Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

17. April 2015 – 28 Nisan 5775
von Chajm
3 Kommentare

Die dritte Generation

de_derde_genDie Freundinnen blättern am Strand in Magazinen – sie selber liest ein Buch über Hitler. Die erste sexuelle Erfahrung ist ebenfalls mit dieser »Person« verbunden und deshalb die Erinnerung nicht nur super. Immerhin war es an Hitlers Geburtstag.
Das sind die Erfahrungen einer jungen Frau deren Großeltern Überlebende der Schoah sind.
Ich bin mir sicher, dass wir von diesen Erfahrungen auch in Deutschland hören werden: »De derde generatie – Kleinkinderen van de Holocaust« auf Deutsch etwa »Die dritte Generation – Enkel des Holocaust« ist ein Buch Natascha van Weezel (geboren 1986), welches kürzlich in den Niederlanden erschien.

Natascha van Weezel sucht darin nach der Antwort auf die Frage, ob es die dritte Generation überhaupt als einheitliche Gruppe gibt und ob alle Mitglieder dieser Gruppe die gleichen (oder ähnliche) Erfahrungen gemacht haben. Dazu hat sie gleichaltrige Juden in den USA besucht und stieß dort auch auf eine Studie zu dieser Generation.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Schoah tatsächlich bis in die jüngste Generation nachwirkt.
Nein, die Generation 3 geht nicht häufiger zum Therapeuten als andere Juden, aber im Durchschnitt bleibt sie länger in Behandlung. Es sei auch wahrscheinlicher, an einer Essstörung zu leiden. Einige andere gemeinsame Merkmale folgen.
Das Buch ist aber nicht nur eine Zusammenstellung dieser Fakten, sondern auch die Geschichte der Suche danach. In der Beschreibung dieser Suche liegt die Stärke des Buchs. Denn diese Geschichte ist sehr privat und unmittelbar. Über eine Essstörung etwa weiß Natascha van Weezel aus erster Hand zu berichten. Über ihre eigene hat sie bereits in einem anderen Buch berichtet. Sie beschreibt lebendig ihre Familie. Warm und herzlich aber zugleich auch, wie schonungslos sie teilweise mit der Schoah konfrontiert wurde. Sie beschreibt ihre Suche nach der eigenen Identität und die fortdauernde Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Großeltern. Die persönliche Perspektive verschmilzt mit dem, was sie über andere Kinder der dritten Generation gelernt hat.
Das Buch erzeugt mehr Nähe als ein Roman über das Thema und vermittelt zugleich das, was wir heute über die dritte Generation wissen können.

In den Niederlanden hat das Buch reichlich Aufmerksamkeit erhalten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch den Sprung nach Deutschland schaffen wird.

De derde generatie – Kleinkinderen van de Holocaust
ISBN: 9789460037467
240 Seiten
Verlag: Balans
Das Buch gibt es als Paperback und als e-book.

15. April 2015 – 26 Nisan 5775
von Chajm
4 Kommentare

Mitgliederstatistik – noch weniger Mitglieder

Mitgliederstatistik der ZWST für 2014: Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland

Mitgliederstatistik der ZWST für 2014: Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland

Eine gewisse Dynamik ist zu erkennen – leider keine positive. Die jährliche Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden für das Jahr 2014 bestätigt den negativen Trend der vergangenen Jahre.
901 Mitglieder haben die Jüdischen Gemeinden gegenüber dem Jahr 2013 verloren. Von 2013 zu 2012 waren es 797 Mitglieder weniger. Davor 662 Mitglieder weniger. Bei einer kleineren Gesamtanzahl steigt also die Summe der Verluste. Die Tragik dieses Trends werden auch Nicht-Mathematiker erkennen.

Die wichtigsten Eckdaten direkt im Vergleich zu 2013:

2013 2014
Geburten 250 243
Sterbefälle 1244 1335
Übertritte 70 68
Austritte 418 528
Einwanderer 444 652
Auswanderer 150 169

Die Tabelle zeigt uns ein ganz interessantes Detail: Die Anzahl der Auswanderer ist nicht signifikant gestiegen. Trotz der schlechten Lage 2014 und der Massenauswanderung in Frankreich.

Hier eine Tabelle mit Zugängen und Abgängen. Bemerkenswerte Auffälligkeiten (positiv oder negativ) sind hervorgehoben. Potsdam verzeichnet ein Mitgliederwachstum von 6 Prozent und Saar eine Schrumpfung von 4%.

