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Schlechte Idee plus Zeit gleich schlechte Idee

Und was macht Ihr so mit den abgetragenen Feiertagen?
Man könnte sie an andere religiösen Gruppen durchreichen. Das lässt einen gönnerhaft wirken und der arbeitsfreie Tag geht nicht verloren.
Im Dezember 2019 machte (Prof. em. Dr. Dr. h.c.) Friedrich Wilhelm Graf den launigen Auftakt und schrieb in der Frankfurter Allgemeinen »Macht Jom Kippur zum Feiertag« (Link zu FAZplus). Der Artikel war ein Musterbeispiel dafür, wie man ein jüdisches Fest gründlich missverstehen kann, wenn man sein Gegenüber als Forschungsobjekt versteht und nicht als gleichberechtigten Partner, der etwas zu sagen hat.
So lernte ich aus dem Artikel, dass es an Jom Kippur speziell der Toten gedenkt und dass es in den USA die Sitte gäbe, dass viele junge Juden zur »Feier des großen Versöhnungstages in ihr Elternhaus zurückkehren.«
Die Kirchen, die einen Feiertag opfern, könnten so demonstrieren, dass »dass sie um der Gleichberechtigung der jüdischen Bürger willen dazu
bereit sind, die von ihnen erwünschte Präsenz des Jüdischen in der deutschen Gesellschaft in deren Zeitordnung sichtbar zu machen.«
Überraschung! Das Grundgesetz sichert Jüdinnen und Juden Gleichberechtigung zu. Professor Graf könnte also gemeint haben, dass er erkannt hat, dass sich das gesellschaftlich noch nicht umfassend durchgesetzt hat. Oder er meinte es genau so, wie er es schrieb: Die Kirchen müssen das Judentum in Deutschland erlösen.
»Gesellschaftliche Akteure wie die Kirchen seien in der moralischen Pflicht, ihren eigenen Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus zu leisten.«

Feiertag getauscht. Thema erledigt.

Der überflüssige Feiertag war übrigens der Montag von Pfingsten. Deshalb wurde das Thema pünktlich zu diesem Tag wieder aufgegriffen. Die Theologin Christiane Thiel erzählte Deutschlandfunk Kultur von dem Vorschlag erneut. Ein richtig großes Echo fand die Geschichte dann in einem Artikel auf ZEIT online: »Theologin schlägt Tausch von Pfingstmontag gegen Jom Kippur vor«.
Hier wurde der Text noch mit einem Bild von charedischen Juden versehen, die vor einer Mauer stehen. Unter einem hebräischen Schild. In der Bildunterschrift heißt es: »Männer beim Taschlich-Ritual am Vorabend von Jom Kippur.« Je weiter die Kreise sind, die diese Idee zieht, desto mehr mutiert Jom Kippur.

Und jetzt? Was wäre ein Vorschlag

Zuerst: Nehmt einfach den Islam und das Judentum ernst. Die Feiertage der beiden Religionen muss man nicht mitfeiern, es reicht schon, wenn man denjenigen, die feiern wollen, das auch problemlos zugesteht (was laut Grundgesetz eigentlich möglich sein sollte, siehe oben). Wo wir schon dabei sind: Jüdinnen und Juden müssen die Freiheit haben, am Schabbat/Samstag keine Prüfung schreiben zu müssen.

Seit 1959 stehen und schweigen alle Menschen in Israel für zwei Minuten. Sie gedenken der Opfer der Schoah. Dieser Einschnitt in den Alltag ist das deutlichste Zeichen dieses Tages, aber nicht das einzige. Längst ist der »Jom haSchoah – der Tag der Schoah« auch ein Gedenktag in den jüdischen Gemeinden der gesamten Diaspora.

In Deutschland, dem Land, von dem die Vernichtung des europäischen Judentums ausging, gibt erst seit 1996 den 27. Januar als gesetzlich verankerten Gedenktag. Es gibt eine Gedenkstunde des Bundestages, lokale Veranstaltungen und Kranzniederlegungen und viele Gelegenheiten, den Tag zu ignorieren, wenn man möchte. Das Gedenken ist denjenigen überlassen, die eine Veranstaltung aufsuchen oder zufällig darüber stolpern.

