Chajms Sicht

Chajms Sicht über talmud.de hinaus

17. Mai 2013 – 8 Sivan 5773
von Chajm
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Frauenzeitschriften

Schmulik schüttelte den Kopf.
Tanja, dieses einfältige Ding! Mit Kuchen und Torten kannte sie sich aus. Keine Frage! Selber Sahnestück, die Kleine! Aber Politik war nicht ihr Feld. Sie hätte irgendwo gelesen, dass diese »Frau«, die da in München vor Gericht steht, weil sie als rechte Terroristin unterwegs war, ihren Geburtsname mit einem beliebten Rabbiner aus dem Ruhrgebiet teilte. »Lass sehen, Kleine.« Wikipedia. Tatsächlich! Schmulik musste schmunzeln. Aber es kam noch besser. Das stand jedenfalls in der Wikipedia. Ihr Vater sei ein Rumäne. Was waren das für Zeiten? Eine Frau, die so heißt wie ein Rabbiner und deren Vater aus Rumänien stammt, wollte das arische Blut vor dem Untergehen bewahren? Auf der anderen Seite: Bei facebook hatten Schmuliks Freunde gemeldet, dass bei der großen Tombola für Sitzplätze im Gerichtssaal die »Brigitte« dabei war. Frauenzeitschrift also. Tanja kannte die nicht. Tanja las nur das jüdische Frauenmagazin »Rachel« – ohne den ganzen feministischen Schnickschnack. Ja dann würden wir ja demnächst lesen, was die Angeklagte vor Gericht getragen hätte und dann? Selbst gestandene Journalisten schrieben das. Wenigstens waren sie nicht der Meinung, in einer Zeitschrift wie Brigitte könnten Frauen ernsthaften Journalismus betreiben. Nur weil Tanja in Moskau ein Fach namens »Politik« studiert hatte, bedeutete das ja auch nicht, sie hätte Ahnung von Politik. Von Kuchen aber recht viel.

Nach dem ersten Prozesstag fand Schmulik die Kleidungsinfos in der Süddeutschen und der Bild, aber nicht in der Brigitte. Übrigens hatte Schmulik vor einigen Jahren erfolglos versucht, mit einer Redakteurin der Brigitte ins Gespräch zu kommen. Er hatte sich als Lea Zitronenbaum ausgegeben und angeboten, einen Artikel darüber zu schreiben, wie großartig es sei, einen Seitensprung mit einem deutschen Juden zu wagen. Das würde so einiges wieder gut machen und so die kleine Sünde Seitensprung praktisch neutralisieren. Lea Zitronenbaum empfahl ein Gespräch und eine »Testfahrt« mit Schmulik sehr. Die Redakteurin kannte Schmulik aber schon. Die hatte er wohl mal nach einer Synagogenführung abgefischt und hatte seinen Namen nicht mehr in der besten Erinnerung. Also hier kein Artikel.

Tanja meinte, sie würde es nicht wundern, wenn in zwei Wochen niemand mehr über die Angeklagte spräche, weil Prozesse langfristig einfach nicht interessant seien. Aber was wusste die schon?

8. Mai 2013 – 28 Iyyar 5773
von Chajm
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Vom Überschreiten der roten Linien

Yakov Hadas-Handelsman in Gelsenkirchen

Yakov Hadas-Handelsman in Gelsenkirchen

Es liegt eigentlich vollkommen auf der Hand, dass Israel nicht lange auf eine offizielle Nicht-Reaktion der Welt warten kann, was die Situation in Syrien betrifft.
Die Hisbollah, die sich im Libanon etabliert hat, unterstützt die syrische Regierung und wird von ihr und dem Iran unterstützt.
In der Nacht vom 4. auf den 5. Mai soll dann die israelische Armee ein Waffenlager in Damaskus zerstört haben. Das mag sich für den naiven Betrachter nach einer weit entfernten Operation anhören. Tatsächlich liegt Damaskus nur 219 Kilometer Luftlinie entfernt von Jerusalem. Doch dazu gab es bisher kein klares Dementi, noch eine klare Bestätigung. Die bekam auch Joachim Poß in Gelsenkirchen nicht. Der Bundestagsabgeordnete der SPD nutzte die Chance, den israelische Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman am 7. Mai um geschickt danach zu fragen, ob die israelische Intervention nicht weitere Folgen auslösen könnte. Hadas-Handelsman verwies darauf, dass ja gar nicht klar sei, wer den Luftschlag ausgeführt hätte. Auf der anderen Seite gäbe es eine rote Linie für das Verhalten der syrischen Regierung. Damit spielte er offenbar auf eine Äußerung Obamas an, die Anfang Mai durch die Nachrichten waberte. Hadas-Handelsman sagte, es gäbe drei Möglichkeiten, auf das Überschreiten der roten Linie zu reagieren:
Ignorieren, die rote Linie einfach neu ziehen oder eine konkrete Tat folgen lassen.
Zudem denke er nicht, dass die syrische Regierung voll handlungsfähig wäre. Eine schlimme Option wäre es, wenn Assad versuchen würde, über den Kampf gegen Israel, die Sympathien der arabischen Welt zu gewinnen.

