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Von Amsterdam nach Düsseldorf

von Ariel Palmon (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

von Ariel Palmon (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Rabbiner (Dajan) Raphael Evers aus Amsterdam (Jahrgang 1954) war seit 1990 Rabbiner in den Niederlanden und DAS Gesicht der niederländischen Juden in den dortigen Medien. Nun nimmt er eine neue Herausforderung an: Er wird Rabbiner in Düsseldorf. Am Dienstagvormittag unterzeichnete er seinen Vertrag mit der Jüdischen Gemeinde. Ein Vertreter der Gemeinde kam dafür nach Amsterdam.
Rabbiner Evers wird ab dem 1. September 2016 seine Arbeit aufnehmen.
Das scheint ein riesiger Schritt für den Rabbiner zu sein, denn er ist eng mit der Gemeinde in Amsterdam verbunden. Während seiner Tätigkeit dort hat er viel bewegt. Einige seiner Beiträge erschienen in den größten Tageszeitungen des Landes. Er gilt in der Gemeinde als jemand mit einem umfassenden Wissen über alles was das Judentum betrifft.
Nicht nur deshalb ist er seit 2008 Richter (Dajan) beim Europäischen Bejt Din. Damit dürfte Deutschland (und Düsseldorf) nun einen einflussreichen Rabbiner gewinnen. Vermutlich ein guter Fang für die Düsseldorfer.
Seine Frau Channa kehrt damit nun zurück in das Land aus dem ihre Mutter stammte. Die Mutter wurde nach der Pogromnacht von ihren Eltern in die Niederlande geschickt.

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Schnellrezension – Basiswissen Theologie: Das Judentum

Klaus Dorn - Basiswissen Judentum

2016. Basisinformationen zum Judentum kann man sich zügig zusammenklicken und wenn man Glück hat, dann gerät man an seriöse Quellen. Wenn man Pech hat, sitzt man Falschinformationen aus einer unseriösen Quelle auf. Was für ein Glück, dass es da Experten gibt, die für uns im Meer des Wissens die richtigen Zusammenhänge beleuchten und uns die relevanten Informationen zur Verfügung stellen. Das passiert gerne in Buchform. Für dieses Expertenwissen zahlen die Leser dann auch gern. Das gilt nicht nur für den breiten Markt.

An ein spezielles Publikum, nämlich an Theologen scheint sich das Buch Basiswissen Theologie: Das Judentum von Klaus Dorn zu richten und auf dieses sei an dieser Stelle zwischen all den Einleitungen in Judentum speziell hingewiesen. Es ist im Mai frisch erschienen und zeichnet sich durch ein paar Punkte besonders aus.
Da dies hier eine Kurzrezension ist, kann man leider nicht alles im Detail beschreiben.

Vorweg: Es ist vollkommen in Ordnung, ein Buch aus katholischer Sicht (Paschafest) auf das Judentum zu schreiben, aber es dürfen durchaus einmal Rückgriffe auf Literatur aus erster Hand sein. Der Autor zitiert gerne Hans Küng, der ebenfalls aus zweiter Hand berichtet und arbeitet sich Themen wie Sabbat, Kaschrutvorschriften, Sabbatgebote, Schulchan Aruch, Geographie und Geologie Israels/Palästinas. Gerne wird innerhalb dieser Kapitel andere beschreibende Literatur verwendet und zitiert.

Ein paar Höhepunkte:

