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Das Tagebuch der Anne Frank als Graphic Diary

Wer heute als Tourist nach Amsterdam kommt, wird Anne Frank in der Stadt begegnen. Heute gibt es Taschen mit Sätzen aus dem Tagebuch der Frank, es gibt natürlich ein Theaterstück und seit diesem November sogar ein weiteres »Achter het Huis« (Hinter dem Haus). Dieses Stück kommt sogar ohne Juden und Nazis aus. In diesem Stück geht es statt dessen um einen fiktiven Übergriff durch Dr. Fritz Pfeffer auf Margot, Annes Schwester. Warum? Weil das Tagebuch der Anne Frank, laut Regisseur Ilja Pfeijffer ansonsten keinerlei Dramatik enthält. Eine Oper namens »Anne en Zef« (»Anne und Zef«) zeigte zu Beginn des Jahres Annes Verhältnis mit einem albanischen Teenager der einem Ehrenmord zum Opfer fiel.
Wer möchte, kann sich fürs Anne-Frank-Haus Karten online reservieren und kann dann termingerecht mit Priorität an der absurd langen Schlange vorbeiziehen und sich durch die Ausstellung schieben lassen. Nicht selten habe ich beobachtet, dass man sich vor dem Eintritt »viel Spaß« gewünscht hat. Der »originale« Ort soll dann wohl einen »authentischen« Eindruck verleihen. Bis vor kurzer Zeit konnte man anschließend im Museumsshop ein leeres Tagebuch kaufen. Wer auf der Suche nach »Authentizität« ist, sollte sich vielleicht an das Tagebuch halten und den Bereich draußen auf sich wirken lassen.
Die »Figur« Anne Frank unterliegt als Symbol für alles mögliche mittlerweile auch einer gewissen Kommerzialisierung und Banalisierung, nicht nur durch den Einsatz für beliebige Zwecke. Mal wird behauptet, Anne hätte sich, wenn sie noch lebte, für die Sache der Palästinenser eingesetzt, dann wieder für vollkommen andere Dinge. Oder um es mit Eyal Boers zu sagen: Anne Frank ist die »Heilige Dreifaltigkeit der Symbolik: Das Kind, die junge Frau, die Jüdin.« Für jeden ist also etwas dabei. Vom Tagebuch und dem Schicksal des Mädchens, welches das Buch schrieb, ist das alles recht weit weg.

Nun gibt es das Tagebuch auch noch als »Graphic Diary«, also als gezeichnetes Buch. Hier kann man natürlich nicht das gesamte Buch abbilden, sondern muss sich auf bestimmte Inhalte beschränken und eine thematische Auswahl treffen. Damit befasst waren Ari Folman, israelischer Filmregisseur und der Comiczeichner David Polonsky. Ari Folman arbeitet derzeit an einem Film zu Anne Franks Tagebuch. Die beiden machen aus dem fragwürdigen Unterfangen einen interessanten »Kommentar« zum Tagebuch der Anne Frank und führen an die Lektüre heran.
Polonskys Bilder und Folmans Ausformulierung der Geschichte überzeichnen zwar Annes überraschend klare Sicht der Dinge (die im Tagebuch zuweilen altklug wirkt) und die Beziehungen zwischen den Bewohnern, aber arbeiten damit ein paar Aspekte besonders hervor. Die Bildsprache und die Formulierungen zeigen, mit wie viel Ironie oder gar Spott Anne hier ihren Alltag schilderte. Aber auch ihre Befürchtungen oder Hoffnungen. Sie sieht die Juden schuften vor der Kulisse eines ägyptisch anmutenden Nazireichs, dann zündet die Meldung des »D-Days« im Radio neue Hoffnung auf eine baldige Befreiung. Lediglich die Augen der Hauptfiguren wirken etwas verstörend groß. Die Übersetzung erledigte übrigens die großartige Mirjam Pressler.
Abschließend kann man also sagen, dass das »Graphic Diary« bestimmte Aspekte des Buchs verdeutlicht und der Lektüre anschließend weitere Aspekte hinzufügen, aber es kann die Lektüre nicht ersetzen oder als »Zusammenfassung« dienen. Es ist ein wenig kommerzieller Baustein, aber keiner derjenigen, der irgendeine beliebige Symbolik hinzufügt, sondern etwas sinnvolles beiträgt. Das antizipierten wohl die Herausgeber schon und versichern, dass UNICEF wesentliche Teile des Erlöses erhält. Irgendwie ist es ein jüdischer Aspekt, dass es zu einem Buch ein Buch gibt…

