Artikel

Jalta

Das Scheinwerferlicht der deutschen Öffentlichkeit ist ein kleiner Lichtkegel wenn es um das Thema »Juden« und »Judentum« geht. Das Interesse ist groß, aber das Problem des kleinen Lichtkegels ist, dass nicht alle gleichzeitig in ihm Platz finden. Egal wer da gerade angestrahlt wird, diejenigen, die im Dunklen stehen, sind der Meinung, die anderen gehörten nicht ins Licht. Auf dem Rand des Lichtkegels kann man sich nun hervorragend damit beschäftigen, warum man selber hinein gehört, wer nicht dazugehört und warum sich andere disqualifizieren. Oft fällt es leichter zu definieren, wer nicht hinein gehört und das macht natürlich auch mehr Spaß.

Die Frage lautet also – wer darf|muss|soll heute das Judentum, die Juden, jüdische Menschen in Deutschland repräsentieren? Nach Meinung einiger sieht die Antwort so aus:
Der heutige (gegenwärtige) Repräsentant des Judentums beschäftigt sich nicht ständig mit dem Thema »Schoah«.
Der heutige Repräsentant steht nicht für »Israel« und der heutige Repräsentant spricht nicht über »Antisemitismus«.
Schon gar nicht will er sich nicht vom Publikum erzählen lassen, wie man im Licht (der Öffentlichkeit) zu agieren habe.
Das beschreibt, natürlich sehr verkürzt, die Mission von »Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart«.
Mitherausgeberin Hannah Peaceman formuliert es so:

»Die Deutungshoheit zu Fragen, die Jüdinnen und Juden betreffen, wird in Deutschland allzu oft nicht-jüdischen oder aber konservativen jüdischen Stimmen überlassen. Nur einzelne Gegenstimmen zu dieser Marginalisierung und politischer Vereinnahmung werden im medialen Diskurs aufgegriffen.«
Jalta, Ausgabe 1, Seite 169

Die Deutungshoheit gegenüber wem? Der Öffentlichkeit gegenüber? Warum?
Das wäre doch ein hervorragendes Thema für diejenigen, die ohnehin im Schatten stehen. Sie werden nicht vom Publikum gesehen und können in Ruhe ihren Geschäften nachgehen, unanständige Sachen tun, schmutzige Texte schreiben, sich mit Kultur auseinandersetzen, Konventionen brechen wie noch nie jemand zuvor Konventionen gebrochen hat, sich mit anderen hinter den Kulissen zusammentun und Spaß haben.
Das hätte sich zu einer Zeitschrift, einem Magazin, verdichtet, wie es im deutschsprachigen Raum gebraucht wird. Ohne Rücksicht auf politische Korrektheit, mit den Themen, die heute bewegen.
Aber »Jalta« ist kein Magazin für diejenigen geworden, die einfach mal ganz unbeobachtet und ohne Filter mit denen kommunizieren wollen, die auch hinten sind. »Jalta« hat einen anderen Ansatz gewählt.
Man schreibt aus dem vermeintlichen Off für den Zuschauer und erklärt, wie es im Lichtkegel aussehen sollte.

Das, jetzt fast schon überstrapazierte, Bild des Scheinwerferlichts ist nicht ganz zufällig gewählt. »Jalta« kann man nämlich als Fortführung des »Desintegrationskongresses« im Berliner Gorki-Theater lesen. Dort diskutierte 2016 eine Gruppe von Leuten über die Themen »postmigrantische Gesellschaft«, »Selbstbestimmung« und »Emanzipation«. Man wollte hier wegkommen von den üblichen Allgemeinplätzen wie »Schoah«, »Antisemitismus« und »Israel«. Nebenbei wurde die Verbrennung einer wissenschaftlichen Ausgabe von »Mein Kampf« zelebriert. Wir sehen also: Der Willen zum Bruch von Konventionen war da.
Die Themen der Konferenz ziehen sich nun auch durch »Jalta«. Mehrfach ist die Rede von der »postmigrantischen Gesellschaft«, einem Begriff der in Berlin mit »postmigrantischem Theater« geprägt wurde und dort in den Kreisen zirkuliert, die sich künstlerisch damit beschäftigen. Die Macher der Zeitschrift halten den Begriff für bekannt.
Das Netzwerk der Konferenz hat zunächst einen Artikel in der ZEIT hervorgebracht. In diesem stellt Mirna Funk einen Kreis junger Juden als Kulturschaffende vor(»Wir lebenden Juden«) und hebt nebenbei ihre eigene Bedeutsamkeit und die ihrer Freunde (eben jener vorgestellten Menschen aus dem Artikel) hervor.
Kongress und Zeitschrift thematisieren Selbstbestimmung und die Emanzipation von einem Verständnis jüdischer Identität, das Juden in Deutschland eine feste gesellschaftliche Rolle zuweist – so sagten jedenfalls die Aktivisten und schreiben darüber viel in Jalta. Sehr viel. Eigentlich drehen sich viele Texte um das Zurückweisen von Zuschreibungen. Das ist etwa so, als würden deutschsprachige jüdische Blogger ausschließlich darüber schreiben, wie es ist, ein jüdischer Blogger in Deutschland zu sein und inhaltlich sonst nichts liefern.

Mitherausgeber Max Czollek schreibt in seinem Artikel »Desintegration« (der zwischendurch richtig Fahrt aufnimmt) über die Sicht der nichtjüdischen Deutschen (»Dominanzkultur«) auf sich und ihr Land zwischen Mahnmalen und Deutschlandfahnen.