  • Das letzte Kapitel über die Geographie und Geologie Israels/Palästinas auf Seite 171 bringt vollkommen unkommentiert auf der ersten Seite des (achtseitigen) Kapitels die (berüchtigte) Karte »Palestinian Loss of Land 1946 to Present« die vorwiegend von BDS-Supportern und Antizionisten zirkuliert wird. Ohne Angabe einer Quelle übrigens.Blick ins Buch Anhand dieser Karte soll in der Regel gezeigt werden, dass Israel eine Politik der ethnischen Säuberung betreibe. So ist sie als Mittel der Propaganda historisch auch nicht besonders aussagekräftig. Von 1948 bis 1967 zeigt die Karte einen palästinensischen Staat der aus dem Gazastreifen und Judäa und Samaria besteht. Der Gazastreifen war aber seit 1948 von Ägypten besetzt und Ostjerusalem, Judäa und Samaria waren noch von Jordanien besetzt. (Siehe auch hier »Antizionistischer Kartentrick«). Von der Bedeutung Israels für das Judentum im Laufe der Jahrhunderte wird hingegen kaum berichtet und die Karte nur lapidar mit »Palästinensische und Israelische Gebiete zwischen 1946 und 2000« unterschrieben. Eine gleiche Karte wurde kürzlich von einem amerikanischen Schulbuchverlag versehentlich abgedruckt und anschließend zurückgezogen.
  • Das Kapitel aus der Beschneidung ist kurz gehalten. Zur Bedeutung für das moderne Judentum erfährt der angehende Theologe kaum etwas. Dabei gäbe es einiges dazu zu sagen. Dafür enthält das Buch einen Verweis auf die jüngste deutsche Diskussion darüber und endet mit dem Bild eines »türkischen Jungen am Tag seiner Beschneidung« auf dem ein, etwa 12 Jahre alter Junge in einer Moschee gezeigt wird. Der Zusammenhang zur Beschneidung am achten Tag erschließt sich dem Leser hier nicht direkt. Es wird nur eine gewisse Gemeinsamkeit angedeutet – jedenfalls könnte der Leser auf die Idee kommen, auch im Judentum beschneide man derartig spät.
  • Im Kapitel über die historische Entwicklung des Judentums begegnet dem Leser eine »Karte der Diadochen« und als Quelle wird »Captain Blood, 2015« angegeben. Was möchte der Autor uns damit sagen? Wer ist Captain Blood?
    Vermutlich wollte der Autor damit eigentlich sagen, dass er eine Karte von Wikimedia Commons verwendet (diese hier). Darauf wird jedoch nirgends verwiesen. An dieser Stelle ein klarer Verstoß gegen das Urheberrecht. Die Karte wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz »Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert« veröffentlicht. Das bedeutet eben nicht, dass es ausreicht, den Urheber zu nennen, sondern man muss (deutlich) auf die Weiternutzbarkeit hinweisen. Studenten wären vermutlich dazu angehalten, hier genauere Angaben zu machen. Vom Verlag könnte man verlangen, dass er sauber angibt, woher das Bildmaterial stammt.
  • Auch die Erwähnung der modernen Orthodoxie wird auf den Namen Soloveitchik heruntergebrochen. Ansonsten kaum eine Information zum Hintergrund. Dabei könnte man annehmen, dass gerade Theologen sich vielleicht für die Positionen der einzelnen Gruppen und Strömungen interessieren.

Die Höhepunkte sprechen für sich. Nicht nur das Internet hält Informationszusammenstellungen unterschiedlichster Qualität bereit.

Basiswissen Theologie: Das Judentum
von Klaus Dorn
192 Seiten
utb, 2016
19,99 Euro

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Mehr Fakten über die Juden in Deutschland – Befragung

Online-Befragung

Kürzlich erschien in diesem Blog die allerneueste Statistik der Gemeindemitglieder. Man kann aus ihnen ersehen, wie viele Mitglieder die Gemeinden haben, wie sich die Anzahl der Mitglieder entwickelt und ob es Austritte gab oder Zugänge aus dem Ausland. Das sind natürlich reine Zahlen. Sie erzählen etwas über die Größe der Gemeinden, aber nichts über ihre Entwicklungen.
Wie sehen die Gemeinden heute aus?
Wie möglicherweise in zehn Jahren?
Wohin wird die Reise gehen?
Was denken die Mitglieder über ihre Gemeinden?
Davon haben viele Menschen die man fragt, verschiedene Meinungen. Hört man den Vorsitzenden zu, sind alle ganz glücklich und alles läuft gut. Fragt man jemanden von den Opposition, dann ist alles ganz furchtbar und alle sind unglücklich. Irgendwo dazwischen bewegen sich die Meinungen der Mitglieder. Die sind aber nur ein einziges Mal abgefragt worden. 2002 in Berlin. Die Befragung war sehr interessant und ihre Auswertung ist heute noch lesenswert.
Seitdem hat sich nichts getan. Auch nicht in anderen Gemeinden. Man kann also die Werte nicht vergleichen. Wir können keine Aussage darüber treffen, ob die Mitglieder sich wohlfühlen, ob sie auswandern wollen, ob sie bleiben wollen, ob sie in die Synagoge gehen würden wenn…

