Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

18. Dezember 2014 – 26 Kislev 5775
von Chajm
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Eisiger Wind

Wir alle sind NRW! Aktion am Landtag gegen DÜGIDA

Die Anzahl der Toten ist erschreckend. In Syrien, im Irak, im Jemen auch noch immer. Im offiziellen Deutschland ist von Solidarität die Rede, davon, dass man da eigentlich helfen müsse. Das ist tatsächlich so. Man muss helfen. Das ist keine Floskel.

Im inoffiziellen Deutschland ist davon nicht die Rede. Klar, man will irgendwie helfen, aber bitte nicht vor der eigenen Haustür, nicht in der eigenen Stadt und am besten gar nicht im eigenen Bundesland.
Man sei total überfordert mit den ganzen Flüchtlingen.

Hat jemand die Zahlen gesehen?

Bis September 2014 (seit 2011) hat Deutschland 57.912 Syrer ins Land gelassen (Angaben von hier).
Der Krieg in der Ukraine überschwemmte das Land zusätzlich mit Flüchtlingen. Die Zeit meldete im Sommer, die Zahl der Asylsuchenden sei in den ersten fünf Monaten des Jahres 2014 doppelt so hoch, wie im gesamten Jahr 2013! Das waren ganze, aufgepasst, 276 Menschen bis Juli 2014!

Wer meint, die Zahl wäre hoch und natürlich wären die Aufnahmestellen damit überfordert, der soll mal zurückblicken ins Jahr 1994:
Krieg in der Nachbarschaft. Flüchtlinge aus Bosnien kamen nach Deutschland – ungefähr 350.000 (Zahlen von hier). Das sind sechsmal soviele!
Hat es das Land umgekrempelt?
Hat es nicht.

Was machen die Menschen draußen also? Sie zeigen Empathie? Sie starten Hilfsaktionen?

Nicht ganz! Sie demonstrieren gegen Flüchtlinge aus islamischen Ländern und gegen eine vermeintliche Islamisierung Deutschlands. Vordergründig jedenfalls.
Ausreichend viele Muslime gäbe es nicht für eine Islamisierung. Das würden übrigens auch viele, die als Muslime gelten, wohl gar nicht wollen.

Die Mischung die da in diesen Tagen zusammenkommt, ist jedenfalls putzig. Da sind diejenigen dabei, die gestern noch in Leserbriefen und Onlinekommentaren bekundet haben, man möchte bitte den Menschen im Nahen Osten helfen und deshalb müsse man etwas gegen den Staat Israel tun. Da werden auch einige von denen mitmarschieren, die sich auch schon leidenschaftlich gegen die Beschneidung eingesetzt haben. Nicht nur aus purem Humanismus. Vielleicht auch ein wenig, weil das oft Fremde (Juden gehören in deren Weltbild durchaus dazu) praktizieren.

Dann gibt es auch diejenigen, die sich rege (vordergründig) für den Staat Israel einsetzen und gegen Antisemitismus. Natürlich besonders, wenn er von muslimischer Seite kommt. Das einzige, was dadurch entsteht, ist der Eindruck, Juden wären Muslimen grundsätzlich feindlich gesinnt. Da wird also versucht, das Zusammenleben zu vergiften. Schlimm genug, dann gibt es sogar von jüdischer Seite Menschen, die auf der Welle reiten und die dadurch entstehende Popularität genießen. Auch ein paar Blogs, die man als proisraelisch bezeichnen könnte, reiten den »Er/Sie/Es ist ein Antisemit« Kurs. Das sorgt für reichlich neue Artikel, aber es ventiliert häufig die gleichen Argumente und letztendlich kommt man zu dem Schluss, dass doch nur der Islam das Problem ist.

Wir müssen das nicht mit einer rosaroten Brille betrachten. Natürlich gibt es Antisemitismus, gerade unter muslimischen Jugendlichen und der könnte auch gefährliche Formen annehmen.
Die Mehrheitsgesellschaft kümmert sich aber offenbar nur dann darum, wenn es ein Werkzeug gegen diese Minderheiten ist. Man muss sich um die Probleme tatsächlich kümmern. Aber es gibt keine einfachen Lösungen und Themen haben mehr als nur zwei Seiten.

