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Neuer Siddur mit deutscher Übersetzung – Tehillat HaSchem

Chabad ist Deutschland als Standbein wichtig. Um das herauszufinden, muss man nicht einmal mit den entsprechenden Rabbinern vor Ort sprechen. Allein schon die aufwendig publizierten Bücher zeigen, dass man in Deutschland Potential sieht. Da war zunächst eine Ausgabe des Buches »Tanja«, dann folgte »Den Himmel auf die Erde bringen« – wie die Tanja-Ausgabe ein Büchlein für bibliophile Leser.

Und nun kommt jenes Buch, welches im (jüdischen) Alltag (sofern man religiös ist) die wichtigste Rolle spielt: Der Siddur – das Gebetbuch. »Siddur Tehillat Haschem« ist das Standard-Gebetbuch der Chabad-Bewegung. Davon gibt es verschiedene gedruckte Varianten, aber die kommentierte ist besonders beliebt. Sie basiert auf der englischen, also zweisprachigen, Ausgabe. Diese wiederum hat auch eine nur-hebräische, eine spanische, französische und eine russische Ausgabe als Pendant. Nun also auch eine deutsche. Auf diese Weise hat ein gemischtes Publikum Bücher mit den gleichen Seitenzahlen und einem gleichen Layout.

Tehillat HaSchem Vergleich amerikanischer (Taschen-)Ausgabe mit deutscher Ausgabe. Gleiche Seite – gleiches Layout.



Innenansicht von Tehillat HaSchem – hier die Amidah

Und genau dieses Layout macht die Struktur der Gebete deutlich und versucht zugleich eine Brücke zu »alten« Ausgabe des Tehillat haSchem und Siddurim im Allgemeinen zu schlagen. Zahlreiche Beter wollen offenbar Siddurim die noch ein wenig so gestaltet sind, wie sie sich Siddurim immer vorgestellt haben: Eine hebräische Schrift, die nicht zu modern wirkt und trotzdem soll das Buch leicht zu verwenden sein.
Der Siddur von Artscroll war der erste, der deutliche und ausführliche Anweisungen gab, Textkästen einführte und den Leser durch das Gebet führte und auch mal ein Gebet mehrfach abdruckte, damit der Beter nicht ständig blättern musste. Zudem fügte Artscroll einen Kommentar hinzu. Dieser Siddur war, aus heutiger Sicht nicht der allerbeste Wurf, damals aber eine Revolution und wegweisend für spätere Projekte. Zudem hat man nach Artscroll verstanden: Um die Ideen der eigenen Bewegung weiterzutragen, eignen sich Kommentare und Erklärungen hervorragend. Artscrolls Ideen und Einblicke geben ja eine haredische Sichtweise wieder und die wiederum hat viele geprägt, die über die Siddurim Zugang zur Welt des jüdische Gebets erhalten haben.

Was eignet sich also besser, als ein Buch, welches man sehr häufig verwendet?

»Siddur Tehillat Haschem« versucht diejenigen zu bedienen, die gerade erst einsteigen und diejenigen, die schon Profis sind und muss deshalb gestalterisch beide Gruppe berücksichtigen:

  • Die Wahl der hebräischen Schrift folgt ebenfalls diesem Ansatz: Es ist eine erneuerte Variante einer klassischen Siddurschrift.
  • Anmerkungen sind deutlich erkennbar und hervorgehoben.
  • Einschübe in die Gebete für besondere Anlässe sind ebenfalls klar kenntlich gemacht und leicht zu verwenden.
  • Zu einigen Gebeten gibt es Transliterationen im Anhang. Der ungeübte Beter dürfte also durch das Gebet gelotst werden.

Tehillat haSchem – Innenansicht – hier der Anhang mit illustrierten Erklärungen

Der Einband scheint sehr stabil zu sein, die Seiten fassen sich gut an. Ein Lesebändchen ist ebenfalls eingebunden. Erneut und großes Projekt von Chabad und das ohne staatliche Zuschüsse oder Fördermittel. Offensichtlich wurde das Projekt durch private Förderer mitfinanziert.

Eine »Rezension« des Werks und eine Minieinführung in den Brauch dem dieser Siddur folgt, ist jetzt in der Jüdischen Allgemeinen erschienen. Diese kann man hier vollständig lesen.

Doch nicht genug!

Es gibt eine Ausgabe für Leser dieses Blogs!

