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Nach der Nicht-Antisemitismus-Debatte in der ARD

Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014

Den Plot kennt man aus einigen Filmen. Der Held wacht irgendwo auf und kann sich an nichts erinnern. Oder: Der Held kommt in seine Wohnung und überall ist Blut.
In beiden Fällen hat irgendjemand hat der Dame des Hauses die Lichter ausgepustet. Vielleicht hat er seinen Schlüssel fallen lassen und sich dann mit Blut vollgeschmiert, oder eine andere unbekannte Person liegt irgendwo tot herum. Die Indizien sprechen gegen unseren Helden, jedenfalls für die Strafverfolger. Wir Zuschauer wissen natürlich: Der ist doch unschuldig. Man müsste doch nur dies und das beachten. Wir verzweifeln mit unserem Helden. Er muss nun seine Unschuld beweisen, obwohl wir alle wissen, dass er das eigentlich gar nicht müsste. Meist hilft ihm irgendwann eine einzige Person, man kommt sich näher und dann… aber ich schweife ab. Wir als Zuschauer verzweifeln mit. Es ist alles soooooo klar.

So ähnlich fühlen sich diejenigen, die vom Antisemitismus betroffen sind und die öffentliche Diskussion darüber verfolgen. Ein Skandal, dass Kinder in Schulen für ihr Judesein gemobbt werden, die Schule verlassen müssen und sich dann anschließend die Eltern der Schule zu Wort melden und sich über die Rufschädigung beschweren. Verbunden mit einem Verweis auf den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis.
In Essen wurde schon vor längerer Zeit versucht, die Alte Synagoge anzuzünden – während einer Demonstration gegen den Staat Israel. In Frankreich gab es gar Tote.

Und dann setzen sich Leute zusammen und beschließen: »Ausrutscher« oder »nicht antisemitisch motiviert«, ja vielmehr sei all das eine Kritik am Staat Israel. Bevor man fragen kann, ob dies all das legitimiere, präsentiert man auch einen »Zeugen« (wir wechseln wieder in die Film-Metapher) aus der eigenen Familie. Der sollte eigentlich als Fürsprecher auftreten, doch er sagt: »Anderen ist schlimmeres passiert.« Hier wäre es Rolf Verleger, der mit einem Verweis auf Muslimhass antwortet, wenn er nach Antisemitismus gefragt wird.
Oder ein älterer Herr erklärt freundlich, warum gerade er als Deutscher den Staat Israel kritisieren darf, wenn er nach Antisemitismus gefragt wird.

Der Film mit unserem Helden wird ein Happy End haben. Er wird den Fall selber aufklären und die wahren Verbrecher überführen. Wie wird es mit unserem Thema sein?
Der Held soll kein Held sein. Er hat es versucht. Seinen Staat aufgebaut. Sich bemüht und wird dafür gehasst.
Und in Deutschland? Schwierig. Die Gemeinden schrumpfen ohnehin. Eine mündliche Solidaritätsbekundung der Regierung fängt keine Schläge ab und der Gegenwind wird stärker.

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ARD strahlt Antisemitismus-Doku aus

Die Bildzeitung zur Antisemitismus-Doku

Jetzt läuft sie doch, die Antisemitismus-Dokumentation für arte und WDR »Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa« – die zunächst zurückgehalten wurde, um dann von der BILD geleakt zu werden. Übrigens zog arte zwischenzeitlich den Nutzungsvertrag zurück, so dass nur noch der WDR übrig ist. Auf bild.de konnte man sich die Doku 24 Stunden lang anschauen – zudem berichtete die Zeitung, für ihre Verhältnisse, ausführlich über den Inhalt der Doku.
Die BILD wird sich das sehr genau überlegt haben. Nicht aus Gründen der Courage, sonder viel mehr aus juristischen Gründen. Aber offenbar konnte sich die BILD das durchaus leisten. Die Aufmerksamkeit war riesig und zwischendurch wurde die Redaktion der Zeitung regelrecht gefeiert. Teilweise von den gleichen Leuten, die sie zuvor angegriffen hatten, weil die BILD einen Polizisten ehrte, der nebenbei noch Kriegsverbrecher war. Die Realität ist eine komplexe Angelegenheit.

Die Sendung wird nun also am 21.6.2017 (22:15 Uhr) gezeigt werden. Gefolgt von der Sendung »Maischberger« in der über den Film gesprochen werden wird. Vielleicht genauso, wie über den Film bei facebook und twitter gesprochen wurde:
Über seine Art und Weise zu erzählen. Darüber, dass der Film polemisch sei, mitunter sarkastisch – viel zu wenig faktisch. Ja – und das scheint skandalös zu sein – geradezu »Nicht-Anti-Israelisch« und vielleicht sogar »proisraelisch«. Was dementsprechend wenig Beachtung fand und findet, ist die Tatsache, dass dort etwas über den Antisemitismus in Europa erzählt wird und wie er sich heute auf den »Nahost-Konflikt« bezieht, aber dort nicht seine Wurzeln hat. Geradezu sprachlos macht der Film, wenn Bewohner Gazas recht abgeklärt in die Kamera sagen, dass sie ihre Situation der Hamas zu verdanken haben – während man in Europa vor Wut schäumend die Israelis dafür zur Verantwortung zieht.
Es konnte so weit kommen, dass ein jüdischen Junge aus Berlin-Friedenau, der von Mitschülern in gemobbt wurde, die Schule verlassen musste. Und wer war Schuld an dieser Situation? Natürlich der Staat Israel. In einem offenen Brief wandten sich die Eltern der Schule an die Öffentlichkeit. Es ging ihnen um den Ruf der Schule. Die Ausrede: Die Stadt »kann vor den Auswüchsen internationaler Konflikte, wie des Nahostkonflikts, nicht verschont bleiben«. Die Eltern des Jungen kamen übrigens aus Großbritannien und die Unterzeichner des Briefs haben übrigens offensichtlich keinen Migrationshintergrund. Dies nur der Vollständigkeit halber.
Und an anderer Stelle schrieb ich es bereits: Solange sich Juden in Deutschland nicht offen auf der Straße als solche zu erkennen geben können, hat dieses Land ein massives Problem. Der Film zeigt das und darauf sollte man seinen Blick lenken. Die Diskussion um die Erzählweise kann man führen, aber das sollten keine Nebelkerzen werden.