Dr. Josef Schuster, der neue Präsident des Zentralrats, dürfte sich bei den – gerade beschriebenen – Menschen unbeliebt machen, denn er hat recht deutlich formuliert, wie er die Sache sieht:

»Wir alle sind jetzt aufgefordert, gegen die Stimmungsmache von Pegida vorzugehen und uns schützend an die Seite der bedrohten Menschen zu stellen.«
von hier: Jüdische Allgemeine

Politisch verpasst hat man in den letzten Jahren, wahrzunehmen, dass Vorbehalte gegen alles, was fremd erscheint, zugenommen haben. Das wabert immer wieder an die Oberfläche.

Wer sich für harte Fakten interessiert, dem seien die statistischen Erhebungen der entsprechenden Behörden ans Herz gelegt, siehe hier und hier. Ohne Einwanderung sähe es übel aus für die Bevölkerungsentwicklung.

15. Dezember 2014 – 23 Kislev 5775
von Chajm
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Die Megille von Chanukkah

Holzschnitt: Chanukkah, aus einem Frankfurter Minhagim Buch

Holzschnitt: Chanukkah, aus einem Frankfurter Minhagim Buch

Eine Megille für oder von Chanukka?

Ja. Die gibt es!
Für die aktuelle Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen (Text hier vollständig verfügbar) habe ich kurz zusammengefasst, dass es vor langer Zeit in einigen Teilen Europas den Brauch gab, eine Megillah für Chanukkah zu lesen. Leider ist das nahezu vollständig untergegangen.

Wer hineinschauen möchte, in die Megillah, kann sie hier herunterladen (und weiterverbreiten), oder die deutsche Übersetzung online lesen. Der Text ist historisch nicht ganz sauber, aber er erzählt die Geschichte eines Wunders. Vielleicht findet sich ja eine Gemeinde, die den Text im kommenden Jahr liest? – Wenn ja, dann lasst es den Baal haBlog wissen!

Beschluss Voransicht

10. Dezember 2014 – 18 Kislev 5775
von Chajm
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Doch Vertrauen in Frankfurt?

Alles koscher. Alles in Ordnung. Mit dem Urteil eines »externen« Rabbinatsgerichtes kommt etwas Dynamik um die Sache mit dem Skandal um koscheres Fleisch in Frankfurt (am Main). Ein Rabbinatsgericht (mit eher charedischem Schwerpunkt) kam zu anderen Schlüssen als die Justiz und die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands. Rabbiner Jirmijahu Kohen vom Bejt Din Paris, Rabbiner Jehuda Rabinovitz, Rabbiner Meir Sirota und Rabbiner Mosche Nidam (Gesandter des sefardischen Oberrabbinats) kamen nach Frankfurt um Zeugen zu befragen und eine Entscheidung zu fällen:
Ist das Fleisch koscher gewesen, oder nicht? Ist der beaufsichtigende Rabbiner in diesen Fragen vertrauenswürdig, oder nicht?

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In aller Kürze zusammengefasst:

  1. Der Beschluss ORD (Orthodoxen Rabbinerkonferenz) und die Veröffentlichung dessen, sei Chillul haSchem (eine G-tteslästerung)
  2. Bei den Zeugenaussagen wurde festgestellt, dass die Befragten sich darüber beschwerten, dass der Händler stets zu wenig koscheres Fleisch im Angebot hatte. Diesen Mangel hätte man ja leicht, wenn man es gewollt hätte, mit unkoscherem und umetikettierten Fleisch ausgleichen können.
  3. Die Befragung der beaufsichtigenden Personen und des zuständigen Rabbiners hätten ergeben, dass alle Beteiligten gewissenhaft waren.
  4. Die Selbstbezichtigung der Firma selber, könne man nur schwer nachvollziehen.
  5. Als der zuständige Rabbiner Klein erfahren habe, dass die Firma außerhalb ihrer Geschäftsräume mit nichtkoscherem Fleisch handelt, hätte er ihr die Lizenz entzogen.
  6. Die Entscheidungen von Rabbiner Klein hätten also durch die ORD nicht hinterfragt werden dürfen, denn sie seien korrekt gewesen.