Was es in Deutschland noch immer nicht gibt, ist ein kollektiver Akt des Gedenkens. Ein Tag, an dem das Alltägliche unterbrochen wird und an dem sich der Staat und seine Bürger vor den Opfer der Schoah verbeugen. Ähnliches kennt man heute nicht nur aus Israel. Auch aus den Niederlanden. Dort steht das gesamte öffentliche Leben für 2 Minuten am 4. Mai für das »Nationale Dodenherdenking« still. Seit einiger Zeit sind auch die Opfer der Schoah in das Gedenken ausdrücklich eingebunden. Wer es also wirklich ernst meint, der lässt die Leute nicht an einem weiteren Tag ausschlafen, sondern triggert sie mit der unangenehmen Realität. Könnte sein, dass das Schmerzen verursacht.

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Geboren werden – oder lieber nicht?

Man kann buchstäblich erwarten, dass jede und jeder mit Wurzeln in einem der Länder der ehemaligen Sowjetunion den Film »Ironie des Schicksals – Ирония судьбы« kennt. Dieser Film läuft in jedem Jahr am 31. Dezember im Fernsehen. Der dreistündige Film ist voller Balladen und eine davon klingt recht zynisch: »Wenn du kein Haus hast, dann kann es nicht abbrennen. Wenn du keinen Hund hast, kann der Nachbar ihn nicht vergiften.« Es folgen weitere Abwägungen. Das Lied endet mit »Wenn du niemals lebst, dann kannst du nicht sterben.« Auch dieses Lied dürften nahezu »alle« kennen.
Hillel und Schammaj haben im Talmud diskutiert, was besser ist: Nicht geboren zu werden, oder eben doch geboren zu werden. Den gesamten Text (von mir) dazu findet man auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen.

Talmudisches – Geboren werden – oder lieber nicht?

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Schrödingers Antizionist

Die Ruhrtriennale ist für 2020 abgesagt. Der Planet hat eine Diskussion beendet, bevor sie so richtig aufkam. War der Fall 2018 sehr offensichtlich, so war es 2020 etwas komplexer gelagert. Als 2018 die schottische Band Young Fathers auftreten sollte, konnte man recht einfach argumentieren. Die Verbindung der Band mit der BDS-Bewegung war offensichtlich. Die Bewegung setzt sich für den wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Boykott des Staates Israel ein. Das muss man hervorheben: Des Staates Israel. Nicht der Organe der aktuellen Regierung, es gibt also keinerlei Einschränkung. Die Bewegung stört auch in Deutschland regelmäßig Kulturveranstaltungen mit Bezug zu Israel. 2017 störte die Bewegung eine Zeitzeugen-Begegnung mit einer Schoah-Überlebenden an der Berliner Humboldt-Universität. Die deutsche Politik hat sich größtenteils gegen die Bewegung gestellt; insbesondere der Bundestag hat BDS verurteilt.

Schnell geriet 2018 die Intendantin Stefanie Carp in die Kritik und sie machte bei der ganzen Angelegenheit kein besonders gutes Bild, um hier einen Euphemismus zu verwenden. Allen Beteiligten war klar, dass Stefanie Carp das vielleicht nicht wiederholen sollte. Als Achille Mbembe eingeladen wurde, hatte man schnell Textfragmente von ihm aufgetrieben und eine Unterschrift unter einem Boykottaufruf gegen eine israelische Universität. Das ventilierte etwas und machte sich schnell selbständig. Mbembe habe die Schoah relativiert. Kann man so machen, ist aber am Ende nicht besonders hilfreich. Wäre der Vorwurf der Schoahrelativierung vom Tisch (und er war sehr dünn formuliert), wären die Vorwürfe entkräftet.

Mbembe ist ein recht beliebter und eloquenter Intellektueller mit großer Fanbase. Seine Arbeiten zum Postkolonialismus haben viele bewegt und einige Kommentatoren scheinen richtiggehend verliebt in den Mann zu sein, der an der Pariser Sorbonne promoviert hat – im Fach Geschichte übrigens.

Textschnipsel mit Bezug zu Israel oder BDS im Internet zu finden, war kein geeignetes Mittel, um Achille Mbembes Standpunkt genau zu verorten. Man müsste sich also etwas genauer mit Mbembes Texten auseinandersetzen, um seinen Standpunkt zu verstehen. Die ZEIT hat nun einen Text von ihm veröffentlicht, in dem er auf die »Kritik« reagiert und es lohnt sich, diesen Text zu lesen, denn das erspart uns einen Streifzug durch seine Publikationen.