Und die Diskussion? Was dürfen wir erwarten?
Vielleicht wird man Volker Beck einladen, der Grünen-Politiker ist überall da, wo über Antisemitismus gesprochen wird, eingeladen und darf etwas dazu sagen. Ich persönlich bin mir unsicher, ob er von sich in dieser Rolle mittlerweile nicht etwas zu selbstüberzeugt ist.

Vielleicht wird man auch Mirna Funk einladen, die sich schon im Vorfeld gegen die Doku in Stellung gebracht hat, natürlich nicht, ohne ausführlich über sich selbst zu sprechen und ein wenig über Antisemitismus dennoch bleibt nach ihrem Text lediglich hängen: Israelische Propaganda sei der Film.

Wen erwarten wir noch? Shahak Shapira. Der kann dann etwas freches zum Thema sagen und auf Stellen warten, an denen er seine Pointen rausfeuern kann.

Vielleicht wird man die Chuzpe haben, einen »Nahostexperten« einzuladen, weil das alles ja irgendwie etwas mit dem »Nahen Osten« zu tun hat. Etwa Michael Lüders?

Man könnte Michel Friedman eingeladen – auch wenn das den Mob draußen zum Kochen bringen würde. Er ist eloquent und durchschaut die rhetorischen Strategien seines Gegenübers. Mein Wunschkandidat wäre Serdar Somuncu, der einen guten Blick auch für antisemitische Diskurse und keine Furcht hat, etwas dazu zu sagen.

Aber vielleicht wird es auch alles viel viel schlimmer…

Update 20. Juni 2017; 21:00

Die tatsächliche Gästeliste wurde nun veröffentlicht – der Titel der Sendung lautet übrigens »Gibt es einen neuen Antisemitismus?« und die verspricht keinen Abend bei dem man gebannt vor dem Fernseher sitzt. Wer statt dessen etwas spannenderes machen will, schaut einer Aspirin-Tablette dabei zu, wie sie sich langsam im Wasser auflöst.

  • Michael Wolffsohn Ist oft und gern im Fernsehen. Ein JmFP, ein Jude mit Fernsehpräsenz. Ein anderer JmFP ist Henryk M. Broder, aber seine Präsenz hat abgenommen. Michael Wolffsohn ist kalkulierbarer. Hat bei Maischberger schon zu Trump und zu Putin diskutiert.
  • Norbert Blüm Der frühere Arbeitsminister könnte eigentlich seine sichere Rente genießen (die Punchline bot sich an,
    Leute über 30 werden sie verstehen), aber hat bei Youtube dadurch Bekanntheit erlangt, dass Antizionisten ein Video von ihm mit einem Ausschnitt aus der Sendung hart aber fair gepostet haben. Das Zitat ist ein »gerade wir Deutsche« Klassiker: »Gerade weil wir Deutschen ebenjene Verbrechen begangen haben, müssten wir umso klarer anprangern, wie die Palästinenser heute von Israel schikaniert, gequält und gedemütigt werden.« Ansonsten wird seine Präsenz es nicht gerade einfacher machen, am späten Mittwochabend wach zu bleiben.
  • Ahmad Mansour Hätte sich eigentlich am Film beteiligen sollen und war wohl beratend tätig. Er soll offenbar für den Teil muslimisch/arabischer Antisemitismus den Kopf hinhalten und erklären.
  • Gemma Pörzgen Tatsächlich! Hier haben wir eine Vertreterin mit klarer Fokussierung auf den »Nahost-Konflikt« – zudem jemanden, der den Film als proisraelische Propaganda sieht. Siehe hier ein entsprechendes Interview mit dem Deutschlandfunk
  • Rolf Verleger Er arbeitet sich an der »Okkupation« ab. Wir können nicht erwarten, dass er speziell auf einen Antisemitismus eingeht, der sich zwar auf die Existenz des Staates Israel bezieht, aber nicht aufhört zu existieren, wenn der Staat aufhört zu existieren. Er wird vermutlich über die Politik des Staates Israel sprechen wollen.
  • Jörg Schönenborn Der Fernsehdirektor des WDR. Er hat jetzt den Ärger, weil das Thema die sozialen Netzwerke verlassen hat und in den großen Zeitungen diskutiert wurde. Es ist nicht zu vermuten, dass er die eigene Herangehensweise kritisch beleuchten wird. Vielmehr wird er die Linie des Senders verteidigen.
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Nur weil einer keine Juden mag?

Nur weil einer keine Juden mag? Ein Kommentar für die Jüdische Allgemeine über jemanden, der sehr darauf bedacht ist, nicht als Antisemitismus bezeichnet zu werden und deshalb gerne klagt. Der Artikel ist hier verfügbar.

