gut (hier durch den gelben Kasten hervorgehoben), dass unter dem ersten Wort Raum gelassen wurde. Dieser strukturiert den Text insgesamt ein wenig. Der gesamte Block benötigt keine Überschrift, sondern nutzt das erste Wort als solche. Ein Element zur Textstrukturierung. Nicht erst seit Artscroll.

Auch andere Siddurim (und auch halachische Texte) machen davon Gebrauch.
Ein paar Beispiele:

Siddur Tehillat HaSchem – der Siddur von Chabad:

Siddur Tehillat HaSchem

Siddur Tehillat HaSchem

Kol Peh Chadasch das (zu Unrecht, vielleicht weil es günstig ist ) beliebte Siddur aus Israel:

Initialwort in Siddur kol Peh Chadasch

Initialwort in Siddur kol Peh Chadasch

Und ein Machzor Kol Bo von der Hebrew Publishing Company:

Machzor nach Nussach Sfard mit jiddischer Übersetzung

Machzor nach Nussach Sfard mit jiddischer Übersetzung

Was man schnell an dieser zufälligen Auswahl bemerkt ist, dass sich die Zweizeiligkeit eine Art Standard zu sein scheint.

Es ist durchaus möglich, dass diese Art der Strukturierung alte hebräische Handschriften nachahmt, aber aus praktischen Gründen auf die Vergrößerung der ersten Worte verzichtet. Vielleicht weil man einfach mehr Buchstaben einer Größe zur Verfügung hatte und auf viele Größenänderungen verzichten musste. In vielen Handschriften findet man jedenfalls Initialwörter – oft noch zusätzlich verziert oder vergrößert:

Dies ist eine spezielle Art von hebräischem Textsatz. Wer einmal damit begonnen hat auf diese Feinheit zu achten, der wird das schnell in vielen hebräischen Büchern finden und sich vielleicht wundern, wie einfach sich Absätze (technisch gesehen aber nicht) strukturieren lassen. Ob das auch für deutschsprachige Texte funktioniert, müssen Leser entscheiden.

Der praktische Teil

Für InDesign Nutzer könnte sich nun die Frage stellen – schön, aber wie mache ich das? Diese Frage versuchen wir nun zu lösen. Weiterlesen →

17. Mai 2015 – 28 Iyyar 5775
von Chajm
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Mal etwas über das Judentum lesen

Bücher in der Mayerschen Buchhandlung Dortmund

Bücher in der Mayerschen Buchhandlung Dortmund

Bemerkenswert: Eine große Buchhändelskette (die Mayersche) mit etwa 40 Filialen, mit einer ausgefeilten Logistik und, so kann man vermuten, mit keinem zufälligen System der Warenanordnung, hat es nicht geschafft, zumindest ein paar Büchlein zum Thema Judentum zusammenzukratzen. So wird in Dortmund ein Bändchen mit dem Titel Talmud flankiert von Koranausgaben. Wobei nicht ganz klar ist, ob die Mayersche annimmt, die Auswahl habe etwas mit Judentum zu tun. Übrigens ist der Talmud, der da angepriesen wird, eigentlich keiner. Unter dem Buchdeckel erwarten den Leser jedoch die Sprüche der Väter – die eigentlich gar keine Gemarah haben und deshalb nicht so häufig in Talmud-Ausgaben zu finden sind. Dafür lockt der Titel vermutlich.

Ganz klar ist der Mix ein totaler Fehlgriff, aber vielleicht ist das ein indirekter Hinweis darauf, dass es in Deutschland nicht DEN Bestseller zum Thema Judentum gibt. Kein Buch, welches viele Aspekte aufgreift, sie schlau und unterhaltend erklärt und dabei nahezu alle Themen streift. Also eines, welches sich die Buchhandlungen guten Gewissens in die Regale stellen könnten.
Nun, so ein Buch gab es einmal in Deutschland. Herman Wouks »Das ist mein G-tt« (hier eine Rezension des SPIEGELs von 1961). Rätselhaft, warum ein solch tiefgründiges und großartig geschriebenes Buch nicht noch immer aufgelegt wird.
Wouk mischt eigenes Erleben mit einer Einführung in die Grundbegriffe des Judentums, seine Geschichte und die großen Texte. Was ist die Torah, was ist der Talmud, wie lernt man ihn? Was ist Chassidismus? Was hat es mit dem auserwählten Volk auf sich?
Wouk ist ein Geschichtenerzähler und als solcher bringt er dem Leser das Judentum nahe. Wer das Buch noch antiquarisch kaufen kann, sollte es sich nicht entgehen lassen.