Und wir Juden leisten einen wesentlichen Beitrag, dieses post-nationalsozialistische, deutsche Selbstverständnis zu stabilisieren. Indem wir all die born-again Deutschen ihrer eigenen Läuterung versichern, gibt es uns heute vor allem als Juden für Deutsche.
Jalta, Ausgabe 1, Seite 121

Dann fordert er, »sich nicht gebrauchen zu lassen« und definiert »Desintegration« als Befreiungsschlag von dieser Umklammerung des jüdischen durch die deutsche Öffentlichkeit. Es folgt eine Aufzählung von Dingen, die man tun muss, um sich zu befreien.
Über die Fahne Deutschlands soll man etwa wütend sein, weil die »scheiß Fahne« seit 2006 auf »jedem scheiß Produkt« zu finden sei:
»Unsere Rache sorgt dafür, dass die Tätergemeinschaft nicht zur Ruhe kommen kann. Keine Vergangenheitsbewältigung. Keine Juden für Deutsche.« Vielleicht ist das der Grund, warum die Kulturstiftung des Bundes sowohl »Jalta« mitfinanziert, als auch den nächsten Kongress im November 2017 (Radikale Jüdische Kulturtage).
Engagiert und theatralisch, aber wer Maxim Biller lesen will, liest dann Maxim Biller.

Der konkrete Gegenentwurf zu dem, was man ablehnt, bleibt vage und sehr theoretisch. Wir erfahren, die jüdische Gegenwart sei feministisch, queer und migrantisch. Also alles heiße Themen aus der Berlin-Blase, in politisch korrekter Gender-Schreibweise mit hartnäckigem Anhängen des Suffixes »innen« an (männliche) Substantive mit Sternchen, Bindestrich oder Unterstrich. Auch das Wort »Juden« wird pflichtschuldig mit dem Hinweis versehen, man meine natürlich alle Genderausformungen damit.
Wir lesen etwas über einen lesbisch-feministischen Schabbeskreis, über ein europäisches Netzwerk feministischer Jüdinnen, über Schäferhunde und Hundehaltung in Israel (womit wir doch wieder das Thema Schoah behandelt sehen und ein Israel-Thema), über die Women of the Wall, über einen Empowerment-Raum für queere, jüdische Menschen, über Heidegger und Antisemitismus, aber auch einen Artikel über Fritz Benscher. Interessant ist ein (extrem formaler) Artikel über »Organisationen und Initiativen junger Erwachsener in Deutschland« von Anastassia Pletoukina, der anscheinend aus einer wissenschaftlichen Arbeit ausgekoppelt ist.
Auch ein Aufsatz von Rabbinerin Elisa Klapheck über das Wort kadosch zeigt was möglich wäre, wenn man einfach mal einen Artikel schreibt, statt zunächst Abgrenzungen und theoretische Distanzierungen vorzunehmen. Ein wenig Lyrik und Kunst gibt es zwischendurch ebenfalls.
Der Verdacht liegt nahe, dass man also doch zum Publikum spricht und nicht zu den anderen Akteuren auf der Bühne. Das ist schade, denn so ein Format wird auf dem deutschsprachigen Markt dringend benötigt: Ein Leitmedium für Jüdinnen und Juden, die sich irgendwie für jüdische Themen interessieren. Darauf warten wir noch.

Enden wir mit Floskeln: Man merkt, das Format hat mich nicht abgeholt, aber es wird seine Berechtigung haben.

Artikel

Gabriel, Netanjahu und der Rix-Index

Kaum zu ertragen. Unangenehm, ein wenig eklig und vielleicht auch unnötig.
Ob ich den Vorfall zwischen Außenminister Gabriel und Benjamin Netanjahu meine?
Natürlich nicht!
Ich meine die Reaktion darauf und nicht nur das übliche »was ich den Juden schon immer mal sagen wollte und jetzt haben die sogar einen ganzen Staat voller Juden«-Entlastungsgeschreibe. Das war zu erwarten.
Ein Minister, dessen Aktivitäten in Deutschland sonst niemanden interessieren, fliegt ausgerechnet nach Israel und erfährt dort nicht die Liebe, die man erwartet. Gabriel, der ansonsten als personifiziertes Versprechen der Sozialdemokraten, dass sie in nächster Zeit keinerlei Ambitionen auf das Kanzleramt haben, wahrgenommen wurde, stand und steht nicht gerade im Fokus der Öffentlichkeit mit seinem Wirken.
Deshalb blieb auch unbeobachtet, dass Gabriel sich selbst als Anwalt der Palästinenser ins Game eingebracht hat, als Freund von Abass und eben nicht als unbeteiligte vermittelnde Kraft. Unvergessen dürfte auch sein Auftritt sein, bei dem er Israels Präsenz in Hebron »Apartheid« nannte. Während das in Deutschland unbeobachtet blieb, hat man das in Israel sehr wohl wahrgenommen und der Besuch bei »Schowrim Schtika – das Schweigen brechen« wurde deshalb anders betrachtet, als ein spontanes Treffen mit irgendeiner zufälligen NGO. In einem Staat, in dem jedes Kind zur Armee geht, jeder bei der Armee war und dessen Armee eine bessere Lebensversicherung ist als »nie wieder« Sprüchlein aus Europa, schaut man besonders kritisch auf diejenigen, die am Fundament dieser Armee sägen und dafür von Dritten bezahlt werden. War es bei Gabriel und seinem Stab – niemand glaubt doch ernsthaft, dass Gabriel alle Reisen selber plant – besonders taktlos und eine Provokation nach der Vorgeschichte, so war es bei Benjamin Netanjahu ein Elfmeter ohne Torwart. Leicht verdiente Punkte ohne großen Nachteil. Die Halbwertszeit von Gabriel als Minister und Player auf der politischen Weltbühne ist sehr überschaubar und die tatsächliche Politik bestimmt die Kanzlerin. Weiterlesen

Artikel

Mitgliederstatistik überrascht nicht

Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden 1955 – 2016

Nach Pessach veröffentlicht die ZWST traditionell die Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden für das Vorjahr. Wie viele Mitglieder haben die Gemeinden insgesamt? Wie viele hatten sie im Vorjahr? In der Gesamtbetrachtung kann man daraus eine Entwicklung ablesen. Und diese ist seit 2007 rückläufig. Seit diesem Jahr verlieren die Jüdischen Gemeinden Mitglieder. 2006 also hatten die Gemeinden mit 107.794 Personen die höchste Anzahl von Mitgliedern seit 1949. 2015 sank die Zahl erstmals unter die Grenze von 100.000. 2016 nun liegt die Zahl der Gemeindemitglieder bei 98.594.