Mbembes Kompetenzen Die Welt der Philosophen

Man merkt recht schnell, auf welchem Gebiet Mbembes Kompetenzen liegen: Er ist in der Welt der französischsprachigen Philosophen zuhause. Aber wenn man seinen Argumenten sorgfältig folgt, kommt man zu dem Schluss, dass Mbembe ein Problem mit dem Staat Israel hat und irgendwie auch mit dem Judentum. Nur, dass er das so nicht schreiben würde, sondern etwas mäandernd argumentiert. Für unaufmerksame Leser bleibt Schrödingers-Antizionismus. Er ist da und er ist nicht da. Wenn man Mbembe »entlasten« möchte, kann man durchaus Ansatzpunkte dafür finden. Aber das scheint seine Art der Argumentation zu sein. Schauen wir uns das gemeinsam an:

»Die Welt reparieren« ist der Titel des Textes. Das könnte man als Reverenz an das Prinzip des »Tikkun Olam« deuten, insbesondere weil Mbembe einleitend darüber schreibt, wie seine ideale Welt ausschaut:

»… die Hoffnung auf die Herausbildung einer wirklich universellen menschlichen Gemeinschaft, von deren Tisch niemand ausgeschlossen wird.«

(Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44)

Da muss dem empathischen Leser doch das Herz aufgehen. Achille Mbembe weiß, wie er seinen Leserinnen und Lesern das Herz erwärmt. Man könnte das auch als Gemeinplatz betrachten. Aber er hat einen weiteren cleveren Move in der Hand, um die deutsche Leserschaft hinter sich zu bringen. Die Bestätigung, »gut« geworden zu sein, kommt gut an.
Es geht um Deutschland:

»Ob in der nie endenden Arbeit des Erinnerns oder in der Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Wiedergutmachung, das Land hat jeder Versuchung widerstanden, den Kampf gegen den Antisemitismus mit fremdenfeindlichen Regungen zu vermischen, und sich so mutig seiner Verantwortung gestellt.«

Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44

Das ist sind interessante Worte von jemandem, der viel zu Kolonialismus geforscht hat. Man kann vieles sagen, aber nicht, dass Deutschland vorbildlich mit dem Völkermord an den Herero und Nama vorgegangen ist. Oder es ist ihm klar und er unterstreicht, dass Deutschland gegenüber dem jüdischen Volk und dem Staat Israel ein besonderes Verhältnis hat.
In einem Nebensatz wird das vielleicht etwas deutlicher. Er schreibt, er befasse sich nicht mit Israel und der Soziologie seines Staates. Auch nicht mit Israels Recht auf Existenz und Sicherheit. Dann heißt es: »[…] auch nicht damit, wofür es den Holocaust in Anspruch nehmen kann.« Dennoch schließt er den Abschnitt mit »das Existenzrecht Israels ist grundlegend für das Gleichgewicht der Welt.« Ein Satz der sich schön anhört, aber eigentlich nicht viel aussagt. Die Welt ist nicht im Gleichgewicht. Nichts ist derzeit in Ordnung.
Ein beliebter »Trick« fehlt nicht:

»Was viele nicht wissen: Diese Hoffnung auf eine Aussöhnung der Menschlichkeit mit der Gesamtheit alles Lebendigen in einer nahen Zukunft, die doch kaum vorhersehbar ist, ist für mich weitgehend durch bestimmte Traditionen des jüdischen und des afrodiasporischen Denkens inspiriert.«

Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44

Welche Traditionen das genau sind, verrät er nicht. Aber er sagt irgendwie: Leute, ich beziehe mich auf jüdische Traditionen. Die »jüdischen Freunde« auf die so oft verwiesen wird, lassen grüßen:

»Vielen eiligen Lesern ist die Bedeutung gewisser jüdischer Strömungen des jüdischen Denkens für meine Arbeit nicht bewusst. Sie sehen nicht, wie weitgehend Denkrichtungen. für die Autoren wie Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Ernst Bloch Emmanuel Levinas und viele andere stehen, als Grundlage für meine Beziehung zum Holocaust im Besonderen…«

Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44

Was genau, außer der Tatsache, dass die genannten das Judentum philosophisch durchleuchtet haben – mit teils unterschiedlichen »Ergebnissen« (Levinas widersprach Hermann Cohen in bestimmten Punkten), seine Grundlage für die Beziehung zum Holocaust gebildet hat, erfahren wir nicht. Aber wir können daraus eine Top-Four der jüdischen Philosophen ableiten.
Wir haben gerade von ihm gelernt, er befasse sich nicht mit Israel. In seinem Artikel wendet er sich nun aber Palästina zu:
»Palästina hingegen nimmt einen wichtigen Platz in meinem Nachdenken über die ,andere Seite der Welt’ ein, das heißt über die kolonialen Formen der Aufteilung der Erde und des Lebens.« Dann folgt ein kurzer Exkurs über die »Herrschaft« über Palästina. Als würde er damit nicht indirekt oder direkt über den Staat Israel sprechen. Palästina diene ihm dazu, über Fragen nachzudenken »was wir mit denen tun sollen, die mit uns oder neben uns leben, mit denen wir aber keine andere Beziehung als eine der Abspaltung haben wollen.« Dieser Vorwurf an die israelische Seite wird hier als Feststellung verkauft.
»Ich bin gegen jede Form von Kolonialismus« schreibt er. Er bezeichnet Israel – und das wird behandelt, als sei das Konsens – als Kolonialstaat bzw. als Kolonialmacht. Teilt man diese Prämisse nicht, hat Mbembe sowieso ein Problem. Man kann und darf sie nicht teilen, denn sie ist gefährlich und zeigt die Unkenntnis der komplexen Geschichte des Landstrichs zwischen dem Toten- und dem Mittelmeer. Juden wird vorgeworfen ihre eigene Heimat zu kolonialisieren. Was wäre die Konsequenz daraus, wenn man diese Form der Kolonialisierung auflösen möchte?
Aber auch hier wieder der Griff in die Trickkiste: Der israelische Kronzeuge. »Wenn aber die Tatsache, dass man den Kolonialismus nicht unterstützt, ein Verbrechen oder ein Beweis für Antisemitismus wäre, dann würden zweifellos viele Israelis selbst diesen Test nicht bestehen.« Es gibt Israelis, die bestimmte Formen der »Besatzung« missbilligen. Aus finanziellen oder moralischen Gründen. Da gibt es zahlreiche Misch- und Zwischenformen. Derzeit liegen mir keine Statistiken darüber vor, wie viele Israelis tatsächlich die Auflösung des Staates heute befürworten.

Gedanken- und Gewissenfreiheit Was ist das deutsche Dogma?

Im letzten Schritt des Artikel bemüht er die Gedanken- und die Gewissensfreiheit. Sie seien Gegenmittel gegen »Tyrannei und Dogmatismus«. In einer liberalen Gesellschaftsordnung habe der »Vorwurf des Abfalls vom Glauben keinen Platz.« Er erinnert an einen Brief von Kant an Moses Mendelssohn, in dem Kant schreibe, das Subjekt, welches eigenverantwortlich denke, urteile und handele, sei keinem Dogma unterworfen. Bevor wir darauf eingehen, was Mbembe als »Dogma« bezeichnet, erinnern wir daran, dass Kant tatsächlich Antisemit war. Zwar hatte er eine gewisse Form der Beziehung zu Mendelssohn, aber das Judentum verachtete Kant. Unter den Juden schien Mendelssohn für ihn eine Ausnahme zu sein. Mbembe wird das wissen.
Das Dogma scheint die Ablehnung von BDS zu sein:
»Für mich gehört die Verweigerung einer Zusammenarbeit mit Personen und Institutionen, die an der kolonialen Besatzung eines Volkes durch ein anderes Volk beteiligt sind, zur Ausübung von Gewissensfreiheit.« Damit wäre eigentlich alles gesagt: Israel ist ein Kolonialstaat und der Boykott dieses Staates gerechtfertigt.

Aber er legt noch nach: »All jene, die die koloniale Besetzung kritisieren, in trivialer Weise des Antisemitismus zu bezichtigen leistet dem allgemeinen Kampf gegen den Antisemitismus hingegen einen Bärendienst.«

Da die »besetzten Gebiete« Palästinas geographisch nicht eingegrenzt werden, kann er den gesamten Staat Israel meinen, aber auch Bereiche des Westjordanlandes, oder das gesamte Westjordanland, die gesamte Stadt Jerusalem, oder nur den Osten. Da ist er wieder: Schrödingers Antizionismus.

