Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

27. März 2014 – 25 Adar B 5774
von Chajm
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Wieder Neues aus Berlin

Am 27. Januar 2014 konnte über die neue Gemeinde Kahal Adass Jisroel berichtet werden. Diese ist unabhängig von der Einheitsgemeinde. Nur zwei Monate später gibt es eine weitere unabhängige Gemeinde. Die »Unabhängige Synagogengemeinde Berlin – Bet Haskala«, die sich ganz klar im Reformjudentum positioniert. Damit wären zwei große Pole des Judentums abgedeckt. Die Orthodoxie und das Reformjudentum.
Wenngleich es Reformangebote unter dem Dach der Einheitsgemeinde gibt, ist wohl der Kurs der Einheitsgemeinde ursächlich für die zweite Neugründung in diesem Jahr. Nun ist sogar der ehemalige Vorsitzende der Einheitsgemeinde Albert Meyer ausgetreten. Der Vorsitzende der neuen Gemeinde ist Benno Simoni.

Auf der Facebookseite der Initiative wird dies auch deutlich formuliert:

Facebook-Seite der Unabhängigen Synagogengemeinde

Facebook-Seite der Unabhängigen Synagogengemeinde

»Unabhängig von der Willkür übergeordneter Organe, Synagogengemeinde auch über den Schabbat hinaus, Berlin als Ursprung des Reformjudentums- unser Auftrag!« (siehe hier)

Die Frage ist offen, ob die neue Gemeinde dynamisch gewachsen ist, oder ob sie eine Struktur schaffen will für einen Inhalt, der erst noch hineingefüllt werden soll. Aber es ist ein starkes Symptom dafür, dass sich diejenigen, die aktiv sein wollen, nicht mit den Strukturen auseinandersetzen wollen, sondern sich andere Wege suchen. Für eine Gemeinde natürlich keine günstige Entwicklung.

20. März 2014 – 18 Adar B 5774
von Chajm
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Weiter weniger Mitglieder

Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden; Zahlen von der ZWST

Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden; Zahlen von der ZWST

Die jährliche Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden ist da! Leider ist diese nicht besonders vielversprechend. Der Trend ist weiter negativ. Die Anzahl der Gemeindemitglieder geht weiter zurück.

Kurz gesagt: Von 102.135 auf 101.338 sank die Anzahl der Mitglieder. Das sind 797 Mitglieder weniger. Im Vorjahr waren 662 Mitglieder weniger. Es sind also wieder mehr weniger Mitglieder – um das einmal kompliziert zu formulieren. Weiter kratzen die Mitgliederzahlen also von oben an der Grenze von 100.000 Mitgliedern.

Die harten Fakten für 2013:

  • 250 Geburten und 1244 Todesfälle
  • 70 Übertritte und 418 Austritte
  • 444 Zuwanderer und 150 Auswanderer

Einer Geburt stehen also (leider) etwa fünf Todesfälle gegenüber. Übertritte sind natürlich kein Werkzeug, um die weitere Schrumpfung aufzuhalten. Eine Maßnahme wäre vielleicht eine Verminderung der Austritte.
Helfen, ohne etwas auf die Entwicklung auszuwirken, dürfte eine Anpassung der Infrastrukturen an kleinere Gemeinden sein. Viele wurden eingerichtet mit dem Blick auf die steigenden Mitgliederzahlen zwischen 1999 und 2004. Kleine Infrastrukturen dürften einfacher in ihrem Erhalt sein.
Kleine bis mittlere Gemeinden werden das vermutlich nicht durchhalten und jüdisches Leben wird sich auf bestimmte Zentren in Deutschland und Europa konzentrieren. Weniger auf viele kleine Gemeinden.

Die Altersstruktur spricht nicht für den Umkehr des gegenwärtigen Trends:
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14. März 2014 – 12 Adar B 5774
von Chajm
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Alkohol an Purim

Koscherer Wodka

Koscherer Wodka

Purim und Alkohol, für einige das faszinierendste Element des Feiertages – kommt vielleicht darauf an, wie ernst man die Feiertage im Allgemeinen sieht. Wieviel soll man trinken? »Ad lo jada – bis man nicht mehr weiß…«. Kontrollverlust?!
Zwei Rabbiner aus dem Talmud, Rabba und Sei’ra waren jedenfalls sehr gewissenhaft und haben kräftig zugelangt. Da stellt sich Frage – was soll das bedeuten »Ad lo jada – bis man nicht mehr weiß…«? Den ganzen Artikel gibt es auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen, hier.