Eine Ausgabe wurde freundlicherweise für Leser dieses Blogs zur Verfügung gestellt. Was man dafür tun muss? Das Formular ausfüllen (Name und Mailadresse). Über den »Random Number Generator« von Wolfram Alpha wird dann ein »Gewinner« ermittelt. Der Name wird nur dann veröffentlicht, wenn die Person nach Kontaktaufnahme damit einverstanden ist.

Ansonsten gibt es das Buch derzeit bei Books&Bagels zu kaufen (Link hier).

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Jetzt ist Fynn dran – warum diese Generation verloren ist

Schmuliks Cousine hatte die kleine Nurit bei ihm gelassen. Nur für ein paar Tage. Deshalb war der Spielplatz neben der Synagoge sein neuer Wirkungsraum. Immerhin gab es dort wlan. Irgendeiner der Nachbarn hatte das Netz FRITZBOX-Kellerwohnung nicht abgesichert.

Und dort auf dem Spielplatz reifte auch eine Erkenntnis in Schmulik. Nicht die, dass Kinder anstrengend sind, sondern die, warum Deutschland so ist, wie es ist. Alle wissen, die Grundlagen für Muster aus der Erwachsenenwelt, werden in der Kindheit gelegt.
Warum, das war schnell zu beobachten. Auf dem Spielplatz war immer viel los.
Es gab ein Gerüst, eine Wippe – und es wunderte Schmulik, dass man in Deutschland nicht dazu gezwungen wurde, mit Helm auf die Wippe zu steigen – ein riesiges Klettergerüst mit Seilen, Hängebrücken und einem kleinen Häuschen für pubertierende Jugendliche die an den Abenden im fahlen Licht der Handydisplays hockten und ungelenkt aneinander herumschraubten. Weiterlesen

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Ein Siddur für Amsterdam – ein gutes Vorbild

In diesem Sommer erschien ein (weiteres) Meisterwerk des Koren-Verlags: Eine Mischung aus Chumasch (also Torahausgabe) und Siddur für den Minhag (Brauch) der Portugiesischen Gemeinde Amsterdam.

Uninteressant für Deutschland?

Nein. Der Siddur ist für den deutschsprachigen Bereich durchaus auch interessant. Zum einen, weil es da doch Leute gibt, die sich vielleicht für die verschiedenen Minhagim interessieren. Mit der Portugiesischen Gemeinde Amsterdam haben wir einen alten Minhag ohne kabbalistische Einflüsse. So hat man Kabbalat Schabbat zwar übernommen, aber es besteht nur aus Lechah Dodi. Die Hawdalah ist ebenfalls anders. Einige Gebete werden zudem in einer anderen Reihenfolge gesprochen.
Hinzu kommt, dass einige Texte in portugiesischer Sprache gesprochen werden (etwas das Gebet für den König), oder Ankündigungen auf Portugiesisch erfolgen. Eine Liste dieser Ankündigungen (wann ist Minchah?) befindet sich ebenfalls in diesem Siddur.

Die einzelnen Aufrufe innerhalb eines Wochenabschnitts können sich von denen unterscheiden, die wir kennen. Die sind übrigens auch innerhalb des aschkenasischen Minhags stellenweise unterschiedlich – nur trägt kaum eine Ausgabe dem noch irgendwie Rechnung. In der neuen Torahausgabe des Herder-Verlags wurde das beispielsweise nicht berücksichtigt.

Zum anderen ist das Buch interessant, weil in Deutschland viele lokale Minhagim bereits verloren gegangen sind und es immer noch Menschen gibt, die nach einem gut gestalteten »jekkischem« Siddur sind. So gibt es zwar »Siddur Tefilas Yeshurun« von Rabbiner Hofmeister aus Wien und der Siddur ist auch hervorragend recherchiert, aber ein gutes Beispiel dafür, dass man zur Umsetzung wirklich jemanden fragen sollte, der sich damit auskennt. Ähnliches gilt für den Machzor Shivchei Yeshurun – großartiger Inhalt, aber nicht gut umgesetzt. Das Auge davvenent ja bekanntlich mit.

