Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

26. Januar 2015 – 6 Shevat 5775
von Chajm
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Es ist die allgemeine Menschenverachtung des israelischen Judentums gegenüber nichtjüdischen Menschen, speziell gegenüber arabischen, die für Israel keine Menschen im vollen Sinne sind.
Es ist der Geist des überwundenen westlichen Nationalismus und Kolonialismus, der den Zionismus bestimmt und heute noch in Israel seine Blüten treibt.

Er wird verstärkt durch archaische Tötungsbefehle gegenüber Nicht-Israeliten in der Hebräischen Bibel.

Peter Bingel, evangelischer Theologe (hier)

Das Zitat stammt aus der Zeitung der Arbeitsgemeinschaft Völkerrecht und Menschenrechte in Palästina und Israel e.V., im Impressum steht:

Gefördert durch Brot für die Welt
Evangelischer Entwicklungsdienst

22. Januar 2015 – 2 Shevat 5775
von Chajm
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Schnee

von Marius*86 (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

von Marius*86 (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

Schnee führt dazu, dass man im Winter zu spät zur Arbeit kommt und im Winterurlaub dafür, dass man ein wenig Spaß damit hat. Man könnte Schneemänner bauen oder Schneebälle formen. Aus Schneeballschlachten haben die Japaner übrigens eine eigene Sportart gemacht: Yukigassen.

Doch Schnee liegt nicht nur herum, stört, dient als Spielzeug und sieht sehr, sehr weiß aus, sondern er verändert die Umwelt in einer Art und Weise, die aus halachischer Sicht nicht so sehr uninteressant ist:
Wer sich im Schnee bewegt, hinterlässt Spuren. Das klingt unspektakulär, könnte aber am Schabbat eine Rolle spielen.
Einen Text dazu gibt es in der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Im Volltext hier.

21. Januar 2015 – 1 Shevat 5775
von Chajm
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Siedleralltag

Morgens sehr früh aufstehen.
Schon vor Sonnenaufgang ein paar Palästinenser ärgern.
Dann Frühstück. Die Frühstückseier hat man – natürlich – den palästinensischen Nachbarn weggenommen. Dann arbeiten, oder besser, die Arbeit der – wir ahnen es schon – »Hilfskräfte« beaufsichtigen. Die bauen neue Häuser auf ihrem eigenen Land für neue Siedler, die neue Hilfskräfte verpflichten die neue Häuser bauen und so weiter.
Dann Schießtraining und Wasser vom Jordan abzapfen.

So sähe der Tag der »Siedler« aus (oder schlimmer), wenn man eine kleine Umfrage im deutschsprachigen Internet (oder vielleicht sogar auf der Straße) machen würde. Dort ist alleine der Begriff »Siedler« schon ein Kampfbegriff.
Dass da Menschen dahinter stecken, kommt einem nicht in den Sinn. Warum leben sie dort, wo sie leben und wie leben sie dort?

diesiedlerin.net

Es ist häufig nicht schlecht, wenn man die Menschen hinter den Schlagwörtern kennenlernt und vielleicht auch ein wenig Empathie entwickelt.

Chaya Tal hat den deutschsprachigen Lesern nun ein kleines Fenster geöffnet. Sie berichtet über ihren eigenen Alltag in der Nähe Gusch Etzion und nun auch vom Alltag anderer Bewohner der Gegend. Zum Beispiel erzählt sie hier von Orli. Das dürfte die Ausbildung einer eigenen Haltung gegenüber den »Siedlern« ein wenig vereinfachen, wenn man sie nicht nur als Objekte der Nachrichten kennt, sondern, wie gesagt, als Menschen mit einem eigenen Lebensentwurf. Den werden sicherlich einige nicht teilen wollen.
Aber das Leben der Menschen abzulehnen, ohne jemals etwas aus erster Hand erfahren zu haben, wäre allerdings ebenfalls abzulehnen.