Mitglieder Zugang Abgang Prozent
Baden 5.282 748 627 2%
Bayern 8.923 125 328 -2%
Berlin 10.157 178 326 -1%
Brandenburg 1.082 49 32 2%
Bremen 962 16 32 -2%
Frankfurt/M 6.753 245 331 -1%
Hamburg 2.481 78 107 -1%
Hessen 4.861 94 130 -1%
Köln 4.176 79 129 -1%
Meck-Pom 1.450 14 30 -1%
München 9.434 145 108 0%
Niedersachsen 6.993 91 170 -1%
Niedersachsen/lib 1.200 20 7 1%
Nordrhein 16.649 196 334 -1%
Potsdam 376 40 16 6%
Rheinland-Pfalz 3.277 44 82 -1%
Saar 966 7 45 -4%
Sachsen 2.609 45 69 -1%
Sachsen-Anhalt 1.443 18 59 -3%
Schleswig-Holstein 1.260 10 43 -3%
Schleswig-Holstein lib. 713 37 20 2%
Thüringen 769 17 6 1%
Westfalen 6.583 92 227 -2%
Württemberg 2.939 50 81 -1%
Summe 101.338 2438 3339 -1%

Der Blick in die Zukunft ist über einen Blick auf die Altersstruktur möglich. 45% aller Gemeindemitglieder sind älter als 60 Jahre:

Alterrstruktur der Jüdischen Gemeinden 2014

Alterrstruktur der Jüdischen Gemeinden 2014

Die Arbeit an einer Bereitstellung einer kleineren und effektiven Infrastruktur müsste also langsam beginnen.
Als man optimistisch in die Zukunft sah, schuf man Infrastrukturen für wachsende Gemeinden. Die schrumpfende Gemeinden werden vermutlich nicht die gleichen Mittel aufbringen können, um diese Strukturen langfristig zu erhalten.

Anhand der Darstellung oben kann man ganz gut erkennen, dass die Gemeinden nun so viele Mitglieder haben, wie in den Jahren 2002/2003.

Alle Daten kann man in der Statistik der ZWST nachlesen.

13. April 2015 – 24 Nisan 5775
von Chajm
Keine Kommentare

Creative Commons auf talmud.de

Creative CommonsSeitdem die Haggadah auf talmud.de (Haggadah hier|Bericht darüber hier) erschien und mit einer Creative Commons Lizenz versehen wurde, war eigentlich klar, dass weitere Texte folgen müssen.
Im Idealfall werden diese auch genutzt, weiterverbreitet und zu anderen Werken verarbeitet. Noch idealer wäre es, wenn auch andere Nutzer Dinge (Texte, Übersetzungen, Publikationen) auf der Festplatte liegen haben und diese teilen möchten – damit daraus wieder anderes entsteht. Andere Werke oder Wissen. Im deutschsprachigen jüdischen Bereich ist das ja derzeit noch eine Seltenheit.
Das Upload-Formular und einige Sätze zu diesem Projekt findet man hier auf talmud.de.

8. April 2015 – 19 Nisan 5775
von Chajm
1 Kommentar

Ein seltsamer Minhag

Minhagim Buch: Hoschanah Rabbah

Minhagim Buch: Hoschanah Rabbah

Im Herbst schrieb ich in der Jüdischen Allgemeinen über einen seltsamen Brauch: Den Minhag haZel.
Eleasar ben Jehuda aus Mainz (1176–1238) berichtet in seiner Zusammenfassung von Halachot, bezeichnet als HaRokeach (221), dass an Rosch Haschana das Schicksal des Menschen beschlossen und an Jom Kippur besiegelt wird – und dass dies an einem Schatten an Hoschana Rabba sichtbar wird. Der Prozess gegen den Menschen wird also zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur geführt, und laut Eleasar ben Jehuda kann man seinen Ausgang an Hoschana Rabba »sehen«. Im Minhagim Buch, welches Jitzchak von Tyrnau (lebte im 14. Jahrhundert) zugeschrieben wird, findet man diesen, scheinbar aschkenasischen Brauch noch.
Den jiddischen Text zu diesem Brauch habe ich nun (endlich) übertragen:

Hoschannah Rabbah ist der siebente Tag von Sukkot
An allen anderen Tagen steht geschrieben KeMischpat und bei dem siebenten Tag steht KeMischpatam, damit man weiß, dass HaKadosch baruchHu an Rosch haSchanah gerichtet hat und geurteilt hat an Jom Kippur. Das weiß man durch den Mond. Derjenige, der seinen Schatten nicht sieht, bleibt nicht leben im selben Jahr, denn an Hoschanah Rabbah wird der Regen gerichtet: Wird es regnen oder nicht.
Darum erfährt man in dieser Nacht, wieviele Leute im kommenden Jahr zu ernähren sind.
Viele kleiden sich in ein Leinentuch und gehen dorthin, wo der Mond scheint. Dort legen sie das Leinentuch ab, so dass sie nackt bleiben und breiten ihre Glieder ganz aus. Fehlt ihnen der Kopf, dann wird es um ihren Kopf gehen, fehlt ihnen ein Finger, dann wird es um Verwandte gehen. Fehlt der Schatten der rechten Hand so ist es ein Zeichen für den Sohn, fehlt die linke Hand ist ein Zeichen für die Tochter. Wisse aber, dass der Schatten den man im Mondlicht sieht, nicht der richtige Schatten ist, sondern es ist der Schatten vom Schatten. Wenn genau hinsieht auf den Schatten von Menschen, so sieht man den Schatten den der richtigen Schatten umgibt.
Wir lernen in der Gemarah, dass einer der über Land zieht und will wissen ob er zurückkehren wird, oder nicht, der soll nach seinem Schatten sehen. Sieht er den Schatten vom Schatten so kehrt er wohlbehalten wieder Heim. Man rät davon ab, damit die Person nicht vollständig den Mut für Unternehmungen verliert.

pessach_mini

2. April 2015 – 13 Nisan 5775
von Chajm
2 Kommentare

Pessach, eine Pflanze mit einem seltsamen Namen und Chol haMoed

Blick in eine Haggadah
Eine gute Gelegenheit, allen Leserinnen und Lesern ein Chag Pessach Sameach zu wünschen!

Der erste Tag Pessach und der Schabbat fallen zusammen und so wird an diesem Schabbat dementsprechend in den Synagogen der Torahabschnitt für den ersten Tag Pessach gelesen. Gleich zu Beginn dieses Abschnitts, wird davon berichtet, dass das Blut mit einer Pflanze namens Esow an die Türrahmen aufgetragen wird. Häufig wird das mit Ysop übersetzt. Das scheint jedoch nicht ganz korrekt zu sein. Warum man ausgerechnet Esow verwenden sollte, habe ich für die Jüdische Allgemeine erkundet. Der Text ist hier vollständig verfügbar.

Auf die Feiertage folgen dann die Halbfeiertage – die Tage Chol haMo’ed Pessach. Was Chol haMo’ed bedeuten könnte, danach schaue ich hier (ebenfalls für die Jüdische Allgemeine).

Aktualisiert ist übrigens auch der Beitrag mit einem Verweis auf alle Pessachbeiträge in diesem Blog, hier zu finden.

27. März 2015 – 7 Nisan 5775
von Chajm
7 Kommentare

»Keine Synagoge muss leer sein. Wo Leute die Initiative ergreifen, sich nicht bremsen lassen, dranbleiben, auch wenn es schwierig wird, da bewegen sie auch etwas. Und das spornt dann wieder andere an«, so Jonathan Marcus. Das sei der Schlüssel für ein lebendiges Gemeindeleben: aktiv sein von unten und nicht institutionalisiert von oben.

Jonathan Marcus zur Belebung der Synagoge Fraenkelufer in der Jüdischen Allgemeinen(hier)

25. März 2015 – 5 Nisan 5775
von Chajm
6 Kommentare

Ein unsichtbarer Rabbiner

ZEIT vom 18.03.2015

ZEIT vom 18.03.2015


Die Zeit vom 18.03.2015 brachte endlich einmal einen Beitrag aus einer kleinen Gemeinde. Das ist eine Abwechslung, denn Judentum passiert ja nicht nur in Berlin oder München.
Eine Dame aus Gelsenkirchen und ein Mädchen aus der gleichen Stadt sprechen, mutig und mit Foto, über ihre jüdische Identität und wie man damit im Alltag umgeht. Das Mädchen macht einen recht toughen Eindruck, sagt wo es in der Schule Probleme geben könnte und in welchem Ausmaß man zuhause jüdisch lebt. Beeindruckend. Die Dame die ebenfalls porträtiert wird, macht sich Sorgen um ihr Kind und denkt laut über dessen Zukunft nach. Beide Artikel sind eine gute Momentaufnahme aus einer kleinen Gemeinde. Das sind sehr persönliche Äußerungen und auch Entscheidungen. Schließlich muss jede und jeder für sich selbst entscheiden, wie er oder sie sein jüdisches Leben ausgestaltet.