Den Versuch einer solchen Befragung gibt es nun. Online. In Zusammenarbeit mit ein paar anderen Interessierten habe ich die Fragen zusammengetragen, die uns allen vielleicht ein runderes Bild verschafft. Es ist klar, dass man mit einer solchen Onlinebefragung nur eine bestimmte Gruppe von Leuten erreicht, aber das ist vielleicht die kritische Gruppe. Diejenigen, die jüdisches Leben gestalten könnten.
Ich lade also alle ein, die Befragung zu teilen und weiter zu reichen. Nur ab einer minimalen Menge von Antworten macht es Sinn, diese zu betrachten. 110 Antworten wären für den ersten Schritt gut. Es dürften gerne mehr werden. Die Daten würden dann entsprechend aufbereitet hier erscheinen, aber die »Rohdaten« wäre dann auch für andere Interessierte zugänglich bzw. würden zum Download bereit stehen. So könnte jeder Interessierte die Daten selber aufbereiten und vielleicht neue Schlüsse ziehen und präsentieren

Die Umfrage verlangt keine Mailadresse oder Identifikation. Die IP der Teilnehmer wird nicht festgehalten. Es können also keine Rückschlüsse auf die Teilnehmer gezogen werden.
Wer die Befragung weiterreichen möchte, kann dies gerne tun, auch ohne Verweis auf diesen Blog. Die Ergebnisse und den Link zum Download der Daten wird es dann hier geben.
Die Befragung wird bis zum 19. Mai laufen und dann schauen wir, ob es ausreichend viele Teilnehmer gegeben hat.

Hier klicken um teilzunehmen.

(Bitte gerne weiterreichen)

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Altneu-Synagoge Prag

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Die Altneu-Synagoge (Schul) in Prag wurde im 13. Jahrhundert erbaut und ist bis heute in Benutzung. Nur während der deutschen Besatzung Prags wurden die Gebete ausgesetzt oder viel besser: mussten ausgesetzt werden. Das dürfte also ein jüdischer Ort in Europa mit der längsten ununterbrochenen Tradition sein. Zudem hat Franz Kafka in der Synagoge zuweilen gebetet. Ein guter Grund, dort zum Ma’ariw zu gehen.

Alt-Neushul and Jewish Town Hall Prague

Die Atmosphäre ist in dem Gebäude ist großartig – wenn die Touristen weg sind und die jüdischen Beter langsam eintreffen. Man hat einen winzigen Einblick in das jüdische Leben Prags. Nicht in das jüdische Prag für Touristen und die Gruppen die sich tagsüber durch den Stadtteil Josefov walzen.
Es riecht alt. Die Sitze an den Seiten des Gebäudes sind aus Holz. Zu jedem Sitz an der Seite gibt es ein Lesepult zum Stehen. Zur Zeit von Ma’ariw kommt entweder der Rabbiner von Prag und mit ihm ein paar Beter und diejenigen, die sich zufällig dort einfinden, oder die Synagoge wird geöffnet und die anwesenden Beter organisieren sich irgendwie selbst. Das funktioniert dementsprechend irgendwie. Die Mischung ist recht bunt. Ein paar tschechische Juden, ein paar amerikanische Expats, ein paar charejdische Touristen aus Israel und Frankreich. Die haben auch während der Gebete fotografiert. Das war ein guter »So-Deutsch-bin-ich«-Test: Mich stört so etwas.