Die deutsche Öffentlichkeit hat den Begriff »Siedler« schon zum Synonym für Rassismus und Friedensfeinde gemacht hat. Aber nehmen wir mal Rabbiner Menachem Froman, seine Person ist schon Widerlegung dieser These.

Praktischerweise hat Chayas Blog die URL diesiedlerin.net. Das ist eingängig.

Grundsätzliches zum Thema Siedlungen findet man hier

11. Januar 2015 – 20 Tevet 5775
von Chajm
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Marche Du 11 Janvier

#MarcheDu11Janvier #JeSuisCharlie #MarcheRepublicaine Paris

Colonnes de la Nation

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Je suis juif, musulman, chrétien, athée, français, citoyen du monde… Je suis charlie

Viele Worte muss man nicht verlieren. Die Franzosen gedachten heute in Paris und vielen anderen Städten allen Opfern des Terrors in Paris. Das schloss das Gedenken an die jüdischen Opfer mit ein und doch war es für die Juden Frankreichs fast schon zu spät. Sechs Juden starben nun in Paris. Zwei bei Charlie Hebdo und vier bei der Geiselnahme im koscheren Supermarkt. Eine Tatsache, die in Deutschland nahezu unbeachtet blieb. Auch die Tatsache, dass es seit Jahren nun Attacken auf Juden in Frankreich gibt (siehe hier), bleibt unerwähnt – dabei hat es schon Todesopfer gegeben.
Am Abend war dann Frankreichs Präsident Hollande mit Benjamin Netanjahu bei der jüdischen Gemeinde. Die Menschen bei Charlie Hebdo waren aus Sicht der Terroristen eines Verbrechens schuldig.
Und die Juden?
Werden gehasst und getötet, weil sie Juden sind.
Bis dies in die kollektive Wahrnehmung einsickert, wird es vermutlich noch etwas dauern.

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25. Dezember 2014 – 3 Tevet 5775
von Chajm
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Abrissbirnen, Desillusionen und der SPIEGEL

Matthias Schulz schreibt regelmäßig für den SPIEGEL über Religion. In der Regel bekommt er ein Titelthema zum Jahresende. Und das beschäftigt sich vorwiegend mit der Dekonstruktion von Religion, genauer gesagt des Judentums und des Christentums. Damit lag er oft komplett daneben. Selbst die Autoren, auf die er sich berief, widersprachen ihm und seiner recht eigenwilligen Exegese der Texte, die sie geschrieben haben.
So versucht Schulz folgendes seit Jahren zu zeigen:

Moderne Bibelkundler klopfen schon seit längerer Zeit wie mit der Abrissbirne gegen das Alte Testament. Sichtbar wird ein Gespinst aus Legenden.
DER SPIEGEL Nr. 51/2002

In diesem Jahr heißt es:

Überall wird enttarnt, entzerrt, zurechtgerückt. Die moderne theologische Forschung gleicht einer einzigen Desillusion.
DER SPIEGEL Nr. 52/2014

2006 sollte gezeigt werden, dass der jüdische Monotheismus eigentlich eine Erfindung der Ägypter gewesen sei.

Nun, also 2014, ist G-tt keine Erfindung der Ägypter, sondern stammt aus einem Vulkan. Zwei sprachliche Bilder über Feuer (Psalm 97) und von bebenden Bergen (2.B.M. 19) reichen aus, um zu zeigen: »G-tt war ein Vulkan«.
Schulz schreibt (DER SPIEGEL 52/2014, Seite 113) »Angesichts der Vielzahl feuerspuckender Sprachbilder…«. Andere werden nicht genannt.