Hier folgen ein paar Service-Links zu den Zitaten im Text:

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Jalta

Das Scheinwerferlicht der deutschen Öffentlichkeit ist ein kleiner Lichtkegel wenn es um das Thema »Juden« und »Judentum« geht. Das Interesse ist groß, aber das Problem des kleinen Lichtkegels ist, dass nicht alle gleichzeitig in ihm Platz finden. Egal wer da gerade angestrahlt wird, diejenigen, die im Dunklen stehen, sind der Meinung, die anderen gehörten nicht ins Licht. Auf dem Rand des Lichtkegels kann man sich nun hervorragend damit beschäftigen, warum man selber hinein gehört, wer nicht dazugehört und warum sich andere disqualifizieren. Oft fällt es leichter zu definieren, wer nicht hinein gehört und das macht natürlich auch mehr Spaß.

Die Frage lautet also – wer darf|muss|soll heute das Judentum, die Juden, jüdische Menschen in Deutschland repräsentieren? Nach Meinung einiger sieht die Antwort so aus:
Der heutige (gegenwärtige) Repräsentant des Judentums beschäftigt sich nicht ständig mit dem Thema »Schoah«.
Der heutige Repräsentant steht nicht für »Israel« und der heutige Repräsentant spricht nicht über »Antisemitismus«.
Schon gar nicht will er sich nicht vom Publikum erzählen lassen, wie man im Licht (der Öffentlichkeit) zu agieren habe.
Das beschreibt, natürlich sehr verkürzt, die Mission von »Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart«.
Mitherausgeberin Hannah Peaceman formuliert es so:

»Die Deutungshoheit zu Fragen, die Jüdinnen und Juden betreffen, wird in Deutschland allzu oft nicht-jüdischen oder aber konservativen jüdischen Stimmen überlassen. Nur einzelne Gegenstimmen zu dieser Marginalisierung und politischer Vereinnahmung werden im medialen Diskurs aufgegriffen.«
Jalta, Ausgabe 1, Seite 169

Die Deutungshoheit gegenüber wem? Der Öffentlichkeit gegenüber? Warum?
Das wäre doch ein hervorragendes Thema für diejenigen, die ohnehin im Schatten stehen. Sie werden nicht vom Publikum gesehen und können in Ruhe ihren Geschäften nachgehen, unanständige Sachen tun, schmutzige Texte schreiben, sich mit Kultur auseinandersetzen, Konventionen brechen wie noch nie jemand zuvor Konventionen gebrochen hat, sich mit anderen hinter den Kulissen zusammentun und Spaß haben.
Das hätte sich zu einer Zeitschrift, einem Magazin, verdichtet, wie es im deutschsprachigen Raum gebraucht wird. Ohne Rücksicht auf politische Korrektheit, mit den Themen, die heute bewegen.
Aber »Jalta« ist kein Magazin für diejenigen geworden, die einfach mal ganz unbeobachtet und ohne Filter mit denen kommunizieren wollen, die auch hinten sind. »Jalta« hat einen anderen Ansatz gewählt.
Man schreibt aus dem vermeintlichen Off für den Zuschauer und erklärt, wie es im Lichtkegel aussehen sollte.

Das, jetzt fast schon überstrapazierte, Bild des Scheinwerferlichts ist nicht ganz zufällig gewählt. »Jalta« kann man nämlich als Fortführung des »Desintegrationskongresses« im Berliner Gorki-Theater lesen. Dort diskutierte 2016 eine Gruppe von Leuten über die Themen »postmigrantische Gesellschaft«, »Selbstbestimmung« und »Emanzipation«. Man wollte hier wegkommen von den üblichen Allgemeinplätzen wie »Schoah«, »Antisemitismus« und »Israel«. Nebenbei wurde die Verbrennung einer wissenschaftlichen Ausgabe von »Mein Kampf« zelebriert. Wir sehen also: Der Willen zum Bruch von Konventionen war da.
Die Themen der Konferenz ziehen sich nun auch durch »Jalta«. Mehrfach ist die Rede von der »postmigrantischen Gesellschaft«, einem Begriff der in Berlin mit »postmigrantischem Theater« geprägt wurde und dort in den Kreisen zirkuliert, die sich künstlerisch damit beschäftigen. Die Macher der Zeitschrift halten den Begriff für bekannt.
Das Netzwerk der Konferenz hat zunächst einen Artikel in der ZEIT hervorgebracht. In diesem stellt Mirna Funk einen Kreis junger Juden als Kulturschaffende vor(»Wir lebenden Juden«) und hebt nebenbei ihre eigene Bedeutsamkeit und die ihrer Freunde (eben jener vorgestellten Menschen aus dem Artikel) hervor.
Kongress und Zeitschrift thematisieren Selbstbestimmung und die Emanzipation von einem Verständnis jüdischer Identität, das Juden in Deutschland eine feste gesellschaftliche Rolle zuweist – so sagten jedenfalls die Aktivisten und schreiben darüber viel in Jalta. Sehr viel. Eigentlich drehen sich viele Texte um das Zurückweisen von Zuschreibungen. Das ist etwa so, als würden deutschsprachige jüdische Blogger ausschließlich darüber schreiben, wie es ist, ein jüdischer Blogger in Deutschland zu sein und inhaltlich sonst nichts liefern.

Mitherausgeber Max Czollek schreibt in seinem Artikel »Desintegration« (der zwischendurch richtig Fahrt aufnimmt) über die Sicht der nichtjüdischen Deutschen (»Dominanzkultur«) auf sich und ihr Land zwischen Mahnmalen und Deutschlandfahnen.

