Chajms Sicht

Eine jüdische Sicht auf die Dinge

15. Oktober 2014 – 21 Tishri 5775
von Chajm
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Folgenschwere Vertrauensbrüche

avv_heller

Im Juni schrieb ich über die möglichen Vertrauensbrüche in Frankfurt: ein Händler (Aviv) soll nicht geschächtetes Fleisch als koscheres verkauft haben. Er soll das Fleisch also geradezu gestreckt haben. Würde sich das bewahrheiten, hätten seine Kunden nichtkoscheres Fleisch verzehrt, müssten ihre Küchen neu kaschern und hätten über längere Zeit nichtkoscher gegessen. Jetzt hat der Betreiber des Geschäfts es zugegeben: Er hat Fleisch umdeklariert. Die Folgen dürften verheerend sein. Viele jüdische Einrichtungen bezogen von dort Fleisch und sind somit ab sofort nicht mehr koscher. Die Jüdische Allgemeine berichtet, die Rede sei von 40.000 Kilogramm umdeklarierten Fleisch.
Die Kosten für das neue kaschern müsste theoretisch der Verursacher tragen. Die Kreise die das zieht, dürften groß sein.

kolnid

8. Oktober 2014 – 14 Tishri 5775
von Chajm
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Das war Jom Kippur

[…]denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
Rainer Maria Rilke, Archaïscher Torso Apollos

Teschuwah also die Umkehr verlangt eine (zuweilen schmerzhafte) Konfrontation mit sich selbst. Das dürfte der schwierigste Teil sein: Gewohnheiten abzulegen und sich neue (im Idealfall bessere) Verhaltensweisen anzueignen. Es ist schwierig, sich selber kritisch zu hinterfragen. Gut beraten sind diejenigen, die Korrektive haben, also Menschen, die einem die Wahrheit sagen und es dabei nicht böse meinen.
Rabbiner Josef Soloveitchik (1903–1993) schrieb, die Teschuwa sei ein aktiver Akt der Rückkehr zu G’tt und seinen Mizwot. Der Einzelne erschafft in diesem Prozess ein vollkommen neues »Ich«. Das ist echte Arbeit und nicht nur so eine Formel, die man vor Jom Kippur bei facebook postet:
»Hallo. Falls ich jemanden verletzt haben sollte, Sorry.«
Per Mail kommt das auch nicht so gut an.
Aber es gibt auch ein großes Ärgernis. Da gibt es nämlich auch diejenigen, die sagen »ich habe alles richtig gemacht«.
Das ist kein neues Phänomen, das ist schon im Tanach beschrieben: »rein bin ich, ohne Sünde, lauter, frei von Fehl.« (Ijow 33,9) Hochmut heißt das Wort dafür, das ist ein wenig aus der Mode gekommen – das Wort, die Tatsache nicht. Wie man damit umgehen soll, habe ich noch nicht gelernt. Das ist eine der Erkenntnisse von Jom Kippur.
Eine weitere Erkenntnis ist die Neuinterpretation eines Midraschs (Ejchah Rabbah):

Schmuel ben Nachman sagt:
»Gebet ist wie eine Mikwe und Tschuwah ist wie das Meer.
So, wie die Mikwe einige Zeit geöffnet ist und einige Zeit geschlossen, ist es auch bei den Toren für die Gebete, manchmal sind sie geöffnet und manchmal geschlossen.
Auf der anderen Seite ist das Meer immer offen und so sind es auch die Tore der Teschuwah.«

Das ist natürlich (auch) metaphysisch gemeint, aber wohl auch irgendwie ganz konkret, denn so sieht es dann wohl auch in der Synagoge aus. Manchmal fällt es leicht sich zu konzentrieren und manchmal fällt es schwer, besonders wenn das Umfeld nicht sonderlich förderlich ist. Etwa, weil niemand anderes mitbetet, oder die Menschen mit anderen Dingen beschäftigt sind, oder ganz simpel nur desinteressiert.
In diesem Jahr waren die Tore in dieser Hinsicht geöffnet.
Das (oder ein) Geheimnis lag darin, dass die Beter sich verantwortlich fühlten für das, was in der Synagoge passierte. Sie waren tatsächlich aktiv und keine passiven Beobachter und deshalb vielleicht gelangweilt. Der Weg dahin begann vielleicht mit der Erkenntnis, dass man etwas unternehmen müsse. Mit kritischer Selbstbewertung… womit wir wieder am Beginn wären.