Damit laufen die Aussagen der Prozessbeteiligten und des externen Bejt Dins auseinander. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz kam zu einem anderen Schluss als das Bejt Din unter Vorsitz von Jirmijahu Kohen.
Das nennt man wohl Dynamik.
Um die Frage aus der Überschrift ansatzweise zu beantworten: Nun doch Vertrauen?
Manchmal wollen es die Leute nicht selber entscheiden müssen. Solange der Prozess vor einem Gericht noch andauert, dürften sie verunsichert bleiben.

8. Dezember 2014 – 16 Kislev 5775
von Chajm
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Undifferenziertheit ist gefragt

Das ist schon kein Trend mehr, dass ist schon der Normalzustand geworden: Undifferenziertheit.
Immer mehr Menschen sind nicht mehr in der Lage, einer Situation oder einer Person mehr als eine Eigenschaft zuzuordnen.
Offensichtliche Folge dieses Phänomens ist das öffentliche Hypen und Feiern von Menschen, die vielleicht kurz danach mit Häme und Spott überzogen werden. Von anderen wird die gleiche Person dann aber genau umgekehrt betrachtet: Ausschließlich mit Häme und Spott. Die entsprechende Person kann nichts gutes bewirkt haben.

Drei Beispiele, zunächst zwei ältere Dauerbrenner, dann ein sehr aktuelles.

  • Edward Snowden Der Mann hat es geschafft. Er wird als Held verklärt und verehrt. Er wird mit Preisen überhäuft; Organisationen überschlagen sich mit Forderungen nach Asyl in diesem oder jenem Staat. Sogar für den Friedensnobelpreis wurde er vorgeschlagen. Wichtige Informationen hat er offengelegt und publik gemacht. Darüber, dass er mit seinen Erkenntnissen nach Russland geflohen ist und die Veröffentlichung der Abhörtaktiken einigen terroristischen Gruppen einen Vorteil verschafft hat, wird nicht so gerne gesprochen. Obwohl dies auch zu seiner Person gehört. Aber der Mann ist ausschließlich Heiliger. Beide Aspekte seines Handelns gemeinsam zu betrachten scheint nicht möglich zu sein. Das eine wahrnehmen und das andere würdigen?
  • Nadeschda Tolokonnikova – ihre Gruppe Pussy Riot wird von den Massen verehrt. Die Gruppe ist gegen den bösen russischen Staat aufgestanden und wurde von diesem bestraft. Die Gleichung ist einfach: Deshalb sind die Damen ebenfalls Heilige. Von den Eskapaden der hochschwangeren Tolokonnikova im Moskauer Museum für Biologie, wo man ein, naja, sagen wir, Video für Erwachsene aufnahm, ist nicht so viel zu lesen. Ihre Künstlergruppe Война veranstaltete mehrere solcher Veranstaltungen mit Bezügen zu diversen Körperöffnungen. Dass man Tolokonnikova ihre Tochter schon vor ihrer Inhaftierung abnahm, weil sie nicht in der Lage war, sich um sie zu kümmern, interessiert niemanden. Der Aspekt der absoluten Verehrung überdeckt alles. Es scheint unmöglich zu sein, die Vorgänge in der Christ-Erlöser-Kirche mit allen Aspekten zu betrachten. Statt dessen überreicht man ihr den Hannah-Arendt-Preis und die Einslive-Krone. Das soll man ihr nicht absprechen, aber man kann sich doch mit allen Aspekten der Helden beschäftigen?
  • Tuğçe Albayrak der jüngste Fall. Die junge Frau wird niedergeschlagen und erliegt ihren Verletzungen. Vorausgegangen war ihr Einschreiten bei einem Streit. Die Anteilnahme war riesig und die Betroffenheit landesweit. Hier verlor jemand durch Zivilcourage sein Leben. Die öffentliche Anteilnahme wurde natürlich von offizieller Seite erkannt und schnell auch für eigene Zwecke genutzt. Aber die junge Dame hatte auch eine private Seite und diese wird derzeit Ziel von Kritikern die diese Facette der Person Tuğçe gerne in den Vordergrund spielen würden. Fotos ihres Facebook-Profils machten die Runde. Antiisraelische Postings waren dort zu lesen und eine stilisierte Karte Palästinas – natürlich auf der Fläche Israels. Auch das eine Seite der Person, die verehrt wird. Leider Mainstream, wie wir im Sommer 2014 erfahren mussten. Eine antisemitische Folklore gegen die etwas getan werden muss.
    Das Hervorkehren dieser Facette aber hat schon bedenkliche Formen angenommen. So bloggt jemand: »Ihr früher Tod, noch bevor sie Lehrerin geworden ist, wird es hoffentlich erschweren, dass nicht nur unter Muslimen vorkommende xenophobe Ansichten in die sich entwickelnden Gehirne Jugendlicher eingehen.« (von hier). Das ist genau nicht die Ebene, auf der solche Betrachtungen stattfinden sollten und leider nicht das einzige Beispiel.