Woran das liegt, ist offensichtlich. Die Anzahl der »Abgänge« übersteigt die Anzahl der »Zugänge«. Oder weniger euphemistisch formuliert: Es sterben mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Es fehlen mindestens 1244 Babys um das aufzufangen.
Zunächst die wichtigsten Eckdaten in der Übersicht:

2013 2014 2015 2016
Geburten 250 243 277 265
Sterbefälle 1244 1335 1476 1498
Übertritte 70 68 59 98
Austritte 418 528 422 412
Einwanderer 444 652 674 409
Auswanderer 150 169 142 187

Wo wir schon bei Babys sind: 1989 gab es in Deutschland 807 Kinder im Alter zwischen 0 und 3.

2016 waren es 1.051. Kling unspektakulär?
Dann formulieren wir das anders. 2016 hatten die Gemeinden mehr als als dreieinhalb mal soviel Mitglieder als 1989 (98.594 gegen 27.711). Wir könnten also 2.800 Kinder in diesem Alter erwarten…

Betrachten wir die Zu- und Abgänge im Detail für das Jahr 2016:

Zugänge versus Abgänge 2016

Und nun noch die Entwicklung der Zu- und Abänge: Hier wird leider eine Tendenz deutlich – bei einer kleiner werdenden Gesamtzahl – steigt die Zahl der Todesfälle.

Entwicklung der Zugänge und Abgänge

Für 2016 kann man festhalten, dass diese Entwicklung nahezu jede Gemeinde erfasst hat. Warum nahezu? Bevor diese Frage beantwortet wird, zunächst ein Blick auf »Gewinne und Verluste« auf Ebene der Landesverbände:

Landesverband 2015 2016 Differenz zum Vorjahr
Baden 5457 5383 -74
Bayern 8753 8709 -44
Berlin 9865 9735 -130
Brandenburg 1091 1224 133
Bremen 940 907 -33
Frankfurt/M. 6604 6503 -101
Hamburg 2445 2447 2
Hessen 4758 4676 -82
Köln 4077 4026 -51
Mecklenburg-Vorpommern 1412 1342 -70
München 9507 9485 -22
Niedersachsen 6843 6724 -119
Niedersachsen (liberale) 1233 1222 -11
Nordrhein 16311 16200 -111
Potsdam 416 414 -2
Rheinland-Pfalz 3181 3145 -36
Saar 918 894 -24
Sachsen 2560 2533 -27
Sachsen-Anhalt 1355 1340 -15
Schleswig-Holstein 1210 1161 -49
Schleswig-Holstein 748 698 -50
Thüringen 739 710 -29
Westfalen 6356 6251 -105
Württemberg 2916 2865 -51

Warum also nahezu? Weil es zwei Ausnahmen gibt: Eine davon ist Hamburg. Hamburg konnte seine Anzahl der Mitglieder von 2.445 in 2015 auf 2.447 im Jahr 2016 steigern. Zwei Personen kamen hinzu. Wenn man sieht, dass die Gemeinde Frankfurt am Main genau 100 Mitglieder verloren hat, dann mag man nicht mehr über einen Zuwachs von 2 schmunzeln. Eine weitere Ausnahme ist Brandenburg. Hier kamen 133 Mitglieder hinzu. Besonders Oranienburg hat Mitglieder hinzugewonnen. Potsdam hingegen massiv verloren. Hatte die Gemeinde 2010 noch 393 Mitglieder, so waren es 2016 nur noch 210. Es scheint, als müsste man bei der Planung der neuen Synagoge berücksichtigen, dass man die Infrastruktur für eine kleine Gemeinde anlegt.
Im Landesverband Nordrhein dürfte die Gemeinde Düsseldorf den größten Verlust von Mitgliedern erleiden. Waren es 2010 noch 7.080, so waren es 2016 noch 6.713. Und das obwohl Düsseldorf als Stadt eigentlich immer mehr Menschen anzieht.

Israelis und Berlin

Berlin liegt im Fokus wenn es um Israelis geht. Wie viele mag es dort geben? Die Jüdische Gemeinde Berlins (135 Mitglieder weniger als im Vorjahr) scheint nicht von dem Boom, sofern es einen gibt, zu profitieren. Da sie dementsprechend nicht bei der Gemeinde angemeldet sind, gehen sie auch nicht in die Statistik ein.