Inside the Old New Synagogue/Altneuschul

Ohne Titel

Inside the Old New Synagogue/Altneuschul

Bemerkenswert ist die Frauenabteilung der Synagoge. Der aufmerksame Betrachter wird schon gesehen haben: Keine Empore, kein Balkon. Wer sich über eine Mechitzah beschwert, sollte mal sehen, wie man hier seit Erbauung des Gebäudes die Geschlechter voneinander trennt.

Aus der Männerperspektive sieht das so aus:
Old New Synagogue/Altneuschul - View to the women's section

Aus der Frauenperspektive so:
View from the women's section of the Altneu-Shul

Rund um den Saal mit der Bimah sind Aussparungen (ähnlich wie Schießscharten) in der Mauer durch die Frauen sehen können, was im Männerbereich vor sich geht. Vor den Aussparungen stehen ein paar Stühle. Bevor jemand fragt: Ja, das wird auch heute noch praktiziert.

Und »Nein« den Golem habe ich nicht auf dem Dachboden gefunden. Es gibt ein Restaurant »U Golema – beim Golem« ein paar Schritte weiter. Aber das ist kein Restaurant mit Bezug zum Judentum. Drinnen steht anscheinend eine Golem-Puppe.

Restauran U Golema Prague

Koschere Restaurants gibt es übrigens einige. Sogar ein koscheres Hotel mit eigener Synagoge und Mikwe.

King Salomon Restaurant Prague

Auch Chabad führt in Prag zwei Restaurants. Darunter eines in einem recht großen Zentrum. Als Besucher hat man allerdings das Gefühl, man bemühe sich dort in erster Linie um israelische Touristen und weniger um andere Besucher.
Jüdischen Reisenden sei also an dieser Stelle empfohlen, Kontakt mit der Gemeinde Prag aufzunehmen oder sich auf ihrer Website zu informieren. Dort findet man eigentlich alle Gebetszeiten für alle Synagogen der Stadt.

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Wieder fünfstellig

Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden 2015

Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden 2015

100.437 Mitglieder hatten die Jüdischen Gemeinden im Jahr 2014 – sechsstellig. Im Jahr 2015 wurde die Mitgliederzahl wieder fünfstellig mit 99.695 Mitgliedern.
2003 erreichte überschritt die Anzahl der Gemeindemitglieder die Marke 100.000 – 2007 dann der Höhepunkt mit 107.330. In nur 8 Jahren 7.635 Mitglieder weniger. Das entspricht schon einer sehr großen Gemeinde. Wir sind heute ungefähr auf dem Stand von 2002. Wie in den letzten Jahren muss man fragen, ob man nicht ernsthaft die Infrastruktur downsizen sollte. Vielleicht die Synagogen kleiner planen als heute notwendig, nämlich so, dass sie auch in 10 Jahren unterhalten werden können.

Heute sind 53% aller Gemeindemitglieder älter als 60 Jahre alt:

Altersstruktur der Mitglieder 2015

Altersstruktur der Mitglieder 2015

Schlechte Zeiten übrigens für Junge Männer und gute Zeiten für junge Damen: Bei den unter 30jährigen gibt es einen klaren Männerüberschuss. Werden diese jungen Männer ins Ausland gehen? Alle Männer über 30 müssten eigentlich auf ein Überangebot treffen.

Die wichtigsten Eckdaten seit 2013 im Vergleich:

2013 2014 2015
Geburten 250 243 277
Sterbefälle 1244 1335 1476
Übertritte 70 68 59
Austritte 418 528 422
Einwanderer 444 652 674
Auswanderer 150 169 142

Von den 422 Austritten entfallen 109 nur auf die Gemeinde Berlin.

Interessant wäre es nun, wenn man eine Übersicht über die Mitgliedszahlen der beiden Adass Jisroel Gemeinden in Berlin hätte und die Anzahl der Israelis in der Stadt irgendwo verlässlich ablesen könnte. Von ihnen dürften die wenigsten Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin sein. Dort hat man aber zumindest in zwei Synagogen Erfolge verzeichnen können. In den Synagogen Rykestraße und Fraenkelufer scheint man die jüngeren Generationen ins Boot geholt zu haben. Die Synagogen scheinen also besser besucht zu sein, wohingegen die Mitgliederzahl der Gemeinde kontinuierlich sinkt. 2014 waren es noch 10.009 Mitglieder 2015 waren es nur noch 9.865. Zugänge aus dem Ausland sind für das Jahr 2015 mit 0 beziffert.