Die beiden Artikel werden begleitet von einer Textbox mit der Überschrift »Mail des Rabbiners« (welcher Gemeinde wird nicht mitgeteilt), eher in einem persönlichen Ton gehalten, in dem eine Person um Verständnis darum bittet, nicht in der ZEIT erscheinen zu müssen. Er publiziere weniger als früher und trete nicht in der Öffentlichkeit auf. Seine Tochter hätte schon die Schule gewechselt und die Familie sei nicht besonders erpicht darauf, dass jemand über ihre Identität Bescheid weiß. Mit anderen Worten: Der Rabbiner würde lieber unsichtbar bleiben.
Das ist zu einem Teil eine private Entscheidung, zum anderen Teil eine öffentliche, denn in Deutschland sind Rabbiner ja weit mehr als nur halachische Ratgeber. Sie sind Aufbauhelfer und im gewissen Sinne auch Rollenvorbilder für die Gemeindemitglieder. Es ist heute Teil ihres Berufs, auch ein wenig öffentlicher Repräsentant zu sein. Wenn schon der Rabbiner nicht mehr als Jude in die Öffentlichkeit gehen möchte, dann ist das ein schlechtes Signal an die Gemeinde – vielleicht sogar ein sehr fatales. In der Öffentlichkeit wäre er unsichtbar und könnte für seine Gemeinde nicht Stimme erheben. Er müsste ein unsichtbares Leben führen, ein unauffälliges, vielleicht assimiliertes Leben, zumindest aber in Unfreiheit.
Damit ist viel gesagt über den aktuellen Zustand.

23. März 2015 – 3 Nisan 5775
von Chajm
4 Kommentare

Haggadah online

Ausschnitt aus der Tegernsee Haggadah

Ausschnitt aus der Tegernsee Haggadah

Eine kleines Projekt, in dem schon ein paar Stunden Aufwand stecken: Eine Haggadah online. Diese gibt es nun eine vollständig (hoffentlich) online und in deutscher Sprache. Was eigentlich ein Novum sein sollte; wenn man über eine Haggadah mit hebräischem Text und einigen Illustrationen spricht.
Der eigentliche Beginn der Seite lag in ein paar Basisinformationen zur Haggadah und der Präsentation der Bilder aus einer Haggadah, die im 15. Jahrhundert entstanden ist. Aber dann kamen aber immer mehr Textabschnitte hinzu und schließlich machte es keinen Sinn mehr, den einen Text mit einer Übertragung vorzustellen, aber einen anderen nicht. Das Ergebnis ist also hier zu betrachten.
Schließlich wurde der Text auch unter eine Creative Commons Lizenz (Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz) gestellt. Vielleicht verwenden ja deutschsprachige Nutzer den Text als Startpunkt für eine eigene Haggadah und teilen diese ebenfalls (was sie tun müssten, laut Lizenz). Mal schauen, ob das jemand tut.

18. März 2015 – 27 Adar 5775
von Chajm
5 Kommentare

Die Wahlen und ihr Ausgang

Wahlplakat der Zionistischen Vereinigung »Wir oder er« - von Ranbar (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Wahlplakat der Zionistischen Vereinigung »Das sind Wir oder Er« – von Ranbar (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Mit dem Ausgang der Wahlen ändert sich scheinbar wenig, weil es so ausschaut, als bleibe Netanjahu an der Macht. Das ist die oberflächliche Betrachtung des Wahlausgangs. Tatsächlich hat die Zionistische Vereinigug (HaMachane HaZioni) durch ihr gemeinsames Auftreten kein schlechtes Ergebnis erzielt, auch wenn es nicht für eine Regierungsbeteiligung reichen dürfte. Dies zeigt recht gut, dass die Bevölkerung sehr verschiedene Interessensschwerpunkte hat. Einigen ist Sicherheit wichtig, anderen soziale Gerechtigkeit und die Aussicht, von eigener Arbeit auch (gut) leben zu können. Für die Juden der Diaspora dürften beide Themen nicht so sehr uninteressant sein – natürlich nur dann, wenn man sich über eine Auswanderung Gedanken macht.
Es hat der Mann gewonnen, der in den Augen der Öffentlichkeit hier in Europa, nicht gerade Wunschkandidat war – um das mal euphemistisch zu umschreiben. Fast schon egal, wer statt Netanjahu die Wahl gewinnt. Es dürfte seiner Popularität nicht gerade genutzt haben, in den letzten Stunden noch vor den arabischen Wählern zu warnen – was weder weise, noch akzeptabel war. Er hat sich schon zuvor mit Richter Salim Joubran angelegt, der aus einer arabischen Familie stammt und die Wahlen beaufsichtigt.
Das gute Abschneiden der arabischen Sammelpartei ist interessant und in gewisser Weise bedeutsam. Es zeigt nämlich zwei Dinge: Zum einen, dass Israel genau kein Apartheidstaat ist, in dem nichtjüdische Israelis keinerlei Rechte hätten und zum anderen, dass viele arabische Wähler sich irgendwie doch nicht in den anderen Parteien aufgehoben fühlen – wenngleich HaMachane HaZioni Zouheir Bahloul aufgestellt hat und Jisrael Beitejnu Hamad Amar (einen Drusen). Bei einer großen Koalition wäre übrigens der Spitzenkandidat der Vereinigten Arabischen Liste, Ayman Odeh, offizieller Oppositionsführer geworden.