Es besteht offensichtlich eine Art Sehnsucht nach Heiligen, vielleicht auch, weil Hagiographien sich besser verkaufen lassen oder weil man immer mehr nach einfachen Rastern sucht?

Amos Oz wird in der Jüdischen Allgemeinen zitiert:

Aber ich möchte sagen, dass viele Menschen im Westen jeden internationalen Konflikt wie einen Hollywoodfilm verstehen, wo es um Gut gegen Böse geht. Oft haben sie das Bedürfnis, eine Petition für die Guten zu unterschreiben, eine Demonstration gegen die Bösen zu organisieren und mit einem guten Gefühl zu Bett zu gehen.
von hier

Das lässt sich offensichtlich nicht nur in Bezug auf einen bestimmten Konflikt sagen, sondern eigentlich in Bezug auf die meisten Themen der letzten Zeit.

5. Dezember 2014 – 13 Kislev 5775
von Chajm
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Intifada in Frankreich

Die Juden Frankreichs kommen nicht zur Ruhe.
Eine fortwährende Intifada gegen diese (noch) recht große Gemeinde, ist an Brutalität kaum zu überbieten.

Der furchtbare Überfall von Créteil am 4. Dezember ist nur einer von vielen Fällen.
Ein junges, orthodoxes, Paar wurde in der eigenen Wohnung in Créteil überfallen, ausgeraubt und die Frau vergewaltigt. Die beiden Haupttäter hatten schon im November einen alten Mann (ebenfalls jüdisch) auf der Straße zusammengeschlagen.
In diesem Vorort von Paris leben relativ viele Juden und so hat der antisemitische Mob ein leichtes Ziel. Im Mai 2014 wurden dort zwei Brüder brutal zusammengeschlagen.
In den Vorjahren gab es ähnliche Vorfälle. Im Juli 2014, als auch in Deutschland fleißig gegen Israel und Juden im Allgemeinen, demonstriert wurde, gab es zahlreiche Übergriffe auf Synagogen und Geschäfte.

In den ersten sieben Monaten des Jahres 2014 soll sich die Anzahl derartiger Straftaten in Frankreich (im Vergleich zum Vorjahr) verdoppelt haben (siehe hier).
2009 wurde Ilan Halimi zu Tode gequält und seinen Eltern Bilder der Taten zugesandt. Mittlerweile wurden die Ereignisse in Frankreich zu einem Film verarbeitet: 24 jours.

Es hat also auch Tote gegeben (man denke da auch an das Attentat von Toulouse 2013 und 2012. Kein Wunder, dass 2013 nahezu 3000 Menschen nach Israel ausgewandert sind. 2014 dürften es bedeutend mehr sein.

Und Deutschland?
Die Situation in Deutschland ist sicher eine andere.
Nicht weil es hier zivilisierter zuginge, sondern weil es in Deutschland einfach nicht so viele Juden gibt, wie in Frankreich. Das Potential für derartige Übergriffe scheint vorhanden.
Die Ereignisse im Sommer (2014) offenbarten schon eine gewisse Grundaggression . Die Politik wird es sicher verurteilen, aber macht es das Leben leichter?