Dann beginnt ein wilder Ritt in dem er verschiedene Theorien präsentiert, diese vermischt und oft mit Konjunktiven eigene Schlussfolgerungen zieht. Jede Theorie für sich ist vielleicht interessant und führt zu Erkenntnisgewinn, in der Zusammenstellung wird dem Leser schwindelig und nicht immer will man den Folgerungen des Autoren folgen.
Die Vulkan-Theorie wird mit dem Versuch untermauert, Midian geographisch zu verorten. Das ist ein interessanter Schachzug, den Tanach wörtlicher zu nehmen, als diejenigen, die ihn nicht für ein Hirngespinst halten. Denn einige diese Gläubigen suchen nicht unbedingt nur nach dem geographischen Ort, sondern nahmen zur Kenntnis, dass Midjan auch mit Streitsache übersetzt werden kann und vielleicht eine Metapher sein könnte.
Für Schulz steht fest, der Name stehe für eine »Gegend im Nordwesten Saudi-Arabiens«. Insbesondere der Vulkan Hala l-Badr hat es ihm angetan. Dass diese These schon Sigmund Freud (»Der Mann Moses und die monotheistische Religion« – dort findet sich auch die G-tt kam aus dem Vulkan-These) aufstellte, erwähnt Schulz übrigens nicht.
Irgendwo im Süden soll der Tanach den Berg verorten (ohne Quellenangabe), an dem die Torah übergeben worden sei und nennt dann als Quelle auch den Koran. Mit seinem Nachweis beweist Schulz zweierlei: Dass er die Quellenangabe selber nicht geprüft hat und dass er Quellen anerkennt, die erst viel später entstanden. Mohammed wurde ja erst um das Jahr 570 geboren.
Im Korantext den Schulz nennt, Sure 7,85, heißt es:

Und zu den Madjan (haben wir) ihren Bruder Schu’aib (als unseren Boten gesandt).
Übersetzung nach Paret von corpuscoranicum.de

Madjan ist die arabische Variante von Midjan – mehr nicht. Eine geographische Angabe bringt der Text also überhaupt nicht.
Der Eintrag Midian in der englischsprachigen Wikipedia führt uns weiter. Dort hat ein Autor eingetragen, der Kommentator Abdullah Yusuf Ali würde vulkanische Aktivitäten beschreiben und dann fügt der Wikipedia-Autor in Klammern nach dem Zitat hinzu: »The volcano Hala-‘l Badr is in Madyan.« Das scheint die Quelle des SPIEGEL zu sein.

Dann behauptet Matthias Schulz, Flavius Josephus hätte geschildert, wie sich Mosche bis zu einer Oase namens Madiana vorgekämpft hätte. Ohne Stellenangabe. Sicher meinte er Kapitel 11 des zweiten Buches der Jüdischen Altertümer. Dort heißt es aber lediglich, Mosche sei bis zu einer Stadt (!) namens Madiana gekommen. Diese läge am Roten Meer. Madiana ist die griechische Schreibweise (Μαδιάμ) von Midian.

Ein richtiges Highlight des Artikels ist natürlich auch 2014 das Licht in dem die Juden dargestellt werden.
Fest steht für Schulz auch, dass die Israeliten/Juden von den Schasu abstammen und bemüht sich, sie besonders hässlich aussehen zu lassen:

»Bei den Ägyptern hießen die Hirten Sandwanderer und waren als Räuber und Wegelagerer verschrien.«
DER SPIEGEL Nr. 52/2014, Seite 114

und zitiert dann einen nicht näher spezifizierten Papyrus:
»sie haben grimmige Gesichter, sie sind feindlich« (diese Übersetzung von Schulz einer englischsprachigen Quelle ist übrigens aus der deutschen Wikipedia kopiert, siehe hier)
Auf der anderen Seite erwähnt Schulz nicht den Papyrus Anastasi 6, der daran erinnert, wie die Söhne Ja’akows nach Ägypten ziehen mussten, um an Nahrung zu gelangen: »Wir haben die Schasu von Edom durch die Festung Merneptah, in Tjeku, passieren lassen bis zu den Teichen von Pe-Atum des Merneptah in Tjeku, um sie und ihr Vieh durch den guten Willen des Pharao am Leben zu erhalten.«

