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Luach für 5780 und 5781

Gerade war noch Sommer, schon ist das jüdische Jahr vorbei. Obwohl es mittlerweile recht gute jüdische Kalender online gibt, greifen einige auch gerne auf gedruckte Büchlein zurück. Ein solches gibt es nun auch für die Jahre 5780 und 5781, also für die nächsten zwei jüdischen Jahre. Der Kalenderteil gilt also von September 2019 bis September 2021.
Enthalten sind alle jüdischen Feier- und Gedenktage, die Wochenabschnitte (Torahlesungen) und Hinweise zum jüdischen Jahreskreis, jeweils nach dem weltlichen Kalender organisiert.

Der Kalenderteil enthält zudem die Molad-Zeiten für die jeweiligen Monate, im Anschluss an den Kalender findet man noch eine Liste der Daten für jüdische Fest- und Fastentage bis ins Jahr 2026, die Schabbatzeiten für Basel, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Wien, eine Tabelle mit den Kapiteln der Torahlesungen und eine Liste mit den Haftarot des Jahres. Ach so, die Blattangabe für Daf Jomi ist ebenfalls enthalten, also die Angabe des täglichen Talmud-Blatts.

Bei Google-Books kann man in das Büchlein hineinschauen (hier).

Ach so, der Kalender kostet 5,50 Euro und ist, nach Bestellung im Buchhandel, nach zwei bis drei Tagen bei Euch. Mit dem Kauf unterstützt Ihr übrigens die Aufrechterhaltung dieses Blogs und talmud.de…

Bezugsquellen, neben dem lokalen Buchhandel:

Zusatzinformation: Der Kalender enthält keine Liste von Adressen jüdischer Gemeinden oder Organisationen.

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Ratsentscheidung gegen Antisemitismus

Natürlich ist jeder irgendwie gegen Antisemitismus. Selten begegnet man jemandem, der sagt, er würde einen gepflegten Antisemitismus schon schätzen. Vielmehr würde man auf jemanden treffen, der Sachen sagt, wie »Den Antisemitismus haben die Juden erfunden um die Menschen zu kontrollieren.« Aber das ist natürlich nur hypothetisch.
Nach einigen Vorfällen in Gelsenkirchen, hat nun die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (Gelsenkirchen) eine »Erklärung zum Antisemitismus« geschrieben, die von der Stadt Gelsenkirchen unterstützt werden sollte. Das war ein Tagesordnungspunkt der Ratssitzung vom 11. Juli 2019.
Die Erklärung (hier zu finden) ist sehr allgemein gehalten und mündet in keinerlei Aktion. Deshalb wirkt es wie ein Kommentar, wenn unter der Vorlage steht: »Finanzielle Belastungen: keine«. So heißt es etwa:

Wir stellen klar: Wer Jüdinnen und Juden und jüdisches Leben in Deutschland – in welcher Form auch immer – angreift, der greift die Grundlagen unserer Gesellschaft an, der tritt die Menschenwürde und Grundrechte aller mit Füßen.

Beschlussvorlage 14-20/7492

So weit, so harmlos.

Die Ratsfraktion der Partei »DIE LINKE « in der Stadt, will das nicht so allgemein stehenlassen und den Beschluss um folgenden Satz ergänzen:

Der Rat bekräftigt zugleich, dass sachbezogene Kritik an der israelischen Regierung oder ihrer Politik weiterhin zulässig und möglich sein muss und nicht per se als antisemitisch abgestempelt werden darf.

War denjenigen, die diese kleine Vorlage formuliert haben, eigentlich klar, dass schon die Behauptung, man dürfe den Staat Israel oder seine Regierung, nicht kritisieren, schon ein winzig kleiner Antisemitismus ist?
Was sagt das über den Antragsteller, wenn man bei diesem Thema sich nicht einmal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen kann und sofort sicherstellen will, dass man den Staat Israel weiterhin kritisieren darf, so wie man das auch regelmäßig mit Russland, Finnland oder Brasilien tut – ach so, stimmt, das macht man ja nicht. Also Gratulation! So sieht entschlossenes Handeln aus… nicht.