In Berlin waren am 31.12.2016 4.680 Personen mit israelischer Staatsangehörigkeit gemeldet. Israelis, die mit deutscher Staatsbürgerschaft in Berlin leben, dürften damit nicht erfasst sein (rein technisch sind sie ja auch keine Israelis mehr). Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg hat eine smarte Schnittstelle für Datensammler. Die folgenden Daten entstammen dem Einwohnerregister Berlins:

Bezirk Personen
01 Mitte 685
02 Friedrichshain-Kreuzberg 678
03 Pankow 566
04 Charlottenburg-Wilmersdorf 1319
05 Spandau 79
06 Steglitz-Zehlendorf 314
07 Tempelhof-Schöneberg 434
08 Neukölln 375
09 Treptow-Köpenick 54
10 Marzahn-Hellersdorf 32
11 Lichtenberg 70
12 Reinickendorf 74
Berlin insgesamt 4680

Sind sie alle Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Berlin? Natürlich nicht.
Wir machen die Gegenprobe. Für den 31.12.2014 hielt das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg fest, dass 3.991 Personen mit israelischer Staatsangehörigkeit lebten. Die Zahl hat sich also in zwei Jahren um 689 erhöht. Das müsste dann bedeuten, die Gemeinde hätte in zwei Jahren etwa 680 neue Mitglieder haben können. 2016 meldeten sich 215 Einwanderer (aus welchem Land sie kamen ist unbekannt) bei der Gemeinde an, 2015 waren es überhaupt keine. Also tatsächlich: Diese Gruppe kommt in der Gemeinde nicht an. Aber man stelle sich das vor?! Berlin hat 9.735 Mitglieder. Die Israelis könnten eine große Gruppe innerhalb der Gemeinde bilden und den Kurs erheblich beeinflussen.

Daten

Alle Daten kann man bei der ZWST nachlesen.

Artikel

War Luther Antisemit?

Titelblatt von Luthers: Von den Jüden und Iren Lügen

Diese Frage taugt nicht einmal dazu eine rhetorische zu sein: »War Luther Antisemit?«
Das fragt sich der »Arbeitskreis Christlicher Kirchen« in Gelsenkirchen tatsächlich und lädt unter dem Titel »Martin Luther und die Juden« und dem zitierten Untertitel am 25. April zu einem Vortrag des (freikirchlichen) Theologen Prof. Dr. Wolfgang Heinrichs. In der Ankündigung heißt es übrigens auch, die Einstellung Luthers gegenüber sei »sicher fragwürdig« gewesen. Vielleicht geht der Vortragende schonungslos mit dem Thema um. Zitiert vielleicht die größten Hits aus Luthers antisemitischem Schaffen? Damit ist aber eher nicht zu rechnen, wenn schon die Ankündigung so tut, als ginge es um eine Fußnote in der Geschichte des Reformators – der übrigens am 9. November Geburtstag hat. Ein Datum, dass man sich gut merken kann, wenn man sich für die Geschichte des Judentums in Deutschland interessiert.

Um zu erkennen, dass Luther Antisemit war, bedarf es nicht einmal seinem Werk »Von den Juden und ihren Lügen«:
Juden seien die »Grundsuppe aller losen, bösen Buben, aus aller Welt zusammengeflossen« (Aus: Vom Schem Hamphoras). Sie vergiften Wasser, stehlen Kinder und kundschaften christliche Länder aus. So kann man es jedenfalls in »Vom Schem Hamphoras« nachlesen.
Aber auch sein Dauerbrenner »Von den Juden und ihren Lügen« hat einiges zu bieten:

Was wollen wir Christen nun tun mit diesem verworfenen, verdammten Volk der Juden? […]
Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.
Zum andern, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben eben dasselbige darin, was sie in ihren Schulen treiben.
Zum Dritten, daß man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten.
Zum Vierten, daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren.
Zum Fünften, daß man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe.
Zum Sechsten, daß man ihnen den Wucher verbiete und ihnen alle Barschaft und Kleinode an Silber und Gold nehme.
Zum Siebten, daß man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel, und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nase.

Aus der »Vermahnung wider die Juden«:

Würden die Christen die Juden wissentlich weiter dulden, würden sie sich mitschuldig an ihren Verbrechen machen: Darum sollt ihr Herren sie nicht leiden, sondern wegtreiben.

Darum also ist selbst die rhetorische Frage lächerlich.
Kann das noch unterboten werden?
War Lenin Kommunist? Weiß Günther Jauch wirklich alles? War Mosche Dayan Israeli? War Julius Streicher ein Antisemit?
Vergessen wir nicht das Cover der Titanic vom Juli 2002: »Schrecklicher Verdacht: War Hitler ein Antisemit?«

»Aber schweig still hatender Blogger und politisch korrekter Leser« mag der Veranstalter gedacht haben und schiebt ein Detail nach:
Der Vortragende ist nicht nur akademisch auf dem Gebiet bewandert – Nein! – er ist irgendwie auch Betroffener. So hat man der Ankündigung noch ein weiteres Detail zu Heinrichs Familiengeschichte hinzugefügt:
»Er ist gebürtiger Gelsenkirchener. Seine Großmutter war Jüdin in Gelsenkirchen und überlebte mit ihren drei Söhnen den Holocaust.«
Halachisch also vollkommen irrelevant. Aber der Nimbus des jüdischen ist in der Welt. »Aha« wird man denken »irgendwie ist der dann Jude. Der muss es wissen.«

Die Nürnberger Gesetze waren nicht lange gültig, aber sie haben gereicht um Leute Sätze wie »Ich bin ja auch ein halber Jude« sagen zu lassen (nicht in diesem Zusammenhang). Irgendwie ist da etwas hängen geblieben. Vielleicht auch, dass »jüdisches Blut« auch in der übernächsten Generation kompetent macht. Das spielt eine akademische Karriere (die der Vortragende vorzuweisen hat und die sicher für sich gesprochen hätte) locker aus. Trotzdem man sich zuvor intensiv mit Antisemitismus und dessen Wirkung im Protestantismus befasst hat.

Ist also zu erwarten, dass die »sicher fragwürdige Einstellung« gegenüber den Juden, zu der Einschätzung führt, Luther sei Antisemit gewesen? Wer das glaubt, hat auch gedacht, das Thema würde beim Reformationsjubiläum ein zentrales Thema sein.