Der Weg, den die Portugiesische Jüdische Gemeinde Amsterdam ging, hat sich als richtig erwiesen. Begonnen hat ein einzelner Beter – Dr. Efraim Rosenberg – mit aschkenasischem Hintergrund. Er wollte aus vielen Büchlein und Kopien ein leicht zu nutzendes Buch am Rechner für seinen Vater zusammenstellen. Eigentlich für Sukkot, Pessach und Schawuot. Als er begann, merkte er schnell, dass es nicht bei einem einfachen Zusammenfügen von Texten bleiben würde. Andere Beter hatten ebenfalls Hinweise oder Korrekturen und so wuchs der Umfang des Materials recht schnell.

Detailansicht des Covers

Detailansicht des Covers

Das erste Ziel war nun die Zusammenstellung eines Siddurs speziell für den Schabbat und nicht mehr für die Feiertage – ein solcher Band soll wohl folgen. Und weil auch die Aufrufe und die Torahlesung einem eigenen Minhag folgten und auch heute noch folgen, sollte auch das umgesetzt werden. Da Dr. Rosenberg kein Gestalter ist, sondern Moleklularbiologe, wandten er und seine Mitstreiter sich an den Koren-Verlag und der machte aus den Unterlagen von Dr. Rosenberg ein großartiges Buch. Bei Koren konnte man sich vollkommen auf die Unterschiede konzentrieren. Der Verlag verfügt ja mittlerweile über eine riesige Sammlung von Texten vieler Minhagim (Bräuche). Hier kamen guter Inhalt, gutes Layout und große »Benutzerfreundlichkeit« zusammen. Ein großartiges Vorbild.

Der Artikel für die Jüdische Allgemeine ist hier zu finden.

Detailansicht einer Seite – mit dem Gebet für den König

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam

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Gedanken für den Weg

Chajm Zwi Hirsch Brojda war das Oberhaupt einer Jeschiwah in Kelm (Litauen), die wohl ein recht ungewöhnliches Programm hatte. Denn statt sich fast ausschließlich auf den Talmud zu beziehen, spielte der wohl nur eine untergeordnete Rolle und man wandte sich statt dessen Literatur zum Thema »Mussar« zu, also einer besonderen »moralisch-ethischen« Ausbildung. Schüler anderer Jeschiwot wurden mit Empfehlungsschreiben angenommen – es war also keine Jeschiwah für den durchschnittlichen Schüler.

Eben dieser Chajm Zwi Hirsch Brojda konnte offensichtlich großartig schreiben – er hat ein Büchlein für die Reise (mit der Eisenbahn) geschrieben. Es geht es um die Analogie der Eisenbahnreise und Lebensreise und was das Rauchverbot damit zu tun haben könnte. Ein Büchlein, dem man auch heute eine große Verbreitung wünschen würde. Denn die »Hast«, die Rabbi Brojda bei der Reise mit der Eisenbahn beklagt, hat nicht gerade abgenommen. Im Flugzeug liest sich der Text ähnlich gut. Hier hat man vielleicht auch mehr Zeit dazu. Und so beginnt Rabbiner Brojda:

Mein lieber Fahrgast, wenn Du jetzt deine Reise antrittst und behaglich im Zuge sitzest, und, als ob Du zu Hause wärest, ununterbrochen durch das Fenster schaust, staunst über die zurücgelegten Strecken des Weges und erst recht, wenn Du solche Fahrt noch nicht gewohnt bist, dann denkst Du wohl bei Dir, wer hätte wohl unseren Vorfahren in vergangenen Jahrhunderten gesagt, dass die Zeit auf ihren Fittigen uns solche Neuerungen bringen würde?

[…]

Wenn wir einen allgemeinen Überblick werfen über die Neuigkeiten, die unter der Sonne entstanden sind, so müssen wir fast den Erdball und was ihn füllt als eine neue Erde bezeichnen, in ihren Bahnen auf dem Festland der Länge und Breite nach, sogar unterhalb der Erde im Luftraum bis in den Himmel hinein, in ihren neuen Schiffen im Herzen des Meeres, die ihre Wege nehmen bis in die tiefsten Wasser, alle die Einrichtungen, die geschaffen wurden mit der Kraft der Elekrizität, das Telefon, und all dergleichen, die Erforschung aller Teile des Erdballes, die Wissenschaften Physik, Heilkunde, Sternkunde und dergleichen all das hat den Gipfelpunkt erklommen, so auch die kunstvollen Fertigkeiten in Gedankenarbeit und Ausführung in wunderbarer Entwicklung, also ib die Erde sich mit Erkenntnis gefüllt und ihre Weisheit unerforschlich.