Da sollte ich der Mayerschen eigentlich dankbar sein, dass sie mich an Wouk indirekt erinnert hat.

Übrigens: der Koran im schwarzen Einband ist eine Übersetzung die auch einen arabischen Originaltext mitbringt. An der ersten Ausgabe wirkte der, als Jude geborene, Dr. Hugo Hamid Markus mit. Hier schließt sich irgendwie dann ein Kreis…

6. Mai 2015 – 17 Iyyar 5775
von Chajm
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In der Portugiesischen Synagoge

Portugese synagogue in Amsterdam

Portugese synagogue in Amsterdam

Der erste Eindruck von der Portgiesischen Synagoge in Amsterdam ist »groß«.
Es riecht nach altem Holz, Sand liegt auf dem Boden.
Man blickt über viele Bankreihen zum Aaron haKodesch, dem Schrein, in dem die Torahrollen aufbewahrt werden.
Ein großartiges Gefühl, wenn man in der alten (aus dem 17. Jahrhundert) Synagoge steht, die heute tatsächlich auch noch als Synagoge genutzt wird. An vielen Orten Europas kann man das heute nicht mehr so einfach nachvollziehen, weil viele Fäden mit der Schoah abgeschnitten wurden.
Heute hat die Gemeinde (der Portugiesischen Synagoge) etwa 600 Mitglieder. Eine fantastische Bibliothek gehört ebenfalls zum Synagogenkomplex dazu. Die Ets Haim Bibliothek hat damit begonnen, ihre Bestände zu digitalisieren und auch diese Einblicke sind faszinierend (hier klicken).

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam

Fast (noch) interessanter (für mich persönlich) war aber der Besuch in der kleinen »Wintersynagoge«, die für einen kleinen Minjan und tatsächlich im Winter genutzt wird, weil die große Synagoge nicht beheizt werden kann. Die Synagoge hat nämlich keine Heizungsanlage, aber auch kein elektrisches Licht.
Das ist übrigens nicht nur ein Problem alter Synagogen, die gar keine Heizungsanlage haben. In einigen Gemeinden mit einer großen und neuen Synagoge hat man bemerkt, dass es sehr teuer ist für ein paar wenige Beter zu heizen und den großen Raum vorzubereiten. Im letzten Winter war ich in einer Gemeinde, die ihre Synagoge deshalb im Winter nicht nutzt und statt dessen die Torahrollen und den Minjan in einen anderen Raum im Gemeindezentrum umzieht. Auch der wäre vollkommen ausreichend. Vielleicht nicht zu den Hohen Feiertagen, aber dennoch…

Kleine Synagogen würde ich jederzeit den großen vorziehen. Jedenfalls dann, wenn der Besuch eher mäßig ist und viele Beter weit entfernt voneinander sitzen und dadurch auch ein wenig Atmosphäre verloren geht.

Winter synagogue of the Portugese synagogue.

Mienchat dotar – a siddur especially for Minchah according to the Minhag of the Netherland–Portugese Jews

Hier habe ich versucht, etwas Atmosphäre aufzufangen. Jemand übte Singen in der großen Synagoge:

Für jüdische (und interessierte) Besucher ist der Komplex rund um die Portugiesische Synagoge keine Touristenfalle, sondern ein interessantes Ziel. Anschauen kann man sich die meisten Einrichtungen, wie die Mikweh, den Aufbewahrungsraum für die vielen Kerzen und den Kidduschwein, die Torahmäntel etc. Vielleicht sollte man nicht gerade zu einer touristischen Hauptzeit erscheinen.