Und wir Juden leisten einen wesentlichen Beitrag, dieses post-nationalsozialistische, deutsche Selbstverständnis zu stabilisieren. Indem wir all die born-again Deutschen ihrer eigenen Läuterung versichern, gibt es uns heute vor allem als Juden für Deutsche.
Jalta, Ausgabe 1, Seite 121

Dann fordert er, »sich nicht gebrauchen zu lassen« und definiert »Desintegration« als Befreiungsschlag von dieser Umklammerung des jüdischen durch die deutsche Öffentlichkeit. Es folgt eine Aufzählung von Dingen, die man tun muss, um sich zu befreien.
Über die Fahne Deutschlands soll man etwa wütend sein, weil die »scheiß Fahne« seit 2006 auf »jedem scheiß Produkt« zu finden sei:
»Unsere Rache sorgt dafür, dass die Tätergemeinschaft nicht zur Ruhe kommen kann. Keine Vergangenheitsbewältigung. Keine Juden für Deutsche.« Vielleicht ist das der Grund, warum die Kulturstiftung des Bundes sowohl »Jalta« mitfinanziert, als auch den nächsten Kongress im November 2017 (Radikale Jüdische Kulturtage).
Engagiert und theatralisch, aber wer Maxim Biller lesen will, liest dann Maxim Biller.

Der konkrete Gegenentwurf zu dem, was man ablehnt, bleibt vage und sehr theoretisch. Wir erfahren, die jüdische Gegenwart sei feministisch, queer und migrantisch. Also alles heiße Themen aus der Berlin-Blase, in politisch korrekter Gender-Schreibweise mit hartnäckigem Anhängen des Suffixes »innen« an (männliche) Substantive mit Sternchen, Bindestrich oder Unterstrich. Auch das Wort »Juden« wird pflichtschuldig mit dem Hinweis versehen, man meine natürlich alle Genderausformungen damit.
Wir lesen etwas über einen lesbisch-feministischen Schabbeskreis, über ein europäisches Netzwerk feministischer Jüdinnen, über Schäferhunde und Hundehaltung in Israel (womit wir doch wieder das Thema Schoah behandelt sehen und ein Israel-Thema), über die Women of the Wall, über einen Empowerment-Raum für queere, jüdische Menschen, über Heidegger und Antisemitismus, aber auch einen Artikel über Fritz Benscher. Interessant ist ein (extrem formaler) Artikel über »Organisationen und Initiativen junger Erwachsener in Deutschland« von Anastassia Pletoukina, der anscheinend aus einer wissenschaftlichen Arbeit ausgekoppelt ist.
Auch ein Aufsatz von Rabbinerin Elisa Klapheck über das Wort kadosch zeigt was möglich wäre, wenn man einfach mal einen Artikel schreibt, statt zunächst Abgrenzungen und theoretische Distanzierungen vorzunehmen. Ein wenig Lyrik und Kunst gibt es zwischendurch ebenfalls.
Der Verdacht liegt nahe, dass man also doch zum Publikum spricht und nicht zu den anderen Akteuren auf der Bühne. Das ist schade, denn so ein Format wird auf dem deutschsprachigen Markt dringend benötigt: Ein Leitmedium für Jüdinnen und Juden, die sich irgendwie für jüdische Themen interessieren. Darauf warten wir noch.

Enden wir mit Floskeln: Man merkt, das Format hat mich nicht abgeholt, aber es wird seine Berechtigung haben.

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Gabriel, Netanjahu und der Rix-Index

Kaum zu ertragen. Unangenehm, ein wenig eklig und vielleicht auch unnötig.
Ob ich den Vorfall zwischen Außenminister Gabriel und Benjamin Netanjahu meine?
Natürlich nicht!
Ich meine die Reaktion darauf und nicht nur das übliche »was ich den Juden schon immer mal sagen wollte und jetzt haben die sogar einen ganzen Staat voller Juden«-Entlastungsgeschreibe. Das war zu erwarten.
Ein Minister, dessen Aktivitäten in Deutschland sonst niemanden interessieren, fliegt ausgerechnet nach Israel und erfährt dort nicht die Liebe, die man erwartet. Gabriel, der ansonsten als personifiziertes Versprechen der Sozialdemokraten, dass sie in nächster Zeit keinerlei Ambitionen auf das Kanzleramt haben, wahrgenommen wurde, stand und steht nicht gerade im Fokus der Öffentlichkeit mit seinem Wirken.
Deshalb blieb auch unbeobachtet, dass Gabriel sich selbst als Anwalt der Palästinenser ins Game eingebracht hat, als Freund von Abass und eben nicht als unbeteiligte vermittelnde Kraft. Unvergessen dürfte auch sein Auftritt sein, bei dem er Israels Präsenz in Hebron »Apartheid« nannte. Während das in Deutschland unbeobachtet blieb, hat man das in Israel sehr wohl wahrgenommen und der Besuch bei »Schowrim Schtika – das Schweigen brechen« wurde deshalb anders betrachtet, als ein spontanes Treffen mit irgendeiner zufälligen NGO. In einem Staat, in dem jedes Kind zur Armee geht, jeder bei der Armee war und dessen Armee eine bessere Lebensversicherung ist als »nie wieder« Sprüchlein aus Europa, schaut man besonders kritisch auf diejenigen, die am Fundament dieser Armee sägen und dafür von Dritten bezahlt werden. War es bei Gabriel und seinem Stab – niemand glaubt doch ernsthaft, dass Gabriel alle Reisen selber plant – besonders taktlos und eine Provokation nach der Vorgeschichte, so war es bei Benjamin Netanjahu ein Elfmeter ohne Torwart. Leicht verdiente Punkte ohne großen Nachteil. Die Halbwertszeit von Gabriel als Minister und Player auf der politischen Weltbühne ist sehr überschaubar und die tatsächliche Politik bestimmt die Kanzlerin. Weiterlesen