Einen möglichen Zusammenhang zu einer Volksgruppe namens Apiru verschweigt Schulz zunächst und bringt sie erst am Ende seines Artikels als Outlaws. Es ist heute denkbar, dass die Bnej Israel eine Untergruppe der Schasu gewesen sein könnten. Der Sammelbegriff Schasu kennt mehrere Untergruppen und scheint ein Konglomerat von Gruppen zu beschreiben.
Schulz ist jedoch vorsichtig und kleidet seine Behauptungen mit dem Konjunktiv: »Vereinfacht könnte man die neue G-ttesformel deshalb so ausdrücken: Schasu = auserwähltes Volk«
Der Leser könnte meinen, die Bibelwissenschaft habe das so festgestellt.
Wie schon in den Jahren zuvor, geht es offenbar nicht nur um die Bestandsaufnahme des Wissenstands der Bibelwissenschaft.
Übrigens: Wann immer von den wichtigen Schlüsselfiguren die Rede ist, wird die Rede nicht so sehr nett. Die Israeliten tragen nicht die Bundeslade, sondern schleppen sie (Seite 115) und das Zelt der Begegnung (oder Stiftshütte) ist ein zusammenklappbarer Tempel. König David ist ein Räuber Hotzenplotz, oder ein Strauchdieb. Ersteres ist angeblich eine bahnbrechende Einsicht des Archäologen Israel Finkelstein. Dabei hat schon vor Jahrzehnten Me’ir Schalew in seinen Texten zum Tanach ausgelegt, Davids Benehmen erinnere zuweilen eher an eine Gruppe von Räubern. Juden gähnen also nur müde.
Aber Israel Finkelstein ist zwischen all den negativen Dingen für Schulz ein Lichtblick. Ein zivilisierter Zeitgenosse:
»Er liebt gutes Essen und Rotwein. Daheim spricht er Französisch, seine Frau ist eine Jüdin aus Paris.« (Seite 116)
Im Text heißt es dann, angeblich gehe Finkelstein unsentimental mit dem »Erbe seiner Ahnen« um. Man könnte den Eindruck gewinnen, Finkelstein, der nichts anderes tut, als wissenschaftlich zu arbeiten, werde zu einer Art Gegenpol aufgebaut – inmitten unzivilisierter Menschen. Dabei sagte Finkelstein »New archaeological discoveries should not erode one’s sense of tradition and identity. (Quelle

Ein anderes Thema ist das politische. Behauptete Schulz 2002 noch:

Auf jenem Hügel der Stadt, wo sich heute die Aksa-Moschee und der Felsendom erheben, lag einst das Zentralheiligtum der Stadt.

Gemeint ist natürlich Jerusalem. 2014 heißt es:
»Ebenso beharren Nationalkonservative darauf, dass der Tempelberg nicht den Arabern, sondern ihnen zuzusprechen sei – schließlich hätten ihre Vorfahren dort einst ein glänzendes G-tteshaus erbaut. Gunnar nennt das eine >romantische< Vorstellung.« (Seite 117)
Vom Tempel »ließ sich bislang kein Krümel nachweisen.« heißt es weiter.

Das sehen Archäologen in Israel möglicherweise anders und die Menschen an der Westmauer vielleicht auch.

18. Dezember 2014 – 26 Kislev 5775
von Chajm
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Eisiger Wind

Wir alle sind NRW! Aktion am Landtag gegen DÜGIDA

Die Anzahl der Toten ist erschreckend. In Syrien, im Irak, im Jemen auch noch immer. Im offiziellen Deutschland ist von Solidarität die Rede, davon, dass man da eigentlich helfen müsse. Das ist tatsächlich so. Man muss helfen. Das ist keine Floskel.

Im inoffiziellen Deutschland ist davon nicht die Rede. Klar, man will irgendwie helfen, aber bitte nicht vor der eigenen Haustür, nicht in der eigenen Stadt und am besten gar nicht im eigenen Bundesland.
Man sei total überfordert mit den ganzen Flüchtlingen.