24. November 2014 – 2 Kislev 5775
von Chajm
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Folgen der Vertrauensbrüche?

avv_heller

Es gibt neue Entwicklungen bezüglich des Prozesses gegen den Besitzer der koscheren Metzgerei in Frankfurt am Main. Hier wird (es gibt dafür keine unabhängige Bestätigung) behauptet, während des Prozesses wurde zugegeben, man habe sogar Schweinefleisch verkauft.
Aber es gibt auch eine Stellungnahme der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Diese sandte jüngst eine Mail aus in der sie Stellung zu der Problematik nimmt.
Aus der Mail geht hervor, man wollte sich vor dem Rabbinatsgericht mit der Angelegenheit beschäftigen und habe Rabbiner Klein und seinen Beauftragten, den Maschgiach ein. Beide erschienen jedoch nicht zum festgelegten Termin. Allerdings seien schwerwiegende Verstöße eingeräumt worden.
Die Folgerungen daraus lauten:

Die mit dem von Aviv vertriebenen Fleisch in Berührung gekommenen Geräte müssen gekaschert werden, sofern nicht schon geschehen. […]
Gemäß dem vorliegenden Kenntnisstand kann die ORD die Koscherzertifizierungen Rabbiner Kleins nicht empfehlen.

24. November 2014 – 2 Kislev 5775
von Chajm
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Schmuel Archevolti

Und nun etwas vollkommen anderes:
Zwischendurch schiebe ich gerne (nahezu) vergessene Persönlichkeiten in den Vordergrund. Eine solche ist etwa Rabbiner Schmuel Archevolti (1530-1611). Geboren in Cesena, war er Rabbiner in Padua, Talmudgelehrter, halachischer Experte, aber auch ein großer Experte der hebräischen Sprache und Dichtung. Er dichtete natürlich auch selbst. Eines seiner Gedichte (eigentlich ein Bakascha) ist dieses hier: Lechah nivi. Vermutlich mittlerweile vollständig vergessen, aber man fragt sich, warum es nicht Einzug in das eine oder andere Siddur gefunden hat.

Schmuel Archevolti

Gedicht von Schmuel Archevolti

Dir weihe ich mein Gebet
am Abend und am Morgen!
dir, ob lebendiger G-tt!
Vor meinen Brüdern allen;
Für Dich erglüht,
das Herz in meiner Brust,
Wie das des Löwen,
ob ich liege oder stehe.

20. November 2014 – 27 Heshvan 5775
von Chajm
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Hass und Lebensgrundlagen

Die aktuellen Ereignisse und Diskussionen bestätigen einen Text, der kurz vor Har Nof geschrieben wurde. Eigentlich geht es um Jizchak und den Wochenabschnitt Toldot.
Aber am Rande geht es um Ereignisse rund um Brunnen:

Kaum haben Jizchak und seine Leute einen Brunnen fertiggestellt (19–20), kommen die Hirten Gerars. Obwohl sie oder ihre Verwandten vorhandene Brunnen zugeschüttet haben, wie der Text der Tora berichtet (26,15), und sie sich nicht für das Wasser interessiert haben, sagen sie nun: »Das ist unser Wasser!« Aber erst, nachdem Jizchak einen neuen Brunnen gegraben hat.
Volltext auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen

Wenngleich Wasser eine wichtige Lebensgrundlage ist, so werden Brunnen dennoch zugeschüttet: Das Gegenüber wird so sehr gehasst, dass man bereit ist, die eigene Lebensgrundlage zu zerstören.
Aktuell ist das, weil denjenigen, die in Israel Attentate begehen, bekannt ist, dass die israelische Regierung ihr Haus vermutlich zerstören wird. Eine umstrittene Maßnahme (aus der Zeit der britischen Mandatsregierung), die offenbar vor dem Hintergrund erdacht wurde, dass sich die Menschen wenigstens um das Wohl ihrer eigenen Familie sorgen und vielleicht auf sie Rücksicht nehmen würden.
Seit 2005 sollte diese eigentlich auch nur in extremen Fällen Anwendung finden.