Hinweis: Auch Juna, von irgendwiejuedisch.com hat das Tagebuch gelesen. Ihre Rezension findet man hier.

Bibliographische Angaben

Das Tagebuch der Anne Frank: Graphic Diary. Umgesetzt von Ari Folman und David Polonsky
S. Fischer Verlag
160 Seiten
ISBN-10: 3103972539
Leseprobe hier verfügbar

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Ihre Sendung wurde antizionistisch geöffnet

Kassenzettel statt Geschenk

Es schadet nicht, rechtzeitig vor Chanukkah noch Sendungen aus Israel nach Deutschland auf den Weg zu bringen. Das dachte auch die Freundin von F. Also packte die Freundin ihr kleines Chanukkah-Geschenk ein, zusammen mit zwei Kinderbildern. Dann ging der Umschlag auf den Weg.

In Deutschland freute sich F. auf den Umschlag. Als er dann endlich eintraf, klebte auf dem Umschlag ein Aufkleber des Zolls in Frankfurt und war zudem in eine Plastikhülle eingepackt. Das kann passieren. Wer häufiger Sendungen aus dem Ausland erhält, weiß, dass der Zoll vereinzelt in Sendungen hineinschaut. Das ist in der Regel auch kein Problem. Zuweilen klebt auch ein mehrsprachiger Hinweis auf der Umverpackung. Der informiert darüber, dass die Sendung beschädigt wurde und deshalb von der Deutschen Post neu verpackt wurde. Auch dies ist meist recht freundlich von der Post.

Auf F. wartete jedoch eine ganz besondere Überraschung zu Chanukkah. In Deutschland muss jemand das eigentliche Geschenk gegen ein Mickey-Maus-Heft und drei Tankquittungen aus Norddeutschland getauscht haben. Denn diese Dinge steckten nun, zusammen mit den Kinderbildern, in dem Umschlag Alle vier Sachen mit Botschaften bekritzelt die sich offensichtlich gegen den Staat Israel richten:

»Ask Laws – Den Haag – Holland« und »§ Ask land crimes« steht etwa auf den Zetteln. Es ist also offensichtlich, dass die neue Füllung des Umschlags aus Deutschland stammt und sich inhaltlich gegen den Staat des Absenders richtet. Umso absurder erscheint es, dass die Post nach einer Mailanfrage eine Standardantwort versendet, in der es heißt, dass internationale Sendungen nicht überprüft werden könnten. Eine telefonische Anfrage von F. beim Internationalen Sendungszentrum in Frankfurt brachte ebenfalls nichts. Die Person am anderen Ende der Leitung legte einfach auf. Kurzum: Die Post möchte sich nicht darum kümmern, hat aber anscheinend ein Problem, wenn irgendwo zwischen zollamtlicher Abfertigung und Zustellung Dritte sich einfach am Inhalt von Sendungen zu schaffen machen und für besondere Chanukkah-Geschenke sorgen. Eigentlich ein kleiner Skandal.

Disclaimer: Die Deutsche Post fertigt jeden Tag unfassbare viele Sendungen ab – in der Regel auch zur Zufriedenheit der Empfänger. Das ist bekannt und steht außer Frage.