Heute kann man das Buch hier online einsehen und vollständig lesen. Ich habe keine gedruckte Variante erhalten können (ich nehme gerne eine entgegen).

Gerne hätte ich den Text digitalisiert, aber das geht aus drei Gründen nicht:

  • Ich konnte nicht herausfinden, wer der Rechtsnachfolger des Verlags Itzkowski ist bzw. welcher Verlag nun die Rechte für die Bücher übernommen hat. Dementsprechend konnte ich die Einräumung dieser Rechte nicht erfragen.
  • Der Übersetzer, Dr. Abraham Michalski, starb 1961 in Tel Aviv. Er hinterließ keine Kinder und es ist aus jetziger Sicht nicht ermittelbar, wer seine Erben sind. Dementsprechend kann man die Einräumung der Rechte ebenfalls nicht erfragen. Die Rechte an diesem Werk dürften »verwaist« sein, allerdings ist es bei solchen Werken in Deutschland nicht erlaubt, sie zu nutzen.
  • Der Autor selber hat eine Warnung an denjenigen aufgenommen, der das Buch unerlaubt weiterverbreitet: »CHAZUWA (die Anfangsbuchstaben des Autoren) lähmt die Füße der Frevler (Traktat Bezah 25) – siehe Raschi – es ist ein Kraut, dessen Wurzeln senkrecht stehen und nicht in fremdes Gebiet übergreifen, darum warne ich jeden, mich zu benachteiligen und dies zu drucken ohne meine oder meiner Nachkommen Erlaubnis uns unseren oder anderen Ländern, bekanntlich ist dies auch nach Gesetzen der Regierung und ihren Vorschriften verboten. Und die darauf hören, sind gesegnet!«

Wer Abhilfe schaffen kann: Nur zu!
Auf dem Titelblatt steht Broda – die jiddische Schreibweise wäre jedoch Brojda.

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Miriam Magall – seligen Angedenkens

Wer Alfred Kolatchs »Jüdische Welt verstehen«, Rabbiner Me’ir Laus Werk »Wie Juden leben: Glaube – Alltag – Feste«, oder »Keine Posaunen vor Jericho: Die archäologische Wahrheit über die Bibel« in deutscher Sprache gelesen hat, der hat eine Übersetzung von Miriam Magall gelesen. Das dürften nicht wenige Leser gewesen sein. Sie hat es also durchaus zu Prominenz gebracht.

Aber nicht nur Übersetzerin war sie – sie hat auch eine Reihe von eigenen Bücher geschrieben. »Kindheit in Ägypten«, »Internationale Jüdische Festmahlzeiten« oder unter dem Pseudonym Rachel Kochawi »Das Brot der Armut. Die Geschichte eines versteckten jüdischen Kindes«. Die Geschichte dieses Buches war ihre Geschichte, denn sie (geboren im Dezember 1942) wuchs in der Nähe von Goslar als ein solches »verstecktes« Kind auf. Ihre Mutter Zelda, die aus Warschau kam, starb kurz nach der Geburt und ihr Vater wurde wenig später von den Nazis umgebracht. Eine Angestellte ihrer Eltern nahm sie bei sich als eigene Tochter auf und zog sie auf. Als Miriam 16 wurde, erfuhr sie, dass sie nicht die leibliche Tochter der Frau war, die bis dahin ihre »Mutter« gewesen ist. Zu diesem Zeitpunkt war Miriam allerdings schon weg von »zuhause«. Ihr »jüdisches Erbe« hatte sie sich selber erschlossen und erarbeitet. Der Weg, den sie dabei ging, war dabei keineswegs geradlinig.

Ihre erste Station war Genf, dann England. In Heidelberg und Saarbrücken ließ sie sich zur Übersetzerin ausbilden. 1969 nahm sie von Neapel aus ein Schiff nach Haifa und lebte dann in Tel Aviv. Dort arbeitete sie als Konferenzdolmetscherin. 1988 trennte sie sich von ihrem Mann und kam mit ihrem Sohn, nahezu mittellos, nach Deutschland zurück. Ging zunächst nach Heidelberg, war dort auch Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde. Dort studierte sie dann auch. Dieses Mal an der Hochschule für Jüdische Studien, sowie Germanistik und Kunstgeschichte.