Hat jemand die Zahlen gesehen?

Bis September 2014 (seit 2011) hat Deutschland 57.912 Syrer ins Land gelassen (Angaben von hier).
Der Krieg in der Ukraine überschwemmte das Land zusätzlich mit Flüchtlingen. Die Zeit meldete im Sommer, die Zahl der Asylsuchenden sei in den ersten fünf Monaten des Jahres 2014 doppelt so hoch, wie im gesamten Jahr 2013! Das waren ganze, aufgepasst, 276 Menschen bis Juli 2014!

Wer meint, die Zahl wäre hoch und natürlich wären die Aufnahmestellen damit überfordert, der soll mal zurückblicken ins Jahr 1994:
Krieg in der Nachbarschaft. Flüchtlinge aus Bosnien kamen nach Deutschland – ungefähr 350.000 (Zahlen von hier). Das sind sechsmal soviele!
Hat es das Land umgekrempelt?
Hat es nicht.

Was machen die Menschen draußen also? Sie zeigen Empathie? Sie starten Hilfsaktionen?

Nicht ganz! Sie demonstrieren gegen Flüchtlinge aus islamischen Ländern und gegen eine vermeintliche Islamisierung Deutschlands. Vordergründig jedenfalls.
Ausreichend viele Muslime gäbe es nicht für eine Islamisierung. Das würden übrigens auch viele, die als Muslime gelten, wohl gar nicht wollen.

Die Mischung die da in diesen Tagen zusammenkommt, ist jedenfalls putzig. Da sind diejenigen dabei, die gestern noch in Leserbriefen und Onlinekommentaren bekundet haben, man möchte bitte den Menschen im Nahen Osten helfen und deshalb müsse man etwas gegen den Staat Israel tun. Da werden auch einige von denen mitmarschieren, die sich auch schon leidenschaftlich gegen die Beschneidung eingesetzt haben. Nicht nur aus purem Humanismus. Vielleicht auch ein wenig, weil das oft Fremde (Juden gehören in deren Weltbild durchaus dazu) praktizieren.

Dann gibt es auch diejenigen, die sich rege (vordergründig) für den Staat Israel einsetzen und gegen Antisemitismus. Natürlich besonders, wenn er von muslimischer Seite kommt. Das einzige, was dadurch entsteht, ist der Eindruck, Juden wären Muslimen grundsätzlich feindlich gesinnt. Da wird also versucht, das Zusammenleben zu vergiften. Schlimm genug, dann gibt es sogar von jüdischer Seite Menschen, die auf der Welle reiten und die dadurch entstehende Popularität genießen. Auch ein paar Blogs, die man als proisraelisch bezeichnen könnte, reiten den »Er/Sie/Es ist ein Antisemit« Kurs. Das sorgt für reichlich neue Artikel, aber es ventiliert häufig die gleichen Argumente und letztendlich kommt man zu dem Schluss, dass doch nur der Islam das Problem ist.

Wir müssen das nicht mit einer rosaroten Brille betrachten. Natürlich gibt es Antisemitismus, gerade unter muslimischen Jugendlichen und der könnte auch gefährliche Formen annehmen.
Die Mehrheitsgesellschaft kümmert sich aber offenbar nur dann darum, wenn es ein Werkzeug gegen diese Minderheiten ist. Man muss sich um die Probleme tatsächlich kümmern. Aber es gibt keine einfachen Lösungen und Themen haben mehr als nur zwei Seiten.

Dr. Josef Schuster, der neue Präsident des Zentralrats, dürfte sich bei den – gerade beschriebenen – Menschen unbeliebt machen, denn er hat recht deutlich formuliert, wie er die Sache sieht:

»Wir alle sind jetzt aufgefordert, gegen die Stimmungsmache von Pegida vorzugehen und uns schützend an die Seite der bedrohten Menschen zu stellen.«
von hier: Jüdische Allgemeine

Politisch verpasst hat man in den letzten Jahren, wahrzunehmen, dass Vorbehalte gegen alles, was fremd erscheint, zugenommen haben. Das wabert immer wieder an die Oberfläche.