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Mitgliederstatistik überrascht nicht

Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden 1955 – 2016

Nach Pessach veröffentlicht die ZWST traditionell die Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden für das Vorjahr. Wie viele Mitglieder haben die Gemeinden insgesamt? Wie viele hatten sie im Vorjahr? In der Gesamtbetrachtung kann man daraus eine Entwicklung ablesen. Und diese ist seit 2007 rückläufig. Seit diesem Jahr verlieren die Jüdischen Gemeinden Mitglieder. 2006 also hatten die Gemeinden mit 107.794 Personen die höchste Anzahl von Mitgliedern seit 1949. 2015 sank die Zahl erstmals unter die Grenze von 100.000. 2016 nun liegt die Zahl der Gemeindemitglieder bei 98.594.

Woran das liegt, ist offensichtlich. Die Anzahl der »Abgänge« übersteigt die Anzahl der »Zugänge«. Oder weniger euphemistisch formuliert: Es sterben mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Es fehlen mindestens 1244 Babys um das aufzufangen.
Zunächst die wichtigsten Eckdaten in der Übersicht:

2013 2014 2015 2016
Geburten 250 243 277 265
Sterbefälle 1244 1335 1476 1498
Übertritte 70 68 59 98
Austritte 418 528 422 412
Einwanderer 444 652 674 409
Auswanderer 150 169 142 187

Wo wir schon bei Babys sind: 1989 gab es in Deutschland 807 Kinder im Alter zwischen 0 und 3.

2016 waren es 1.051. Kling unspektakulär?
Dann formulieren wir das anders. 2016 hatten die Gemeinden mehr als als dreieinhalb mal soviel Mitglieder als 1989 (98.594 gegen 27.711). Wir könnten also 2.800 Kinder in diesem Alter erwarten…

Betrachten wir die Zu- und Abgänge im Detail für das Jahr 2016:

Zugänge versus Abgänge 2016

Und nun noch die Entwicklung der Zu- und Abänge: Hier wird leider eine Tendenz deutlich – bei einer kleiner werdenden Gesamtzahl – steigt die Zahl der Todesfälle.

Entwicklung der Zugänge und Abgänge

Für 2016 kann man festhalten, dass diese Entwicklung nahezu jede Gemeinde erfasst hat. Warum nahezu? Bevor diese Frage beantwortet wird, zunächst ein Blick auf »Gewinne und Verluste« auf Ebene der Landesverbände:

Landesverband 2015 2016 Differenz zum Vorjahr
Baden 5457 5383 -74
Bayern 8753 8709 -44
Berlin 9865 9735 -130
Brandenburg 1091 1224 133
Bremen 940 907 -33
Frankfurt/M. 6604 6503 -101
Hamburg 2445 2447 2
Hessen 4758 4676 -82
Köln 4077 4026 -51
Mecklenburg-Vorpommern 1412 1342 -70
München 9507 9485 -22
Niedersachsen 6843 6724 -119
Niedersachsen (liberale) 1233 1222 -11
Nordrhein 16311 16200 -111
Potsdam 416 414 -2
Rheinland-Pfalz 3181 3145 -36
Saar 918 894 -24
Sachsen 2560 2533 -27
Sachsen-Anhalt 1355 1340 -15
Schleswig-Holstein 1210 1161 -49
Schleswig-Holstein 748 698 -50
Thüringen 739 710 -29
Westfalen 6356 6251 -105
Württemberg 2916 2865 -51

Warum also nahezu? Weil es zwei Ausnahmen gibt: Eine davon ist Hamburg. Hamburg konnte seine Anzahl der Mitglieder von 2.445 in 2015 auf 2.447 im Jahr 2016 steigern. Zwei Personen kamen hinzu. Wenn man sieht, dass die Gemeinde Frankfurt am Main genau 100 Mitglieder verloren hat, dann mag man nicht mehr über einen Zuwachs von 2 schmunzeln. Eine weitere Ausnahme ist Brandenburg. Hier kamen 133 Mitglieder hinzu. Besonders Oranienburg hat Mitglieder hinzugewonnen. Potsdam hingegen massiv verloren. Hatte die Gemeinde 2010 noch 393 Mitglieder, so waren es 2016 nur noch 210. Es scheint, als müsste man bei der Planung der neuen Synagoge berücksichtigen, dass man die Infrastruktur für eine kleine Gemeinde anlegt.
Im Landesverband Nordrhein dürfte die Gemeinde Düsseldorf den größten Verlust von Mitgliedern erleiden. Waren es 2010 noch 7.080, so waren es 2016 noch 6.713. Und das obwohl Düsseldorf als Stadt eigentlich immer mehr Menschen anzieht.

Israelis und Berlin

Berlin liegt im Fokus wenn es um Israelis geht. Wie viele mag es dort geben? Die Jüdische Gemeinde Berlins (135 Mitglieder weniger als im Vorjahr) scheint nicht von dem Boom, sofern es einen gibt, zu profitieren. Da sie dementsprechend nicht bei der Gemeinde angemeldet sind, gehen sie auch nicht in die Statistik ein.