Hier das schlecht fotografierte Plakat:

Artikel

Eine fast affirmative Entgegnung zu »Zurzeit bin ich nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland«

Die ZEIT druckte in der vergangenen Woche den Text »Zurzeit bin ich nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland« von Maxim Biller. In dem Text schreibt Biller, die Kritiken an seinem Roman Biografie verrieten mehr über die Rezensenten als über das Buch selber. Sie stünden in einer gewissen deutschen Tradition der Literaturwissenschaft. Das Wort »Antisemitismus« fehlt natürlich nicht.

Der Text von Maxim Biller zauberte ein Lächeln in mein Gesicht. Ich stellte mir vor, wie einige Leser Gift und Galle spucken und der Text seltsame Hautausschläge und allergische Reaktionen hervorruft. Die »Großen« der deutschen Literaturwissenschaft werden hier immerhin kritisch beleuchtet.

Und tatsächlich. Das Feuilleton reagiert. In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt Rainer Moritz, Biller reagiere viel zu empfindlich auf Kritiker. Alles sei Billers Unfähigkeit zuzuschreiben und nicht der Tradition der Kritiker (jetzt mal stark vereinfacht dargestellt).
Andreas Platthaus von der FAZ fragt sich ernsthaft, ob Kritiker einen Ahnennachweis benötigen, ja er schreibt Ahnennachweis, vielleicht war das Wort Ariernachweis (in diesem Falle negativer Ariernachweis) zu verfänglich, um Biller zu rezensieren. Die Texte zeigen jedoch: Biller hat einen Nerv getroffen.

Liegt er etwa richtig?
Ich frage mich vielmehr, ob es nicht tatsächlich anders herum ist.
Die »Kritiker« tragen nicht die braun gefärbten Theorien der Altvorderen aus den 30ern und 40ern weiter und verpacken sie neu.
Vielmehr haben sie eine Umpolung vorgenommen. Sie sehen Biller natürlich noch immer nicht als »jüdischen Schriftsteller in Deutschland« oder als »deutschsprachigen jüdischen Autor«, oder »deutschen Autor jüdischen Glaubens« oder was auch immer.
Nein. Sie sehen in erster Linie das Wort »Jude« vor sich. Und das Wort »Jude« ist nicht mehr negativ belegt, sondern ausschließlich positiv.
Galt der Jude gestern noch als »zersetzender Intellektueller«, so ist er heute der »spitzfindige Intellektuelle«. Das sind doch alles kluge Köpfe! War er gestern »geizig«, so gilt »er« heute als kluger Geschäftemacher. Die Billerschen Kritiker geben hier nicht einer Ablehnung nach, sondern einer übersteigerten Liebe zu dem, was sie für »jüdisch« halten. Philosemitismus wird das genannt.
Da hätte Biller selber drauf kommen können. Immerhin veröffentlichte er 1988 den Text »Philosemitismus und kein Ende« im Tempo. Da ich 1988 noch ein Kind war und Tempo nicht immer lesen konnte, ist der Text (dankenswerterweise) nun (April 2017) in der Sammlung »Hundert Zeilen Hass« erschienen:

»Der Philosemitismus lebt […] bis heute. Er wurde im Laufe der Jahrzehnte an immer neue Generationen standesbewusster Bildungsbürger überliefert.« (»Hundert Zeilen Hass«, Seite 29)

Und so wundert es mich, dass Biller die Verrisse seines Werks »Biografie« nicht damit erklärt hat. Immerhin taugt die These gut, um andere spannende Phänomene in der gegenwärtigen Literaturszene zu erklären.
Das erklärt etwa, warum die meisten Rezensenten Lena Goreliks aktuelles Buch »Mehr Schwarz als Lila« als »virtuoses« Spiel mit Sprache feiern und »betroffen« davon sind, dass die Protagonisten in Auschwitz knutschten, während Tobias Kühn von der »Jüdischen Allgemeinen« das Buch als »nicht ausgereift« bezeichnet. Sehen die nichtjüdischen Rezensenten die Frage nach angemessenen Erinnerungskultur, so sieht die Jüdische Allgemeine hier, vollkommen berechtigt, ein Nebenthema ohne tiefgehende Ausarbeitung.

Oder Shahak Shapiras »Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen« dessen Selbstgefälligkeit hinter dem »Humor« (überhaupt – dieser jüdische Humor) offenbar niemand hat aufblitzen sehen. Das erklärt auch den Erfolg der »lustigen« Adriana Altaras. Lustig scheint ein Adjektiv zu sein, welches man ihr besonders gerne verpasst. »Lebenslustig« ist die schlimmere Steigerungsform. Irene Bazinger in der FAZ: »keine hohe Literatur« aber dafür »viel Zärtlichkeit und großer Witz«.

In dieser umgepolten Welt sind Juden in Deutschland in erster Linie »Opfer« und müssen sich dementsprechend verhalten. Ähnlich wie katholische Heilige, haben sie keinen Sex, nehmen insbesondere keinen »Sühnesex« engagierter deutscher Mädchen an, übervorteilen niemanden, sind meist brav und nett. Sie tun niemandem weh und erzählen vielleicht gerne mal einen »jüdischen Witz« (überhaupt – dieser jüdische Humor). Filthiness gesteht man nur den Juden aus den USA (Israel ist schon ein Grenzfall) zu. Deshalb darf Philip Roth Dinge schreiben, die Biller nicht schreiben darf.
Juden, die in das Bild passen, werden dementsprechend gefeiert. Autoren wie Biller nicht.