11. März 2014 – 9 Adar B 5774
von Chajm
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Majn Alef Bejs

Majn Alef Bejs

Abbildung aus »Majn Alef Bejs« – © Riva Kaminsky Danzig, Marc Kaminsky, Urszula Palusińska

Vielleicht eines der bestgestalteten jüdischen/jiddischen Kinderbücher der letzten Zeit:
»Majn Alef Bejs« von Jehoszue Kaminski und Illustrationen von Urszula Palusińska. Ein Buch mit dem Alef-Bejt und kurzen Texten dazu – in jiddischer Sprache und polnischer Übersetzung. Die Illustrationen sind zeitlos und erinnern vielleicht ein wenig an Zeichnungen aus den 50er Jahren. Sie kommen ohne Kitsch aus und verzichten auf pseudomoderne Elemente. Die Gedichte sind eingängig und dürften, mit jiddischen Grundkenntnissen, für deutschsprachige Leser zu bewältigen sein.
Herausgegeben wurde das Buch von der Czulent Jewish Association in Krakau.
Und für die potentiellen Leser nicht so schlecht: Man kann es auf der Seite von Czulent herunterladen.
Schon seit 2012 gibt es das Buch, es verwundert, dass man nicht schon damals überall darauf hingewiesen wurde. Auf einer Kinderbuchmesse in Bologna hat es nun den »Bologna Ragazzi Preis« erhalten. Vielleicht wird dies das Buch nun noch mehr Aufmerksamkeit erhalen – die ihm auch zusteht.

Aber nicht nur das! Czulent veröffentlichte auch das Buch »Jontew Lider«, aus dem die folgende Abbildung stammt:

Abbildung aus »Jontew lider«

Abbildung aus »Jontew lieder« © Sheva Csesler, Irving Massey, Urszula Palusińska

Mit Gedichten von Ida Maze und Szmuel Cesler. Auch hier wieder mit Illustrationen von Urszula Palusińska. Wirklich beeindruckend sind die Abbildungen und der Text für דעם טאג צו געדענקען »Der tog cu gedenkn«. Dieses Buch kann man ebenfalls bei Czulent herunterladen.

Misha Beletsky war so freundlich, darauf hinzuweisen.

4. März 2014 – 2 Adar B 5774
von Chajm
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Megillat Esther für Kinder

megille_titel
Die Megillah bietet eine Menge Stoff:
Intrigen, Sex, Macht und Tod. Das ganze klassische Material. An Menschen die ums Leben kommen, mangelt es nicht.
Es gibt also ein paar Dinge, mit denen man jüngere Kinder vielleicht nicht direkt konfrontieren möchte. Aus diesem Grund entstand nun eine kurze Nacherzählung der Megillat Esther. Mit einer entsprechenden Portion künstlerischer Freiheit natürlich – aber mit Textnähe.

Die Geschichte kann man online hier auf talmud.de, lesen.

Eine pdf-Datei gibt es hier: Megillat Esther als pdf

Die PDF lässt sich ganz gut mit Klebeband zu einer kleinen Rolle zusammenrollen – die pdf wurde entsprechend angelegt:

Megillah als Rolle

Megillah als Rolle

23. Februar 2014 – 23 Adar A 5774
von Chajm
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Kreuze und Zeichen

Die gefeierte Intelligenz der Massen! Die deutschsprachige Wikipedia ist so erfolgreich wie ihre anderssprachigen Schwesterprojekte, aber in vielerlei Hinsicht unterbindet die Schwarmintelligenz nicht, dass man nicht zu unvernünftigen Ergebnissen kommt und sich verhält wie der Mainstream in der Offline-Welt.
So haben Muhammad/Mohammed, Regina Jonas und Ariel Scharon in der Wikipedia eine Gemeinsamkeit: Ihr Sterbedatum wurde mit einem genealogischen Zeichen versehen, welches den Todestag einer Person markiert. Dummerweise ist dieses Symbol ein Kreuz.
wikipedia_muhamm
wikipedia_rabjonas
wikipedia_scharon
Immer wieder sind einzelne Nutzer der deutschsprachigen Wikipedia dagegen Sturm gelaufen (siehe hier oder hier). Gefüllte Bildschirmkilometer. Der Ausgang und der Tenor waren aber klar:
»Stellt Euch nicht so an. Mag sein, dass ihr das nicht mögt, euer Problem« Zuletzt kam es zu diesen Auseinandersetzungen wohl zum Tod von Ariel Scharon. Auch sein Sterbedatum wurde mit dem Symbol des Kreuzes versehen. Also einem, dass für Juden nicht gerade unbelastet ist. So ist es ja nicht nur das Symbol des Christentums, also einer anderen Religion, sondern steht auch für Zwangstaufen und Verfolgungsdruck. Es ist also reichlich perfide, genau so ein Zeichen den Personendaten verstorbener Juden (oder Muslime) hinzuzufügen.

Der Mob argumentiert formalistisch: Es sähe zwar aus, wie ein Kreuz, das genealogische Zeichen (†) sei aber gar kein Kreuz und damit sei (und ist) die Diskussion zu Ende.
In anderen Sprachvarianten der Wikipedia ist das kein Thema, hier hat man die Symbole vermieden.
Besonders dumm ist aber das Argument derjenigen, die lediglich ihre kulturelle Hegemonialität zeigen wollen und sich hinter Formalien verstecken, wenn man einen Blick in den Wikipedia-Artikel (der Griff der Axt kommt aus dem Wald) Genealogische Zeichen wirft. Dort werden auch entsprechende Symbole für Juden, Muslime und Buddhisten gelistet.

2012 hat das eine evangelische Theologin ebenfalls schon beobachtet (siehe hier). Seitdem ist nicht viel passiert. Aber wir haben gelernt, dass 100 Ignoranten nicht notwendigerweise zu weiseren Entscheidungen kommen, als 1 Ignorant.

19. Februar 2014 – 19 Adar A 5774
von Chajm
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Der Schaden ist irreparabel

Edathy: Dazu wurde schon viel gesagt.
Unangenehm ist die Berichterstattung darüber, weil die Kollateralschäden irreparabel sind. Seitdem der ehemalige Innenminister Friedrich von seinem aktuellen Ministerposten zurücktreten musste, wurde darüber diskutiert, ob auch die SPD ein Opfer bringen sollte. Die CSU habe einen Mann verloren, also solle auch die SPD einen gehen lassen. Ob das politisch sinnhaft ist, soll hier gar nicht hinterfragt werden, vielmehr die Reaktion darauf, die antijüdische Polemik verwendet, um ihre Leser zu informieren. Das »Auge um Auge« Motiv:
Berliner Morgenpost – »Auge um Auge, Zahn um Zahn«
Cicero – Der maximale Schaden ist schon da
n-tv Auge um Auge, Rücktritt um Rücktritt?
Rp-Online – Auch Angela Merkel gerät in die Kritik
Thomas Maron von der Stuttgarter Zeitung sieht gar alttestamentarische Härte am Werk.
Frankfurter Neue Presse: »Auge um Auge, Zahn um Zahn – so sind die Rituale in der Politik und offenbar auch in der großen Koalition.«
Die Welt: Auge um Auge, Zahn um Zahn?
General Anzeiger, Bonn Hier ist direkt das Wort Rache mit eingestreut. Der Fall Edathy und die Folgen – Merkel-Dämmerung: »[…] jetzt ist Rache angesagt. Auge um Auge, Zahn um Zahn.«
Ein Blogger, stellvertretend für viele: etwa hier.
Das sind stellvertretende Beispiele. Viele aus dem Radion und dem TV könnten hinzukommen. Eine wahre Inflation dieser antijüdischen Redewendung.

