Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

24. November 2014 – 2 Kislev 5775
von Chajm
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Schmuel Archevolti

Und nun etwas vollkommen anderes:
Zwischendurch schiebe ich gerne (nahezu) vergessene Persönlichkeiten in den Vordergrund. Eine solche ist etwa Rabbiner Schmuel Archevolti (1530-1611). Geboren in Cesena, war er Rabbiner in Padua, Talmudgelehrter, halachischer Experte, aber auch ein großer Experte der hebräischen Sprache und Dichtung. Er dichtete natürlich auch selbst. Eines seiner Gedichte (eigentlich ein Bakascha) ist dieses hier: Lechah nivi. Vermutlich mittlerweile vollständig vergessen, aber man fragt sich, warum es nicht Einzug in das eine oder andere Siddur gefunden hat.

Schmuel Archevolti

Gedicht von Schmuel Archevolti

Dir weihe ich mein Gebet
am Abend und am Morgen!
dir, ob lebendiger G-tt!
Vor meinen Brüdern allen;
Für Dich erglüht,
das Herz in meiner Brust,
Wie das des Löwen,
ob ich liege oder stehe.

20. November 2014 – 27 Heshvan 5775
von Chajm
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Hass und Lebensgrundlagen

Die aktuellen Ereignisse und Diskussionen bestätigen einen Text, der kurz vor Har Nof geschrieben wurde. Eigentlich geht es um Jizchak und den Wochenabschnitt Toldot.
Aber am Rande geht es um Ereignisse rund um Brunnen:

Kaum haben Jizchak und seine Leute einen Brunnen fertiggestellt (19–20), kommen die Hirten Gerars. Obwohl sie oder ihre Verwandten vorhandene Brunnen zugeschüttet haben, wie der Text der Tora berichtet (26,15), und sie sich nicht für das Wasser interessiert haben, sagen sie nun: »Das ist unser Wasser!« Aber erst, nachdem Jizchak einen neuen Brunnen gegraben hat.
Volltext auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen

Wenngleich Wasser eine wichtige Lebensgrundlage ist, so werden Brunnen dennoch zugeschüttet: Das Gegenüber wird so sehr gehasst, dass man bereit ist, die eigene Lebensgrundlage zu zerstören.
Aktuell ist das, weil denjenigen, die in Israel Attentate begehen, bekannt ist, dass die israelische Regierung ihr Haus vermutlich zerstören wird. Eine umstrittene Maßnahme (aus der Zeit der britischen Mandatsregierung), die offenbar vor dem Hintergrund erdacht wurde, dass sich die Menschen wenigstens um das Wohl ihrer eigenen Familie sorgen und vielleicht auf sie Rücksicht nehmen würden.
Seit 2005 sollte diese eigentlich auch nur in extremen Fällen Anwendung finden.

Aber: weit gefehlt. Diese Empathie scheint nicht vorhanden zu sein.
Man überlässt dann die Arbeit der Propaganda der Bilder. Die entsprechenden Fernsehbilder haben dann auch die Wirkung, die man gerne hätte.
Hier trifft auch das zu, was ich über Jizchaks Brunnen schrieb:

Ihre Feinde hassen sie mehr, als dass sie an die Sicherung der eigenen Zukunft denken.
Volltext auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen

19. November 2014 – 26 Heshvan 5775
von Chajm
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Har Nof

Während der nächsten Tage wird mir das während der Amidah des Morgengebets durch den Kopf gehen. Während die Beter in der Bnei Torah Synagoge in Har Nof gerade die leise Amidah sprechen (Bericht hier) dringen zwei Attentäter ein und wollen die Beter töten. Sie töteten fünf Menschen. Warum?
Die Antwort auf die Frage liegt doch auf der Hand: Weil sie Juden sind.

Oder wir bemühen die Erklärungsversuche die sonst kursieren: Ein palästinensischer Busfahrer wurde erhängt in seinem Bus gefunden. Die Gerichtsmediziner halten es für Selbstmord. Einige wünschen sich, es seien jüdische Extremisten gewesen. Es bleibt ein Gerücht. Ein weiteres Gerücht geht um (in aller Regelmäßigkeit): Die »Juden« wollen den Tempelberg. Auch das ein Gerücht.

Dann blicken wir ein paar Tage zurück: Autos rasen in Haltestellen, töten Menschen – unter anderem ein Baby. Es ist leicht, das in der Weltöffentlichkeit zu übergehen. Nun sehen sehen wir uns um und nehmen wahr, dass es tatsächlich Menschen gibt, die das Attentat auf die Synagoge begrüßen und sich wünschen, dieses Beispiel mache Schule. Was soll man da noch schreiben? Politische Analyse, Bashing der deutschen Medien wegen der unfairen Berichterstattung?