Die heftigsten Reaktionen zu meiner satirischen Artikelreihe zum jüdischen Alltag (»Neulich beim Kiddusch«) in der Jüdischen Allgemeinen erhielt ich von Nichtjuden. »Das kann man doch nicht schreiben« hieß es mehrfach. Der Protagonist war nicht immer der freundlichste Kerl und recht häufig ein ziemlich hochnäsig und herablassend. Warum sollte er sich auch anders verhalten?

Und hier schließt sich der Kreis zu Biller. Von beiden Polen kommend haben die Kritiker ein Problem, weil sie tatsächlich über sich schreiben und nicht über den Text. Auch bei »wohlmeinenden« Kritiken, weil der Autor das Klischee erfüllt. Aber es gibt natürlich Autoren und Protagonisten, die haben es sich in dieser Nische bequem gemacht.
Biller gehört definitiv nicht dazu.

Artikel

Gegen Antisemitismus – ach nö Digga

Antisemitismus ist wieder Thema, seitdem bekannt wurde, dass ein jüdischer Junge eine Berliner Schule deshalb verlassen musste (siehe etwa hier). Die Geschichte hat aber zunächst nicht in Deutschland für Aufsehen gesorgt, sondern schwappte aus dem Ausland zurück nach Deutschland. Und wie immer, wenn es um Antisemitismus geht, fragt sich die nichtjüdische Öffentlichkeit: »Wo kommt das her?« Ganz so, als sei das Phänomen neu. Zum Old School Antisemitismus in Deutschland, der sich häufig in abwertenden Kommentaren und Leserbriefen äußerte, manchmal in hässlichen Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen und an Wänden von Synagogen, selten in körperlichen Attacken und sogar Morden, kommt seit einigen Jahren ein neuer Antisemitismus hinzu. Der ist Ausdruck und Teil einer schrägen Jugendkultur in der das Wort »Jude« an sich schon ein Schimpfwort ist. Diese Jugendkultur speist sich aus einem importierten plumpen Antisemitismus aus dem Nahen Osten. Oft transportiert durch Medien aus diesen Ländern. Dort gehört Antisemitismus noch zum guten Ton in der Medienwelt – nicht selten staatlich gefördert und nicht immer Ausdruck einer Überzeugung aller Menschen – aber die Propaganda verfestigt sich irgendwann. Das ist ein Antisemitismus, der sich durch Pöbeleien, Beleidigungen oder Übergriffe zeigt. Viele dieser Fälle wurden aber nicht als antisemitische Straftaten eingestuft, sondern als politisch motivierte Straftaten. Ein Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal wurde jüngst nicht als antisemitischer Vorfall eingestuft. Eher als sehr sehr physische Israelkritik.
Sogar ohne diese politischen Vorfälle, wurden 2015 nahezu 1.400 antisemitische Straftaten registriert. Dennoch fragt man sich regelmäßig: »Wo kommt das plötzlich her?« und »Was können wir machen?«
Eine Antwort könnte lauten: Lasst uns das Problem erkennen und dokumentieren. Im nächsten Schritt gehen wir dagegen vor.
Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) ist so ein Projekt. Hier kann jeder einen Vorfall melden, auch wenn er nicht angezeigt wird. Etwa Vorfälle wie diesen:

Am 12. Januar wurde vormittags ein Kippa tragender Mann auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln unvermittelt von einem älteren Mann beschimpft. Der Betroffene wurde beim Überqueren der zu dieser Tageszeit stark belebten Straße, nahe des Neuköllner Rathauses, von dem Mann auf arabisch als „sharmota (dt. sinngemäß: Hurensohn) und „yahud“ beschimpft. Von den zahlreich anwesenden Passant_innen reagierte niemand. Der Betroffene ignorierte die Beschimpfung und setzte seinen Weg fort.

Auch für Hamburg wurde im Februar 2017 eine solche Meldestelle gefordert. Die CDU forderte »Juden müssen sich hier sicher fühlen«. Dafür sollte natürlich auch ein wenig Geld in die Hand genommen werden. Wenn die Gesamtgesellschaft ihre Verantwortung ernst nimmt, dann wäre es von der Forderung nach einer solchen Meldestelle ein kurzer Weg zur Umsetzung. In Hamburg war es jedoch nicht so. Dort beriet sich der Sozialausschuss und der Plan wurde nicht zur Umsetzung angenommen. Mit den Stimmen von SPD und Grünen. Die beiden (in Hamburg) regierenden Parteien waren der Meinung, eine »Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt« reiche aus. Dabei hat die einen anderen Fokus als der Vorschlag der CDU Hamburg.
Ist es die Furcht vor den Zahlen, die möglicherweise erhoben werden könnten?

Vor der Bundestagswahl ist das ein Hinweis darauf, wie ernst man den Kampf gegen Antisemitismus tatsächlich meint. Günstiger ist es natürlich zu sagen: »Woher kommt das nur?«

Artikel

Tatjana

Tatjana kannten die meisten Schüler der Oberstufe. Die meisten männlichen Schüler jedenfalls. 16 Jahre alt, Unterstufe, rote Haare, ein freundliches, offenes Gesicht. Sie wirkte ein wenig älter als ihre gleichaltrigen Mitschülerinnen. Weil sie nicht viel herumkicherte, wirkte sie etwas fokussierter und selbstbeherrschter als ihre Altersgenossinnen. Und obwohl es hieß, sie würde nach der Schule entweder lernen, oder irgendwelche Sachen in einer Kirchengemeinde machen, so sah sie dennoch nicht so aus, als wären ihr Äußerlichkeiten unwichtig. Die meisten gleichaltrigen Schüler waren damit überfordert. Die älteren fanden es gut. Deshalb waren die älteren auch diejenigen, die versuchten, sich zumindest mit ihr zu verabreden. Man kann nicht sagen, es gab einen Wettbewerb um sie, jedenfalls keinen, den man laut ausgerufen hatte. Sie war zu jeder Party der Oberstufe eingeladen und immer kam sie auch, aber ausnahmslos alle Annäherungsversuche wurden recht souverän abgewehrt.