In Berlin waren am 31.12.2016 4.680 Personen mit israelischer Staatsangehörigkeit gemeldet. Israelis, die mit deutscher Staatsbürgerschaft in Berlin leben, dürften damit nicht erfasst sein (rein technisch sind sie ja auch keine Israelis mehr). Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg hat eine smarte Schnittstelle für Datensammler. Die folgenden Daten entstammen dem Einwohnerregister Berlins:

Bezirk Personen
01 Mitte 685
02 Friedrichshain-Kreuzberg 678
03 Pankow 566
04 Charlottenburg-Wilmersdorf 1319
05 Spandau 79
06 Steglitz-Zehlendorf 314
07 Tempelhof-Schöneberg 434
08 Neukölln 375
09 Treptow-Köpenick 54
10 Marzahn-Hellersdorf 32
11 Lichtenberg 70
12 Reinickendorf 74
Berlin insgesamt 4680

Sind sie alle Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Berlin? Natürlich nicht.
Wir machen die Gegenprobe. Für den 31.12.2014 hielt das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg fest, dass 3.991 Personen mit israelischer Staatsangehörigkeit lebten. Die Zahl hat sich also in zwei Jahren um 689 erhöht. Das müsste dann bedeuten, die Gemeinde hätte in zwei Jahren etwa 680 neue Mitglieder haben können. 2016 meldeten sich 215 Einwanderer (aus welchem Land sie kamen ist unbekannt) bei der Gemeinde an, 2015 waren es überhaupt keine. Also tatsächlich: Diese Gruppe kommt in der Gemeinde nicht an. Aber man stelle sich das vor?! Berlin hat 9.735 Mitglieder. Die Israelis könnten eine große Gruppe innerhalb der Gemeinde bilden und den Kurs erheblich beeinflussen.

Daten

Alle Daten kann man bei der ZWST nachlesen.

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War Luther Antisemit?

Titelblatt von Luthers: Von den Jüden und Iren Lügen

Diese Frage taugt nicht einmal dazu eine rhetorische zu sein: »War Luther Antisemit?«
Das fragt sich der »Arbeitskreis Christlicher Kirchen« in Gelsenkirchen tatsächlich und lädt unter dem Titel »Martin Luther und die Juden« und dem zitierten Untertitel am 25. April zu einem Vortrag des (freikirchlichen) Theologen Prof. Dr. Wolfgang Heinrichs. In der Ankündigung heißt es übrigens auch, die Einstellung Luthers gegenüber sei »sicher fragwürdig« gewesen. Vielleicht geht der Vortragende schonungslos mit dem Thema um. Zitiert vielleicht die größten Hits aus Luthers antisemitischem Schaffen? Damit ist aber eher nicht zu rechnen, wenn schon die Ankündigung so tut, als ginge es um eine Fußnote in der Geschichte des Reformators – der übrigens am 9. November Geburtstag hat. Ein Datum, dass man sich gut merken kann, wenn man sich für die Geschichte des Judentums in Deutschland interessiert.

Um zu erkennen, dass Luther Antisemit war, bedarf es nicht einmal seinem Werk »Von den Juden und ihren Lügen«:
Juden seien die »Grundsuppe aller losen, bösen Buben, aus aller Welt zusammengeflossen« (Aus: Vom Schem Hamphoras). Sie vergiften Wasser, stehlen Kinder und kundschaften christliche Länder aus. So kann man es jedenfalls in »Vom Schem Hamphoras« nachlesen.
Aber auch sein Dauerbrenner »Von den Juden und ihren Lügen« hat einiges zu bieten:

Was wollen wir Christen nun tun mit diesem verworfenen, verdammten Volk der Juden? […]
Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.
Zum andern, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben eben dasselbige darin, was sie in ihren Schulen treiben.
Zum Dritten, daß man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten.
Zum Vierten, daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren.
Zum Fünften, daß man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe.
Zum Sechsten, daß man ihnen den Wucher verbiete und ihnen alle Barschaft und Kleinode an Silber und Gold nehme.
Zum Siebten, daß man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel, und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nase.

Aus der »Vermahnung wider die Juden«:

Würden die Christen die Juden wissentlich weiter dulden, würden sie sich mitschuldig an ihren Verbrechen machen: Darum sollt ihr Herren sie nicht leiden, sondern wegtreiben.

Darum also ist selbst die rhetorische Frage lächerlich.
Kann das noch unterboten werden?
War Lenin Kommunist? Weiß Günther Jauch wirklich alles? War Mosche Dayan Israeli? War Julius Streicher ein Antisemit?
Vergessen wir nicht das Cover der Titanic vom Juli 2002: »Schrecklicher Verdacht: War Hitler ein Antisemit?«

»Aber schweig still hatender Blogger und politisch korrekter Leser« mag der Veranstalter gedacht haben und schiebt ein Detail nach:
Der Vortragende ist nicht nur akademisch auf dem Gebiet bewandert – Nein! – er ist irgendwie auch Betroffener. So hat man der Ankündigung noch ein weiteres Detail zu Heinrichs Familiengeschichte hinzugefügt:
»Er ist gebürtiger Gelsenkirchener. Seine Großmutter war Jüdin in Gelsenkirchen und überlebte mit ihren drei Söhnen den Holocaust.«
Halachisch also vollkommen irrelevant. Aber der Nimbus des jüdischen ist in der Welt. »Aha« wird man denken »irgendwie ist der dann Jude. Der muss es wissen.«

Die Nürnberger Gesetze waren nicht lange gültig, aber sie haben gereicht um Leute Sätze wie »Ich bin ja auch ein halber Jude« sagen zu lassen (nicht in diesem Zusammenhang). Irgendwie ist da etwas hängen geblieben. Vielleicht auch, dass »jüdisches Blut« auch in der übernächsten Generation kompetent macht. Das spielt eine akademische Karriere (die der Vortragende vorzuweisen hat und die sicher für sich gesprochen hätte) locker aus. Trotzdem man sich zuvor intensiv mit Antisemitismus und dessen Wirkung im Protestantismus befasst hat.