Mehr als die Feststellung, dass der Hass auf Juden so groß ist, dass er keinerlei Grenzen kennt, bleibt nicht. Wenn es einen Masterplan gibt, dann ist es der, das Misstrauen in die arabischen Bürger Israel möglichst schnell wachsen zu lassen. Traumhaft das Szenario, dass die Bevölkerung Israels nervös wird und die Regierung handeln muss. Das hatten wir im Jahr 2014 schon einmal. Mit dem Ergebnis, dass in ganz Europa Antisemiten auf die Straße gegangen sind.

Nur: Der Hass auf alle Juden wird die Situation nicht verbessern. Der Staat Israel wird weiterhin existieren. Menschenleben werden vollkommen sinnlos zerstört. Es geht nicht um die Erreichung politischer Ziele.

15. Oktober 2014 – 21 Tishri 5775
von Chajm
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Folgenschwere Vertrauensbrüche

avv_heller

Im Juni schrieb ich über die möglichen Vertrauensbrüche in Frankfurt: ein Händler (Aviv) soll nicht geschächtetes Fleisch als koscheres verkauft haben. Er soll das Fleisch also geradezu gestreckt haben. Würde sich das bewahrheiten, hätten seine Kunden nichtkoscheres Fleisch verzehrt, müssten ihre Küchen neu kaschern und hätten über längere Zeit nichtkoscher gegessen. Jetzt hat der Betreiber des Geschäfts es zugegeben: Er hat Fleisch umdeklariert. Die Folgen dürften verheerend sein. Viele jüdische Einrichtungen bezogen von dort Fleisch und sind somit ab sofort nicht mehr koscher. Die Jüdische Allgemeine berichtet, die Rede sei von 40.000 Kilogramm umdeklarierten Fleisch.
Die Kosten für das neue kaschern müsste theoretisch der Verursacher tragen. Die Kreise die das zieht, dürften groß sein.

kolnid

8. Oktober 2014 – 14 Tishri 5775
von Chajm
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Das war Jom Kippur

[…]denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
Rainer Maria Rilke, Archaïscher Torso Apollos

Teschuwah also die Umkehr verlangt eine (zuweilen schmerzhafte) Konfrontation mit sich selbst. Das dürfte der schwierigste Teil sein: Gewohnheiten abzulegen und sich neue (im Idealfall bessere) Verhaltensweisen anzueignen. Es ist schwierig, sich selber kritisch zu hinterfragen. Gut beraten sind diejenigen, die Korrektive haben, also Menschen, die einem die Wahrheit sagen und es dabei nicht böse meinen.
Rabbiner Josef Soloveitchik (1903–1993) schrieb, die Teschuwa sei ein aktiver Akt der Rückkehr zu G’tt und seinen Mizwot. Der Einzelne erschafft in diesem Prozess ein vollkommen neues »Ich«. Das ist echte Arbeit und nicht nur so eine Formel, die man vor Jom Kippur bei facebook postet:
»Hallo. Falls ich jemanden verletzt haben sollte, Sorry.«
Per Mail kommt das auch nicht so gut an.
Aber es gibt auch ein großes Ärgernis. Da gibt es nämlich auch diejenigen, die sagen »ich habe alles richtig gemacht«.
Das ist kein neues Phänomen, das ist schon im Tanach beschrieben: »rein bin ich, ohne Sünde, lauter, frei von Fehl.« (Ijow 33,9) Hochmut heißt das Wort dafür, das ist ein wenig aus der Mode gekommen – das Wort, die Tatsache nicht. Wie man damit umgehen soll, habe ich noch nicht gelernt. Das ist eine der Erkenntnisse von Jom Kippur.
Eine weitere Erkenntnis ist die Neuinterpretation eines Midraschs (Ejchah Rabbah):

Schmuel ben Nachman sagt:
»Gebet ist wie eine Mikwe und Tschuwah ist wie das Meer.
So, wie die Mikwe einige Zeit geöffnet ist und einige Zeit geschlossen, ist es auch bei den Toren für die Gebete, manchmal sind sie geöffnet und manchmal geschlossen.
Auf der anderen Seite ist das Meer immer offen und so sind es auch die Tore der Teschuwah.«

Das ist natürlich (auch) metaphysisch gemeint, aber wohl auch irgendwie ganz konkret, denn so sieht es dann wohl auch in der Synagoge aus. Manchmal fällt es leicht sich zu konzentrieren und manchmal fällt es schwer, besonders wenn das Umfeld nicht sonderlich förderlich ist. Etwa, weil niemand anderes mitbetet, oder die Menschen mit anderen Dingen beschäftigt sind, oder ganz simpel nur desinteressiert.
In diesem Jahr waren die Tore in dieser Hinsicht geöffnet.
Das (oder ein) Geheimnis lag darin, dass die Beter sich verantwortlich fühlten für das, was in der Synagoge passierte. Sie waren tatsächlich aktiv und keine passiven Beobachter und deshalb vielleicht gelangweilt. Der Weg dahin begann vielleicht mit der Erkenntnis, dass man etwas unternehmen müsse. Mit kritischer Selbstbewertung… womit wir wieder am Beginn wären.

