Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

31. August 2015 – 16 Elul 5775
von Chajm
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Die Maske vom Gesicht gerissen

Der Plan schien eigentlich gut zu sein und doch gibt es im Internet immer noch Menschen, die einen Tick intelligenter und besser informiert sind und so wurde einem geheimen Plan die Maske vom Gesicht gerissen und der Plan enttarnt, bevor er richtig lief.
Egal, wie geheim es ist, es gibt immer jemanden, der extrem gut recherchiert und die Wahrheit ans Licht bringt.
So ist es nun publik und deshalb können wir hier auch ganz frei darüber reden:

Die Flüchtlinge aus Syrien und allen anderen Kriegs- und Krisengebieten des Nahen Ostens und Afrikas kommen nämlich nicht einfach so nach Europa. Sie haben einen Auftrag. Sie wurden entsendet. Kommentatoren auf facebook wissen mehr:

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In dieser, nicht so ganz richtig recherchierten Fassung, wurden die Flüchtlinge von der Arabischen Liga befreit und auf Europa losgelassen.
Die Arabische Liga? Seien wir ehrlich – seid wann ist die Arabische Liga hinter den Kulissen aktiv und spinnt ausgefeilte Verschwörungen. Wir wissen doch, wessen Metier das ist:
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Natürlich sind es »SIE«, die das alles aus den USA aus steuern und vorantreiben. Also »wir«. Im ersten Schritt sind die es die USA und dann sind es die, die Medien kontrollieren.
Beweis gefällig? Die »New York Times«. Was ergibt »TIMES« rückwärts gelesen? Genau: »SEMIT«. Wir sind also ertappt. Leider wurde mein Derailing-Versuch vom gut informierten Facebook-Nutzer unterlaufen:
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Unterm Strich formt sich in den sozialen Netzwerken und den Kommentarfeldern der großen Medien blitzschnell ein geschlossenes Weltbild, in dem wirklich alle aktuellen Themen in einer Weltformel verschmelzen: Es tobt, hinter den Kulissen, ein Kampf gegen Europa und seine Einwohner.
Da kommt alles zusammen: Eine (vermeintliche) Islamisierung, die hohe Anzahl der Flüchtlinge und die aktuelle Finanzpolitik.
Abweichungen gibt es nur dort, wo man versucht, seinen Wahn zu erklären, indem man darauf verweist, Muslime (insgesamt und pauschal) würden die jüdische Bevölkerung bedrohen. Dieser Philosemitismus zeigt sich allerdings nur dann, wenn der Hass von Muslimen ausgeht.

Was wir im Augenblick erleben, ist nicht sehr überraschend. Der Verschwörungs-Antisemitismus sucht ständig nach Anlässen, die Zusammenhänge zu erklären und zu deuten.
Über die Kommentare und Posts, die das Schicksal der Flüchtlinge direkt betreffen, muss man gar nicht reden. Einige finden, 72 tote Syrer in einem LKW seien ein guter Anfang, andere kommentieren angeschwemmter toter Kinder im Mittelmeer mit »heute ist ein guter Tag«.

Überrascht von der fehlenden Empathie? Nur, wenn man in den letzten Jahren das Internet nur genutzt hat, um wissenschaftliche Fachartikel zu lesen.

Luach Book

18. August 2015 – 3 Elul 5775
von Chajm
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Ein jüdischer Kalender für vier Jahre

Jüdische Kalender-Apps regieren derzeit und das mit jeder Berechtigung.
Es ist einfach, sie zu verwenden und sie sind überall dabei und liefern meist die gewünschte Information.

Aber natürlich gibt es »noch immer« gedruckte jüdische Kalender auf dem Markt.
Auch auf dem deutschsprachigen. Es gibt (gute) Wandkalender, aber auch Taschenkalender.
Es gibt einen literarischen, einen liberalen und einen knappen gegen eine Spende.
Die beiden erstgenannten enthalten auch einen umfangreichen Serviceteil

Zu allem Überfluss kommt nun ein vierter hinzu.
Der inoffizielle Arbeitsname dieses Büchleins (164 Seiten) lautete »Jüdischer Kalender ohne Schnickschnack«.
Es ist ein kleines Buch geworden. Reduziert auf die wesentlichen Dinge:

Man findet

den bzw. einen jüdischen Kalender
Den jüdischen Kalender für die Jahre 5776, 5777, 5778 und 5779. Geordnet nach den jüdischen Monaten mit einer Angabe des Wochentages und des Datums nach allgemeiner Zeitrechnung
alle Schabbatot mit Angabe des Wochenabschnitts
Der Name des Wochenabschnitts/der Paraschah ist jeweils zum Schabbat vermerkt. Besonderheiten sind direkt am jeweiligen Schabbat vermerkt.
Eine ausführliche Liste der Wochenabschnitte findet man im Anschluss an das eigentliche Kalendarium. Dort sind auch die Lesungen des Mafir vermerkt und natürlich die Lesungen der Haftarah.
Die Liste orientiert sich an den Erfordernissen in der Diaspora, Minhag Aschkenaz. Die Liste der Torah- und Haftarahlesungen umfasst jedoch wesentlich mehr Minhagim.
Besonderheiten für Beter
Wird Tachanun gesagt oder nicht? Fügt man die Brachah für den Tau ein, oder nicht? Derartige Dinge sind natürlich vermerkt.

Man findet keine

bunten Bilder
Der Kalender soll ein ablenkungsfreies Kompendium für das jüdische Jahr sein.
Wer ein bestimmtes Datum sucht, soll fündig werden,
wer wissen will, welcher Wochenabschnitt an diesem Schabbat in der Synagoge gelesen wird, soll diese Information auch möglichst schnell finden können.
Damit man das nicht in jedem Jahr erneut kaufen muss, gibt es vier Jahre zusammen.
Das Verzeichnis der Wochenabschnitte und Haftarot hat natürlich darüber hinaus Bestand.
Dieser Kalender könnte sogar am Platz in der Synagoge aufbewahrt werden.
Adressen aller Rabbiner in Deutschland
Es ändert sich viel und es sich ändert sich vieles schnell. Diese Informationen gibt es online.
Adressen aller Gemeinden
Diese Änderungen geschehen nicht so sehr häufig und nicht sehr schnell, aber die Informationen sind alle online verfügbar. Die wenigsten benötigt man jeden Tag.

Wo ist das Buch erhältlich?

Natürlich online (amazon, buecher.de, buch.de, ebook.de, buchkatalog.de)
Oder über die Angabe der ISBN natürlich auch im lokalen Buchhandel:
ISBN-10: 3738632484
ISBN-13: 978-3738632484

zum Preis von 7,50 Euro – immerhin nur ungefähr 1,88 Euro pro Jahr!

Hier ein paar Einblicke (anklicken um sie zu vergrößern)


oder bei google-books.

14. August 2015 – 29 Av 5775
von Chajm
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Eine Liebesgeschichte aus Bosnien

Eine wahre und tragische Liebesgeschichte aus Tuzla in Bosnien:
Er kämpft im Widerstand gegen die Nazis und das von den Nazis installierte Regime, studiert eigentlich Jura und ist nebenher noch Musiker. Sie ist Jüdin und ebenfalls aktiv im Widerstand. Als der NDH (der »Unabhängige Staat Kroatien«) gegen diejenigen vorgehen will, die einen Aufstand gegen diesen organisiert hatten, gehören ihre Namen zu denen, die ganz oben auf der Liste der gesuchten Widerständler stehen – und das mit Anfang 20 (er wurde 1919 geboren, sie 1920).
Die beiden sind ein muslimisch-jüdisches Liebespaar. Frida Laufer und Enver Šiljak.

Der Widerstand plante, Partisanengruppen um Tuzla herum zu bilden – während Frida nach Doboj gehen sollte, um dort weiter für den Widerstand zu werben. Bevor es dann eigentlich losgehen sollte, verständigten sich die Partisanen, dass Frida und Enver sich noch einmal treffen sollten und so verbrachten sie eine gemeinsame Nacht in der Nähe von Doboj. Am Morgen darauf, am 18. Juli 1941 wurden sie in ihrem Versteck verhaftet, ins Gefängnis gebracht, gefoltert und verhört.
Der Frau, Frida Laufer wurde ihre Befreiung für Details zu den Namen der Widerstandsgruppe angeboten. Was sie ablehnte und am 18. August in das Konzentrationslager Jadovno gebracht wurde. Dort brachte sie dann ein Kind zur Welt. Von dort wiederum kam sie in das Lager Loborgrad in der Nähe Zagrebs und von dort nach Auschwitz. Dort wurden sie umgebracht. Ihr Kind scheint man in Jasenovac umgebracht zu haben. Ein Eintrag in der Liste der Opfer listet ein Kind ohne Namen dessen Vater Enver Šiljak war (hier nachlesbar). Allerdings stimmt dort das Geburtsjahr nicht.