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Das Mahnmal vor der Haustür des Politikers

Denkmal für die ermordeten Juden Europas – von Deror avi (Eigenes Werk) [Attribution], via Wikimedia Commons

Du darfst in Dortmund eine Gedenkveranstaltung an den 9.November stören, du darfst Synagogen anstecken ohne in Verdacht zu geraten, ein Antisemit zu sein. Du kannst Jüdinnen und Juden per Mail den Tod wünschen, du kannst Stolpersteine aus dem Boden reißen. Du darfst in Deutschland im Vorbeigehen einem jüdischen Passanten die Kippah vom Kopf hauen, du darfst ihm sogar ins Gesicht schlagen. Du darfst einen Rabbiner angreifen, du kannst einen Überlebenden der Schoah umbringen, oder eine Frau töten.
Aber wehe, du vergehst dich am Mahnmal! Also an der Zentralen Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas. Da verstehen die Leute keinen Spaß und das muss um jeden Preis, im wahrsten Sinne des Wortes, geradegerückt werden. Es muss nicht korrigiert werden, dass da jemand nicht verstanden hat, wie groß die Katastrophe der Schoah für dieses Land war – das hat man selber vermutlich gar nicht verstanden – nein. Die Kritik am Mahnmal muss geradegerückt werden. Wo man doch schon ein Mahnmal gebaut hat, zu dem man »gerne« geht. Das lässt sich das »Zentrum für politische Schönheit« 69.000 crowdgefundete, Euro kosten.

Auf dem Nachbargrundstück von Björn Höckes Haus, baut das ZfpS 24 Betonstelen auf. Die Gruppe gibt an, sie habe das Grundstück angemietet, nachdem Höcke das Mahnmal als »Denkmal der Schande« bezeichnet hatte und in der gleichen Rede eine »eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad« gefordert hatte.

Philip Ruch vom ZfpS schreibt auf der Website:

»Die Zivilgesellschaft finanziert dieses Mahnmal. Das bedeutet: Wir können die grotesken Forderungen zur Geschichtspolitik nicht länger auf sich beruhen lassen. Auch nicht nach knapp einem Jahr ohne Distanzierung. Die Erinnerung muss in den braunen Ecken in Beton gegossen werden.«
von hier, deine-stele.de

Das bedeutet, private Spender haben es möglich gemacht, dass jemand das Mahnmal, das in Berlin schon kaum seinen Zweck erfüllt, nämlich an die Schoah zu erinnern, in einem Garten in kleiner Form nachbaut. Geld, mit dem man vielleicht die wenigen Überlebenden der Schoah noch gut hätte unterstützen können. Auch diejenigen, die als Zwangsarbeiter für die Nazis arbeiten mussten. Oder einen Opferfond hätte gründen können. Für diejenigen, die Opfer antisemitischer oder rassistischer Gewalt wurden. Wenn man Höcke ärgern wollte, könnte man für jeden Exkurs durch ihn, in dem es um die Schoah oder die Erinnerung an den Nationalsozialismus geht, die Einlage aufstocken. 69.000 Euro wäre auch eine schöne Summe, um sie in politische Bildung zu investieren. Damit niemand die Chance hat, den Diskurs vom »Mahnmal der Schande« irgendwo fruchtbringend in Umlauf zu bringen.

Aber so nimmt man das Mahnmal, das nicht einmal ein historischer Ort ist, zum Anlass für eine vermeintliche Provokation – die niemand anderem nützt, außer der Gruppe die das Theater veranstaltet. Das Ziel dieser Provokation dürfte davon auch profitieren. Mehr Aufmerksamkeit für beide.

Die Aktion ist in einem schlechten Sinne doch sehr spießig und gar nicht künstlerisch hipp: Das offizielle Gedenken sticht alle anderen Anliegen und verstellt den Blick auf die Gegenwart. Eine Aktion bei der am Ende diejenigen, an die da gedacht werden soll, gar nicht mehr vorkommen.