Alle Daten kann man in der Statistik der ZWST nachlesen.

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Abschalten

Vorbereitungen für Schabbat
Immer online. Dass man sich darüber überhaupt noch Gedanken macht, ist schon vollständig altbacken.
Das muss man jetzt gar nicht bashen. Informationen und Benachrichtigungen sind jederzeit und nahezu überall verfügbar. Das, was über facebook, twitter und feedly eintropft kann nützlich sein – wenn man die Quellen vernünftig zusammengestellt hat und nicht ständig Selfies in der Timeline hat.
Derartiges kann natürlich auch eine Verweigerungshaltung auslösen. Ein »Zurück-zum-Telefon-ohne-Zusatzfunktionen«. Kann man machen, aber es hält den Fortschritt nicht auf. Eine andere Seite dieser Medaille ist die Rückkehr zur Haptik. Die Vernetzung und die schnelle Übermittlung von Informationen, die Möglichkeit schnell Gleichgesinnte finden zu können, bringt neue Offline-Medien hervor. Der Markt mit Magazinen (also gedruckten) wird vielfältiger. Immer mehr spezielle Themen werden behandelt und immer aufwändiger wird die Produktion. Hochwertiges Papier, schöner Druck. Etwas für die Hand.

Man muss dem also nicht vollständig den Rücken kehren, wenn man das Gefühl hat, man muss mal raus aus der ganzen Geschi. Jüdinnen und Juden kommt es entgegen, dass man einmal in der Woche (von Freitagabend bis Samstagabend) die Möglichkeit hat, den Fokus ein wenig zu verschieben. Jetzt könnte man ein brennendes Plädoyer für den Schabbat schreiben, der eigentlich weniger ein Tag off ist, als vielmehr eine Erinnerung daran, dass G-tt der Schöpfer der Welt ist. Ein Plädoyer soll das hier aber nicht werden. Nur ein Satz dazu – von Abraham Jehoschua Heschel: Der Blickwinkel verändert sich von der »world of creation« zur »creation of the world«. Es geht an einem Tag nicht darum, selber produktiv zu sein.
Dass man offline geht, ist ein interessanter Nebeneffekt. Natürlich bedeutet das, dass man plötzlich ablenkungsfrei ist.
Dazu gibt es nun sogar ein Hilfsmittel für das Telefon. Die Friday App sagt dir am Vorabend des Schabbat Bescheid, nicht über eine religiöse Schiene, sondern eher säkularisiert. Die App scheint auszulesen, wann in der Umgebung des Besitzers die Sonne untergeht und erzeugt entsprechend 30 Minuten vor Sonnenuntergang eine Push-Nachricht.

Friday App - Sonnenuntergang

Friday App – Sonnenuntergang

Öffnet man die App, hat man die Möglichkeit, sich mit einem Text auseinanderzusetzen:
Unplug
Ein Archiv der Texte gibt es übrigens hier.

Anschließend wird der Bildschirm schwarz und das Telefon schläft (man kann es natürlich jederzeit wecken). Rund wird die Sache aber nur, wenn man die Datenfunktion seines Telefons deaktiviert oder es gleich vollständig ausschaltet.

Ein nettes Werkzeug, wenn man sich vorgenommen hat, mal etwas kürzer zu treten, aber es dann doch nicht macht weil der Impuls fehlt. Hier also zunächst eine ausdrückliche Empfehlung. Für beides: Einmal ein paar Stunden offline zu bleiben und es sich vielleicht mit der App etwas einfacher zu machen. Erschreckend ist es dann, wenn man nach einem Tag wieder online geht und das Gefühl hat, man habe nichts verpasst. Das ordnet vielleicht viele kleine Dinge wieder etwas anders ein…

Nichtjuden könnten den Sonntag wählen – allerdings ohne smarte App…

Bild oben: Vorbereitung zum Kiddusch im Haus des Baal haBlog. Mit Rödelheim-Siddur – der heute eine besondere Nostalgie ausstrahlt, wird er heute doch kaum noch verwendet.