Ein paar Sätze aus dem vergangenen Jahr zu Gelsenkirchen findet man hier. Im Juni hat es ein Vorfall in die Lokalzeitung geschafft, weil es ein Gymnasium nicht geschafft hat, irgendeine Haltung zu antisemitischen Beleidigungen zu finden (siehe hier).

Nachtrag: Die »Entscheidung« zur Erklärung fiel einstimmig aus. Die Fraktion der Linken enthielt sich – ebenso drei Ratsmitglieder, die früher bei »Pro Deutschland« waren.

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Mittelmeer und Rettung

Wer einen einzigen Menschen rettet, dann ist es, als würde er eine Welt erretten.
Dieses Zitat aus dem Talmud (Sanhedrin 37a) wird in diesen Tagen viel zitiert, wenn es um Carola Rackete, die deutsche Kapitänin, geht, die den Hafen von Lampedusa ohne Erlaubnis der italienischen Behörden anlief – mit Flüchtlingen, die sie aus dem Mittelmeer gerettet hat. Carola Rackete verstieß mit ihrer Entscheidung, in den Hafen mit den Passagieren einzulaufen, gegen Seerecht. Das scheint unstrittig zu sein. Die Frage bleibt, ob dies tatsächlich verfolgt werden sollte – angesichts der Rettung der Menschen aus dem Mittelmeer und der Tatsache, dass die Menschen andernfalls vermutlich gestorben wären. Entweder im Meer, oder an der libyschen Küste. Die Kommentare bei Facebook und Twitter bieten hier keinen großen Mehrwert, es sei denn, man schätzt den Blick in den Abgrund.

Schauen wir also, was über das »ein-einziges-Leben«-Zitat hinausgeht.
Der Talmud ist an anderer Stelle aber etwas expliziter und wir brauchen unseren, doch vielleicht ein wenig überstrapaziertem, Spruch, nicht unbedingt.
Ebenfalls in Sanhedrin heißt es:

»Woher wissen wir, dass, wenn jemand seinen Nächsten in einem Fluss ertrinken sieht, wie ein wildes Tier ihn wegschleppt oder wie Räuber ihn überfallen, er dazu verpflichtet ist, den anderen zu retten? Weil die Torah sagt: ›Du sollst nicht neben dem Blut deines Nächsten stehen‹«

Talmud, Sanhedrin 73a

Das Zitat aus der Torah lautet tatsächlich:

Du sollst nicht neben dem Blut deines Nächsten stehen

Auch Maimonides greift es in seinen »Vorschriften vom Totschlagen und den Vorkehrungen gegen Lebensgefahr« (1,14) auf und hier wird das Meer auch als typisches Beispiel genannt:

Wer retten kann und nicht rettet, übertritt das Verbot: »Du sollst nicht gleichgültig beim Blut deines Nächsten stehen« (3. B.M. 19,16).
Das Gleiche gilt auch von demjenigen, der seinen Nächsten im Meer ertrinken, der Räuber und wilde Tiere über ihn herfallen sah, und im Stande gewesen wäre, entweder selbst oder mittelst bezahlter Leute ihn zu retten, dies aber nicht tat, ferner von demjenigen, der in Erfahrung bringt, dass Feinde gegen jemanden Böses im Sinne führen, oder ihm eine Falle zu legen beabsichtigen und er es ihm nicht anzeigt, noch ihn davon in Kenntnis setzen lässt, schließlich auch auch von demjenigen, welcher weiß, dass sein Feind oder ein Gewalttätiger einen Streich gegen seinen Nächsten auszuüben beabsichtigt, den er in Güte abzuwenden im Stande wäre, ohne dass er dies jedoch getan hätte. Alle diese nämlich, und ebenso ihres Gleichen, überschreiten ebenfalls das Verbot »Du sollst nicht gleichgültig beim Blut deines Nächsten stehen.«