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Iftarlade: koscher und halal

Die Idee mag einfach klingen, scheint aber nicht simpel zu sein, denn sonst hätte es bereits jemand gemacht:
Eine Schokolade auf den Markt zu bringen, die ausdrücklich koscher und halal ist. Also sowohl den jüdischen Speisegesetzen entspricht, als auch den muslimischen. Man ermöglicht damit einer kleinen Minderheit und einer nicht so kleinen Minderheit, dass sie auf das gleiche Produkt zugreifen können. Die Firma Hussel vertreibt seit diesem Monat eine solche Schokolade. Die »Iftarlade«.

Wer das Kaschrut-Zertifikat ausgestellt hat und die Herstellung der Schokolade überwacht, wollte Hussel mir nicht verraten. Genau genommen hat Hussel überhaupt nicht auf Anfragen zu dieser Schokolade reagiert und konnte mir dementsprechend auch nicht mitteilen, wo man diese, außer im Onlineshop, erwerben könnte. Im lokalen Handel jedenfalls (noch) nicht. Bei einem Mindestbestellwert von 14 Euro und 4,90 Euro Versandkosten hätten also die Verkostung und der Blick auf die Rückseite (vielleicht versteckt sich ja dort die Information zum beaufsichtigenden Rabbiner) mich 19 Euro gekostet.

Aber zurück zur »Iftarlade«: Ist die Idee »Gold«, so ist die Umsetzung eher »Holz«. Warum? Bei einem interreligiösen Projekt oder Produkt kann es keinen »Juniorpartner« geben.
Die »Iftarlade« ist wegen ihres Namens keine halal-koscher Schokolade. Sie ist eine Schokolade für eine muslimische Zielgruppe – die Juden auch essen dürfen. Mit der Bezeichnung »Iftar«, also das Essen des Fastenbrechens im Ramadan, ist die kulturelle Dominanz einer Gruppe schon im Namen verankert. Ich weiß nicht, ob sensible jüdische Käufer sich eine Schokolade kaufen würden, deren Name sich aus einem religiösen Ritual ableitet. Technisch mag sie koscher sein, aber manchmal reicht das nicht aus.

Übrigens sind zahlreiche Schokoladen in Deutschland koscherzertifiziert. Etwa Duplo, Giotto, Kinder Country, aber auch Twix, Bounty etc. Die Kaschrutliste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz weiß da Rat.

Zusatz/Aktualisierung Anfang November hat Hussel einem Kunden mitgeteilt, die Schokolade befände sich gerade in der Zertifizierung. Diese Information war jedoch nicht zutreffend, sondern Triangel K zertifiziert. Die Öffentlichkeitsarbeit von Hussel ist also optimierbar.

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Religion und Einsamkeit in der kleinen Stadt

In dieser Woche blieb ich an einem Zeitungsartikel aus einer Lokalzeitung hängen (über google-News). Ein Mann möchte in einer Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern eine jüdische Gemeinde gründen oder aufbauen.
Das klang zunächst einmal interessant.
Das Bild zum Artikel zeigt einen bärtigen Mann mit Kippah und Tallit-Katan. Er sei – gefühlt -der einzige Jude in der Stadt und wünsche sich mehr Kontakt zu anderen Juden. Er möchte Brüder und Schwestern einladen, sich bei ihm zu melden.
Eine Frage drängt sich auf: Könnte er die nächstgelegene Gemeinde fragen, die auch für seine Stadt verantwortlich ist?
Diese weiß, wer und wie viele Menschen dort jüdisch sind.

Aber na gut, er sucht den Weg über die Medien.
Seit einem Jahr »bekenne« er sich zum Judentum, informiert der Artikel. Seitdem gälte er als Exot. Sei sogar schon antisemitisch angepöbelt worden – wegen der Kippah.

Google hilft dann bei einer Zeitreise. Die gleiche Person. Der Name ist, verbunden mit der geographischen Angabe, nicht sehr häufig.
Hier werde ich schnell fündig. In einem Unterstützerforum für den Salafisten Pierre Vogel.
Er sei so alleine in seiner Stadt. Es gäbe zwar eine Moschee, aber dort möchte niemand mit ihm etwas zu tun haben. Schließlich habe man Vorbehalte gegen die Salafisten. Traurig sei das. Er lade Mitbrüder ein, sich bei ihm zu melden.