Wer sich für harte Fakten interessiert, dem seien die statistischen Erhebungen der entsprechenden Behörden ans Herz gelegt, siehe hier und hier. Ohne Einwanderung sähe es übel aus für die Bevölkerungsentwicklung.

15. Dezember 2014 – 23 Kislev 5775
von Chajm
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Die Megille von Chanukkah

Holzschnitt: Chanukkah, aus einem Frankfurter Minhagim Buch

Holzschnitt: Chanukkah, aus einem Frankfurter Minhagim Buch

Eine Megille für oder von Chanukka?

Ja. Die gibt es!
Für die aktuelle Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen (Text hier vollständig verfügbar) habe ich kurz zusammengefasst, dass es vor langer Zeit in einigen Teilen Europas den Brauch gab, eine Megillah für Chanukkah zu lesen. Leider ist das nahezu vollständig untergegangen.

Wer hineinschauen möchte, in die Megillah, kann sie hier herunterladen (und weiterverbreiten), oder die deutsche Übersetzung online lesen. Der Text ist historisch nicht ganz sauber, aber er erzählt die Geschichte eines Wunders. Vielleicht findet sich ja eine Gemeinde, die den Text im kommenden Jahr liest? – Wenn ja, dann lasst es den Baal haBlog wissen!

Beschluss Voransicht

10. Dezember 2014 – 18 Kislev 5775
von Chajm
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Doch Vertrauen in Frankfurt?

Alles koscher. Alles in Ordnung. Mit dem Urteil eines »externen« Rabbinatsgerichtes kommt etwas Dynamik um die Sache mit dem Skandal um koscheres Fleisch in Frankfurt (am Main). Ein Rabbinatsgericht (mit eher charedischem Schwerpunkt) kam zu anderen Schlüssen als die Justiz und die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands. Rabbiner Jirmijahu Kohen vom Bejt Din Paris, Rabbiner Jehuda Rabinovitz, Rabbiner Meir Sirota und Rabbiner Mosche Nidam (Gesandter des sefardischen Oberrabbinats) kamen nach Frankfurt um Zeugen zu befragen und eine Entscheidung zu fällen:
Ist das Fleisch koscher gewesen, oder nicht? Ist der beaufsichtigende Rabbiner in diesen Fragen vertrauenswürdig, oder nicht?

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In aller Kürze zusammengefasst:

  1. Der Beschluss ORD (Orthodoxen Rabbinerkonferenz) und die Veröffentlichung dessen, sei Chillul haSchem (eine G-tteslästerung)
  2. Bei den Zeugenaussagen wurde festgestellt, dass die Befragten sich darüber beschwerten, dass der Händler stets zu wenig koscheres Fleisch im Angebot hatte. Diesen Mangel hätte man ja leicht, wenn man es gewollt hätte, mit unkoscherem und umetikettierten Fleisch ausgleichen können.
  3. Die Befragung der beaufsichtigenden Personen und des zuständigen Rabbiners hätten ergeben, dass alle Beteiligten gewissenhaft waren.
  4. Die Selbstbezichtigung der Firma selber, könne man nur schwer nachvollziehen.
  5. Als der zuständige Rabbiner Klein erfahren habe, dass die Firma außerhalb ihrer Geschäftsräume mit nichtkoscherem Fleisch handelt, hätte er ihr die Lizenz entzogen.
  6. Die Entscheidungen von Rabbiner Klein hätten also durch die ORD nicht hinterfragt werden dürfen, denn sie seien korrekt gewesen.

Damit laufen die Aussagen der Prozessbeteiligten und des externen Bejt Dins auseinander. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz kam zu einem anderen Schluss als das Bejt Din unter Vorsitz von Jirmijahu Kohen.
Das nennt man wohl Dynamik.
Um die Frage aus der Überschrift ansatzweise zu beantworten: Nun doch Vertrauen?
Manchmal wollen es die Leute nicht selber entscheiden müssen. Solange der Prozess vor einem Gericht noch andauert, dürften sie verunsichert bleiben.