2002 zog sie dann mit ihrem Sohn nach München und engagierte sich dort ebenfalls in der Gemeinde, arbeitete aber auch verstärkt an eigenen literarischen Werken. Ab 2010 tat sie das von Berlin aus. Hier schuf sie eine Übersetzung des Siddurs (der in diesen Tagen erscheint) – mit dieser Übersetzung wird ihr Name wohl für lange Zeit verknüpft bleiben.

Am 17. August 2017 starb Miriam Magall (זיכרונה לברכה) in Berlin an den Folgen einer Operation.
Möge die Erinnerung an sie ein Segen sein.

Meine »Begegnung« mit ihr war eher anekdotischer Natur und hing zusammen mit einer Reihe von satirischen Geschichten für die Jüdische Allgemeine.

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Auschwitz am Strand

Documenta13
By Cindybeau (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Franco Berardi (Jahrgang 1949) hat anscheinend ein Gedicht über Europa, diejenigen die über das Mittelmeer nach Europa kommen möchten und die Gesellschaft geschrieben.
Das Thema ist tragisch und extrem komplex. Täglich sterben Menschen, weil sie versuchen, das Mittelmeer mit Schlauchbooten zu überqueren. Die Boote, von Schleppern gestellt, sind überladen — es ist schon Abfahrt klar, dass die Menschen es nicht schaffen werden und trotzdem versuchen sie es.
Ist das Mut? Verzweiflung? Wahnsinn? Rücksichtslosigkeit?
Nicht alle kommen aus Ländern in denen Krieg oder Gesetzlosigkeit herrscht, aber Verzweiflung und Armut.
Und während wir nach einer Haltung dazu suchen, ertrinken jeden Tag Menschen und wir wissen davon. Das ist tragisch und muss gesellschaftlich diskutiert werden.
Was man aber auch sagen muss: Das Mittelmeer haben die Europäer nicht gegraben und mit Salzwasser gefüllt.
Fabio Stefano Berardi und Dim Sampaio greifen die Textarbeit von Franco Berardi auf und schreiben (hier):

Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.
von hier documenta14

Kunst muss schmerzhaft sein und auf Finger, vielleicht sogar eine ganze Faust, in Wunden legen – aber Kunst darf nicht dumm sein.
Erinnern wir uns – und es ist lächerlich, dass man das überhaupt formulieren muss – wofür Auschwitz steht: Für die industrielle Vernichtung von Menschenleben von Nordafrika bis Norwegen. Für einen komplexen Prozess, der geschaffen wurde, um Menschen aus ihren Herkunftsorten und ihren Herkunftsländern zu holen. Nur um sie dann effizient zu ermorden.
Das ist das, was auf dem Mittelmeer passiert?
Auf der documenta14 scheint man genau das behaupten zu wollen.
Einfach nur für den Schockeffekt?
Sieht so aus.

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Wie krank ist krank?

Ernst Ludwig Kirchner – Selbstbildnis als Kranker [GFDL, CC-BY-SA-3.0, FAL oder Public domain], via Wikimedia Commons

Wie krank ist krank? Natürlich klingt die Frage seltsam. Aber hier geht es vielmehr um eine Definition.
In vielen aschkenasischen Synagogen wird am Schabbat ein Gebet (ein Mischeberach nach der Lesung der Torah) gesprochen. Speziell für die »Kranken« der Gemeinde. Das ist eigentlich eine gute Einrichtung. Zunächst, weil man natürlich für eine schnelle Genesung betet und manchmal metaphysischer Beistand nicht schaden kann. Zum anderen, weil die Gemeinde nun davon weiß, dass jemand krank ist und die Person vielleicht Hilfe benötigt. Es gibt aber auch Strömungen, in denen das nicht üblich ist, am Schabbat ein solches Gebet zu sagen.
Dann gibt es aber auch die Fälle – und von denen spreche ich – die man in einigen Gemeinden mitsprechen kann. Namen, die seit Jahren auf der Liste der Kranken stehen. Der Zettel mit den Namen ist vielleicht schon ganz abgegriffen – oder sogar noch mit Schreibmaschine geschrieben. (Sollen all diese Menschen gesund bleiben und werden und lange leben!)

Nun interessierte mich aber, ab wann man auf der Liste der Kranken stehen sollte?
Mit einer Erkältung?
Mit einer chronischen Erkrankung?