Politiker stehen da nicht hinten an: SPD-Mann Thorsten Schäfer-Gümbel wird mit dem Satz zitiert und von der CSU heißt es:

Rücktrittsforderungen, wie sie aus den Reihen der CSU-Landesgruppe erhoben worden waren, übernahmen Hasselfeldt und Grosse-Brömer nicht. „Unsere Linie ist nicht: Auge um Auge, Zahn um Zahn“, sagte Hasselfeldt.
faz.net

Zur Erinnerung: All diese Publikationen und diejenigen, die den Satz verwenden, sagen damit aus
Im Judentum geht um Vergeltung oder das Recht des Stärkeren. Das ist archaisch, so wie das Judentum. Wir sind heute weiter.

Das hat auch jemand erkannt, der 1939 eine Rede hielt und die Phrase ins kollektive Gedächtnis schrieb.
Der Schaden, der durch diese unverantwortliche Verwendung der antijüdischen Phrase entsteht, ist nicht reparabel. Wer heute noch von »alttestamentarischen« Verhaltensweisen schreibt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, er setze ein Vorurteil mit Absicht ein. 2014 sollten die meisten Menschen, die für und in der Öffentlichkeit sprechen, grundsätzlich über ein Mindestmaß politischer Bildung verfügen.

10. Februar 2014 – 10 Adar A 5774
von Naomi
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Es ist wieder soweit!

early-bird-2014

Auch dieses Jahr findet wieder das einzigartige, lebendige, intensive, fröhliche Limmud Festival statt: 29.5.-1.6.2014 am Werbellinsee bei Berlin.

Seit Monaten organisiert, diskutiert und trifft sich das Team, plant, textet, verwaltet, rauft sich die Haare, verhandelt, emailt, und freut sich darauf, dass ihr euch anmeldet!
Denn Limmud lebt vom Mitmachen, alle Teilnehmer sind herzlich eingeladen, selbst Sessions anzubieten. Auch aus eigener Erfahrung als Teilnehmerin und Referentin weiß ich, daß man Limmud so seine eigenen Note verleihen und zum ‘eigenen’ Festival machen kann.

Zu wenig orthodox? Kein Problem! Bietet orthodoxe Inhalte an. Zu wenig liberal? Kein Problem, bietet liberale Inhalte an! Nichts ist unmöglich. Einen ersten Eindruck zum Programm kann man schon mal hier auf dem Limmud-Blog bekommen.

Zwischen dem, und rund um das Programm ist immer genug Zeit und Gelegenheit, sich mit anderen Teilnehmern auszutauschen, einen Spaziergang zum See zu machen, oder einfach mit einem Kaffee draußen in der (hoffentlich!) Sonne zu sitzen und die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen.

Ganz nebenbei kann man erleben, wie sich „jüdisches“ Leben anfühlt. Was ist eigentlich koscheres Essen? Na, das, was jeden Tag serviert wird! Was ist eigentlich ein Eruv? Na, das was am Freitag aufgebaut wird, fragt das Team und helft beim Aufbau!
Was ihr mit den Kindern machen sollt? Mitbringen! Es gibt ein tolles Kinderprogramm für Alle von ganz klein bis ganz groß (und Kinderermäßigung bis 17 Jahre).
Auch der Schabbat lebt vom Mitmachen, was zu einem großen Spektrum an Möglichkeiten führt. Die Gottesdienste werden von den Teilnehmern organisiert, also bringt mit, was man braucht, genug Räumlichkeiten gibt es.

Die Early-Bird-Anmeldung geht nur noch bis zum 15.2.!

9. Februar 2014 – 9 Adar A 5774
von Chajm
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Raketen aus Gaza

Eine Art Reminder ist dieser Beitrag:

Auch wenn sie in den Medien nur dann Erwähnung finden, wenn die israelische Seite reagiert –
es gibt sie noch, die Raketen und Granaten aus Gaza. 2013 waren es 53 Raketen und 12 Granaten. Im Januar 2014 waren 28.
Für Aufmerksamkeit sorgten zuletzt Raketen während der Beisetzung von Ariel Scharon.

Raketen 2001-2014 (Januar)

Raketen 2001-2014 (Januar)