Zumindest hatte die (vermutlich israelische) Aktion eine Folge: Nachdem monatelang das Thema Syrien immer mal wieder erwähnt wurde — ohne dass die Öffentlichkeit umfangreich und emotional Anteil daran nahm — ruft es nun Emotionen hervor. Sobald Israel im Zusammenhang mit dem Thema erscheint, werden die Kommentatoren in den Blogs, auf twitter und den Websites der Nachrichten aktiv. Die öffentliche Meinung nimmt Anteil an Toten — immerhin starben sie vermeintlich durch israelische Hand. Kämpft Araber gegen Araber dann ist das zunächst einmal von geringerem Interesse.

7. Mai 2013 – 27 Iyyar 5773
von Chajm
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Stillstand in Köln und Empörung in Düsseldorf

Düsseldorf und Köln. Traditionell keine große Städtepartnerschaft. Nun haben Kunstprojekte in beiden Städten mit Schoah zu tun. Zum Teil gelungen, zum Teil weniger gelungen.

Der Jom haSchoah — der israelische Gedenktag an die Schoah — ist eindrucksvoll und bewegend. Sirenen heulen und für zwei Minuten steht das Land still. Jeder gedenkt der Opfer der Schoah. Selbst wer im Auto unterwegs ist, steigt kurz aus.

Unter anderem in Köln findet das Festival Impulse statt, eine Theater Biennale, unter dem Dach des NRW KULTURsekretariats irgendwie. Die israelische Künstlerin Yael Bartana — durchaus kein no name im Künstlerbetrieb — wird ebenfalls performen. Am 28. Juni 2013 inszeniert sie ZWEI MINUTEN STILLSTAND in Köln. Lassen wir kurz die Beschreibung zu Wort kommen:

Inspiriert vom israelischen Gedenktag Jom haSho’a, dem Feiertag zum Gedenken der Opfer und Widerstandskämpfer des Holocaust, ist „Zwei Minuten Stillstand!“ ein politischer Akt, eine soziale Skulptur und kollektive Performance im öffentlichen Raum der Stadt Köln, die aktiv in das Projekt einbezogen ist, das vom Kölner Oberbürgermeister Roters ideell unterstützt wird.
von hier

Soweit, so interessant. Das alleinige Nachspielen eines Gedenktages mag nun vielleicht überambitioniert klingen. Tatsächlich steckt aber etwas mehr dahinter. Der Text weiter:

Denn Drittes Reich und Holocaust sind nicht nur historische Ereignisse – sie haben weitreichende Wirkungen in unsere Gegenwart hinein: die Gründung des Staates Israel, die Besetzung der palästinensischen Gebiete, Flucht, Vertreibung in Europa und im Nahen Osten. Selbst die finanziellen Ungleichheiten in der EU sind vielfach noch immer Folgen des Zweiten Weltkriegs, so wie es Deutschlands Wohlstand ist.
von hier

Damit wird natürlich eine Argumentationskette bedient, die in Deutschland gerne verwendet wird: Schoah — Installation Israels als »Besatzer«. Dann noch etwas Wirtschaftskritik dazu und fertig ist der Baukasten des israelkritischen Intellektuellen.