8. Dezember 2014 – 16 Kislev 5775
von Chajm
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Undifferenziertheit ist gefragt

Das ist schon kein Trend mehr, dass ist schon der Normalzustand geworden: Undifferenziertheit.
Immer mehr Menschen sind nicht mehr in der Lage, einer Situation oder einer Person mehr als eine Eigenschaft zuzuordnen.
Offensichtliche Folge dieses Phänomens ist das öffentliche Hypen und Feiern von Menschen, die vielleicht kurz danach mit Häme und Spott überzogen werden. Von anderen wird die gleiche Person dann aber genau umgekehrt betrachtet: Ausschließlich mit Häme und Spott. Die entsprechende Person kann nichts gutes bewirkt haben.

Drei Beispiele, zunächst zwei ältere Dauerbrenner, dann ein sehr aktuelles.

  • Edward Snowden Der Mann hat es geschafft. Er wird als Held verklärt und verehrt. Er wird mit Preisen überhäuft; Organisationen überschlagen sich mit Forderungen nach Asyl in diesem oder jenem Staat. Sogar für den Friedensnobelpreis wurde er vorgeschlagen. Wichtige Informationen hat er offengelegt und publik gemacht. Darüber, dass er mit seinen Erkenntnissen nach Russland geflohen ist und die Veröffentlichung der Abhörtaktiken einigen terroristischen Gruppen einen Vorteil verschafft hat, wird nicht so gerne gesprochen. Obwohl dies auch zu seiner Person gehört. Aber der Mann ist ausschließlich Heiliger. Beide Aspekte seines Handelns gemeinsam zu betrachten scheint nicht möglich zu sein. Das eine wahrnehmen und das andere würdigen?
  • Nadeschda Tolokonnikova – ihre Gruppe Pussy Riot wird von den Massen verehrt. Die Gruppe ist gegen den bösen russischen Staat aufgestanden und wurde von diesem bestraft. Die Gleichung ist einfach: Deshalb sind die Damen ebenfalls Heilige. Von den Eskapaden der hochschwangeren Tolokonnikova im Moskauer Museum für Biologie, wo man ein, naja, sagen wir, Video für Erwachsene aufnahm, ist nicht so viel zu lesen. Ihre Künstlergruppe Война veranstaltete mehrere solcher Veranstaltungen mit Bezügen zu diversen Körperöffnungen. Dass man Tolokonnikova ihre Tochter schon vor ihrer Inhaftierung abnahm, weil sie nicht in der Lage war, sich um sie zu kümmern, interessiert niemanden. Der Aspekt der absoluten Verehrung überdeckt alles. Es scheint unmöglich zu sein, die Vorgänge in der Christ-Erlöser-Kirche mit allen Aspekten zu betrachten. Statt dessen überreicht man ihr den Hannah-Arendt-Preis und die Einslive-Krone. Das soll man ihr nicht absprechen, aber man kann sich doch mit allen Aspekten der Helden beschäftigen?
  • Tuğçe Albayrak der jüngste Fall. Die junge Frau wird niedergeschlagen und erliegt ihren Verletzungen. Vorausgegangen war ihr Einschreiten bei einem Streit. Die Anteilnahme war riesig und die Betroffenheit landesweit. Hier verlor jemand durch Zivilcourage sein Leben. Die öffentliche Anteilnahme wurde natürlich von offizieller Seite erkannt und schnell auch für eigene Zwecke genutzt. Aber die junge Dame hatte auch eine private Seite und diese wird derzeit Ziel von Kritikern die diese Facette der Person Tuğçe gerne in den Vordergrund spielen würden. Fotos ihres Facebook-Profils machten die Runde. Antiisraelische Postings waren dort zu lesen und eine stilisierte Karte Palästinas – natürlich auf der Fläche Israels. Auch das eine Seite der Person, die verehrt wird. Leider Mainstream, wie wir im Sommer 2014 erfahren mussten. Eine antisemitische Folklore gegen die etwas getan werden muss.
    Das Hervorkehren dieser Facette aber hat schon bedenkliche Formen angenommen. So bloggt jemand: »Ihr früher Tod, noch bevor sie Lehrerin geworden ist, wird es hoffentlich erschweren, dass nicht nur unter Muslimen vorkommende xenophobe Ansichten in die sich entwickelnden Gehirne Jugendlicher eingehen.« (von hier). Das ist genau nicht die Ebene, auf der solche Betrachtungen stattfinden sollten und leider nicht das einzige Beispiel.