Nehmen wir einen Satz aus »Politik der Feindschaft« hinzu: »wo das Blut das Gesetz macht, in expliziter Anwendung des alten Diktums der Vergeltung, des Aug-um-Auge […]«

Die Auseinandersetzung muss genau so geführt werden! Jemand muss Mbembe auf seinem Feld begegnen und seine Argumente schrittweise zerpflücken und die schützenden Wortwolken, mit denen er sich umgibt, auf harte Fakten reduzieren. Die Unterkomplexität der Auseinandersetzung hat uns bisher nicht weitergebracht. Vielleicht wird auch seinen Fans klar, dass er auf diesem Gebiet gewisse Defizite aufzuweisen hat.

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Deutschsprachige jüdische Streams – ein Stundenplan

Diese Liste sollte eigentlich fortgesetzt melden – ich gehe davon aus, dass die meisten nun das Angebot ihrer Wahl gefunden haben. Aber nicht nur Jüdinnen und Juden nutzten diese Angebote, sondern auch Störer mit antisemitischer Motivation. Deshalb nun kein Service mehr für die Störer. Leider auch nicht für diejenigen, die es wirklich brauchen können.

Es hat sich innerhalb weniger Tage recht viel getan – es gibt (nun) mehrere Angebote, online an einem Gebet teilzunehmen, oder einen Schiur zu hören.

  • Schacharit (Morgengebet) mit Rabbiner Zsolt Balla (Leipzig) – An Werktagen (Sonntag bis Freitag) um 08:00 Uhr über zoom oder die facebook-Seite von Rabbiner Balla (man muss nicht mit ihm befreundet sein, um den Stream zu sehen)
  • Minchah und Ma’ariw (Nachmittags- und Abendgebet) mit Rabbiner Zsolt Balla (Leipzig) – An Werktagen (Sonntag bis Freitag) um 18:00 Uhr über zoom oder die facebook-Seite von Rabbiner Balla

Fehlt etwas? Einfach bitte kurz melden.

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Online-Minjan revisited

Corona hat zu ziemlich strikten Maßnahmen geführt und auch ohne staatliche Intervention haben viele Menschen verstanden, dass social distancing dazu führen könnte, Menschen vor dem Virus zu schützen. Verantwortungsvolle jüdische Gemeinden haben ohne Druck von außen schnell entschieden, nicht unbedingt ein gemeinsames Gebet anzubieten. Schnell gab es wieder die Frage nach Online-Minjanim. Wäre das keine Alternative?

Würde das also funktionieren? Also über eine Videokonferenz zu beten und einen Minjan zu bilden? Natürlich nicht am Schabbat, das würde ganz andere Probleme aufwerfen.
Die Frage ist leider nicht so leicht zu beantworten. Die Quellenlage ist dünn. Zwar findet man einige Hinweise, aber nichts konkretes.
Rabbi Shraga Simmons von Aish haTorah lehnte es komplett ab, schreibt aber nicht aus welchem Grund.
Ein Minjan wird eben nicht nur aus zehn Personen gebildet, sondern erfordert auch einige andere äußere Einflüsse. So müssten die einzelnen Personen sich im gleichen Raum aufhalten, oder wie Maimonides in den Hilchot Teffilah schreibt, können sie sich in angrenzenden Räumen aufhalten, wenn sie sich in Hörweite befinden.
Der Schulchan Aruch bestimmt (Orach Chajim 55) dagegen, dass die Minjanmenschen sich im gleichen Raum aufhalten müssten. Dort heißt es aber auch, dass eine Person auf der anderen Seite eines Fensters mitgezählt werden dürfe. Später wurde gesagt, man müsste sich sehen (Mischnah Berurah).