In Düsseldorf dagegen fliegen direkt richtig die Fetzen. In der Deutschen Oper am Rhein wird Wagners »Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg« derzeit aufgeführt und die Premiere sorgte für Furore. Der schwülstige Stoff, bei dem es um reine und die von Lust getriebene Liebe geht, wurde von Regisseur Burkhard Kosminski zunächst einmal vollständig dekonstruiert. Worum geht es so ungefähr? Wagner hat sich an Heinrich Heines Elementargeistern orientiert und die Geschichte des »Venusbergs« erzählt. Im Venusberg wohnt die Dame Venus mit ein paar Nymphen und Nixen und lässt sich dort angenehm feiern. Ganz unattraktiv ist die Dame wohl auch nicht und lockt durch ihre Schönheit Menschen zu sich. Dort können sie dann ihrem Sexualtrieb nachgehen und ordentlich feiern. Ohne die Hemmnisse jeglicher moralischen Ordnung. Ganz klar fallen sie danach aber trotzdem der »Verdammnis« zum Opfer. Tannhäuser, der Held der Oper, kehrt dennoch von dort zurück und soll bei einem Minnewettstreit über Liebe und Begehren singen. Er kennt das aus dem Venusberg, seine Mitstreiter haben jedoch nur von den Begriffen gehört. Sei Outing bringt ihn gesellschaftlich dementsprechend nicht weiter. Die Moralvorstellungen sind andere. Er büßt dann dafür mit einer Pilgerreise. Vergebung erhält er aber nicht. Dafür muss sich erst eine Frau mit ihrem Leben für ihn einsetzen.

Warum ich das erzähle? Weil dann vielleicht klar wird, war Regisseur Burkhard Kosminski da im Hinterkopf hatte. Er hat nämlich den Venusberg schonungs- und gnadenlos in die Zeit des Nationalsozialismus übertragen. Eine Umgebung, die gängige Moralvorstellungen aushebelte und den Akteuren das Gefühl gab, über ihnen zu stehen. Später dann die Nachkriegszeit: Andere Moralvorstellungen gelten. Der Einzelne muss sich (zurecht) rechtfertigen. Gnadenlos, weil der Regisseur dafür Gaskammern auf die Bühne bringt. Das hat direkt nichts damit zu tun, dass Wagner Antisemit war, sondern hat etwas mit der Übertragung des Stoffes auf ein konkretes Ereignis in der deutschen Geschichte zu tun. In der Adenauerzeit gelten andere Regeln als noch wenige Jahre zuvor. Gibt es dafür Vergebung? Wohl kaum!

Elena Zhidkova (Venus), Daniel Frank (Tannhäuser) - © Hans Joerg Michel/Deutsche Oper am Rhein

Elena Zhidkova (Venus), Daniel Frank (Tannhäuser) – © Hans Joerg Michel/Deutsche Oper am Rhein

Dem medialen Echo kann man entnehmen (die meisten Artikel zum Thema sind fast wortgleich, Agenturmeldung nachgedruckt?), dass das Publikum erbost tobte. Wohl aber nicht, weil man sich um die Darstellung der Nazi-Opfer sorgte, sondern wohl, weil man das mit »dem Tannhäuser« nicht macht. Selbst der Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf wird dementsprechend von der ZEIT zitiert. Man tue Wagner unrecht. Wagner hätte mit der Schoah nichts zu tun gehabt. Das hat nur mit der Inszenierung der Oper nichts zu tun. Man hat ja Wagner keine SS-Uniform angezogen.
Das Publikum lehnt die Inszenierung ab, weil man daraus nichts hässliches machen darf. Die Sünde muss irgendwie prickeln.
Die einzige Frage die man stellen muss, lautet: Wurde das Anedenken der Opfer herabgesetzt?
Für Köln kenne ich die Antwort. Bei Düsseldorf bin ich mir unsicher.

Update: Die Oper in Düsseldorf wurde abgesetzt (siehe etwa hier) – eine bedauerliche Entscheidung. Die richtige Entscheidung für die falsche Stadt in dieser Geschichte hier.

30. April 2013 – 20 Iyyar 5773
von Chajm
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Nach der Renaissance des jüdischen Lebens

Wenn man die jährliche Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden betrachtet, kann man eine gute Nachricht vermelden: Die 100.000 Mitgliederschwelle ist 2012 noch nicht unterschritten worden.