Es besteht offensichtlich eine Art Sehnsucht nach Heiligen, vielleicht auch, weil Hagiographien sich besser verkaufen lassen oder weil man immer mehr nach einfachen Rastern sucht?

Amos Oz wird in der Jüdischen Allgemeinen zitiert:

Aber ich möchte sagen, dass viele Menschen im Westen jeden internationalen Konflikt wie einen Hollywoodfilm verstehen, wo es um Gut gegen Böse geht. Oft haben sie das Bedürfnis, eine Petition für die Guten zu unterschreiben, eine Demonstration gegen die Bösen zu organisieren und mit einem guten Gefühl zu Bett zu gehen.
von hier

Das lässt sich offensichtlich nicht nur in Bezug auf einen bestimmten Konflikt sagen, sondern eigentlich in Bezug auf die meisten Themen der letzten Zeit.

5. Dezember 2014 – 13 Kislev 5775
von Chajm
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Intifada in Frankreich

Die Juden Frankreichs kommen nicht zur Ruhe.
Eine fortwährende Intifada gegen diese (noch) recht große Gemeinde, ist an Brutalität kaum zu überbieten.

Der furchtbare Überfall von Créteil am 4. Dezember ist nur einer von vielen Fällen.
Ein junges, orthodoxes, Paar wurde in der eigenen Wohnung in Créteil überfallen, ausgeraubt und die Frau vergewaltigt. Die beiden Haupttäter hatten schon im November einen alten Mann (ebenfalls jüdisch) auf der Straße zusammengeschlagen.
In diesem Vorort von Paris leben relativ viele Juden und so hat der antisemitische Mob ein leichtes Ziel. Im Mai 2014 wurden dort zwei Brüder brutal zusammengeschlagen.
In den Vorjahren gab es ähnliche Vorfälle. Im Juli 2014, als auch in Deutschland fleißig gegen Israel und Juden im Allgemeinen, demonstriert wurde, gab es zahlreiche Übergriffe auf Synagogen und Geschäfte.

In den ersten sieben Monaten des Jahres 2014 soll sich die Anzahl derartiger Straftaten in Frankreich (im Vergleich zum Vorjahr) verdoppelt haben (siehe hier).
2009 wurde Ilan Halimi zu Tode gequält und seinen Eltern Bilder der Taten zugesandt. Mittlerweile wurden die Ereignisse in Frankreich zu einem Film verarbeitet: 24 jours.

Es hat also auch Tote gegeben (man denke da auch an das Attentat von Toulouse 2013 und 2012. Kein Wunder, dass 2013 nahezu 3000 Menschen nach Israel ausgewandert sind. 2014 dürften es bedeutend mehr sein.

Und Deutschland?
Die Situation in Deutschland ist sicher eine andere.
Nicht weil es hier zivilisierter zuginge, sondern weil es in Deutschland einfach nicht so viele Juden gibt, wie in Frankreich. Das Potential für derartige Übergriffe scheint vorhanden.
Die Ereignisse im Sommer (2014) offenbarten schon eine gewisse Grundaggression . Die Politik wird es sicher verurteilen, aber macht es das Leben leichter?