Von den Gegnern dieser Arbeit wird immer sofort darauf hingewiesen, man dürfe nicht helfen, weil man dadurch andere, motiviere, es ebenfalls zu versuchen. Tatsächlich reicht das Benzin, welches die Schlepper den Menschen zur Verfügung stellen, bis in internationale Gewässer. Aber entbindet das von der Pflicht, den Menschen zu helfen?
Wohl kaum. Es ruft uns aber dazu auf, den Blick zu weiten. Sobald wir wissen, dass Menschen sich auf den Weg machen und vermutlich sterben werden, sind wir eigentlich gefordert dafür zu sorgen, das genau dies nicht passiert. Das muss jedoch nicht erst an der Küste beginnen. Nicht wenige beginnen ihre Reise ja nicht an der Küste des Mittelmeers, sondern sogar südlich der Sahara (siehe diesen Artikel im »New Yorker« dazu) und sterben schon auf dem Weg zur Küste in der Wüste. Die Wüste unterscheidet sich im Risiko wenig vom Mittelmeer. Aber sie ist weiter weg und die Körper der Toten werden nur von denen gesehen, welche ebenfalls die Wüste durchqueren. Seit 2014 beobachtet Frankreich übrigens mitten in der Wüste, in Madama, die Migrationsbewegungen. Ganz ahnungslos sind wir also alle nicht. Ein Nebenaspekt: Es gibt auch Fotografien von deutschen Flugzeugen in Madama.

Es kann kaum eine erzieherische Maßnahme sein, Menschen ertrinken zu lassen – zumal es den Schleppern egal sein dürfte, wie viele Menschen das Mittelmeer am Ende lebend durchqueren. Härtere Maßnahmen sorgen für höhere Passagepreise (siehe den Artikel von Sarah Stillman aus dem Jahr 2013 dazu), aber sie beenden nicht den Umstand, dass Leute in das Mittelmeer geschickt werden. Nachdem, was wir bisher gesehen haben, scheint es, als seien wir verpflichtet, Menschen zu helfen und wenn wir das selber nicht können, jemanden damit zu beauftragen (siehe Maimonides). Aber das soll natürlich nicht erst und nur im Mittelmeer beginnen. Diese Arbeit muss auch dort gemacht werden, wo die Menschen aufbrechen. Aber wie begegnet man Perspektivlosigkeit? Fluchtursachen bekämpfen heißt es oft. Aber was bedeutet das konkret? Ist Europa bereit für eine geregelte Einwanderung? Möglicherweise ja. Die Populisten sind es nicht. Aber ohne Regelung wird es mehr illegale Versuche geben, sich nach Europa zu bewegen.

Solange dies nicht geklärt ist, gilt natürlich »Du sollst nicht neben dem Blut deines Nächsten stehen«.

Zu diesem Thema gibt es übrigens derzeit keine Verlautbarung der Allgemeinen oder der Orthodoxen Rabbinerkonferenz – jedenfalls soweit ich das überblicken kann. Eine halachische Einordnung wäre vielleicht hilfreich. Warum gibt es sie bisher nicht? Es scheint für einige Leute nicht auf der Hand zu liegen, Leben zu retten.

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Der Read-On Skandal

Gibt es eigentlich den Begriff »Blogosphäre« noch?