Ist also zu erwarten, dass die »sicher fragwürdige Einstellung« gegenüber den Juden, zu der Einschätzung führt, Luther sei Antisemit gewesen? Wer das glaubt, hat auch gedacht, das Thema würde beim Reformationsjubiläum ein zentrales Thema sein.

Hier das schlecht fotografierte Plakat:

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Eine fast affirmative Entgegnung zu »Zurzeit bin ich nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland«

Die ZEIT druckte in der vergangenen Woche den Text »Zurzeit bin ich nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland« von Maxim Biller. In dem Text schreibt Biller, die Kritiken an seinem Roman Biografie verrieten mehr über die Rezensenten als über das Buch selber. Sie stünden in einer gewissen deutschen Tradition der Literaturwissenschaft. Das Wort »Antisemitismus« fehlt natürlich nicht.

Der Text von Maxim Biller zauberte ein Lächeln in mein Gesicht. Ich stellte mir vor, wie einige Leser Gift und Galle spucken und der Text seltsame Hautausschläge und allergische Reaktionen hervorruft. Die »Großen« der deutschen Literaturwissenschaft werden hier immerhin kritisch beleuchtet.

Und tatsächlich. Das Feuilleton reagiert. In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt Rainer Moritz, Biller reagiere viel zu empfindlich auf Kritiker. Alles sei Billers Unfähigkeit zuzuschreiben und nicht der Tradition der Kritiker (jetzt mal stark vereinfacht dargestellt).
Andreas Platthaus von der FAZ fragt sich ernsthaft, ob Kritiker einen Ahnennachweis benötigen, ja er schreibt Ahnennachweis, vielleicht war das Wort Ariernachweis (in diesem Falle negativer Ariernachweis) zu verfänglich, um Biller zu rezensieren. Die Texte zeigen jedoch: Biller hat einen Nerv getroffen.

Liegt er etwa richtig?
Ich frage mich vielmehr, ob es nicht tatsächlich anders herum ist.
Die »Kritiker« tragen nicht die braun gefärbten Theorien der Altvorderen aus den 30ern und 40ern weiter und verpacken sie neu.
Vielmehr haben sie eine Umpolung vorgenommen. Sie sehen Biller natürlich noch immer nicht als »jüdischen Schriftsteller in Deutschland« oder als »deutschsprachigen jüdischen Autor«, oder »deutschen Autor jüdischen Glaubens« oder was auch immer.
Nein. Sie sehen in erster Linie das Wort »Jude« vor sich. Und das Wort »Jude« ist nicht mehr negativ belegt, sondern ausschließlich positiv.
Galt der Jude gestern noch als »zersetzender Intellektueller«, so ist er heute der »spitzfindige Intellektuelle«. Das sind doch alles kluge Köpfe! War er gestern »geizig«, so gilt »er« heute als kluger Geschäftemacher. Die Billerschen Kritiker geben hier nicht einer Ablehnung nach, sondern einer übersteigerten Liebe zu dem, was sie für »jüdisch« halten. Philosemitismus wird das genannt.
Da hätte Biller selber drauf kommen können. Immerhin veröffentlichte er 1988 den Text »Philosemitismus und kein Ende« im Tempo. Da ich 1988 noch ein Kind war und Tempo nicht immer lesen konnte, ist der Text (dankenswerterweise) nun (April 2017) in der Sammlung »Hundert Zeilen Hass« erschienen:

»Der Philosemitismus lebt […] bis heute. Er wurde im Laufe der Jahrzehnte an immer neue Generationen standesbewusster Bildungsbürger überliefert.« (»Hundert Zeilen Hass«, Seite 29)

Und so wundert es mich, dass Biller die Verrisse seines Werks »Biografie« nicht damit erklärt hat. Immerhin taugt die These gut, um andere spannende Phänomene in der gegenwärtigen Literaturszene zu erklären.
Das erklärt etwa, warum die meisten Rezensenten Lena Goreliks aktuelles Buch »Mehr Schwarz als Lila« als »virtuoses« Spiel mit Sprache feiern und »betroffen« davon sind, dass die Protagonisten in Auschwitz knutschten, während Tobias Kühn von der »Jüdischen Allgemeinen« das Buch als »nicht ausgereift« bezeichnet. Sehen die nichtjüdischen Rezensenten die Frage nach angemessenen Erinnerungskultur, so sieht die Jüdische Allgemeine hier, vollkommen berechtigt, ein Nebenthema ohne tiefgehende Ausarbeitung.

Oder Shahak Shapiras »Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen« dessen Selbstgefälligkeit hinter dem »Humor« (überhaupt – dieser jüdische Humor) offenbar niemand hat aufblitzen sehen. Das erklärt auch den Erfolg der »lustigen« Adriana Altaras. Lustig scheint ein Adjektiv zu sein, welches man ihr besonders gerne verpasst. »Lebenslustig« ist die schlimmere Steigerungsform. Irene Bazinger in der FAZ: »keine hohe Literatur« aber dafür »viel Zärtlichkeit und großer Witz«.