28. September 2014 – 4 Tishri 5775
von Chajm
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Schmittahjahr und dessen Umgehung

א נישט באארבעט פעלד אום סוכות שנת שמיטה תשס"ח von יעקב (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

א נישט באארבעט פעלד אום סוכות שנת שמיטה תשס”ח
von יעקב (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

Das neue jüdische Jahr 5775 ist ein Schmittah-Jahr. Die Felder müssten/müssen im Lande Israel sich selber überlassen bleiben. Wie alle sieben Jahre. Das ist eine echte Herausforderung, auch für die Gemeinden außerhalb Israels (siehe meinen kurzen Bericht hier), aber innerhalb Israels noch mehr, darüber hat sogar die FAZ berichtet (hier). Eine Einrichtung mit der Bezeichnung Heter Mechira erlaubt eine kreative Umgehung (?) dieser Regelung und erlaubt die Bebauung der Felder auch während des Brachjahres. Vor allem aber auch, dass man weiterhin Gewinn mit den Feldern macht. Einen Artikel dazu, findet man hier.

Aber bevor es vergessen wird: Allen Leserinnen und Lesern ein gutes und süßes Jahr 5775! שנה טובה ומתוקה

21. September 2014 – 26 Elul 5774
von Chajm
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jüdisch, muslimisch, intellektuell, typisch?

Dr. Hugo Hamid Marcus (Mitte) Verwendung des Bildes mit freundlicher Genehmigung des Lahore Ahmadiyya Islamic Movement  Berlin Mosque and  Mission

Dr. Hugo Hamid Marcus (Mitte)
Verwendung des Bildes mit freundlicher Genehmigung des Lahore Ahmadiyya Islamic Movement
Berlin Mosque and Mission

In seinem Buch »Children of Abraham: An Introduction to Islam for Jews« erwähnt der Autor Khalid Durán einen Berliner namens Hamid Marcus, der als Jude zum Islam konvertierte und Mitautor einer Koranübersetzung ins Deutsche war. Er schreibt dann kurz und knapp, Marcus sei im KZ ermordet worden. Dahinter steckt offensichtlich eine tragische Geschichte. Tatsächlich war die Lebensgeschichte von Dr. Hugo Hamid Marcus eine andere. Eine sehr spannende und vielleicht der Ausdruck einer Zeit im Umbruch, die durch den Nationalsozialismus ein Ende fand. Um es vorweg zu nehmen. Dr. Hugo Hamid Marcus starb 1966 in der Schweiz. Vollkommen vereinsamt.

Ein jüdischer Mann, der zum Islam konvertierte?

Zumindest war er nicht der einzige in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Nicht wenige Juden beschäftigten sich mit dem Islam sehr intensiv und dass es auch Konversionen gab, scheint demzufolge folgerichtig. Bevor wir also Dr. Marcus im Detail betrachten, hole ich etwas weiter aus. Weiterlesen →

15. September 2014 – 20 Elul 5774
von Chajm
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Endlich etwas in der Hand!

Antisemitismus ist ein schwieriges Thema. Wie oft war Schmulik fassungslos.
Aber das! Das war genau der Satz, den Schmulik brauchte.
Er hatte den Satz auf einer Kundgebung in Berlin gehört.
Er hatte den Satz extra auf den Internetseiten der Bundesregierung gesucht, dann auch gefunden, ausgedruckt, den entsprechenden Teil gelb markiert und laminiert. Mehrfach. Das Ergebnis sah aus wie eine Spielkarte und das war es irgendwie ja auch.
Schmuliks persönlicher Antisemitismus-Joker:

»Wer Menschen, die eine Kippah oder eine Kette mit einem Davidstern tragen, anpöbelt, angreift oder krankenhausreif schlägt, der schlägt und verletzt uns alle.«
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Er nahm sich fest vor, die Jokerkarte mit dem Satz jetzt stets bei sich zu tragen.
Wenn er jetzt beim nächsten Mal von einem Polizisten einen Platzverweis erhielt, weil er mit einer Kippah ein Dorn im Auge der jungen Antisemiten war (»Deeskalation!!«) und die es gar nicht mochten, wenn Juden sich in der Stadt herumtrieben, dann könnte er den Satz zücken und sagen: »Sehen Sie?! Die Bundeskanzlerin will, dass ich mit einer Kippah durch die Stadt laufen kann.«
Dann wollte Schmulik mal sehen, was der Polizist dann macht, wenn Dr. Angela Merkel persönlich hinter Schmulik steht! Das würde auch die Kids beeindrucken. Ganz sicher.

9. September 2014 – 14 Elul 5774
von Chajm
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Kurzer Einblick in eine jüdische Hochzeit

In Montreal wurde jüdisch geheiratet (ja, soll häufiger vorkommen) – Levi Chayo und Mushky Krasnianski, beide aus Chabad-Familien – und das Lokalfernsehen war dabei.