Das israelische Fernsehen tweetete ein Bild von Ja’akow Herzog und Tzipi Livni vom Frühstück am Strand am Morgen nach der Wahl:


Da war schon klar, dass die Regierungsbeteiligung vermutlich vom Tisch ist. Aber auch für Netanjahu wird es kein Spaziergang. Er muss nun die potentiellen Koalitionspartner unter einen Hut bringen und eine Perspektive für eine Zusammenarbeit formulieren. Bei den vielen kleinen Interessen keine leichte Aufgabe.
Eine Präsidentschaft Netanjahus bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Friedensprozess endgültig begraben wurde, hoffentlich jedenfalls. Entgegen der Aussage, es werde mit ihm keine zwei Staaten geben, muss Netanjahu eine sichere Alternative vorstellen oder von seiner Aussage abrücken und es irgendwie in einen »Ja-Ja-das-war-vor-der-Wahl« Kontext bringen. Auf der anderen Seite war diese Lösung zunächst nur mehr eine schöne illusorische Idee, die aber immer unerreichbarer wurde. Nicht nur aus israelisch-innenpolitischer Sicht.

Langfristig wird große Rhetorik hier keine Lösung bringen und seine Position nicht absichern. Die sozialen Probleme wird seine Regierung angehen müssen. Tatsächlich ist vieles nicht so zementiert, wie es momentan ausschauen könnte.

Abschließend muss man erwähnen, dass ein anderer Wahlausgang bezüglich des Irans keine Änderung gebracht hätte. Es ist Konsens, dass eine iranische Regierung mit Atomwaffen für den Staat Israel eine Bedrohung darstellt.

Noch etwas zur »Rezeption« der Wahlen in den deutschsprachigen Blogs und Facebook-Accounts:
Genausoviel, wie die Europäer wollten, dass Benjamin Netanjahu unter allen Umständen nicht gewählt wird, wollten einige populistische Blogger, dass Benjamin Netanjahu unbedingt wieder gewählt wird.
Warum?
Nicht aus der Erkenntnis heraus, dass Netanjahu dieses oder jenes bewegt hätte, oder weil man vergessen hätte, wie lange er vor einer Antwort auf den Raketenbeschuss aus Gaza im Sommer 2014 gezögert hat. Nein.
Offenbar nur, damit man nun sagen kann: »Bäh, bäh, Bäh – Israel kann selber bestimmen, wer gewählt wird.«
Das wird aber dem Wahlergebnis nicht gerecht und der Komplexität der Situation auch nicht.

7. März 2015 – 16 Adar 5775
von Chajm
Keine Kommentare

Judas

Buchcover Amos Oz: Judas

Buchcover Amos Oz: Judas

Es ist Winter in Jerusalem.
Ein nasser, kalter, unfreundlicher Winter zwischen den Jahren 1959-1960.
Jerusalem ist von drei Seiten umschlossen von Feindesland.
Hin und wieder fallen Schüsse.
Schmuel Asch, ein bärtiger, sozialistischer, zionistischer, asthmatischer und etwas nachlässiger Student wird direkt zu Beginn des Buches seiner Umgebung entrissen. Einige Sätze reichen, um dem jungen Mann auf ein leeres Spielbrett zu stellen.
Seine Freundin heiratet einen anderen, seine Eltern verlieren ihr Geschäft und können so das Studium von Schmuel nicht mehr bezahlen. Seine Arbeit zum Thema »Jesus in der Perspektive der Juden« kann er nicht mehr fertigstellen.
Die Geschichte führt ihn aber dann in das »Haus Abrabanel« Bejt Abrabanel. Weiterlesen →