Eine gewisse räumliche und physische Nähe scheint also erforderlich zu sein. Die Größe des Raums scheint dabei übrigens keine Rolle zu spielen. Die Gemarah von Sukkah 51b erzählt von einer Synagoge in Alexandria, die so groß gewesen sei, dass denjenigen, die hinten saßen, per Fahne angezeigt bekommen mussten, wann man Amen sprechen musste.
Physische Nähe muss aber dennoch gegeben sein. Jetzt wäre die Frage, ob die elektronische Repräsentation meiner Person, gleichbedeutend mit meiner physischen Anwesenheit (wo überhaupt?), praktisch wie eine Person am Fenster ist. Dies würde jedoch bedeuten, dass sich zumindest ein Teil der Gruppe irgendwo gemeinsam in Mehrzahl befinden müsste. Mein elektronischer Repräsentant ist aber nicht ein Blick durch das Fenster, denn das wäre ja eine überwindbare physische Hürde (um das Haus herumgehen, Tür auf, hinein). Der elektronische Repräsentant kann auch nicht zur Torah aufgerufen werden.

Was nun aber geht Vieles ist möglich!

So smart die Idee eines virtuellen Minjans also ist, es scheint kein Minjan zu sein.
Das bedeutet aber nicht, dass man nicht gemeinsam beten könnte! Rabbiner Zsolt Balla von der jüdischen Gemeinde Leipzig hat am 16. März 2020 damit begonnen, Gebete zu streamen und so für etwas mehr Gemeinschaft gesorgt (hier müsste der Stream erreichbar sein – zur passenden Uhrzeit). Im Augenblick ist es wichtig, den Anschluss an die Gemeinschaft nicht zu verlieren. Man kann nur alle, denen es möglich ist, dazu aufrufen, ein solches Angebot zu schaffen, oder zu unterstützen.

Update!

Die Website kipa.co.il meldete, dass es einen interessanten Kompromiss gäbe. Rabbiner Benjamin (Benni) Lau hätte Rabbiner Elieser Melamed (Autor von Peninei Halakha und Oberhaupt der nationalreligiösen Jeschiwah Har Bracha) vor einem Gebet via »Zoom« (siehe unten auf dieser Seite) zu Regelungen diesbezüglich gefragt. Die Antwort bleibt in Grundzügen die gleiche, aber (!) es gibt ein paar Neuigkeiten: Für Kaddisch Jatom und Kaddisch DeRabban reiche der elektronische Minjan aus. Barechu zu sagen, sei auch in Ordnung. Benni Lau wird im Artikel mit dem Hinweis darauf zitiert, dass der Verzicht auf das tägliche Sprechen des Trauerkaddischs tatsächlich einen intimen Punkt treffe.
Zum Artikel bei kipa.co.il

Womit? Eine Miniliste

Einige Dienste und Werkzeuge sind bekannt, aber nicht die beste Wahl für Streaming oder »Konferenzen«.

  • Skype dürfte das bekannteste Werkzeug zur virtuellen Begegnung sein. Man kann auch in Gruppen miteinander reden. Skype ist für die meisten Geräte verfügbar.
  • Google Hangouts ist ähnlich zu Skype, erlaubt aber das Versenden eines Links zu einem Gruppengespräch. Man müsste also nicht alle Teilnehmer manuell hinzufügen. Hangouts läuft auch über den Browser ohne zusätzliche Software. Auf Smartphones mit Apps von Google. Man benötigt übrigens ein Googlekonto.
  • Zoom wird derzeit häufig verwendet. Zoom kann in einer Gratisversion bis zu 100 Personen »hosten«, Konferenzfunktionen anbieten und Gespräche auch durch einen Moderator steuern lassen. Hier wird aber temporär auf Rechnern eine Software installiert. Für Smartphones gibt es Apps.
  • WhatsApp erlaubt auch Gruppengespräche, allerdings nur für maximal vier (!) Teilnehmer. Das dürfte in den meisten Fällen nicht ausreichen.

Auch wenn also ein Minjan nicht möglich ist, so gibt es ohne großen Aufwand möglich, sich online zu treffen, miteinander zu beten oder zu lernen.