Es gibt Fotos und zwei Videos – es ist nicht sehr lang. Wer also einen Blick auf/in eine jüdische Hochzeit werfen möchte, hat hier die Gelegenheit:

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30. August 2014 – 4 Elul 5774
von Chajm
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Die Torah – eine deutsche Übersetzung

Schaut man sich in Bücherregalen um, dann entdeckt man in vielen Synagogen (und Haushalten) noch Torah-Übersetzungen von Professor Leopold Zunz. Diese stammt übrigens nicht von Professor Leopold Zunz. Rabbiner Heymann Arnheim (1796-1865) übersetzte die ersten vier Bücher des Pentateuchs und Rabbiner Dr. Michael Sachs (1808-1864) das fünfte. 1837 gab Zunz dann eine deutsche Ausgabe des gesamten Tanachs heraus.
Diese Ausgabe wird bis heute verwendet und auch nachgedruckt. Dabei ist das Deutsch dieser Ausgabe nicht das aktuellste. Der Oheim am Born ist heute keine Formulierung, die man überall hört.
Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Interessenten, die immer wieder nach einer »jüdischen« Ausgabe der Torah fragen. Ein paar deutschsprachige gibt es natürlich:
Es gibt (wieder) eine vollständige Ausgabe des Kommentars von Samson Raphael Hirsch – mehrbändig (und großartig) und auch eine Torahausgabe von Rabbiner Gunther Plaut (ebenfalls mehrbändig) für den liberalen Markt.
Als Komplettband gibt es den Pentateuch von Rabbiner Joseph Wohlgemuth und Rabbiner Selig Bamberger. Hebräisch-Deutsch, dafür fehlt ein Kommentar und der Text wird als großer Block dargestellt. Ein Angebot für beides gibt es bisher nicht. Also ein wenig Kommentar und ein übersetzter Text. Bis jetzt natürlich nur. Denn ab jetzt gibt eine Art Synthese. Eine deutschsprachige Torah mit einem kleinen Kommentar und einer modernen Aufmachung.

Blick ins Buch Schemot

Für diese Ausgabe der Torah, wurde der Text von Zunz, Arnheim und Sachs aktualisiert. Die Satzstellung wurde in vielen Fällen beibehalten, besonders, um die Verbindung zum hebräischen Original aufrecht zu erhalten (Verb zu Beginn des Satzes, oft einem »und« folgend). Abgeglichen wurde der Text dann mit der Übersetzung von Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808-1888). Ziel war es, einen Eindruck vom jüdischen Verständnis der Torah zu schaffen.
Dies bedeutet, dass auch einige Begriffe nicht interpretierend übersetzt werden, sondern im hebräischen Original stehen bleiben und kommentiert werden. Tza’arat wäre ein solches Wort.
Tzaarat Torah

So wird etwa das »Auge für Auge«-Prinzip erklärt oder was das besondere am Turmbau zu Babel ist, oder es wird mal ein Blick in den Torahkommentar von Raschi gewagt.

Am Ende des Buches findet der Leser eine Übersicht über »alle« Haftarot nach aschkenasischem, sefardischen, jemenitischen oder italienischem Brauch.

Einen Wochenabschnitt kann man hier zur Ansicht herunterladen. Google Books bietet eine umfassende Voransicht.

Der Preis lieht bei 26 Euro und das Buch hat einem Umfang von 460 Seiten. Bei einer winzigen Auflage ist leider kein besserer Preis zu erreichen und es flossen natürlich keinerlei externe Zuwendungen für die Realisierung dieses Projekts. Wenn ein gewisses Grundinteresse vorhanden ist, wird Buch mit allen Haftarot folgen.

Das Buch ist über den Buchhandel erhältlich (zu bestellen) oder auch über amazon.de.

29. August 2014 – 3 Elul 5774
von Chajm
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InDesign: Schriften verwenden ohne Installation

Unter culmus.sourceforge.net gibt es eine Reihe von frei verwendbaren hebräischen Schriften.
Das ist sicher auch für alle interessant, die InDesign nicht verwenden und mit Word oder anderen Programmen unterwegs sind.

Culmus Fonts

Für InDesign gilt aber: Es ist nicht unbedingt notwendig, diese alle zu installieren, wenn man sie für ein spezielles Dokument ausprobieren möchte. Es ist möglich, nur in einem Dokument mit einer Schrift zu arbeiten (oder mehreren Schriften).
Man muss dazu nichts konfigurieren, sondern legt einfach einen Ordner namens »Document fonts« in dem Verzeichnis an, in dem die InDesign Datei liegt (Mac und Windows):

indd Datei mit Ordner »Document fonts«

indd Datei mit Ordner »Document fonts«

Öffnet man nun die Datei, dann steht im Menü SchriftSchriftart ein zusätzlicher Unterordner zur Verfügung »Nur Dokument«:

Ordner »Nur Dokument«

Ordner »Nur Dokument«

Hier mit der Schrift Hillel CLM. Diese liegt im Ordner »Document fonts«. Es können auch weitere Schriften dort abgelegt werden.

Und die Schrift kann dann tatsächlich auch verwendet werden:
Schriftauswahl

Wie man hebräischen Text in InDesign verwenden kann, auch ohne ME Version, erfährt man hier.