Aber: weit gefehlt. Diese Empathie scheint nicht vorhanden zu sein.
Man überlässt dann die Arbeit der Propaganda der Bilder. Die entsprechenden Fernsehbilder haben dann auch die Wirkung, die man gerne hätte.
Hier trifft auch das zu, was ich über Jizchaks Brunnen schrieb:

Ihre Feinde hassen sie mehr, als dass sie an die Sicherung der eigenen Zukunft denken.
Volltext auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen

19. November 2014 – 26 Heshvan 5775
von Chajm
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Har Nof

Während der nächsten Tage wird mir das während der Amidah des Morgengebets durch den Kopf gehen. Während die Beter in der Bnei Torah Synagoge in Har Nof gerade die leise Amidah sprechen (Bericht hier) dringen zwei Attentäter ein und wollen die Beter töten. Sie töteten fünf Menschen. Warum?
Die Antwort auf die Frage liegt doch auf der Hand: Weil sie Juden sind.

Oder wir bemühen die Erklärungsversuche die sonst kursieren: Ein palästinensischer Busfahrer wurde erhängt in seinem Bus gefunden. Die Gerichtsmediziner halten es für Selbstmord. Einige wünschen sich, es seien jüdische Extremisten gewesen. Es bleibt ein Gerücht. Ein weiteres Gerücht geht um (in aller Regelmäßigkeit): Die »Juden« wollen den Tempelberg. Auch das ein Gerücht.

Dann blicken wir ein paar Tage zurück: Autos rasen in Haltestellen, töten Menschen – unter anderem ein Baby. Es ist leicht, das in der Weltöffentlichkeit zu übergehen. Nun sehen sehen wir uns um und nehmen wahr, dass es tatsächlich Menschen gibt, die das Attentat auf die Synagoge begrüßen und sich wünschen, dieses Beispiel mache Schule. Was soll man da noch schreiben? Politische Analyse, Bashing der deutschen Medien wegen der unfairen Berichterstattung?

Mehr als die Feststellung, dass der Hass auf Juden so groß ist, dass er keinerlei Grenzen kennt, bleibt nicht. Wenn es einen Masterplan gibt, dann ist es der, das Misstrauen in die arabischen Bürger Israel möglichst schnell wachsen zu lassen. Traumhaft das Szenario, dass die Bevölkerung Israels nervös wird und die Regierung handeln muss. Das hatten wir im Jahr 2014 schon einmal. Mit dem Ergebnis, dass in ganz Europa Antisemiten auf die Straße gegangen sind.

Nur: Der Hass auf alle Juden wird die Situation nicht verbessern. Der Staat Israel wird weiterhin existieren. Menschenleben werden vollkommen sinnlos zerstört. Es geht nicht um die Erreichung politischer Ziele.

15. Oktober 2014 – 21 Tishri 5775
von Chajm
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Folgenschwere Vertrauensbrüche

avv_heller

Im Juni schrieb ich über die möglichen Vertrauensbrüche in Frankfurt: ein Händler (Aviv) soll nicht geschächtetes Fleisch als koscheres verkauft haben. Er soll das Fleisch also geradezu gestreckt haben. Würde sich das bewahrheiten, hätten seine Kunden nichtkoscheres Fleisch verzehrt, müssten ihre Küchen neu kaschern und hätten über längere Zeit nichtkoscher gegessen. Jetzt hat der Betreiber des Geschäfts es zugegeben: Er hat Fleisch umdeklariert. Die Folgen dürften verheerend sein. Viele jüdische Einrichtungen bezogen von dort Fleisch und sind somit ab sofort nicht mehr koscher. Die Jüdische Allgemeine berichtet, die Rede sei von 40.000 Kilogramm umdeklarierten Fleisch.
Die Kosten für das neue kaschern müsste theoretisch der Verursacher tragen. Die Kreise die das zieht, dürften groß sein.