Bei Youtube schreibt er zu einem anderen Zeitpunkt, er trage Krischna im Herzen. Leider sei er allein in seiner Stadt und suche Kontakt zu anderen Mitbrüdern und Schwestern. Er würde gerne in den Mönchsstand eintreten.

Erschreckend ist, dass ich mir das nicht ausgedacht habe und dass das Judentum nun ein weiteres Spielfeld des Herren ist.

Die Redaktionen der Lokalzeitungen greifen das begeistert auf und geben das relativ kritiklos weiter. Ohne Hintergrundcheck. Es bleibt zu hoffen, dass sich keine Jüdinnen und Juden bei ihm melden und sich an die lokale jüdische Gemeinde halten.

Aber: Ich bin mir sicher, es wird weitere Religionen geben, die wenig Anhänger in der Stadt haben.

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Weltethos ohne Zionisten?

Die Arche von Noach in einem Werk aus Herat, entstanden zwischen 1405 und 1447. Sie illustriert das Werk des persischen Historikers Hafiz-e Abru.

Jüdisch-Muslimischer Dialog ist wichtig. Deshalb findet er auch zuweilen statt. Nicht im großen Ausmaß, aber immerhin gibt es hier und da Initiativen auf Augenhöhe.
Für größere Initiativen in Deutschland sind andererseits die jüdischen Gemeinden einfach zu klein.

Neben dem Austausch praktischer Dinge oder gemeinsamer Projekte könnte es passieren, dass man sich auch inhaltlich füreinander interessiert. Literatur gibt es nicht viel auf diesem Gebiet – jedenfalls nicht in deutscher Sprache – es gibt ja auch kaum einen Markt.

Recht euphorisiert war ich deshalb über die Ankündigung von Dr. Muhammad Sameer Murtaza zu seinem Buch
»Adam – Henoch – Noah – Ijob: Die frühen Gestalten der Bibel und des Qur’an aus jüdischer und muslimischer Betrachtung« (Link zum Buch bei amazon), die er per Mail und dem Abbinder der Stiftung »Weltethos« aussandte. Ein verbindendes Buch mit Betrachtungen der gemeinsamen Geschichten. Das erste Kapitel des Buches (»Adam und der Universalismus in Thora und Qur’an«) allerdings baut keine Brücken:

Aber es gibt zunehmend kritische Stimmen auf jüdischer und muslimischer Seite, die im ideologisierten Islam der HAMAS und in der Ideologie des Zionismus keine Lösung sehen.
– Seite 15

Gehen wir die Konstruktion einmal schrittweise durch. Auf der einen Seite wird die Hamas genannt. Eine Terrororganisiation mit dem erklärten Ziel, Israel zu vernichten.
Auf der anderen Seite wird der Zionismus an sich genannt. Die Ideologie eines Staats für Jüdinnen und Juden.
Und wie bezeichnet man diese Menschen, die im Zionismus »keine Lösung sehen«?
Für Dr. Murtaza sind es Hoffnungsträger:

Die Hoffnungsträger setzen die israelische Politik nicht mit dem Judentum gleich und identifizieren die Handlungen der HAMAS nicht mit dem Islam.
– Seite 15

Aber eines verstört noch: Das ist kein religiöser Konflikt. Hier stößt nicht Islam auf Judentum, hier kämpfen nicht Islam und Judentum gegeneinander. Wer das so darstellt, der nimmt den Faden derjenigen auf, die diesen Mythos gesponnen haben – letztendlich für ein politisches Ziel und um die Jagd auf Juden auch außerhalb Israels zu legitimieren. Im palästinensisch-israelischen Konflikt geht es ausschließlich um Politik. Die israelische Regierung ist keine Theokratie.