Dann hatte es doch jemand geschafft sich ihr zu nähern. Sie fuhr zum »Kirchentag«. Das klang offenbar harmloser, als es in Wirklichkeit ist. Dort lief sie Reinold über den Weg und der schnappte sich Tatjana. Reinold fuhr ebenfalls mit der Gruppe der Kirche mit, denn Reinold war als Aufsichtsperson dabei. Reinold war Ende zwanzig. Reinold studierte Theologie. Bevor er das Studium antrat, hatte er bereits ein Leben. Das erschien den Oberstüflern weit weg. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann hatte er ein paar Jahre bei einer Bank gearbeitet. Das scheint ihm ins Blut übergegangen zu sein. Er ging auch als Student so aus dem Haus, als würde er gleich ein wichtiges Kundengespräch führen. Nicht viele tauchten bei einer Feier zum achtzehnten Geburtstag in Anzug und Krawatte auf.

Um sich weiter abzugrenzen, lautete sein Vorstellungssatz stets: »Ich bin Reinold, ich werde bald Pfarrer.« Tatjana war sichtlich stolz darauf. Ihre Eltern tolerierten das anscheinend. Immerhin war der Mann ja fast Pfarrer.
Reinold kam jetzt zu jeder Party mit. Wenn man mit Tatjana sprach, umarmte er sie immer von hinten und zog sie ein wenig zur Seite. Es war klar, was er damit zum Ausdruck bringen wollte.
Länger sprach niemand wirklich mit ihm. Zum einen, weil er seine Finger ständig über Tatjana wandern ließ und das Zusehen unangenehm war, zum anderen, weil er mit allen Leuten sprach, als habe er einen Erziehungsauftrag. Außerdem hatte er zu den meisten Themen recht konservative Ansichten. Die einzige Ausnahme schien die Beziehung zu einem jungen Mädchen zu sein. Da war er recht progressiv.

Fast täglich holte er sie von der Schule ab. Ihren Stolz konnte man sehen, wenn er mit dem Auto vorfuhr und sie hineinsprang. Von Reinolds Stolz braucht man gar nicht zu reden.

Von nun an lernte Tatjana nicht nur für sich, sondern jetzt auch mit Reinold für sein Studium. Manchmal brachte sie Bücher mit in die Schule »Einführung in das Alte Testament« oder Lernkarten für das Hebraicum.
Während sie sich durch reines Abfragen von Reinold, einen beachtlichen hebräischen Sprachschatz aneignete, rasselte Reinold zweimal durch die Prüfung für das Hebraicum. Auch die anderen Prüfungen liefen wohl nicht problemlos. Die Finger hätten wohl besser an die Bücher gehört.

Er verlor ein wenig sein Gleichgewicht. Zugleich auch sein Interesse an Tatjana. Die war mittlerweile 17 geworden und anscheinend recht selbstbewusst.

Tatjana traf ich einige Jahre nach der Schule wieder. In der Synagoge einer Nachbarstadt. Der indirekte Hebräischunterricht hatte Folgen hinterlassen und etwas in ihr in Bewegung gesetzt. Sie stand davor nach Israel zu gehen und war längst Jüdin geworden. »Schuld« daran war anscheinend Reinold mit seiner Lernerei. Die Beschäftigung mit dem Urtext fiel (zumindest) bei ihr auf fruchtbaren Boden.

Und Reinold selber? Das wusste sie auch nicht so ganz genau. Er hatte sich wohl kaum noch gemeldet. Eines wusste sie aber recht genau: Dass er wohl kein Pfarrer werden konnte, weil er die entsprechenden Prüfungen nicht schaffte. Lediglich ein Diplom in Theologie.

Betrachten wir beide Wendungen als gutes Ergebnis. Gam ze le’towahauch das zum Guten.

Artikel

Danke für Nichts, Jan Böhmermann

Welches Genie kam eigentlich auf die Idee, dass ausgerechnet Juden sich mit Kollegah über seinen Antisemitismus unterhalten sollten, nach dem Motto »Juden kümmern sich um ihren Kram«?
Und welcher Chochem war es, der ausgerechnet Kat Kaufmann und Shahak Shapira dazu nominierte?
Ach ja! Es war Jan Böhmermann. Als er seine eigene Hilfslosigkeit damit dokumentierte, diejenigen zu nennen, die ihm anscheinend am »jüdischsten« erschienen.