Interessanterweise ist das weder bei Artscroll, noch bei Koren erklärt. Vielleicht gibt es ja Siddurim, in denen das erklärt wird?

Mein erster Anlaufpunkt war die Gruppe »Frag den Rabbiner« bei facebook. Bevor der Beitrag gelöscht werden konnte, antworteten zwei Rabbiner. Der eine wies darauf hin, dass man dieses Gebet ausschließlich dann sprechen solle, wenn befürchtet werden muss, die genannte Person werde den entsprechenden Schabbat nicht überleben. Der andere Rabbiner verwies darauf, dass man dementsprechend auch Tzedakah geben solle – ein Mischeberach sei ja kein Zauberspruch. Das sind beides Aspekte, die heute wohl etwas untergehen.
Dann wurde der Beitrag entfernt, ich hätte gerne mehr über Quellen dazu erfahren. Grundsätzlich werden meine Beiträge bei »Frag den Rabbiner« übrigens immer gelöscht. Offenbar spielt der Nasenfaktor doch eine Rolle.

Aber zurück zu den Kranken:
Rabbiner Ja’akow Emden (1697–1776) hat sich in den Sche’eilot Ja’awetz (64) dazu geäußert und meint, man solle nur dann beten, wenn die Situation des Kranken sich verschlechtert habe. Das Prinzip dahinter wird Tircha leTzibur genannt – »Belastung für die Gemeinde« – damit nicht genau das passiert, was heute so üblich ist: Ein langes ritualisiertes Verlesen von Namen von einer Liste. Wenn das schon in mittleren Gemeinden lange dauert, was passiert dann in großen Gemeinden?

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Eine Schwarze Liste mit Rabbinern

Israels Oberrabbiner David Lau
Wini [Public domain], via Wikimedia Commons

Das Oberrabbinat des Staates Israel – man kann es nicht oft genug sagen: Es ist das Rabbinat des Staates Israel. Es ist nicht das Oberrabbinat der Welt und diese Konstruktion wäre dem Judentum auch fremd. Jedenfalls hat dieses Oberrabbinat (s)eine schwarze Liste (Trejfe-Liste?) veröffentlicht. Auf ihr stehen Rabbiner, die in Sachen »jüdische Identität« – nach Ansicht des israelischen Oberrabbinats – nichts zu entscheiden haben und deren Schützlinge (Konvertiten oder Personen, deren Status geklärt werden musste) deshalb in Israel nicht jüdisch heiraten können. Wie das Rabbinat über einen Brief später mitteilte (siehe hier), ohne das Wissen von Oberrabbiner David Lau. In dem zitierten Brief heißt es, Angestellte des Rabbinats dürften solche Entscheidungen nicht allein treffen.

Auf der Liste stehen charedische Rabbiner, Rabbiner von Chabad (etwa Baruch Goodman) andere orthodoxe Rabbiner, konservative und Reform-Rabbiner. Es sind auch Schüler von Rabbi Mosche Feinstein auf der Liste – der steht nicht gerade in Verdacht, ein Reformer zu sein. Außerdem Rabbiner, die an der Yeshiva University unterrichten. Ebenfalls kein Hort der radikalen Reformer.
Ha’aretz hat sie in englischer Sprache veröffentlicht (siehe hier).

Wenn man sieht, wie viele Rabbiner in Deutschland arbeiten, dann ist die Liste recht kurz (6 Namen werden genannt). Es könnte natürlich bedeuten, die genannten Rabbiner wären zumindest als Rabbiner (durch das Oberrabbinat des Staates Israel) anerkannt und das wäre bereits eine große Sache. !Mazal Tov!
Dass Rabbiner auf der Liste stehen, die keine Vertreter des orthodoxen Judentums sind, das ist natürlich klar und keine Überraschung. Genannt werden etwa Rabbiner Sievers, Rabbiner Walter Rothschild und ein Rabbiner Neuman (gemeint ist vermutlich der frühere Ost-Berliner Rabbiner Jitzchak Neumann). Überraschend vielleicht, wer alles nicht auf der Liste steht? Man weiß es nicht.

Aber es gibt auch eine Überraschung. Rabbiner Dov Levi Barzilay – immerhin Mitglied der orthodoxen Rabbinerkonferenz – wird genannt.