Wenn es ihn noch gäbe, dann könnte ich prima schreiben »Ein Geist geht um in der deutschsprachigen jüdischen Blogosphäre und sogar in der gesamten deutschsprachigen«. DER SPIEGEL hat einen Beitrag über die Bloggerin, die über »Read on my dear, read on« bloggte, veröffentlicht.
Um es ganz kurz zu machen: Die Angaben über ihren jüdischen Familienhintergrund seien falsch. Geschichten über Verwandte etwa, die sich über die Schoah austauschten, einfach nur ausgedacht. Es gäbe überhaupt keine jüdische Identität, außer eine »behauptete«. Im Laufe der Zeit habe die Bloggerin sogar falsche Opfer an Yad Vashem gemeldet – um ihre eigene Geschichte zu untermauern. Damit wurde natürlich die Grenze des Erträglichen überschritten.
Für den normalen Mitleser relativierte diese Enthüllung auch die kleinen Schnipsel, wie das so ist, wenn man mit einer jüdischen Identität nahezu allein irgendwo lebt.

Zur »Enthüllung« kam es offenbar, als historische Fakten nicht ganz sauber dargestellt wurden und Leser darauf aufmerksam und skeptisch wurden. Letztlich scheint dann jemand aus der Blogleserschaft den SPIEGEL darauf aufmerksam gemacht zu haben. Übers Wochenende war dann die deutschsprachige jüdische Blogwelt um einen Blog ärmer – dabei gibt ohnehin kaum jüdische Blogs. Über Schabbat passierte einiges auf twitter, der Hashtag #readonmyfake zog Kreise. Nahezu jede und jeder, so fühlte es sich an, fühlte sich berufen, den Fall zu kommentieren.
Meine Lieblingskommentare begannen mit »Habe ich nicht gelesen, aber…«. Die üblichen Namen wurden gedroppt: Da gäbe es ja auch den Fall »Binjamin Wilkomirski« und »Misha Defonseca« und und… Aber auch der »Fall« Wolfgang Seibert wurde genannt. Nicht ganz uninteressant in diesem Zusammenhang. Denn wenn es stimmt, was wir zu Seibert gelesen haben, dann verwundert es mich, warum dieser Fall im Vergleich zur Causa »Read On« so wenig Aufmerksamkeit erzeugt und nur zu einem halbherzigen Rückzug vom Vorstandsamt gereicht hat.

Aber zurück zu »Read on«.
Ein wichtiger Aspekt wurde mir in einem Gespräch mit einem Journalisten klar. In diesem Gespräch habe ich gelernt: 
Der Betrüger spiegelt oft auch das, was die Betrogenen sich wünschen.
Ja, gibt es einen »Markt« für den sanften Schauder, wenn auf die Familiengeschichte zurückgeblickt wird. Es gibt auch einen »Markt« für diejenigen, die ohne Schranke an dem teilhaben wollen, was sie für jüdisches Leben halten. Die Projektion wird angenommen und genau das geliefert, was man sich wünscht.
Vielleicht kann man enttäuschte Erwartungshaltung auch in einem Text von Caroline Fetscher vom Tagesspiegel wahrnehmen. Der Text zur »Read On« Geschichte zeigt recht eindrucksvoll, mit welchen Konstrukten im Kopf die Leserinnen und Leser etwas »jüdisches« lesen. Aus den Zeilen scheint viel Enttäuschung zu sprechen. Statt zu thematisieren, dass es vielleicht um das süße Nektar »Aufmerksamkeit« geht, worum es natürlich immer geht, wenn man einmal davon gekostet hat und Blogger nun einmal Teil einer Aufmerksamkeitsökonomie sind, wird das ganze theoretisiert und künstlich aufgeladen.

Dabei geht es eigentlich um das unbelastete Thema »Brot«. Die Read-On Autorin hat nämlich auch ein Buch mit dem Titel »Kunstgeschichte als Brotbelag« herausgebracht. Mit Fotos von Instagram und twitter. Nutzer bauten mit ihren Butterbroten berühmte Bilder nach. Das ist unverdächtig. Nicht, wenn es um Juden im weitesten Sinne geht. Fetscher schreibt über das Vorwort des Buches:

 „Brot und die Deutschen, das ist die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung“ heißt es im Vorwort. Juden und Deutschland, das wird oft als die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung bezeichnet, und ohne dass der Vergleich hier gezogen wird, kann er sich aufdrängen.

tagesspiegel.de

Dieser Vergleich drängt sich überhaupt nicht auf – bis jemand zwischen dem Satz »Brot und die Deutschen, das ist die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung« und der Schoah einen künstlichen Zusammenhang herstellt. Es dürfte doch bekannt sein, dass es in Deutschland die meisten Brotsorten überhaupt gibt? Der Verlag GU titelt etwa: »Die Deutschen und ihr Brot – Ein unschlagbares Team«.