Von 102.797 auf 102.135. Das sind »nur« 662 Mitglieder weniger.
Im Vorjahr gingen 1227 Mitgieder verloren (von 2010 auf 2011).
Das negative Wachstum ist also abgeschwächt, aber noch vorhanden.
Gesamtstatistik 2012
Bemerkenswert ist die individuelle Betrachtung von Landesverbänden und Gemeinden. Hier gibt es Landesverbände, die weiterhin zulegen und welche, die in einem permanenten Schrumpfungsprozess stecken. Der Landesverband Baden etwa, wächst jährlich um zwei Prozent. Weitere Wachstumskandidaten sind Brandenburg (?), Nürnberg und der liberale Landesverband von Schleswig-Holstein. Negative Spitzenreiter sind Hamburg, Thüringen und Saar. Einige andere Landesverbände setzen ihren »Minus-zwei-Prozent«-Kurs fort. Westfalen-Lippe oder Würtemberg etwa.
Zugänge und Abgänge
Berlin bleibt ebenfalls interessant. Trotz eines gewissen Zores-Levels, wächst Berlin leicht. 112 Austritten stehen 249 Zuzügler aus dem Ausland, 99 aus anderen deutschen Gemeinden und 27 Übertritte gegenüber. 181 Todesfällen allerdings nur 17 Geburten (Frankfurt, München und Nordrhein sind fleißiger – bei weitaus weniger Mitgliedern).
Die Renaissance war 2004/2005 herum – mit einem Aufbau der entsprechenden Infrastruktur. 2006 war der »Scheitelpunkt« erreicht und nun müsste man sich vielleicht Gedanken machen, wie man trotzdem eine kleinere Infrastruktur schafft, die auch von kleineren Gemeinden aufrecht erhalten werden kann. Sofern die Notwendigkeit dafür besteht.
Alle Daten kann man in der Statistik der ZWST nachlesen.

Stunden der Andacht

25. April 2013 – 15 Iyyar 5773
von Chajm
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Stunden der Andacht – vollständig

Im September 2011 ging die Korrekturlesung eines Werks an den Start, welches bereits 1855 erschien: »Stunden der Andacht« Andachtsbuch für Israels Frauen und Mädchen, zur öffentlichen und häuslichen G’ttesverehrung an allen Wochen-, Fest- und Bußtagen und für alle Verhältnisse des Lebens.

Ein Buch in der Tradition der Techinot, der landessprachlichen Gebetbücher speziell für Frauen. »Stunden der Andacht« war insofern etwas besonderes, als dass es auch vollständig von einer Frau verfasst wurde. Fanny Neuda (1819 bis 1894) sammelte ihre eigenen Gebete. In den USA erschien das Buch 1867 in einer Übersetzung von Rabbi Moritz Mayer als Hours of Devotion. Das erklärt möglicherweise auch das amerikanische Interesse für das Buch. Auf OpenSiddur ist es nun vollständig verfügbar, als Open Office Dokument, oder auch als pdf. An der Orthografie ist nichts verändert worden — die vorliegende Fassung gibt genau die Druckfassung wieder. Dadurch, dass das Werk unter einer offenen Lizenz steht, werden möglicherweise einige überarbeitete Fassungen folgen.
Das Buch ist ein großartiger Einblick in die Zeit, in der es es entstand.

8. April 2013 – 28 Nisan 5773
von Chajm
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Moreschet

Unter moreschet.de können Ungeduldige bereits jetzt sehen, dass dort etwas passieren wird.

Im Augenblick zeigt die Seite auf den ersten Klick jeweils eine Zusammenfassung des aktuellen Wochenabschnitts.
Moreschet.de Voransicht

Auf einer Unterseite kann man die Gebete für Jom ha’Atzmaut lesen, kopieren und ausdrucken. Dies zeigt ungefähr, was demnächst noch auf moreschet.de passieren wird:

Moreschet Preview

Also Mischnah, Talmud (eine ausführliche Übersetzung zur Einführung etwa ist vorbereitet), Tanach und Texte aus dem Siddur. Was man nicht finden wird, sind Texte über das Judentum. Dafür gibt es ja talmud.de. Nicht alle Texte werden übersetzt zur Verfügung stehen, dafür aber für den Ausdruck und zur Weiterverwendung optimiert.
Im Augenblick könnte es sich also lohnen, erneut vorbeizuschauen. Zumindest liest man dann etwas über den aktuellen Wochenabschnitt.