Rabbiner Jonathan Sacks, der frühere Oberrabbiner Großbritanniens, steht hingegen nicht auf der Liste. Das zeigt wohl Großmut. Rabbi Sacks hat nämlich derartige Entscheidungen des (israelischen) sefardischen Oberrabbiners wiederum nicht anerkannt.

Die Veröffentlichung der Liste ist ein Indikator dafür, dass die Konflikte zwischen den Gemeinden außerhalb Israels und dem Rabbinat zunehmen werden. Das wird letztendlich kein Problem des Rabbinats sein, sondern ein Problem der israelischen Regierung. Eine zunehmende Entfremdung der Diaspora vom Land Israel wäre eine katastrophale Entwicklung.

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Talmudisches: Von Räubern und Dieben

Jeder kennt das Wort »Ganove«. Es kommt vom hebräischen »Ganav« und ist über das Jiddische ins Deutsche gelangt. Der Ganove ist ein Dieb oder jemand, dem man nicht trauen kann.

Auch im Talmud, etwa im Traktat Bawa Kamma (79ab), begegnen wir dem »Ganav«. Wie so oft im Talmud wird auch dieser Begriff ganz genau definiert, und wir sehen, dass es, verglichen mit dem heutigen Sprachgebrauch, mitunter Abweichungen gibt. Das zeigt wieder einmal, dass die Verwendung unkommentierter Übersetzungen eine heikle Sache ist.

Den gesamten Text findet man auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen, hier.

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Nach der Nicht-Antisemitismus-Debatte in der ARD

Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014

Den Plot kennt man aus einigen Filmen. Der Held wacht irgendwo auf und kann sich an nichts erinnern. Oder: Der Held kommt in seine Wohnung und überall ist Blut.
In beiden Fällen hat irgendjemand hat der Dame des Hauses die Lichter ausgepustet. Vielleicht hat er seinen Schlüssel fallen lassen und sich dann mit Blut vollgeschmiert, oder eine andere unbekannte Person liegt irgendwo tot herum. Die Indizien sprechen gegen unseren Helden, jedenfalls für die Strafverfolger. Wir Zuschauer wissen natürlich: Der ist doch unschuldig. Man müsste doch nur dies und das beachten. Wir verzweifeln mit unserem Helden. Er muss nun seine Unschuld beweisen, obwohl wir alle wissen, dass er das eigentlich gar nicht müsste. Meist hilft ihm irgendwann eine einzige Person, man kommt sich näher und dann… aber ich schweife ab. Wir als Zuschauer verzweifeln mit. Es ist alles soooooo klar.

So ähnlich fühlen sich diejenigen, die vom Antisemitismus betroffen sind und die öffentliche Diskussion darüber verfolgen. Ein Skandal, dass Kinder in Schulen für ihr Judesein gemobbt werden, die Schule verlassen müssen und sich dann anschließend die Eltern der Schule zu Wort melden und sich über die Rufschädigung beschweren. Verbunden mit einem Verweis auf den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis.
In Essen wurde schon vor längerer Zeit versucht, die Alte Synagoge anzuzünden – während einer Demonstration gegen den Staat Israel. In Frankreich gab es gar Tote.

Und dann setzen sich Leute zusammen und beschließen: »Ausrutscher« oder »nicht antisemitisch motiviert«, ja vielmehr sei all das eine Kritik am Staat Israel. Bevor man fragen kann, ob dies all das legitimiere, präsentiert man auch einen »Zeugen« (wir wechseln wieder in die Film-Metapher) aus der eigenen Familie. Der sollte eigentlich als Fürsprecher auftreten, doch er sagt: »Anderen ist schlimmeres passiert.« Hier wäre es Rolf Verleger, der mit einem Verweis auf Muslimhass antwortet, wenn er nach Antisemitismus gefragt wird.
Oder ein älterer Herr erklärt freundlich, warum gerade er als Deutscher den Staat Israel kritisieren darf, wenn er nach Antisemitismus gefragt wird.

Der Film mit unserem Helden wird ein Happy End haben. Er wird den Fall selber aufklären und die wahren Verbrecher überführen. Wie wird es mit unserem Thema sein?
Der Held soll kein Held sein. Er hat es versucht. Seinen Staat aufgebaut. Sich bemüht und wird dafür gehasst.
Und in Deutschland? Schwierig. Die Gemeinden schrumpfen ohnehin. Eine mündliche Solidaritätsbekundung der Regierung fängt keine Schläge ab und der Gegenwind wird stärker.