Wir erfahren also durch solche Sätze ein wenig über die Autorin und verstehen auf diese Weise vielleicht ihre grenzenlose Empörung.
Dabei ist Empörung eine Emotion, die man hier nur kurzfristig walten lassen darf. Langfristig sollte man sich fragen, was man selber beigetragen hat. Welche Erwartungen hat man da spiegeln lassen?
Weiter heißt es:

Auf alle Fälle lässt das groteske Spiel der Verzerrung und Vergröberung der sich plump und absichtlich als Fälschung zeigenden Brotbilder Rückschlüsse auf den Spieltrieb zu, mit dem Hingst ihrer Groteske konstruierte, indem sie künstliche Geschichten als Broterwerb betrieb.

tagesspiegel.de

Das ist natürlich eine groteske Konstruktion. Dabei irrt Fetscher schon in der einleitenden Überschrift: »Bloggende Hochstaplerin Marie Sophie Hingst«. Hier bloggt keine Hochstaplerin. Der Blog war oder ist die Hochstapelei. Semantisches Mimimi vielleicht, aber es gibt diese Hochstapelei ja nur wegen des Blogs und es ist keineswegs nur eine Begleitung einer Hochstapelei irgendwo im Real Life.


Eines kann man sich für die Zukunft merken: Wenn das Geschriebene geiler ist als die eigene Realität, dann ist es – sehr wahrscheinlich jedenfalls – nicht die Realität, sondern eine sehr dringlich herbeigesehnte Fiktion. Das beginnt im ganz kleinen, etwa in den zahllosen »Stolz-auf-mein-Kind-Tweets« – hier ein fiktives Beispiel – (erzählt mir nicht, dass alle diese Tweets wahr sind)

»Die kleine Joeline (2. Jahre) hat einen Obdachlosen gesehen und zu mir gesagt: Mama, wenn Leute wie Carsten Maschmeyer mehr Steuern zahlen würden, dann müsste der Mann nicht draußen schlafen. Ich bin soooo stolz.«

geht weiter bei modifizierten Darstellungen der Realität. Selbst im Abschlussbericht zum »Fall Relotius« wird klar, dass »Verdichtung« zur Verbesserung einer Reportage durchaus gehören durfte.
Das hört bei den großen Geschichten auf. Wenn dir jemand ständig Geschichten über seine spannenden Begegnungen erzählt, die er hat, wenn er mit Kippah durch die Gegend reist. Voller ungeahnter Wendungen und Zufälle. Dann könntest Du ahnen, dass sie vielleicht ein wenig ausgeschmückt sind. Es soll auch Menschen geben, bei denen einfach gar nichts passiert, oder nicht immer auf belesene, eloquente Menschen treffen.

Der Read-On Skandal erzählt viel darüber, wie draußen jüdisches gesehen wird, er erzählt vieles über das Verhältnis von Bloggern die es weit bringen wollen, zu ihren Lesern.
Er erzählt aber keine Geschichte darüber, wie ausschließlich ein Mensch alleiniger »Täter« war und alle anderen die arglosen Opfer.

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Dieser Samstag ist »Trag eine Kippah-Samstag«

Gibt es keinen Kommentar zum Ausnahmsweise erscheint ein Kommentar zur Äußerung von Dr. Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, in der Öffentlichkeit keine Kippah zu tragen? Doch natürlich.
Aber ausnahmsweise einmal nicht in diesem Blog, sondern im englischsprachigen Blog bei der Times of Israel – hier.