2011 erschien bereits ein Beitrag zum Online-Minjan im Zusammenhang mit google-plus. Dieses soziale Netzwerk gibt es mittlerweile nicht mehrder Kern ist natürlich noch aktuell. Deshalb heißt dieser Artikel »revisited«…

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Hunters

Ein paar der Jäger/Hunter | Copyright: Christopher Saunders für Amazon Studios, Prime Video

War nicht vorhersehbar, dass man in Deutschland auf eine Serie über »Jüdische Rache« mit einer Mischung aus Genugtuung, Ablehnung und Grusel reagieren würde?
Genugtuung (mal sehen, welches Feuilleton uns zuerst einen Text dazu schenkt) , weil dann die »Opfer« Gewalt einsetzen. Ablehnung, weil das das Verhältnis zum Personal des Vernichtungsapparats ja noch immer irgendwie komplex ist. Grusel: Ja, Nazis taugen halt immer als Gruselfaktor. In Dead Snow hat man das potenziert und Zombie-Nazis auf die Reise geschickt.

Ablehnung war auch aus einem anderen Grund vorhersehbar: Fiktive Geschichten aus den Konzentrationslagern. Als hätte es das zuvor nicht gegeben. »Der Junge im gestreiften Pyjama« (grenzwertiges Buch und furchtbarer Film), oder »Les Bienveillantes« (»die Wohlgesinnten« gutes Buch, schwer auszuhalten) von Jonathan Littell, »The Dance of Genghis Cohn« von Romain Gary und Georgia Hunters »We Were the Lucky Ones« sind einige literarische Beispiele.
Filme (gibt es nicht auch eine X-Men Folge mit Schoahbezug?) gibt es ebenfalls einige. 2007 hat man in Deutschland darüber diskutiert, ob Helge Schneider Hitler in »Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler« spielen darf und damit von der Tatsache abgelenkt, dass der Film nicht der allerbeste Streifen von Dani Levy war.
Besonders heraus sticht natürlich »Inglourious Basterds«. »Hunters« knüpft genau da an. Wie Tarantino, beziehen sich Serienautor David Weil und Regisseur Jordan Peele stark auf die B-Movies der 70er Jahre – in der die Serie auch spielt. Das ganze ist angefüllt mit Verweisen auf Comics, Science-Fiction und sogar Broadway-Musicals jener Zeit. Referenzen auf jüdische Popkultur sind zahllos. Wer mit diesem Stil nichts anzufangen weiß, wird natürlich mit »Hunters« nicht glücklich und sowieso mit keinem Tarantino-Film. Wenn also eine Ermittlerin in der Schublade eines Arztes herumkramt, wird sie natürlich Zähne finden und Fotografien aus dem Lager. So funktioniert der Plot nach den Konventionen jener Zeit. Wer also einen Arthouse-Film mit Diskursen über Schuld erwartet, wird keine gute Zeit haben und stattdessen mit überzogenen Dialogen und Einspielern beschenkt.

Ach so, was ist eigentlich die Handlung? 

Eine Gruppe unter der Leitung von Meyer Offerman, gespielt von Al Pacino, deckt in den USA versteckt lebende Nazis auf. Die sind gerade dabei, eine Verschwörung gegen den Staat in Gang zu bringen. Seine Gruppe besteht dabei aber nicht nur aus jüdischen Mitstreitern. Zugleich interessieren sich die Nazis für diejenigen, die da ihre Leute umbringen und die Ermittlungsbehörden wollen natürlich auch wissen, wer da sein Unwesen treibt.

Wer sich in diesem Universum zurechtfindet, wird mit »Hunters« auf eine wilde Fahrt gehen, in der nicht nur eine Geschichte erzählt wird, sondern auch etwas über Rassismus und Antisemitismus. Diese Themen sind noch immer aktuell.

Wenig gelungen sind die Szenen, in denen tatsächlich auf die Schoah rückgeblendet wird und man sich als Zuschauer nicht sicher sein kann, ob die etwas schwache Umsetzung eine Referenz an die 70er sind, eine Form der Distanzierung, oder einfach schlechtes Filmhandwerk – was man sich eigentlich nicht vorstellen will. Hier hätten Erzählungen vielleicht ihren Job auch getan. Der Blick in ein Ghetto verrät auch architektonisch, dass wir uns noch in den USA befinden und die Szenen im Lager wirken befremdlich. 

Schließen wir mit einem typischen Zitat »Bist Du ein Jewper-Held?«

Die Serie läuft seit Februar 2020 bei amazon prime.