In einem Gespräch zu seinem Buch (hier, islamiq.de) sagt Dr. Murtaza:

Ich würde das Buch gerne Menschen muslimischen und jüdischen Glaubens schenken, die den jeweils anderen bisher nur im Zuge des politischen Nahost-Konfliktes als Feindbild kennengelernt haben.
hier, islamiq.de

Man hat einander nicht als Feindbild kennengelernt. So selbstkritisch Dr. Murtaza zu sein scheint, so naiv scheint er anzunehmen, Juden erzögen ihre Kinder zum Hass auf den Islam oder die Palästinenser.

Natürlich habe ich Kontakt zu Dr. Murtaza aufgenommen um ihn dazu zu befragen. Das Zitat aus seinem ersten Kapitel sei eine Wiedergabe dessen, was Juden und Muslime über den Konflikt zu sagen hätten. Zudem habe er in Gesprächen mit jungen Juden »aus der Richtung des liberalen Judentums« aber auch Gesprächen mit Rabbinern die Notwendigkeit für eine Phase des Postzionismus herausgehört. Diese führe letztendlich zum Frieden.

Wir wissen nicht, welchen Postzionismus er meint. Die (stark umstrittene) innerisraelische Forderung nach einem multikulturellen, multi-konfessionellen und multi-nationalen Staat Israel, der seinen Anspruch aufgibt, ein jüdischer Staat sein zu wollen, oder jener Postzionismus , der einfach den Staat in seiner Vollständigkeit ablehnt.
Und wenn er ersteren meint, warum hat er das nicht so formuliert? Diese Frage wollte oder konnte mir Dr. Murtaza nicht beantworten. Passen Weltethos und Zionismus also nicht zusammen?

Zum Themenkomplex Juden und Islam siehe bitte auch diesen Artikel

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Neuer Siddur mit deutscher Übersetzung – Tehillat HaSchem

Chabad ist Deutschland als Standbein wichtig. Um das herauszufinden, muss man nicht einmal mit den entsprechenden Rabbinern vor Ort sprechen. Allein schon die aufwendig publizierten Bücher zeigen, dass man in Deutschland Potential sieht. Da war zunächst eine Ausgabe des Buches »Tanja«, dann folgte »Den Himmel auf die Erde bringen« – wie die Tanja-Ausgabe ein Büchlein für bibliophile Leser.

Und nun kommt jenes Buch, welches im (jüdischen) Alltag (sofern man religiös ist) die wichtigste Rolle spielt: Der Siddur – das Gebetbuch. »Siddur Tehillat Haschem« ist das Standard-Gebetbuch der Chabad-Bewegung. Davon gibt es verschiedene gedruckte Varianten, aber die kommentierte ist besonders beliebt. Sie basiert auf der englischen, also zweisprachigen, Ausgabe. Diese wiederum hat auch eine nur-hebräische, eine spanische, französische und eine russische Ausgabe als Pendant. Nun also auch eine deutsche. Auf diese Weise hat ein gemischtes Publikum Bücher mit den gleichen Seitenzahlen und einem gleichen Layout.

Tehillat HaSchem Vergleich amerikanischer (Taschen-)Ausgabe mit deutscher Ausgabe. Gleiche Seite – gleiches Layout.



Innenansicht von Tehillat HaSchem – hier die Amidah

Und genau dieses Layout macht die Struktur der Gebete deutlich und versucht zugleich eine Brücke zu »alten« Ausgabe des Tehillat haSchem und Siddurim im Allgemeinen zu schlagen. Zahlreiche Beter wollen offenbar Siddurim die noch ein wenig so gestaltet sind, wie sie sich Siddurim immer vorgestellt haben: Eine hebräische Schrift, die nicht zu modern wirkt und trotzdem soll das Buch leicht zu verwenden sein.
Der Siddur von Artscroll war der erste, der deutliche und ausführliche Anweisungen gab, Textkästen einführte und den Leser durch das Gebet führte und auch mal ein Gebet mehrfach abdruckte, damit der Beter nicht ständig blättern musste. Zudem fügte Artscroll einen Kommentar hinzu. Dieser Siddur war, aus heutiger Sicht nicht der allerbeste Wurf, damals aber eine Revolution und wegweisend für spätere Projekte. Zudem hat man nach Artscroll verstanden: Um die Ideen der eigenen Bewegung weiterzutragen, eignen sich Kommentare und Erklärungen hervorragend. Artscrolls Ideen und Einblicke geben ja eine haredische Sichtweise wieder und die wiederum hat viele geprägt, die über die Siddurim Zugang zur Welt des jüdische Gebets erhalten haben.