Kind ohne Namen, Vater Enver

Kind ohne Namen, Vater Enver

Am 5. September 1941 wurde Enver in Tuzla zum Tode verurteilt und erschossen. Auf dem Weg zur Erschießung soll er laut das Lied »Jel ti žao što se rastajemo – Tut es Dir leid, dass wir uns trennen« gesungen haben – für Frida. Das Lied gehört nicht zu den unbekanntesten Liedern Bosniens.

Der Bürgermeister von Tuzla Jasmin Imamović (der gerade erst in Deutschland in den Medien war) machte das Schicksal des Paares in seiner Stadt publik und später auch darüber hinaus:
In Tuzla erinnert heute, durch seine Initiative, eine Brücke (hier Bilder von der Einweihung 2010) an die beiden, die »Most narodnog heroja Envera Šiljka i Fride Laufer – Brücke der Nationalhelden Enver Šiljak und Frida Laufer« oder einfach »Liebesbrücke«.
2011 legte Fridas Nichte Frida Čaušević Blumen am Mahnmal für die Opfer der Schoah in Tuzla ab und sprach darüber, dass das Schicksal ihrer Tante nicht vollkommen klar sei. Man habe gehört, sie sei nach Auschwitz gebracht worden. Doch das Engagement von Jasmin Imamović sorgte dafür, dass Frida nicht vergessen werden würde.

Jasmin Imamović ist nämlich nicht nur Bürgermeister, sondern auch Schriftsteller. Er verarbeitete diese Geschichte zu einem Roman namens »Slana zemlja« »salziges Land«. Dazu sollte man wissen, dass sich der Städtename Tuzla vom türkischen Wort Tuz (Salz) ableitet. In Tuzla gibt es Salzvorkommen. Dies wiederum inspirierte den Sänger Halid Bešlić (der in Bosnien bekannt ist). Er hatte nach Lektüre des Romans die Idee, das Lied »Jel ti žao« neu aufzunehmen und es in den Kontext der Geschichte von Frida und Enver zu stellen. Das Video dazu ist nun auch auf YouTube verfügbar:

Auf der YouTube-Seite des Songs gibt es eine beachtliche Anzahl von Kommentaren von Menschen die aus dem Schicksal der beiden gar nichts gelernt haben.

Das Video wird jedenfalls geteilt und man spricht über die beiden, nicht nur vor Ort in Tuzla.

11. August 2015 – 26 Av 5775
von Chajm
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Rabbiner wechseln die Städte

Nicht nur mit Bundesligastart gab es ein paar interessante Transfers. Auch einige Rabbiner auf dem deutschen Markt haben die Gemeinden gewechselt, oder sind neu:

  • Schlomo Freyshist wechselt von Kassel in die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg (hier). Die Gemeinde Kassel habe mit nur 900 Mitgliedern keine finanziellen Mittel für eine Weiterbeschäftigung. In dem entsprechenden Zeitungsartikel heißt es übrigens, die Gemeinde beschäftige zwei Türsteher. Vermutlich meint Autorin zwei Personen, die für die Sicherheit verantwortlich sind und Einlasskontrollen durchführen.
  • 800 Mitglieder hat die Gemeinde Lübeck und stellte nun einen neuen Rabbiner ein: Dr. Yakov Yosef Harety (zuvor Fürth und Hannover; Artikel hier).
  • Schon seit vergangenem Jahr ist Rabbiner Teitelbaum Rabbiner in Bremen (etwa 900 Mitglieder; Artikel hier). Rabbiner Teitelbaum war früher in Köln tätig und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Derzeit wird er auf der Website der ORD allerdings noch nicht als Mitglied geführt.

4. August 2015 – 19 Av 5775
von Chajm
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Stolpersteine Ja, Nein, Vielleicht

Stolpersteine:
Es gibt Orte, an denen werden sie verlegt.
Es gibt Orte an denen werden sie nicht verlegt.
Jüngst gab es erneut eine Meldung aus München darüber, dass die Stadt eine Verlegung nicht wünscht. In so mancher Stadt sind erneut Diskussionen darüber entbrannt. Oft, weil Lokalzeitungen natürlich vor Ort geforscht haben, ob das Münchner Votum irgendetwas an der Haltung geändert haben könnte.

Hier ein paar Dinge, die man in der Diskussion darüber und vielleicht bei der Verlegung beachten sollte. Weil die Welt nicht Schwarz-Weiß ist, ist es diese Liste auch nicht. Falls also jemand nur Pro-Argumente abfischen will: Sorry.

  • Die Stolpersteine sind eine Form des Gedenkens, sie sind kein Projekt, welches andere Formen der Erinnerung ausschließt (»Aber wir haben doch schon Stolpersteine verlegt!«).
  • Die Stolpersteine sind aber auch nicht DIE Form des Gedenkens. Es werden im Laufe der Zeit sicherlich neue Formen entstehen.
  • Das Argument »Jude XY hat gesagt« oder »Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde XY-hausen ist auch dagegen« hat keinen Bestand. Kein Jude spricht für alle anderen. Während die Vorsitzende der Gemeinde München Charlotte Knobloch das Projekt vollständig ablehnt, hat die Jüdische Gemeinde Düsseldorf dem Vater des Projekts, Gunter Demnig, einen Preis verliehen (hier|hier).
  • Einwände von Angehörigen oder Verwandten derjenigen, deren Namen auf den Stolpersteinen stehen werden, sollten hingegen ohne jede Rückfrage respektiert werden. Das versteht sich vermutlich von selbst. Auch wenn man die Argumente für falsch hält.
  • Der Verleger der Stolpersteine ist kein Heiliger. Er hat, wenn man das so ausdrücken kann, eine Exklusivrecht auf diese Form des Gedenkens. Ob ein Stein verlegt wird oder nicht, liegt letztendlich auch an ihm. Es wäre sicherlich nicht schlecht, wenn eine demokratische Art des Gedenkens (siehe nächsten Punkt) nicht von einer Einzelperson abhängt. 2011 kündigte Demnig an, in Hannover keine Steine mehr verlegen zu wollen.
    Es ist nicht einleuchtend, warum die Öffentlichkeit dieses de facto Monopol nicht hinterfragt und nicht einen Bruch verlangt. Es soll sich ja auch um ein Kunstprojekt handeln und was ist das für eine Kunst, die nur ein Künstler schaffen darf?
  • Die Stolpersteine sind eine Form des Gedenkens, an deren Realisierung viele Einzelpersonen oder Gruppen mitwirken können. Es braucht keine übergeordnete Instanz, die eine Verlegung beauftragt. Wenn man so will, eine demokratisierte Form des Gedenkens – und eine dezentrale.
  • Die Stolpersteine werden von den Bewohnern eines Ortes (oder einem Teil der Bewohner verlegt) und regen damit auch einen kleinen gesellschaftlichen Prozess an. Man muss sich mit den Menschen, deren Namen auf den Steinen steht, beschäftigen.
  • Die Stolpersteine sollten aus der Gesellschaft kommen – deshalb sollten unter keinen Umständen die Nachfahren oder Verwandte derjenigen, deren Namen auf den Steinen stehen wird, für sie zahlen müssen – oder gar die Verlegung organisieren. Das ist Aufgabe der Gesellschaft.
  • Wo wir bei der Verlegung sind:
    Wenn diejenigen, deren Namen auf den Steinen stehen wird, nicht gerade aus Osteuropa stammen, ist Klezmermusik wirklich deplatziert. Klezmer ist nicht DIE jüdische Musik.
  • Wo wir gerade von Kitsch sprechen:
    Auch Paul Celans »Todesfuge« ist durch ihren übermäßigen Einsatz für derartige Zwecke nicht unbedingt zu empfehlen. »Jeder Mensch hat einen Namen – Lechol isch jesch schem« (Download hier) der Dichterin Zelda Schneersohn Mischkovsky passt in den Kontext schon eher. Man bringt mit den Stolpersteinen den Namen einer Person wieder zurück in die Öffentlichkeit.
  • Die Stolpersteine sind keine Grabsteine. Sie sind als solche dementsprechend auch nicht zu behandeln.
  • Ja. Man kann über sie hinweggehen und sie werden als Teil des Bodenbelags auch den gleichen Belastungen ausgesetzt. Sie können bespuckt werden oder Hunde können sich auf ihnen entleeren. Auf der anderen Seite: Man kann sie nirgends herunterreißen und nicht umstürzen.
  • Stolpersteine halten lange, aber nicht ewig. Die Messingplatte wird irgendwann abgewetzt sein. Der Text wird unleserlich etc.
  • Wer eine Erinnerungstafel schänden will, wird das tun. Ganz gleich wo sie hängt. Solchen Personen wird es auch gelingen, einen Stolperstein zu beschädigen.
  • Das sind einige Punkte zu den Stolpersteinen.
    Ein Ende wird die Diskussion erst dann haben, wenn auch das Projekt nicht weitergeführt wird. Vielleicht weil Gunter Demnig eines Tages nicht mehr weitermacht oder vielleicht, weil es eine neue Form geben wird, die einen breiten Konsens findet.
Ner Tamid

10. Juli 2015 – 23 Tammuz 5775
von Chajm
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Ewiges Licht – Ner Tamid

Es gibt Artikel, bei denen hat man schon während des Schreibens die Absicht, vielleicht etwas Widerspruch zu erzeugen und kalkuliert eine heftige Reaktion ein. Bei religiösen Themen ist das zuweilen der Fall, wenn es um besonders umstrittene Bereiche geht, Frauen an der Westmauer vielleicht, Siedlungen sind auch immer ein gutes Thema. Aber manchmal bleibt die Reaktion aus. Man liest, aber reagiert nicht. Dann aber gibt es Themen, die versucht man sachlich darzustellen und erntet heftigen Widerspruch.
So war es bei meinem Artikel zum Kerzenzünden am Schabbat. Dieses Kerzenzünden ist emotional stark besetzt, das unterschätzte ich ganz klar bei der nüchternen Formulierung der Herkunft des Kerzenzündens und des »Hand-vor-Augen-Haltens« (aus dem ein paar Damen die ich dabei beobachten konnte, eine große magische Sache gemacht haben), dass keinerlei mystische Herkunft hat, sondern einfach nur eine Art halachischer Workaround ist (steht alles im Artikel).
Bei dem neuen Artikel »Ner Tamid«, also das »ewige Licht« in der Synagoge war es ähnlich. Es gab mehrere, (aber meist) sehr freundliche, Reaktionen auf dieses Thema auf das Thema. Erneut entschied ich mich, nicht die Interpretation des Lichts zu präsentieren, sondern zu schauen, wo es eigentlich herkommt und seit wann es in den Synagogen verwendet wird.
Übrigens kenne ich mittlerweile ein paar Synagogen in denen das Ner Tamid ein sehr temporäres Licht ist und vom Hausmeister kurz vor dem Gebet eingeschaltet wird. Das scheint allerdings nicht die Tradition zu sein, die sich allgemein durchgesetzt hat…

Tischa beAw im Amsterdamer Minhogimbuch

8. Juli 2015 – 21 Tammuz 5775
von Chajm
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Die Zeit dazwischen

Mit dem 17. Tammuz, dem Fastentag der vielleicht weniger populär ist als Tischa beAw, beginnt eine Zeit, die auf Hebräisch Bejn haMetzarim genannt wird. Das könnte man ungefähr mit »zwischen den Bedrängnissen« übertragen. Wenngleich überall in Europa Sommerferien sind und die Zeit eigentlich leicht sein sollte, so haben wir hier einen schweren Gegenentwurf. Damit umzugehen, fällt mir recht schwer.

In allen Phasen der Geschichte hat das jüdische Volk ähnliche Erfahrungen gemacht. Manchmal sogar zu ähnlichen Zeiten im Jahr. Ereignisse kehren immer wieder. Die Verfolgungen mit der Absicht das gesamte Judentum auszulöschen etwa.
Deshalb würde ich die Geschichte des Judentums als eine Art Helix betrachten, wie die Wendeltreppe unten. Bestimmte Arten von Ereignissen wiederholen sich – sogar zu ähnlichen Zeiten im Jahr. Das alles läuft besonders in der Zeit Bejn haMetzarim zusammen.

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von Das Original wurde von Ralf Roletschek in der Wikipedia auf Deutsch hochgeladen (Übertragen aus de.wikipedia nach Commons.) [GFDL oder CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Bereits die Mischnah nennt tragische Ereignisse dieser Zeit (siehe hier Ta’anit 4,6).
In diese Zeit fielen etwa die Pogrome zu Beginn des ersten Kreuzzugs (1095), bei denen Tausende Juden aus Frankreich und dem Rheinland getötet wurden. Es folgte die Vertreibung der Juden aus England (1290), das Ultimatum, bis zu dem alle Juden Spanien zu verlassen hatten (31. August 1492) und zuletzt das Terrorattentat auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires 1994 mit 86 Todesopfern. In der charedischen Welt ist Tischa beAw auch ein Tag des Gedenkens an die Schoa.
In einem Artikel für die Jüdische Allgemeine (im Volltext hier) beschreibe ich den Charakter dieser Zeit. Es geht nicht nur um Trauer und das zurückschauen, sondern auch um das »nach-vorne-schauen« und die Frage, was ich als Einzelperson tun kann, um die Welt zu ändern.

21. Juni 2015 – 4 Tammuz 5775
von Chajm
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Der Ruf nach jüdischen Opfern – Graz

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Die Synagoge in Graz von Willard (Diskussion) (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 at], via Wikimedia Commons

Man kann es ganz kurz zusammenfassen:
Es gibt Menschen, die wollen einfach, dass Juden Opfer sind. Ob es sie erregt, wenn Juden Opfer eines Verbrechens werden, vermag ich nicht zu sagen. Man muss aber keine Übergriffe zusammenreimen, wo keine stattfinden. Es gibt eigentlich schon genug davon.
Die Obsession dass »Juden vielleicht beteiligt« sein könnten, spricht nicht von einer besonderen Liebe, sondern eher dafür, dass man Juden ausschließlich als Opfer sehen will. Klar, wen man dann als Täter sehen will – da schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe.
Zuletzt Graz.
Ein Amokfahrer hat drei Menschen getötet. Nur wenige Stunden später hatten einige besonders kluge Menschen herausgefunden, dass der Amokfahrer wohl an der Synagoge vorbeigefahren (!) ist. Eine der Brücken, die über den Fluss Mur führt, liegt in der Nähe der Synagoge – eigentlich direkt gegenüber. Zwischen Synagoge und Fluss bzw. Brücke liegt eine Straße. Von der Straße her sieht man die Ostseite der Synagoge. Also die Rückseite. Das Gebäude (architektonisch nicht der größte Glücksgriff) ist umzäunt. Wenn man in den Innenstadtbereich fahren will, müsste man über diese Brücke.
Der Attentäter hatte etwa 100 Meter von dort entfernt, ein Paar mit einem Messer attackiert.
Die Facebook-Schreiber (und davon gab es leider mehr als einen) und Zeitungs-Website-Kommentarschreiber sind aber, weil sie Wahrheit hinter all den Fakten herauslesen können, vielfach der Meinung, hier handele es sich um ein vertuschtes antisemitisches Attentat.
Der Mann habe seine Fahrt fortgesetzt, nachdem er »keine weiteren Juden« finden konnte.
Davon, dass die attackierte Frau ein Kopftuch trug und Muslima war, erzählen uns die Facebook-Bescheidwisser nichts. Auch nicht davon, dass der Mann, der wohl in Bosnien geboren wurde, sich von »Türken« verfolgt fühlte.
Ich weiß nicht, ob die entsprechenden Experten »enttäuscht« darüber sein werden, dass dieses Attentat mal nicht einer jüdischen Einrichtung galt, aber der Fall in Graz birgt schon ausreichend Grund, sich bestürzt zu zeigen. Das kann man einfach mal sein, ohne so eine Sache zu instrumentalisieren.

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18. Juni 2015 – 1 Tammuz 5775
von Chajm
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Raubkunst – ein offener Brief

Hier berichtete ich noch vor wenigen Tagen über eine Beschlussvorlage der Stadt Gelsenkirchen zu einem Kunstwerk (»Bacchanale«), welches derzeit im Besitz des Kunstmuseums in Gelsenkirchen ist. Dabei handelt es sich aber um Raubkunst.
Es ist schon beschämend genug, dass das Bild nicht einfach zurückgegeben wurde, nachdem deutlich wurde, dass es sich tatsächlich um Raubkunst handelt – nun kommt aber noch eine seltsame Verhandlungstaktik der Stadt Gelsenkirchen hinzu.
Wenn man die Beschlussvorlage (siehe hier), die inzwischen vom Rat der Stadt angenommen worden ist, liest, dann könnte man zu der Annahme kommen, die Stadt Gelsenkirchen wollte verhandeln – die Erben der beraubten Familie jedoch nicht. Der Verfasser der Vorlage habe den Eindruck, es würde ihnen (der Familie) um eine Gewinnmaximierung gehen. Dem scheint jedoch nicht so zu sein. Der Rechtsanwalt der Familie, Professor Dr. Fritz Enderlein hat in einem öffentlichen Brief zu den Behauptungen der Stadt Gelsenkirchen Stellung bezogen. Man könnte nach der Lektüre zu der Annahme kommen, der Stadt Gelsenkirchen würde es um Gewinnmaximierung gehen. Offenbar wurde nämlich der Stadt eine Entschädigung durch die Erben der beraubten angeboten und ausgeschlagen. Man hätte offenbar mehr Geld gesehen.
Zudem scheint die Stadt die Adresse und die Daten der Familie an eine dritte Partei weitergereicht zu haben.

Der offene Brief:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Baranowski,
Sehr geehrte Stadtverordnete,

mir liegt die obige Beschlussvorlage vor und ich möchte Ihnen meine Meinung dazu nicht vorenthalten.

1. Eigentlich müsste der Beschlussvorschlag anders lauten, nämlich

a) Der Anrufung der „Beratenden Kommission…“ durch die Erben des von den Nazis ermordeten ursprünglichen Eigentümers des Corinth-Gemäldes „Bachanale“ wird zugestimmt.

Oder besser
b) Der Anrufung der „Beratenden Kommission…“ durch die Erben des von den Nazis ermordeten ursprünglichen Eigentümers des Corinth-Gemäldes „Bachanale“ wird nicht zugestimmt. Vielmehr wird die sofortige bedingungslose Rückgabe des Gemäldes beschlossen, so daß sich ein Tätigwerden der „Beratenden Kommission…“ erübrigt.

2. Die „Problembeschreibung/Begründung“ enthält Formulierungen, die einer Korrektur bedürfen.

a) Angeblich ist „es faktisch zu keiner Verhandlung gekommen“. In Wirklichkeit wurden in der Zeit vom Dezember 2010 bis März 2015 insgesamt 28 Briefe bzw. E-Mails von meiner Kanzlei an Museum und Stadt geschrieben, die im gleichen Zeitraum mit 21 Briefen bzw. E-Mails beantwortet wurden.
Bereits am 19.11.2012 wurde mitgeteilt, dass die Stadt eine Rückgabe ins Auge fassen kann, wenn „zweifelsfrei geklärt ist, dass der historisch begründete Anspruch gegeben ist“. In der Folge wurden alle Zweifel ausgeräumt.
Am 15.12.2013 machten die Erben das Angebot, auf ihren Rückgabeanspruch zu verzichten, wenn sie eine Entschädigung in Höhe von € 210.000 erhalten.

Ein Gegenvorschlag vom 15.07.2014 sah vor, „das Gemälde den Nachfahren von Frau S. sel. A ohne finanziellen Ausgleich zu überlassen“. An diesen Vorschlag waren allerdings unannehmbare Bedingungen geknüpft.

Darauf schlugen die Erben am 21.08.2014 vor, der Stadt eine Abfindung in Höhe von € 65.000 zu zahlen. Das war etwa das Zehnfache dessen, was die Stadt beim Ankauf des Gemäldes 1957 gezahlt hatte. Dieser Vorschlag wurde später noch einmal wiederholt.

Nun forderte die Stadt am 17.11.2014 eine Abfindung in Höhe von € 150.000, was später auf eine prozentuelle Beteiligung an einem evtl. Versteigerungserlös bis zu € 150.000 präzisiert wurde.

Einen diesbezüglichen Vorschlag unterbreiteten die Erben am 15.12.2014, der wiederum nicht angenommen wurde.

Bereits am 03.12.2014 hatten die Erben angekündigt, die „Beratende Kommission …“ anzurufen, wenn es zu keiner Einigung kommen sollte. Gegen diesen Vorschlag erhob die Stadt am 05.12.2014 keine Einwände.

Und das alles sollen keine Verhandlungen gewesen sein?

b) Wiederholt werden in der Vorlage kritische Bemerkungen zur „anwaltlichen Vertretung der Erben“ gemacht. Dazu ist festzustellen, dass Mandanten, die sich zur Durchsetzung ihrer Restitutionsforderungen an einen Rechtsanwalt wenden, sich darauf verlassen müssen, dass dieser ihre Interessen nach bestem Wissen und Gewissen vertritt. Nicht der Anwalt fordert die Aushändigung des Gemäldes, sondern die Erben. Nicht dem Anwalt geht es „ausschließlich um die Realisierung eines größtmöglichen wirtschaftlichen Vorteils“, sondern den Erben. Man muss auch betonen, dass dieses Bestreben legitim ist. Nicht der Anwalt hat „ein Gesprächsangebot aus der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen …schroff abgewiesen“, sondern einer der Erben selbst, der absolut nicht verstehen konnte, was die Jüdische Gemeinde mit der Auseinandersetzung mit der Stadt zu tun hat. Übrigens hatte sich die Jüdische Gemeinde auch nicht an den Anwalt gewandt, sondern direkt an die Erben selbst. (Woher hatte diese bloß die Adressen?)