Diese »Zusammenkunft« fand sogar statt. Zusammenkunft erscheint in diesem Zusammenhang das einzig treffende Wort zu sein. Es war kein »Treffen« und schon gar keine »Diskussion«. Vielleicht trifft es das Wort »Audienz« eher. In dem dazugehörigen Video begrüßt Kollegah seine »Gäste«, während seine Gefolgschaft um den »Boss« und um sie herum angeordnet sind. Menschen, die große klassische Malerei gerne interpretieren, hätten ihre helle Freude daran, zu schauen, wie der »Boss«, wie Kollegah sich selber nennt, sich in Szene setzt.
Die Gäste zeigen gleich nach der offiziellen Begrüßung durch den Boss, welche Richtung das Gespräch nehmen wird. Sie versuchen, ein Stück seiner Coolness durch den Spiegeltrick (das Verhalten dessen imitieren, dem man sympathisch sein möchte) zu erhaschen. Dann folgt ein klassischer Griff in den Werkzeugkasten des Alphamännchens: So zu tun, als hätte man sich den Namen des Gegenübers gar nicht gemerkt, oder nicht richtig. So wird also »Shahak Shapiri« begrüßt und der korrigiert seinen Namen gleich »Shapira« und hat damit gleich zu Beginn des Gesprächs demonstriert, dass er nicht die Oberhand haben wird. Aber er versucht aufzutrumpfen indem er einen fragwürdigen Witz über sein Judesein macht: »Ist wie Tripper«– Kunstpause – »wird man nicht los«. In der Muppetshow schauen die Figuren nach solchen Kalauern mit offenen Mündern nickend ins Publikum. Ein Tusch fehlte.
Welche Rolle Kat Kaufmann einnahm, war nicht ganz klar. Entweder wollte sie einfach so cool wirken, dass sie keinen ganzen Satz äußern wollte, oder sie war einfach nicht in der Lage, einen vollständigen Gedanken auszuformulieren. Zu Beginn des Videos beteiligte sie sich kurz an Kritik am Zentralrat. Das erhält besonderen Drive, wenn man weiß, dass ihr Vater, Küf Kaufmann, Mitglied des Präsidiums des Zentralrats war (oder sogar noch ist).

Über Antisemitismus wurde dann aber auch gesprochen. Der Boss teilte mit, dass er kein Antisemit sei.
Wenig später verlautbarte er: »die einzigen, die sich immer in eine Opferrolle setzen, seid ihr Juden.« Seine Einlassungen über jüdische Anwälte seien eigentlich als Kompliment gemeint. Einfach, weil Juden die besten Anwälte haben. Weiterlesen

Artikel

Kaschrut und Politik?

Im deutschsprachigen Raum gibt es mehrere Kaschrutlisten; also Listen in denen man ablesen kann, welche Produkte nun koscher sind und welche nicht. Gemeinden und Organisationen verstehen das als Unterstützung der »observanten« Mitglieder.
Die Gemeinde Kahal Adass Jisroel hat eine erstellt, es gibt eine vom Bet Din Berlin mit Rabbiner Yehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch, die Israelitische Kultusgemeinde Wien gibt jährlich eine Liste (»Hamadrich«), es gibt eine Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (»Rabbi, ist das koscher?«), die Israelitische Religionsgesellschaft Zürich gibt ebenfalls eine heraus.

In anderen Ländern (außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz) gibt es mehrere Organisationen die koschere Lebensmittel zertifizieren und mit einem »Stempel« versehen. Natürlich geht jede dieser Organisationen davon aus, gründlicher zu sein als alle anderen und damit auch vertrauenswürdiger. Ob nun alle Kunden allen vertrauen, ist eine andere Frage. Man soll schon von Personen gehört haben, die Produkte mit bestimmten Zertifizierungen mit spitzen Fingern zurückgelegt haben und den Ladenbesitzer angeschaut haben, als würde der Schweinskopfsülze verkaufen.
Es ist ein Gerücht, dass es Listen gibt, welcher Kaschrutaufseher vertrauenswürdig ist, also keine Koscherliste für Koscherlistenersteller.

Umso erstaunlicher ist es, dass es Leute gibt, die bei Facebook fragen: »Warum brauchen wir jetzt eine zweite Kaschrutliste?« Oder: »Was ist die Absicht dahinter?« Man ist versucht zu antworten: »Aus welcher Parallelwelt kommt diese Frage?« Wie weit weg von der Realität ist denn das?
»Warum brauchen Sie noch ein Buch, Sie haben doch schon eines?«
Wie lautet die nächste Frage? Vielleicht: Warum setzen sich nicht einfach alle Beteiligten weltweit an einen Tisch und geben eine gemeinsame Liste heraus?
Jeder, der schon einmal eine Gemeindevollversammlung besucht hat, wird genau wissen, warum diese Frage naiv ist.
Aber zurück zum Hintergrund der Frage – der ist auch für mich ein wenig demotivierend – denn vor wenigen Wochen schrieb ich einen Artikel für die Jüdische Allgemeine, in dem ich einige Listen vorstellte und eine Vision für die Zukunft entwarf (alle Herausgeber stellen Daten zur Verfügung, Profis bauen daraus eine App). Wenige Tage später präsentiert sich eine nagelneue Liste im Netz und der Artikel ist schon wieder überholt. Nachdem sich lange nichts auf dem Gebiet getan hat und die neue Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz nicht nur inhaltlich überzeugen konnte.
Jetzt gibt es eine weitere (online): Die des »Vaad haKaschrut Deutschlands«. Hier gibt es (übrigens sehr smart gelöst) Listen von Produkten die »einfach koscher« sind, Listen mit Produkten die »koscher leMehadrin« (also besonders strikt) sind und Listen mit Produkten von denen die Hersteller sagen, sie seien koscher. Darüber hinaus findet man eine Liste aller Firmen, die sich beteiligte Rabbiner angeschaut haben.

Da müsste man eigentlich »Mazal Tov! Schkojach!«

Aber ich schrieb bereits: Manche fragen sich ernsthaft ob das sein muss. Der Hintergrund ist wohl eher politisch, denn der »Vaad haKaschrut« (die Kaschrutaufsicht) ist eine Einrichtung von Chabad und das scheint einigen (jetzt aufgepasst, thematisch passender Kalauer) »nicht zu schmecken«. Wenn es darum geht, es einfacher zu machen in Deutschland koscher zu leben, sollten wir doch eigentlich zufrieden sein, wenn es mehrere Organisationen gibt, die sich damit beschäftigen. Das erhöht Transparenz, die Zertifizierungen liegen nicht in einer Hand und sind somit hoffentlich keinen politischen Spielchen unterworfen.
Also alles gut und ein Angebot mehr verfügbar.