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Eine neue Synagoge für Hamburg

Die Bornplatzsynagoge in Hamburg hatte 1.200 Sitzplätze und war mit ihrer 40 Meter hohen Kuppel vermutlich ganz gut im Stadtbild sichtbar. Die Synagoge wurde erst zwei Tage nach dem Novemberpogrom in Brand gesteckt und obwohl das Gebäude so exponiert war, gab es dafür keine Zeugen. Ist das nicht seltsam? Der Abriss begann einige Monate später, am 14. Juli 1939.

Natürlich hat das eine Lücke hinterlassen – eine sichtbare. Der Platz ist bis heute nicht wieder bebaut worden und in Joseph-Carlebach-Platz umbenannt. Eine klaffende Wunde in der Stadt und eine Erinnerung an den Abriss der Synagoge.

Synagogenmonument Joseph-Carlebach-Platz (Hamburg-Rotherbaum) von Ajepbah / Lizenz: CC BY-SA

Aber das soll nicht so bleiben. Im Februar 2020 stimmte die Hamburger Bürgerschaft, also das Stadtparlament, einstimmig für Wiederaufbau der Synagoge. Im Gespräch ist sogar ein »Wiederaufbau« der Synagoge nach historischem Vorbild. Also ein Schließen der Lücke und eine Heilung der Wunde?
Zunächst soll eine Machbarkeitsstudie ermitteln, was vor Ort überhaupt technisch möglich ist.
Es ist ohne Zweifel und Einschränkung zu begrüßen, dass lokale jüdische Gemeinden bei ihrer Entwicklung konkret unterstützt werden. Hier entwickeln Prozesse manchmal jedoch eigene Dynamiken, weil alle Beteiligten unterschiedliche Ziele verfolgen und einen eigenen Blick auf die tatsächliche Sachlage haben.

Die nichtjüdische Sichtweise Die Gemeinde wachsen!

In der Wahrnehmung der nichtjüdischen Öffentlichkeit – und da ist vielleicht der Wunsch der Vater des Gedanken – wachsen alle jüdische Gemeinden und grundsätzlich sind die meisten Gemeindemitglieder per se religiös.

Ein Beispiel für diese Überzeugung ist ein Text von Till Briegleb für die Süddeutsche Zeitung in dem es heißt: »…denn die jüdische Gemeinde in Hamburg wächst kontinuierlich, besitzt aber nur beschränkte Räumlichkeiten.«
Da sollte auch tatsächlich etwas passieren: Eine vernünftige Infrastruktur muss her. Eine, die einer Entwicklung einer lebendigen Gemeinde nicht im Wege steht. Das muss aber nicht bedeuten, dass die Mitgliederzahlen kontinuierlich steigen. In Hamburg ist nämlich genau das Gegenteil der Fall. Die Gemeinde schrumpft kontinuierlich. Hatte die Gemeinde 2006 noch 3.086 Mitglieder, sind es heute 2.383.
70% der Gemeinde sind heute Senioren. Perspektivisch muss die Gemeinde sich also darauf einstellen, weniger Mitglieder zu haben. Auch wenn das für eine Stadt wie Hamburg schwer zu glauben ist.
Dabei hat die Gemeinde offenbar vieles richtig gemacht:
Sie hat liberale Strömungen unter ihrem Dach integriert (siehe etwa hier), Chabad mit ihrem Rabbiner in die Gemeinde geholt – also keine Parallelstruktur entstehen lassen und einen recht jungen Vorstand. Etwas unverständlich, dass es daneben übrigens noch eine eigene liberale Gemeinde gibt.
Trotz der, ansonsten recht günstigen, Ausgangslage, ist der demographische Faktor ist ausschlaggebend und gegen den kann man nur wenig tun – außer Leute zu holen. Hamburg gehört nicht zu den unattraktivsten Städten des Landes.

Altersstruktur Hamburg

Die Früchte hängen tief

Die Stadt Hamburg ist bereit, der Jüdischen Gemeinde weit entgegen zu kommen und so scheint alles möglich zu sein. Interessant ist daran, wie die Gemeinde handel wird. Wird sie sich auf die Zukunft ausrichten und ein Gemeindezentrum bauen, welches 2.000 Menschen oder 800 ein Zuhause sein kann?

Oder wird man der Versuchung – und vielleicht den Erwartungen von draußen nachgeben – und eine Synagoge mit 1.200 Plätzen wiedererrichten und dann mittelfristig vor der Frage stehen, was dann passieren wird?