c) In der Vorlage wird bedauert, dass kein persönliches Gespräch zustande gekommen sei. Ein persönliches Gespräch mit den Erben, die sich gerade für eine anwaltliche Vertretung entschieden hatten? Sind sechs Telefonate, die alle von meiner Kanzlei ausgingen, kein persönliches Gespräch? Oder wollte ein Vertreter der Stadt nach Venezuela in die Provinz reisen, um sich dort mit dem Erben, der das „Gesprächsangebot aus der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen …schroff abgewiesen“ hatte, zu treffen? Oder sollte der Erbe, der nicht gerade in begüterten Verhältnissen lebt, nach Gelsenkirchen kommen, um sich dort anzuhören. daß die Stadt ebenfalls an der „Realisierung eines größtmöglichen wirtschaftlichen Vorteils“ interessiert ist?

d) Schließlich wird das Interesse der Stadt hervorgehoben, das Gemälde auch weiterhin in der Öffentlichkeit zu zeigen. Dieses Interesse wird durchaus von den Erben geteilt. Ihre Bemühungen, einen Käufer zu finden, der Gewähr dafür gibt, daß das Gemälde weiterhin auf immer oder von Zeit zu Zeit der Öffentlichkeit dargeboten wird, scheiterten bisher daran, daß es von der Stadt noch keine verbindliche Zusage und keinen Termin für eine Rückgabe gibt.

Sehr gut finde ich allerdings den Vorschlag aus dem am 16.06.2015 veröffentlichten Leserbrief von Frau Sabine Krämer-Kozlowski. Sie schlägt vor, das Bild zu kopieren und mit einer Hinweistafel zur Geschichte des Bildes auszustellen. Auf dieser Tafel könnten auch die Namen aller von den Nazis ermordeten Mitglieder der Familie des früheren Eigentümers vermerkt werden.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Prof. Dr. Fritz Enderlein
Rechtsanwalt

Die Tora von Herder

18. Juni 2015 – 1 Tammuz 5775
von Chajm
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Die Tora des Herder Verlags

Der Verlag Herder hat eine neue Ausgabe der Tora(h) auf den Markt gebracht. Eine Rezension von mir dazu gibt es hier bei der Jüdischen Allgemeinen.

Vor der Schoah erschien eine ganze Reihe von gedruckten Torah-Übersetzungen mit verschiedenen Ansätzen. Die verschiedenen Ausgaben lassen erahnen, wie rege und intensiv die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Texten war. Die Drucke waren oft hervorragend. Schön gestaltete Bände, sehr häufig mit Kommentar und hebräischem Originaltext. Das meiste davon in Fraktur gedruckt – natürlich. Das verhindert, dass man die alten Bände einfach nachdrucken konnte.

Und so ist es noch besser, dass es Verlage gibt, ein gewisses unternehmerisches Risiko eingehen, diese Schätze bergen und uns die Übersetzungen wieder verfügbar machen. Die Übersetzung von Ludwig Philippson (1811-1889) ist so ein Schatz. Recht flüssig zu lesen und unter Vermeidung vieler Wiederholungen. Wie man hier nachlesen kann, ist die sprachliche Überarbeitung gut gelungen.
Der revidierte Text begleitet im gedruckten Buch auch den hebräischen Originaltext der Torah und das ist gewissermaßen der Schlüssel zum Layout der gesamten Torah-Ausgabe.
Dieser wurde nicht für diese spezielle Tora-Ausgabe neu gesetzt, sondern schon im vorletzten Jahrhundert. Die Ausgabe von Max Me‘ir Halevi Letteris (1800-1871), die ab 1851 veröffentlicht wurde, lieferte den hebräischen Text.
Das gute daran ist, dass der Text von Letteris gut lesbar ist (siehe auch hier). Letteris wählte eine gute Schrift für seine Torahausgabe. Im Geist der Zeit und zur Internationalisierung griff er zu lateinischen Strukturhinweisen. Diese wurden auch in die Herder Ausgabe übernommen. Hier heißt es »Caput 1« statt Kapitel 1 und wie im Letteris-Original gehen auch die Wochenabschnitte im Text etwas unter. Sie stehen zwar oben auf dem Seitenrand, aber nicht explizit im Fließtext. Während bei Letteris die Aufrufe zur Torah im Text stehen, findet man sie in der Herder Ausgabe am Textrand.
Wenn eine Letteris-Seite ihr Ende findet, ist aber auch dann die Seite mit der Übersetzung beendet. Eine Neupositionierung des hebräischen Textes (und ein Auseinanderschneiden) hätte vermutlich bedeutet, dass man dies auch auf den folgenden Seiten hätte tun müssen. Oder einfacher ausgedrückt: Das hebräische Textvolumen gibt vor, wie viel Übersetzung auf der linken Seite steht.
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