28. September 2014 – 4 Tishri 5775
von Chajm
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Schmittahjahr und dessen Umgehung

א נישט באארבעט פעלד אום סוכות שנת שמיטה תשס"ח von יעקב (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

א נישט באארבעט פעלד אום סוכות שנת שמיטה תשס”ח
von יעקב (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

Das neue jüdische Jahr 5775 ist ein Schmittah-Jahr. Die Felder müssten/müssen im Lande Israel sich selber überlassen bleiben. Wie alle sieben Jahre. Das ist eine echte Herausforderung, auch für die Gemeinden außerhalb Israels (siehe meinen kurzen Bericht hier), aber innerhalb Israels noch mehr, darüber hat sogar die FAZ berichtet (hier). Eine Einrichtung mit der Bezeichnung Heter Mechira erlaubt eine kreative Umgehung (?) dieser Regelung und erlaubt die Bebauung der Felder auch während des Brachjahres. Vor allem aber auch, dass man weiterhin Gewinn mit den Feldern macht. Einen Artikel dazu, findet man hier.

Aber bevor es vergessen wird: Allen Leserinnen und Lesern ein gutes und süßes Jahr 5775! שנה טובה ומתוקה

21. September 2014 – 26 Elul 5774
von Chajm
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jüdisch, muslimisch, intellektuell, typisch?

Dr. Hugo Hamid Marcus (Mitte) Verwendung des Bildes mit freundlicher Genehmigung des Lahore Ahmadiyya Islamic Movement  Berlin Mosque and  Mission

Dr. Hugo Hamid Marcus (Mitte)
Verwendung des Bildes mit freundlicher Genehmigung des Lahore Ahmadiyya Islamic Movement
Berlin Mosque and Mission

In seinem Buch »Children of Abraham: An Introduction to Islam for Jews« erwähnt der Autor Khalid Durán einen Berliner namens Hamid Marcus, der als Jude zum Islam konvertierte und Mitautor einer Koranübersetzung ins Deutsche war. Er schreibt dann kurz und knapp, Marcus sei im KZ ermordet worden. Dahinter steckt offensichtlich eine tragische Geschichte. Tatsächlich war die Lebensgeschichte von Dr. Hugo Hamid Marcus eine andere. Eine sehr spannende und vielleicht der Ausdruck einer Zeit im Umbruch, die durch den Nationalsozialismus ein Ende fand. Um es vorweg zu nehmen. Dr. Hugo Hamid Marcus starb 1966 in der Schweiz. Vollkommen vereinsamt.

Ein jüdischer Mann, der zum Islam konvertierte?

Zumindest war er nicht der einzige in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Nicht wenige Juden beschäftigten sich mit dem Islam sehr intensiv und dass es auch Konversionen gab, scheint demzufolge folgerichtig. Bevor wir also Dr. Marcus im Detail betrachten, hole ich etwas weiter aus. Weiterlesen →

15. September 2014 – 20 Elul 5774
von Chajm
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Endlich etwas in der Hand!

Antisemitismus ist ein schwieriges Thema. Wie oft war Schmulik fassungslos.
Aber das! Das war genau der Satz, den Schmulik brauchte.
Er hatte den Satz auf einer Kundgebung in Berlin gehört.
Er hatte den Satz extra auf den Internetseiten der Bundesregierung gesucht, dann auch gefunden, ausgedruckt, den entsprechenden Teil gelb markiert und laminiert. Mehrfach. Das Ergebnis sah aus wie eine Spielkarte und das war es irgendwie ja auch.
Schmuliks persönlicher Antisemitismus-Joker:

»Wer Menschen, die eine Kippah oder eine Kette mit einem Davidstern tragen, anpöbelt, angreift oder krankenhausreif schlägt, der schlägt und verletzt uns alle.«
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Er nahm sich fest vor, die Jokerkarte mit dem Satz jetzt stets bei sich zu tragen.
Wenn er jetzt beim nächsten Mal von einem Polizisten einen Platzverweis erhielt, weil er mit einer Kippah ein Dorn im Auge der jungen Antisemiten war (»Deeskalation!!«) und die es gar nicht mochten, wenn Juden sich in der Stadt herumtrieben, dann könnte er den Satz zücken und sagen: »Sehen Sie?! Die Bundeskanzlerin will, dass ich mit einer Kippah durch die Stadt laufen kann.«
Dann wollte Schmulik mal sehen, was der Polizist dann macht, wenn Dr. Angela Merkel persönlich hinter Schmulik steht! Das würde auch die Kids beeindrucken. Ganz sicher.