In dieser umgepolten Welt sind Juden in Deutschland in erster Linie »Opfer« und müssen sich dementsprechend verhalten. Ähnlich wie katholische Heilige, haben sie keinen Sex, nehmen insbesondere keinen »Sühnesex« engagierter deutscher Mädchen an, übervorteilen niemanden, sind meist brav und nett. Sie tun niemandem weh und erzählen vielleicht gerne mal einen »jüdischen Witz« (überhaupt – dieser jüdische Humor). Filthiness gesteht man nur den Juden aus den USA (Israel ist schon ein Grenzfall) zu. Deshalb darf Philip Roth Dinge schreiben, die Biller nicht schreiben darf.
Juden, die in das Bild passen, werden dementsprechend gefeiert. Autoren wie Biller nicht.

Die heftigsten Reaktionen zu meiner satirischen Artikelreihe zum jüdischen Alltag (»Neulich beim Kiddusch«) in der Jüdischen Allgemeinen erhielt ich von Nichtjuden. »Das kann man doch nicht schreiben« hieß es mehrfach. Der Protagonist war nicht immer der freundlichste Kerl und recht häufig ein ziemlich hochnäsig und herablassend. Warum sollte er sich auch anders verhalten?

Und hier schließt sich der Kreis zu Biller. Von beiden Polen kommend haben die Kritiker ein Problem, weil sie tatsächlich über sich schreiben und nicht über den Text. Auch bei »wohlmeinenden« Kritiken, weil der Autor das Klischee erfüllt. Aber es gibt natürlich Autoren und Protagonisten, die haben es sich in dieser Nische bequem gemacht.
Biller gehört definitiv nicht dazu.

Artikel

Gegen Antisemitismus – ach nö Digga

Antisemitismus ist wieder Thema, seitdem bekannt wurde, dass ein jüdischer Junge eine Berliner Schule deshalb verlassen musste (siehe etwa hier). Die Geschichte hat aber zunächst nicht in Deutschland für Aufsehen gesorgt, sondern schwappte aus dem Ausland zurück nach Deutschland. Und wie immer, wenn es um Antisemitismus geht, fragt sich die nichtjüdische Öffentlichkeit: »Wo kommt das her?« Ganz so, als sei das Phänomen neu. Zum Old School Antisemitismus in Deutschland, der sich häufig in abwertenden Kommentaren und Leserbriefen äußerte, manchmal in hässlichen Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen und an Wänden von Synagogen, selten in körperlichen Attacken und sogar Morden, kommt seit einigen Jahren ein neuer Antisemitismus hinzu. Der ist Ausdruck und Teil einer schrägen Jugendkultur in der das Wort »Jude« an sich schon ein Schimpfwort ist. Diese Jugendkultur speist sich aus einem importierten plumpen Antisemitismus aus dem Nahen Osten. Oft transportiert durch Medien aus diesen Ländern. Dort gehört Antisemitismus noch zum guten Ton in der Medienwelt – nicht selten staatlich gefördert und nicht immer Ausdruck einer Überzeugung aller Menschen – aber die Propaganda verfestigt sich irgendwann. Das ist ein Antisemitismus, der sich durch Pöbeleien, Beleidigungen oder Übergriffe zeigt. Viele dieser Fälle wurden aber nicht als antisemitische Straftaten eingestuft, sondern als politisch motivierte Straftaten. Ein Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal wurde jüngst nicht als antisemitischer Vorfall eingestuft. Eher als sehr sehr physische Israelkritik.
Sogar ohne diese politischen Vorfälle, wurden 2015 nahezu 1.400 antisemitische Straftaten registriert. Dennoch fragt man sich regelmäßig: »Wo kommt das plötzlich her?« und »Was können wir machen?«
Eine Antwort könnte lauten: Lasst uns das Problem erkennen und dokumentieren. Im nächsten Schritt gehen wir dagegen vor.
Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) ist so ein Projekt. Hier kann jeder einen Vorfall melden, auch wenn er nicht angezeigt wird. Etwa Vorfälle wie diesen:

Am 12. Januar wurde vormittags ein Kippa tragender Mann auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln unvermittelt von einem älteren Mann beschimpft. Der Betroffene wurde beim Überqueren der zu dieser Tageszeit stark belebten Straße, nahe des Neuköllner Rathauses, von dem Mann auf arabisch als „sharmota (dt. sinngemäß: Hurensohn) und „yahud“ beschimpft. Von den zahlreich anwesenden Passant_innen reagierte niemand. Der Betroffene ignorierte die Beschimpfung und setzte seinen Weg fort.

Auch für Hamburg wurde im Februar 2017 eine solche Meldestelle gefordert. Die CDU forderte »Juden müssen sich hier sicher fühlen«. Dafür sollte natürlich auch ein wenig Geld in die Hand genommen werden. Wenn die Gesamtgesellschaft ihre Verantwortung ernst nimmt, dann wäre es von der Forderung nach einer solchen Meldestelle ein kurzer Weg zur Umsetzung. In Hamburg war es jedoch nicht so. Dort beriet sich der Sozialausschuss und der Plan wurde nicht zur Umsetzung angenommen. Mit den Stimmen von SPD und Grünen. Die beiden (in Hamburg) regierenden Parteien waren der Meinung, eine »Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt« reiche aus. Dabei hat die einen anderen Fokus als der Vorschlag der CDU Hamburg.
Ist es die Furcht vor den Zahlen, die möglicherweise erhoben werden könnten?

Vor der Bundestagswahl ist das ein Hinweis darauf, wie ernst man den Kampf gegen Antisemitismus tatsächlich meint. Günstiger ist es natürlich zu sagen: »Woher kommt das nur?«