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Bejt Din für Nordrhein-Westfalen

Logo Bejt Din NRW

Seit Januar gibt es in (und für) Nordrhein-Westfalen ein Bejt Din (ein rabbinisches Gericht). Eine entsprechende Mitteilung wurde heute (10. April 2016) veröffentlicht. Allerdings ist dieses Bejt Din kein Bejt Din von Gemeinden oder Organisationen, sondern mit Rabbinern mit verschiedenen Hintergründen besetzt sein. Einer von ihnen ist Rabbiner Chaim Barkahn, der in Düsseldorf Chabad aufgebaut hat. Derzeit dürfte er der dienstälteste Rabbiner in Düsseldorf sein. Seine Kollegen aus der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf wechselten in den letzten Jahre einige Male. Wer die anderen Rabbiner sind, wird wohl nach Pessach offiziell bekannt gegeben.
Das Bejt Din hat angekündigt, sich mit allem zu beschäftigen, was ein Bejt Din so zur Aufgabe hat:
Scheidungen, Klärungen des jüdischen Status, Kaschrut-Aufsicht, monetäre Angelegenheiten sowie Konversion zum Judentum.
Die Neueröffnung eines neuen koscheren Restaurants in Düsseldorf in diesen Tagen (Rimon) steht schon unter der Aufsicht dieses Bejt Din.
Die 30.000 Juden des Bundeslandes könnten sich also nun an eine zentrale Anlaufstelle in Düsseldorf wenden und wären theoretisch nicht mehr darauf angewiesen, sich durch die Gemeinden und Gemeinderabbiner zu fragen – zumal nicht alle Gemeinden einen eigenen Rabbiner haben. Die Zusammensetzung soll wohl auch sicherstellen, dass kein Geschmäckle entsteht, wenn Gemeinderabbiner X sich mit seinem Gemeindemitglied Y beschäftigen soll, oder Jude X kein besonders gutes Verhältnis mit der Gemeinde hat, bei der Rabbiner Y angestellt ist. Das soll schon vorgekommen sein.

Ob die Gemeinden begeistert reagieren, wird sich zeigen. Jedenfalls müsste kein ad hoc Bejt Din mehr zusammengerufen oder organisiert werden – wenn Bedarf ist.
Gespannt darf man sein, welche Namen nach Pessach dann noch genannt werden und wie das die Entwicklung der Gemeinden insgesamt beeinflussen wird.

Praktische Information: Anfragen werden in deutscher, russischer, hebräischer, englischer und jiddischer Sprache entgegen genommen.
Zu erreichen wäre der Bet Din NRW Telefon 0211 – 514 4191, Fax 0211 – 514 4190 oder unter der Emailadresse bet.din.nrw@gmail.com

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Unverantwortlich und die Folgen

Kurze Rückblende in den November 2015: Im Zuge der Debatte um Flüchtlinge aus Syrien wird behauptet, der Zentralratsvorsitzende Dr. Josef Schuster habe sich für Obergrenzen ausgesprochen. Hat er nicht getan, aber es wurde häufig wiederholt und dies kam den Freunden einer solchen Regelung (nach dem Motto »sogar die Juden wollen das!«) entgegen. Natürlich auch denen, die Juden nicht so super finden. Inmitten der Hysterie erschien in der taz ein Artikel in dem jemand mit den Worten zitiert wurde:
»Mein Vorschlag wäre, dass sich der Zentralrat der Juden zum Zentralrat der rassistischen Juden umbenennt.« (taz-Artikel hier)
Bei facebook und twitter wurde das von Menschen geteilt die wohl ganz froh darüber waren, dass das endlich mal jemand sagt. Und es wurde von Menschen geteilt, die das nicht so gut fanden, dass da jemand mit einem schwerwiegenden Vorwurf hantiert.
Problem: Derjenige, der das Zitat in die Blöcke der taz zitiert hat, studierte am Abraham Geiger Kolleg und wollte gerne Rabbiner werden. An einem Rabbinerseminar an dem auch der Zentralrat beteiligt ist und das Rabbiner für Gemeinden ausbildet, die in Zentralratsgemeinden amtieren sollen (aber nicht ausschließlich).