Was eignet sich also besser, als ein Buch, welches man sehr häufig verwendet?

»Siddur Tehillat Haschem« versucht diejenigen zu bedienen, die gerade erst einsteigen und diejenigen, die schon Profis sind und muss deshalb gestalterisch beide Gruppe berücksichtigen:

  • Die Wahl der hebräischen Schrift folgt ebenfalls diesem Ansatz: Es ist eine erneuerte Variante einer klassischen Siddurschrift.
  • Anmerkungen sind deutlich erkennbar und hervorgehoben.
  • Einschübe in die Gebete für besondere Anlässe sind ebenfalls klar kenntlich gemacht und leicht zu verwenden.
  • Zu einigen Gebeten gibt es Transliterationen im Anhang. Der ungeübte Beter dürfte also durch das Gebet gelotst werden.

Tehillat haSchem – Innenansicht – hier der Anhang mit illustrierten Erklärungen

Der Einband scheint sehr stabil zu sein, die Seiten fassen sich gut an. Ein Lesebändchen ist ebenfalls eingebunden. Erneut und großes Projekt von Chabad und das ohne staatliche Zuschüsse oder Fördermittel. Offensichtlich wurde das Projekt durch private Förderer mitfinanziert.

Eine »Rezension« des Werks und eine Minieinführung in den Brauch dem dieser Siddur folgt, ist jetzt in der Jüdischen Allgemeinen erschienen. Diese kann man hier vollständig lesen.

Doch nicht genug!

Es gibt eine Ausgabe für Leser dieses Blogs!

Eine Ausgabe wurde freundlicherweise für Leser dieses Blogs zur Verfügung gestellt. Was man dafür tun muss? Das Formular ausfüllen (Name und Mailadresse). Über den »Random Number Generator« von Wolfram Alpha wird dann ein »Gewinner« ermittelt. Der Name wird nur dann veröffentlicht, wenn die Person nach Kontaktaufnahme damit einverstanden ist.

Ansonsten gibt es das Buch derzeit bei Books&Bagels zu kaufen (Link hier).

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Jetzt ist Fynn dran – warum diese Generation verloren ist

Schmuliks Cousine hatte die kleine Nurit bei ihm gelassen. Nur für ein paar Tage. Deshalb war der Spielplatz neben der Synagoge sein neuer Wirkungsraum. Immerhin gab es dort wlan. Irgendeiner der Nachbarn hatte das Netz FRITZBOX-Kellerwohnung nicht abgesichert.

Und dort auf dem Spielplatz reifte auch eine Erkenntnis in Schmulik. Nicht die, dass Kinder anstrengend sind, sondern die, warum Deutschland so ist, wie es ist. Alle wissen, die Grundlagen für Muster aus der Erwachsenenwelt, werden in der Kindheit gelegt.
Warum, das war schnell zu beobachten. Auf dem Spielplatz war immer viel los.
Es gab ein Gerüst, eine Wippe – und es wunderte Schmulik, dass man in Deutschland nicht dazu gezwungen wurde, mit Helm auf die Wippe zu steigen – ein riesiges Klettergerüst mit Seilen, Hängebrücken und einem kleinen Häuschen für pubertierende Jugendliche die an den Abenden im fahlen Licht der Handydisplays hockten und ungelenkt aneinander herumschraubten. Weiterlesen

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Ein Siddur für Amsterdam – ein gutes Vorbild

In diesem Sommer erschien ein (weiteres) Meisterwerk des Koren-Verlags: Eine Mischung aus Chumasch (also Torahausgabe) und Siddur für den Minhag (Brauch) der Portugiesischen Gemeinde Amsterdam.