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Die Legende von Rabbi Akiwa

Pünktlich zu Lag BaOmer ist es verfügbar!
Ein e-Book mit dem Titel »Die Legende von Rabbi Akiwa«. In diesem Büchlein (darf man ein e-Book »Büchlein« nennen?) erzählt Emil Bernhard Cohn (er war Rabbiner in Bonn, Essen, New York und später Dozent für Hebräische Literatur an der Stanford University in Palo Alto), das Leben von Rabbi Akiwa spannend nach. Von seiner »Erleuchtung«, bis zu seinem grausamen Tod durch die Römer. Cohn hangelt sich dazu an den Stellen aus Midrasch und Talmud entlang, die etwas über ihn verraten. In einem kleinen Anmerkungsteil habe ich diese Stellen identifiziert und angemerkt. So könnte der geneigte Leser im Talmud diese Stellen finden. Zusätzlich gibt es die Schilderung seines Martyriums als übersetzten Text aus dem Talmud. Da es das Buch bisher nicht (mehr) zu kaufen gab, habe ich nun diese »erweiterte« und Fassung veröffentlicht. Die Orthografie wurde stellenweise etwas aktualisiert. Ich denke derzeit nicht, dass es für eine gedruckte Version ausreichend Nachfrage gäbe.

Moment! Das e-book kostet ja Geld?! Ja. Manchmal gibt es kommerzielle Projekte. Die ermöglichen dann den Betrieb von talmud.de und dieses Blogs. Das finde ich etwas smarter, als schnöde Werbung zu schalten. Direkt nach Geld werde ich sicher nicht fragen.
Sicher wird es den Text auch auf talmud.de geben. Aber in der Aufbereitung und Bearbeitung steckte auch ein wenig Zeit.

In Kürze sollte es das Buch in allen deutschsprachigen Shops für e-Books geben.
Ihr findet es etwa hier:

Danke für Eure Aufmerksamkeit für diesen kleinen Werbeblock.

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Mitgliederstatistik 2018

Entwicklung 1955 – 2018

Die Zahl der Gemeindemitglieder geht, wie erwartet, in größeren Schritten zurück. 1.596 weniger Mitglieder hatten die Gemeinde im Jahr 2018 als noch 2017. Das wäre ein Rückgang von 1,7 Prozent. In den Vorjahren lag der Rückgang rund um die »Ein-Prozent-Marke«. Eine Überraschung gibt es jedoch. Die wird erst weiter unten enthüllt.

Jahr Anzahl
2009 104.241
2010 104.024
2011 102.797
2012 102.135
2013 101.338
2014 100.437
2015 99.695
2016 98.594
2017 97.791
2018 96.195

Verlassen etwa so viele Juden das Land? Nein. 151 Mitglieder von jüdischen Gemeinden haben 2018 das Land verlassen.

Auswanderer 2009 – 2018

In der Übersicht erkennt man, dass Auswanderungen weniger ins Gewicht fallen als Austritte und Sterbefälle.

Verluste der Gemeinden 2018

Im Detail. Die Anzahl der Geburten geht weiter zurück und die Zahl der Sterbefälle steigt leider:

Geburten im Vergleich

Jahr Sterbefälle Geburten
2008 1038 171
2011 1195 212
2012 1282 199
2013 1244 250
2014 1330 241
2015 1476 277
2016 1498 265
2017 1505 251
2018 1572 227

Die größte jüdische Gemeinde in Deutschland – Überraschungen

Die Zahlen für die Stadt Düsseldorf aus dem Jahr 2017 müssen leider revidiert werden. Hier gab es wohl auch ein Problem bei der Erstellung oder der Vorlage der Zahlen. Im Jahr 2017 gewann die Gemeinde Düsseldorf, laut Statistik, massiv an Mitgliedern. Das hat sich leider als falsch erwiesen. In diesem Jahr erhalten wir korrigierte Zahlen. Dafür hat Köln massiv an Mitgliedern gewonnen (warum?). Dennoch bleibt Düsseldorf eine Top 6 Gemeinde.

Allerdings ist spannend zu sehen, welche Gemeinde die größte in Deutschland ist.

Berlin?

Nein. Seit 2018 nicht mehr. 152 Austritte und 160 Todesfälle. Aber nur insgesamt 108 Zugänge, davon nur 15 Geburten (!) und 77 Zuzüge aus dem Ausland, hinterlassen Spuren.
München hat Berlin abgelöst. München wächst zwar nicht, aber schrumpft nicht so stark wie Berlin.

In Berlin gab es 2018 1,6 Austritte pro 100 Gemeindemitglieder zu verzeichnen. In München waren es hingegen »nur« 0,3 pro 100 Gemeindemitglieder. In Berlin sind 49 Prozent der Mitglieder älter als 60 Jahre. In München sind es 43 Prozent. Aber dennoch: In Berlin passiert eine Menge jüdisches Leben. Zahlreiche Gruppen und Initiativen senden Impulse aus. Oft außerhalb der Gemeinden. Aus München liest oder hört man weniger von kleinen Gruppen außerhalb der Gemeinde. Es kann auch sein, dass diese nicht so sehr stark wahrgenommen werden.

Hier in der Übersicht:

2015 2016 2017 2018
München 9507 9485 9365 9316
Berlin 9865 9735 9526 9255
Düsseldorf 6800 6713 6713 6695
Frankfurt am Main 6604 6503 6464 6428
Köln 4077 4026 3970 4100
Hamburg 2445 2447 2422 2383

(In der Übersicht habe ich für das Jahr 2017 bei Düsseldorf den Wert des Vorjahres eingetragen, da er für 2017 nicht stimmte)

Rekorde?

Die (liberale) jüdische Gemeinde Pinneberg hat sich innerhalb eines Jahres halbiert. Hatte sie 2017 noch 250 Mitglieder, so hatte sie 2018 nur noch 112 Mitglieder.
Das bedeutet für den entsprechenden Landesverband, dass dieser im vergangenen Jahr 13 Prozent seiner Mitglieder verloren hat. Wir erinnern uns, dass die Gemeinde Pinneberg im vergangenen Jahr einen kleinen Skandal hatte.
Der gesamte Landesverband dieser Gemeinde lohnt einen Blick. Das ist der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein. Der Gegenpart zum einheitsgemeindlichen »Landesverband Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein«. Die Judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa lassen grüßen.
Dieser Landesverband verzeichnete nicht nur die meisten Austritte, er hat auch keine Geburten zu verzeichnen. Hier stehen 12 Zugänge 566 Abgängen gegenüber.

Seit 2011 sieht das so aus:

2011 2018
Ahrensburg-Stormarn 18 20
Bad Segeberg 216 183
Elmshorn 49 43
Kiel 133 208
Pinneberg 256 112

Altersstruktur

Altersstruktur 2017/2018

Baden-Baden fällt auf. 61 Prozent der Gemeindemitglieder sind älter als 60 Jahre. Die Gemeinde verliert weiterhin Mitglieder. Für alle Gemeinden Deutschlands gilt übrigens, dass 48 Prozent der Gemeindemitglieder älter als 60 Jahre sind. Die Gemeinde hatte 2011 1.001 Mitglieder. 2018 waren es 999. Hier scheint es ein paar günstige Faktoren zu geben.

Im Februar 2019 wurde in Regensburg eine neue Synagoge eröffnet. Hier sind 38 Prozent aller Mitglieder über 60 Jahre.

Überlegungen zu Schlussfolgerungen habe ich bereits hier angestellt – aber man kann es nicht häufig genug wiederholen – die Infrastruktur muss auch abwärts skalierbar sein, damit die Einrichtungen auch in fünf Jahren noch betrieben werden können. Ressourcen, sowohl menschliche, als auch finanzielle, müssen für Projekte eingesetzt werden, die sich in die Gemeinden hinein richten.

In Ballungsräumen wären möglicherweise »Fusionen« ein gutes Mittel, um Kosten für Infrastrukturen zu senken. Fusionen bedeuten allerdings auch, dass sich zwei Vorstände für ihre Gemeinden einigen müssten und am Ende einer die Gemeinde leitet. Da sind Leute gefragt, deren Sorge in erster Linie der Fortbestand der Gemeinde ist.

Die Statistik der ZWST gibt es hier, auf zwst.org. An dieser Stelle einen Dank an die ZWST für die Transparenz.

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Ein Siddur als Begleiter

Siddurim, also Gebetbücher, habe ich mehr als eines. Viele von ihnen lassen »Siddur Sefat Emet«, den Siddur, der lange nahezu der einzige im deutschsprachigen Bereich war, tatsächlich antiquiert erscheinen. Sie sind einfacher zu verwenden und zeitgemäßer gestaltet. Neuere Siddurim enthalten sogar »mehr« Text, also Kommentare und Verweise auf Quellen. In einigen sind sogar Bakaschot abgedruckt, also »persönliche« Gebete.

Diese Ausgaben verwende ich auch gerne, aber einen Siddur trage ich »immer« mit mir herum. Die Kleinausgabe des »Siddur Sefat Emet«.
Noch gedruckt auf dünnem Papier (um das Jahr 1995 herum), sehr handlich, nicht zu dick. Es passt in jede Tasche und kann deshalb überallhin mitgenommen werden.
Bei einem Besuch des Castello di Gradara (in Italien) regnete es in Strömen. In der Außentasche des Rucksacks war der Siddur. Vollständig durchnässt. Im Zimmer wurde das Büchlein dann mit einem Föhn behandelt.
Auf einer anderen Reise stopfte ich eine Flasche Sherry in meinen Rucksack. Eigentlich gut eingerollt in Zeitungen und Papieren. Das Glas der Flasche war jedoch außergewöhnlich dünn. Erst als Menschen auf meinen tropfenden Rucksack zeigten, war klar, die Flasche war zerbrochen. Der Siddur war wieder vollständig durchnässt. Aber Tefillat haDerech das Gebet für die Reise konnte man immer sagen. Das Büchlein roch noch Monate danach nach Sherry, aber verklebte nicht vollständig. Ich würde sogar sagen, dass es heute noch ein wenig danach riecht.
An den Seiten erkennt man natürlich trotzdem, dass sie einmal nass geworden sind.
Für jeden Buchfreund vermutlich der totale Albtraum – aus meiner Sicht verleiht es dem Siddur einen eigenen Charakter. Weil das Büchlein eben auch in die Jackentasche passte, ging es mit auf freudige, aber auch einige traurige Ereignisse.

Irgendwann später habe ich mir die gleiche Ausgabe erneut bestellt. Aber siehe da. Das Papier war etwas anders. Das Buch roch anders und obwohl der Inhalt und die Größe identisch sind, nehme ich doch weiterhin das Original. Man kann es halt nicht einfach so austauschen, auch wenn ansonsten gerne auch andere Ausgaben verwendet. Es ist halt nicht mehr nur eine Wiedergabe von Texten, sondern etwas persönliches. Nicht nur Gegenstand, sondern irgendwie auch Teil von einem.

Natürlich hat auch der Einband stark gelitten und musste schon mehrfach vollkommen unprofessionell geklebt werden. Auch hier gilt: Wer sich mit der Restaurierung und Konservierung von Büchern auskennt, bekommt Schnappatmung. Vielleicht muss halt doch irgendwann ein anderer Einband her – aber das wiederum verändert das Büchlein. Schwierig.