Sprung in den März 2016: Mittlerweile hat es wohl eine Entschuldigung bei Dr. Josef Schuster gegeben und es wurde wohl auch festgestellt, dass der Student Vereinbarungen mit dem Abraham Geiger Kolleg nicht eingehalten hat. In der Konsequenz entschied man sich, dass der Student zwar sein Studium fortsetzen dürfe, allerdings nur mit einem akademischen Abschluss und nicht mit einer Ordination zum Rabbiner. Manchmal erweisen sich Kandidaten einfach als ungeeignet und wie es vom Abraham Geiger Kolleg heißt, machen 30% der Kandidaten den Abschluss nicht.
Damit hätte die Geschichte beendet sein können. Aber sie geht in eine weitere Runde. Die Geschichte taucht nämlich im SPIEGEL auf. Allerdings hat sich hier der Fokus der Geschichte verschoben. Nun heißt es plötzlich: Meinungsfreiheit.
Der potentielle Rabbiner habe für seine Meinung das Kolleg verlassen müssen.
Tatsächlich aber hat das Kolleg eine Vereinbarung mit seinen Studenten in der festgehalten ist, dass mediale Auftritte mit der Presseabteilung des Kollegs abzustimmen seien. Sie handeln nun nicht mehr als Privatpersonen, sondern als Repräsentanten des Judentums und des Kollegs. Laut Abraham Geiger Kolleg wurde der Student bereits im März 2015 darauf hingewiesen, dass auch er sich an diese Vereinbarung halten müsse. Pressekontakte sollten über die Presseabteilung des Kollegs erfolgen.
Und was macht ein angehender Rabbiner, der später viel Verantwortung tragen will? Er äußert sich in der taz – ohne Rücksprache mit der Presseabteilung. Eben der Text mit den Vorwürfen gegen den Vorsitzenden des Zentralrats.

Die Verantwortlichen für die Rabbinerausbildung am Abraham Geiger Kolleg, das Board of Rabbis, entscheiden darauf hin, den Studenten von dieser Ausbildung auszuschließen. Verbunden mit der Möglichkeit, sich nach 12 Monaten erneut zu bewerben.

Ein anderer Student wies darauf hin, dass die ganze Angelegenheit mit den Studenten des Kollegs in einer Fragen an den Rektor-Sitzung besprochen wurde. Die Angelegenheit wurde also wohl nicht hinter verschlossenen Türen diskutiert. In der Berichterstattung sieht es aber nun so aus und das ist ebenfalls nicht ganz unproblematisch. Man könnte auch auf den Gedanken kommen, die Institutionen wollten keinen jüdisch-muslimischen Dialog. Was nicht der Fall ist.

Aber vielleicht muss man die Dialogbereitschaft anderen absprechen, wenn man selber ähnliches im Angebot hat? Es ist vielleicht ein gutes Alleinstellungsmerkmal? Nämlich dann, wenn man sich für eine besondere Form des Dialogs einsetzt, die bis zur totalen Ausblendung existierender Probleme (Antisemitimus unter Migranten und deren Nachkommen in zweiter und dritter Generation) und einer, sagen wir mal, komplexen Haltung zum Staat Israel geht (siehe hier diese Stellungnahme der Initiative für die sich der Student einsetzt). Nun scheint gerade eine Märtyrer-Geschichte zu entstehen. Aber darum geht es nicht. Hier geht es einzig und allein darum, das Prinzip »Leben und Tod sind in der Gewalt der Zunge« (Sprüche 18,21) verstanden zu haben.

Unverantwortlich, dies auf einer großen Bühne zu präsentieren.

Blogbeitrag zum November 2015, hier.