Uninteressant für Deutschland?

Nein. Der Siddur ist für den deutschsprachigen Bereich durchaus auch interessant. Zum einen, weil es da doch Leute gibt, die sich vielleicht für die verschiedenen Minhagim interessieren. Mit der Portugiesischen Gemeinde Amsterdam haben wir einen alten Minhag ohne kabbalistische Einflüsse. So hat man Kabbalat Schabbat zwar übernommen, aber es besteht nur aus Lechah Dodi. Die Hawdalah ist ebenfalls anders. Einige Gebete werden zudem in einer anderen Reihenfolge gesprochen.
Hinzu kommt, dass einige Texte in portugiesischer Sprache gesprochen werden (etwas das Gebet für den König), oder Ankündigungen auf Portugiesisch erfolgen. Eine Liste dieser Ankündigungen (wann ist Minchah?) befindet sich ebenfalls in diesem Siddur.

Die einzelnen Aufrufe innerhalb eines Wochenabschnitts können sich von denen unterscheiden, die wir kennen. Die sind übrigens auch innerhalb des aschkenasischen Minhags stellenweise unterschiedlich – nur trägt kaum eine Ausgabe dem noch irgendwie Rechnung. In der neuen Torahausgabe des Herder-Verlags wurde das beispielsweise nicht berücksichtigt.

Zum anderen ist das Buch interessant, weil in Deutschland viele lokale Minhagim bereits verloren gegangen sind und es immer noch Menschen gibt, die nach einem gut gestalteten »jekkischem« Siddur sind. So gibt es zwar »Siddur Tefilas Yeshurun« von Rabbiner Hofmeister aus Wien und der Siddur ist auch hervorragend recherchiert, aber ein gutes Beispiel dafür, dass man zur Umsetzung wirklich jemanden fragen sollte, der sich damit auskennt. Ähnliches gilt für den Machzor Shivchei Yeshurun – großartiger Inhalt, aber nicht gut umgesetzt. Das Auge davvenent ja bekanntlich mit.

Der Weg, den die Portugiesische Jüdische Gemeinde Amsterdam ging, hat sich als richtig erwiesen. Begonnen hat ein einzelner Beter – Dr. Efraim Rosenberg – mit aschkenasischem Hintergrund. Er wollte aus vielen Büchlein und Kopien ein leicht zu nutzendes Buch am Rechner für seinen Vater zusammenstellen. Eigentlich für Sukkot, Pessach und Schawuot. Als er begann, merkte er schnell, dass es nicht bei einem einfachen Zusammenfügen von Texten bleiben würde. Andere Beter hatten ebenfalls Hinweise oder Korrekturen und so wuchs der Umfang des Materials recht schnell.

Detailansicht des Covers

Detailansicht des Covers

Das erste Ziel war nun die Zusammenstellung eines Siddurs speziell für den Schabbat und nicht mehr für die Feiertage – ein solcher Band soll wohl folgen. Und weil auch die Aufrufe und die Torahlesung einem eigenen Minhag folgten und auch heute noch folgen, sollte auch das umgesetzt werden. Da Dr. Rosenberg kein Gestalter ist, sondern Moleklularbiologe, wandten er und seine Mitstreiter sich an den Koren-Verlag und der machte aus den Unterlagen von Dr. Rosenberg ein großartiges Buch. Bei Koren konnte man sich vollkommen auf die Unterschiede konzentrieren. Der Verlag verfügt ja mittlerweile über eine riesige Sammlung von Texten vieler Minhagim (Bräuche). Hier kamen guter Inhalt, gutes Layout und große »Benutzerfreundlichkeit« zusammen. Ein großartiges Vorbild.

Der Artikel für die Jüdische Allgemeine ist hier zu finden.

Detailansicht einer Seite – mit dem Gebet für den König

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam